Geschichte und Kultur

„Achtes Weltwunder“ könnte unter dem Ufer eines Vulkansees liegen

Mit Hilfe des Feldtagebuchs eines Kartografen aus dem 19. Jahrhundert glauben Forscher, den Standort eines alten Wahrzeichens gefunden zu haben, das als zerstört galt. Donnerstag, 2 November

Von Sarah Gibbens

Kann ein handgeschriebenes Tagebuch von einem Forscher aus der Mitte des 19. Jahrhunderts den Standort eines verlorenen Weltwunders offenbaren? Wissenschaftler in Neuseeland glauben das zumindest.

In einer Studie, die kürzlich im „Journal of the Royal Society of New Zealand“ veröffentlicht wurde, stellen die Forscher Rex Bunn und Sascha Nolden eine spannende Behauptung auf: Sie glauben, dass sie den Standort der Pink and White Terraces gefunden haben. Diese Sinterterrassen wurden von einigen Menschen einst als das „Achte Weltwunder“ angesehen.

Die Terrassen, bei denen es sich um stufenförmig abfallende Steinformationen in strahlendem Weiß und Rosa handelte, galten einst als weltweit größte Ablagerung von Kieselsinter, einem Quarz.

Als am 10. Juni 1886 der Tarawera ausbrach, spie er vulkanische Asche in den Lake Rotomahana und begrub auch die Terrassen unter einer Schicht aus Schlamm und Gestein.

Durch den Ausbruch kamen 120 Menschen ums Leben, hauptsächlich Ureinwohner. Er beraubte die Region jedoch auch ihres ikonischsten Landschaftsmerkmals.

Letztes Jahr kam eine fünfjährige Studie zu dem „unumgänglichen Schluss“, dass die Terrassen durch das Erdbeben zerstört worden waren. Ein Team aus amerikanischen und neuseeländischen Forschern nutzte eine Reihe von Forschungsmethoden – von Unterwassersonar über Vermessungen bis zu Fotografien – um zwei Dinge herauszufinden: Was geschah am Tag des Ausbruchs und wie beeinflusste dieser die Region auf geologischer Ebene in den darauffolgenden Tagen?

In einem BBC-Interview über die Schlussfolgerung des Forschungsteams äußerte sich Cornel de Ronde, der leitende Wissenschaftler. Er betonte die kulturelle Bedeutung, die die Terrassen für Neuseeländer haben. Die Hoffnungen, sie vielleicht wiederzufinden, sagte er, es sei „ein bisschen so, als würden Amerikaner Beweise für einen verschollenen Grand Canyon entdecken.“

Aber Bunn und Nolden, die bis zum Redaktionsschluss leider nicht für einen Kommentar erreicht werden konnten, haben ihre eigene Theorie zu der Schlussfolgerung des letzten Jahres. Sie vermuten, dass das Ergebnis auf kartografischen Informationen beruhen könnte, die nicht korrekt sind. In einem Interview mit dem Guardian sagten sie, dass sie glauben, die Terrassen seien nicht auf den Grund des Sees gedrückt oder zerstört worden.

Mit dem Feldtagebuch von Ferdinand von Hochstetter aus dem Jahr 1859 haben sie, so glauben sie, den Standort der Terrassen gefunden – etwa neun bis 15 Meter unter dem Seeufer. Die Forscher haben von Hochstetters Arbeit genutzt, um die geografischen Eigenheiten von 1859 zu rekonstruieren. Dann glichen sie das Ergebnis mit dem heutigen Zustand der Gegend ab.

In Hochstetters Tagebuch findet sich die einzige umfassende kartografische Vermessung der Region vor dem Vulkanausbruch.

„Unsere Forschung stützt sich auf die einzige Vermessung, die je von diesem Teil Neuseelands gemacht wurde. Daher sind wir überzeugt davon, dass die Kartografie aussagekräftig ist“, erzählte Bunn dem Guardian. „Hochstetter war ein sehr kompetenter Kartograf.“

Hochstetter gilt weithin als „Vater der neuseeländischen Kartografie“ und wurde zu jener Zeit von der regionalen Regierung angeheuert, um die Inseln zu vermessen.

In einem Interview mit der Sunday Star Times erklärte Nolden, dass er Hochstetters Feldarbeit entdeckt hatte, als er 2010 eine Ausstellung über die Arbeit des Kartografen kuratierte.

Nolden und Bunn verweisen darauf, dass frühere Forschungsergebnisse die Behauptung aufgestellt hätten, die Terrassen seien zerstört worden: „Es ist ironisch, dass GNS Science zum Schluss kam, die Terrassen seien größtenteils zerstört worden, gerade als wir die ersten Beweise dafür entdeckten, dass die Pink and White Terraces überlebt haben.“

Zukünftige Ausgrabung der Stätte obliegen nun der Verantwortung der lokalen Stammesautoritäten.

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