Geschichte und Kultur

Für die Wissenschaft! Surreale Fälle von Exhumierungen

Von Präsidenten bis zu Gesetzlosen wurden viele Personen (und Tiere) nach ihrem Tod wieder ausgegraben, um Fragen darüber zu klären, wie sie lebten und starben.Thursday, November 9, 2017

Von Erika Engelhaupt
Galerie ansehen

Die letzte Ruhestätte des surrealistischen Malers Salvador Dalí war nicht so endgültig wie gedacht. Sein Leichnam wurde 2017 für einen Vaterschaftstest exhumiert. Damit ist er ein weiterer berühmter Eintrag auf einer langen Liste von Menschen, die im Namen der Wissenschaft nach dem Tod wieder ausgegraben wurden.

Bei manchen hatte man den Verdacht, dass sie ermordet wurden – oder selbst Mörder waren. Andere hinterließen unbestätigte Erben. Und manchmal wollte man auch nur sichergehen, dass sie wirklich tot sind.

Heutzutage ist es möglich, viele dieser Fragen und Unklarheiten dank neuer Fortschritte bei der DNA-Analyse Jahre oder gar Jahrhunderte nach dem Tod zu klären.

Im Fall von Dalí behauptet eine Spanierin, seine Tochter zu sein. Ende Juni ordnete ein Richter die Exhumierung des Leichnams für einen DNA-Vergleich an. Am 20. Juli 2017 wurde der berühmte Maler wieder ausgegraben – sein ikonischer Schnurrbart war noch deutlich zu erkennen. Experten gingen davon aus, dass genug DNA übrig sei, um den Fall zu klären, sofern man sie an den richtigen Stellen sammelt. Das Ergebnis: negativ. Dalí bleibt also kinderlos.

Direkt nach dem Tod beginnt der Zerfallsprozess der DNA. Die Wissenschaftler suchen deshalb nach kleinen Reservoirs noch intakter DNA in Haaren, Molaren und dem Felsenbein – dem härtesten Knochen des Menschenschädels, der das Innenohr umgibt. Es ist wahrscheinlich, dass Gerichtsmediziner dort nach Spuren suchen werden, um die Behauptung der selbsternannten Dalí-Nachfahrin entweder zu bestätigen oder zu widerlegen.

Es gibt aber noch weitere faszinierende Fälle berühmter Exhumierungen und unerwarteter Enthüllungen, die wissenschaftliche Untersuchungen an den Leichnamen zu Tage förderten.

GRABSUCHE

Sogar die Leichname berühmter Persönlichkeiten wurden manchmal schon verlegt.

Der Astronom Nikolaus Kopernikus starb 1542 kurz nach der Vollendung seines bekannten Buches, in welchem er die Sonne im Zentrum des Universums platzierte. Er wurde in Polen im Frauenburger Dom beigesetzt. Trotz seiner Berühmtheit wurde sein Grab allerdings nicht deutlich gekennzeichnet.

Zwei Jahrhunderte lang suchten Archäologen erfolglos nach Kopernikus. Schließlich entdeckten Scans unter dem Dom im Jahr 2005 menschliche Überreste, die wortwörtlich nach Kopernikus aussahen. Das forensische Labor der polnischen Polizei rekonstruierte anhand des Schädels ein Gesicht, das eine auffallende Ähnlichkeit zum Selbstporträt des Astronomen aufweist.

Wissenschaftler nahmen außerdem DNA-Proben, aber hatten keine Vergleichsdaten, um die Identität zu bestätigen. Sie konnten keine direkten Nachfahren von Kopernikus finden.

Aber das Team gab nicht auf. Schließlich fand ein Bibliothekar mehrere Haare in einem Kalenderbuch, das dem Astronomen gehört hatte. Gentests bestätigten, dass die darin gefundene DNA mit der von den Überresten aus dem Grab übereinstimmte. Kopernikus wurde erneut begraben, diesmal mit einem neuen, deutlich gekennzeichneten Grabstein.

