Geschichte und Kultur

Auf „Burkini Island“ können die Frauen und Mädchen Sansibars endlich Schwimmen lernen

Dank langer Badeanzüge und Schwimmunterricht können Schulkinder auf Unguja sicheren Umgang mit Wasser erlernen und das Meer angstfrei erleben.Donnerstag, 9. November 2017

Von Sarah Stacke
Eine Frau lernt im Indischen Ozean vor Nungwi auf Unguja, wie man sich treiben lässt.

Auf Unguja – der Hauptinsel des Sansibar-Archipels, die früher selbst als Sansibar bezeichnet wurde – vor der Küste Tansanias dreht sich das tägliche Leben ums Meer. Trotzdem lernt die Mehrheit der Mädchen auf der Insel nie, wie man schwimmt. Geschätzte 98 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. Die konservative islamische Kultur und der Mangel an langer Badekleidung haben Mädchen lange Zeit davon abgebracht, schwimmen zu lernen. Und dann kam das Projekt Panje.

„Panje“ ist Swahili und lässt sich grob als „großer Fisch“ übersetzen. In den letzten Jahren hat das Projekt Panje es lokalen Mädchen und Frauen ermöglicht, ins Wasser einzutauchen. Sie lernten nicht nur zu schwimmen, sondern wurden auch in Wassersicherheit und Techniken geschult, die dem Ertrinken vorbeugen. Die Gruppe hat ihre Schülerinnen darin bestärkt, auch andere zu unterrichten, und so einen nachhaltigen Kreislauf erzeugt. Den Mädchen und Frauen wurden außerdem Burkinis – lange Badeanzüge – gegeben, damit sie ins Wasser gehen können, ohne ihre kulturellen und religiösen Überzeugungen zu kompromittieren.

Die Fotografin Anna Boyiazis war aus diversen Gründen von dieser Initiative gefesselt. Als Kind und Jugendliche brachte ihre Liebe zum Wasser ihr den Spitznamen „Psaroukla“ ein – ein griechisches Wort, das ebenfalls „großer Fisch“ bedeutet.

Es war aber nicht nur dieser Zufall, der diese Story für Boyiazis so anziehend machte. Die Mission des Projekts Panje überschnitt sich mit ihren Interessen im Bereich der Menschenrechte, der öffentlichen Gesundheit und Thematiken zu Frauen und Mädchen.

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In Afrika ertrinken so viele Menschen wie sonst nirgends auf der Welt. Trotzdem müssen sich auf Unguja viele Menschen erst noch mit dem Gedanken anfreunden, dass Frauen schwimmen lernen, erzählt Boyiazis. Die Einführung des Burkinis ermöglicht es Frauen nun endlich, auch ins Wasser zu gehen. „Auf Sansibar rettet der Burkini Leben“, sagt sie.

Der Schwimmunterricht stellt außerdem das patriarchalische System infrage, welches zu verhindern versucht, dass Frauen anderen Tätigkeiten als den Haushaltsaufgaben nachgehen. Es ist eben diese Spannung zwischen der Freiheit, die man im Wasser fühlt, und den Einschränkungen, die den Frauen auf Unguja auferlegt sind, die im Mittelpunkt von Boyiazis‘ Reihe „Burkini Island“ steht.

Allerdings war es nicht einfach, Zugang zu dieser Story zu erhalten. Von Weitem eine E-Mail an das Projekt Panje zu schreiben, in der sie ihre fotografischen Absichten erklärte, brachte nichts. Auf einem jährlichen Fotografie-Festival im französischen Perpignan hörte sie dann den Fotografen Brent Stirton sagen: „21 Tage lang gefangen ... lass dir die Wartezeit nicht zu Kopf steigen.“ Das bedeutet in etwa, dass man ruhig, fokussiert und beharrlich bleiben soll, wenn man sehr lange Zeit auf Zugang wartet. Davon ermutigt kaufte Boyiazis ein Ticket von Perpignan nach Unguja und tat dann genau das – sie blieb ruhig, fokussiert und beharrlich.

Nachdem sie sich persönlich vorgestellt hatte, startete die NGO einen Prozess (der einen Monat in Anspruch nahm), bei dem Rücksprache mit der Gemeinde gehalten wurde – die Ältesten, Eltern, Führungspersönlichkeiten. Es sollte sichergestellt werden, dass sich niemand damit unwohl fühlte, dass die Mädchen fotografiert wurden.

Als ihr die Erlaubnis schließlich erteilt wurde, verbrachte Boyiazis eine Woche lang ohne Kamera mit den Frauen im Wasser. Im Anschluss fotografierte sie sie zwei Wochen lang und verbrachte dann noch zwei Wochen damit, den Schwimmlehrern zwischen den Unterrichtsstunden Englisch beizubringen. Trotz ihrer Versuche fand sie niemanden, der von Englisch in die Landessprache Swahili übersetzen konnte. Boyiazis hatte aber den Eindruck, dass die Frauen es wirklich genossen, im Wasser zu sein. Sie beobachtete, dass die Lehrerinnen ihre Nachmittage im Wasser verbrachten, wenn sie gerade keinen Schwimmunterricht gaben.

Ein Bild, das zu Boyiazis‘ Favoriten gehört, zeigt vier Mädchen, die auf ihrem Rücken im türkisblauen Meer treiben. Sie halten für zusätzlichen Auftrieb Kunststoffbehälter mit roten Verschlüssen an ihre Brust, und ihre gelben Burkinis breiten sich neben ihren Körpern leicht im Wasser aus. Mit ihren entspannten Gesichtern und geschlossenen Augen scheinen die jungen Frauen wie die Verkörperung der Freiheit, während das stille Wasser sie sanft und einträchtig wiegt.

„Für mich wäre es eine Qual gewesen, als Frau in Sansibar aufzuwachsen und nicht schwimmen zu dürfen“, sagt sie. „Dieses Projekt verband für mich ganz klar zwei meiner Lieblingswelten – die des Wassers und die der Fotografie.“

Schülerinnen bilden am Strand von Mnyuni auf Unguja eine Reihe, nachdem sie gelernt haben, wie man schwimmt und Rettungsmanöver durchführt.

Mehr von Anna Boyiazis‘ Arbeiten kann man auf ihrer Webseite ansehen.

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