TOT ODER LEBENDIG

Manche Behörden haben einige der berüchtigtsten Persönlichkeiten der Geschichte ausgraben lassen, um sicherzugehen, dass sie sich dem Gesetz nicht entzogen, indem sie ihren eigenen Tod vorgetäuscht hatten.

Laut historischer Berichte wurde der Mörder von Präsident Lincoln, John Wilkes Booth, 1865 in einer Scheune umstellt und erschossen. Über die nächsten vier Jahre wurde er zweimal exhumiert und untersucht. Beide Male wurde seine Identität bestätigt.

Trotzdem behauptete 1907 ein Anwalt namens Finis Bates, dass man den falschen Mann erschossen hatte. Der echte Booth, so sagte er, hatte unter dem Namen John St. Helens weitergelebt und Bates 1903 seine wahre Identität mitgeteilt, bevor er Selbstmord beging. St. Helens‘ mumifizierter Leichnam wurde als „der Mann, der Lincoln erschossen hat“ sogar auf einer Tour durch das Land gefahren. Geschichtswissenschaftler hatten dafür nur Spott übrig.

Um den Fall zu klären, holten sich Verwandte schließlich die Erlaubnis ein, Booths Bruder Edwin zu exhumieren. Sie hofften, dass man seine DNA mit der in Booths Wirbeln vergleichen könnte, die 1865 während der Autopsie entnommen und im National Museum of Health and Medicine in Maryland aufbewahrt wurden.

Bisher hat sich das Museum geweigert, die Knochen zur Verfügung zu stellen, die durch Tests beschädigt werden würden. Auch die Gerichte haben jegliche Anfragen abgelehnt, die Exhumierung von Booth ein weiteres Mal zu erlauben.

VERGIFTETER PRÄSIDENT

Eine Daguerreotypie von Zachary Taylor, der in seinem Amt als Präsident der USA im Juli 1850 verstarb.

Nachdem der 12. Präsident der USA plötzlich verstorben war, glaubten manche Ärzte, dass er der Cholera erlegen war. Andere hatten einen Hitzeschlag im Verdacht. Aber die Historikerin Clara Rising glaubte, dass Zachary Taylor der erste Präsident war, der ermordet wurde, vermutlich mit Arsen. Als Motiv nannte sie seinen Widerspruch zu dem Plan, mit der Sklaverei nach Westen hin zu expandieren.

Rising erhielt 1991 eine Ausgrabungsgenehmigung. Im Anschluss führte das Oak Ridge National Laboratory eine Neutronenaktivierungsanalyse durch, um nach Arsen zu suchen. Obwohl sich Spuren des Elements fanden, war die Menge laut dem Bericht der Wissenschaftler bei Weitem nicht tödlich.

Ein Gerichtsmediziner aus Kentucky analysierte die Überreste ebenfalls und stellte fest, dass Taylor wahrscheinlich an einer Magen-Darm-Entzündung gestorben war. Die Infektion wird oft von Bakterien oder Viren in verdorbener Nahrung oder Getränken verursacht. Historische Berichten deuten an, dass der Präsident kurz vor seinem Tod frische Kirschen und kalte Milch zu sich genommen hat – eventuell wurde ihm das zum Verhängnis.

DIE SCHULDFRAGE

In den 1950ern fesselte kein Mordfall die Öffentlichkeit so sehr wie der von Sam Sheppard, einem angesehenen Arzt, der zum Mord an seiner Frau verurteilt wurde.

Sheppard verbrachte zehn Jahre im Gefängnis und behauptete die ganze Zeit, in der Mordnacht einen „Einbrecher mit buschigen Haaren“ abgewehrt zu haben. Der berühmte Fall diente als Vorlage für den Film „Auf der Flucht“ und eine gleichnamige TV-Serie.

Der Prozess artete zu einem solchen Medienrummel aus, dass der Oberste Gerichtshof der USA schließlich ein Wiederaufnahmeverfahren anordnete, in dem Sheppard dann freigelassen wurde. Zu jener Zeit waren aber keine DNA-Tests verfügbar, mit denen man anhand von Blutproben vom Tatort einen Verdächtigen identifizieren konnte.

Sheppard starb 1970. Sein Sohn beantragte 1997 die Exhumierung, um den Fall abschließend zu klären. Es stellte sich heraus, dass Sheppards DNA nicht zu der des Blutes vom Tatort passte. Stattdessen deuteten die Beweise in Richtung Richard Eberling, ein ehemaliger Fensterputzer, der später wegen des Mordes an einer anderen Frau verurteilt wurde. Eberling hatte kein buschiges Haar, aber trug des Öfteren Toupets.

Der Fall war ein wichtiger Meilenstein für den aufkommenden Trend, alte Mordfälle mit Hilfe aufbewahrter DNA-Proben aufzuklären.

GEHEIMNISVOLLE EVITA

Manche berühmten Menschen werden nach ihrem Tod sogar noch berühmter. So zum Beispiel Eva Perón, die symbolträchtige First Lady von Argentinien, die 1952 im Alter von nur 33 Jahren an Krebs starb.

Peróns makellos einbalsamierter Körper wurde geröntgt, dann versteckt und in den nächsten zwanzig Jahren im Zuge eines politischen Machtkampfs immer wieder bewegt. Nach Jahren in Italien wurde der Leichnam schließlich wieder exhumiert, nach Argentinien zurückgebracht und schließlich unter drei Stahlplatten in Buenos Aires zur Ruhe gebettet.

Blumen schmücken das Grab von Eva Perón auf dem Friedhof Recoleta in Buenos Aires, Argentinien.

Diese Beisetzung machte aber den Fragen um die geliebte Evita kein Ende. 2010 veröffentlichten ein Neurochirurg und andere Experten einen Bericht, der auf den alten Röntgenaufnahmen basierte. Demzufolge ist es möglich, dass Perón kurz vor ihrem Tod lobotomiert wurde.

Lobotomien, bei denen die Verbindung zwischen dem Zwischenhirn und den Frontallappen durchtrennt wird, wurden früher oft als Behandlung bei Geisteskrankheiten eingesetzt oder um extremes Leiden bei Sterbenden zu lindern. Die einzige Möglichkeit, um wirklich festzustellen, ob eine Lobotomie durchgeführt wurde, ist eine Exhumierung. Nach solch einer langen Reise zu ihrer letzten Ruhestätte ist es aber unwahrscheinlich, dass das je wieder passieren wird.

GORILLAS IM NEBEL

Forensische Tests sind für mehr als nur die Lösung von Kriminalfällen nützlich. Diese Werkzeuge der Wissenschaft können auch genutzt werden, um mehr über die Natur zu erfahren.

Einige der berühmtesten Tiere, die zu diesem Zweck exhumiert wurden, sind die Gorillas, die in den 70ern von National Geographic Explorer Diane Fossey studiert wurden. Fossey erforschte die Primaten in Ruanda 18 Jahre lang und wurde dort 1985 ermordet, nachdem sie die Region aktiv gegen Wilderer verteidigt hatte.

Einige der Gorillas, die sie untersucht hatte, wurden nun zu weiteren Studienzwecken wieder ausgegraben. Zusammen mit den Daten von Fossey und den detaillierten Aufzeichnungen anderer Wissenschaftler geben die Skelette einen einmaligen Einblick davon, wie Veränderungen der Umwelt oder sozialer Gruppen die Gesundheit und Entwicklung von Gorillas beeinflussen.

Dieser Artikel wurde im Juli 2017 erstmals auf englischer Sprache veröffentlicht und im März 2018 von der deutschen Redaktion aktualisiert.

Wei­ter­le­sen