Geschichte und Kultur

Die Kunst, Dinosaurier zum Leben zu erwecken

Eine Reise in die Geschichte der DinosaurierkunstDonnerstag, 9. November 2017

Von Simon Worrall
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Seit die ersten Dinosaurierfossilien entdeckt wurden, waren es Künstler, die der breiten Öffentlichkeit ein Bild davon vermittelten, wie die prähistorische Welt wohl ausgesehen hat. Heute verstauben viele der ersten Meisterwerke der „Paläokunst“ in Lagerräumen von Museen, ihre Schöpfer sind vergessen. Doch diese Bilder zogen einst große Menschenmassen an, sorgten für Kontroversen und hatten einen tiefgreifenden Einfluss auf spätere mediale Bilder der Vorzeit, von „King Kong und die weiße Frau“ bis zu „Fantasia“. Die Geschichte dieser Werke erklärt Zoë Lescaze in ihrem Buch „Paleoart: Visions of the Prehistoric Past“ (dt. Paläokunst: Visionen der prähistorischen Vergangenheit).

In ihrem Sommerurlaub auf einer griechischen Insel erklärte Lescaze uns, wie diese Künstler wissenschaftliche Fakten und Fantasie vermischt haben, warum die Sowjetunion so ein großer Förderer der Paläokunst war und warum diese Bilder der fernen Vergangenheit letzten Endes etwas über uns und unsere Zukunft auf dem Planeten aussagen.

Paleoart: Visions of the Prehistoric Past

Paläokunst ist für mich ein neuer Begriff. Was ist das? Sind das Höhlenmalereien wie in der Höhle von Lascaux?

Nein, das löst bei dem Begriff „Paläokunst“ immer die meiste Verwirrung aus. Paläokunst wird von modernen Menschen geschaffen und zeigt die Vorgeschichte, während Höhlenmalereien oder paläolithische Kunst aus prähistorischer Zeit und von prähistorischen Menschen stammen.

Paläokunst begann im frühen 19. Jahrhundert und hat sich seither als Genre gehalten, ist also recht jung. Mitunter finde ich daran so faszinierend, dass ich, wie fast jeder Mensch heutzutage, mit den Bildern davon aufgewachsen bin, wie die prähistorische Welt ausgesehen hat: Riesige, blutrünstige Reptilien treffen im Kampf aufeinander, während im Hintergrund Vulkane ausbrechen. Diese ikonischen Konfrontationen und der generelle Ton unseres Verständnisses für die prähistorische Welt sind Erfindungen, die auf die 1830er zurückgehen. Damals begannen Künstler, sich vorzustellen, wie die prähistorische Welt wohl ausgesehen haben mag.

Eines der ersten Bilder – und das bekannteste – war „Duria Antiquior“ von Henry Thomas De la Beche. Das Bemerkenswerte daran ist, dass es ein eher unaufdringliches Aquarellbild ist, obwohl es das Gründungsbild eines ganzen Genres ist. Heute wird es im National Museum in Cardiff in Wales gelagert. Es ist nicht viel größer als ein A4-Blatt. Später gaben Naturkundemuseen und andere Institutionen große Wandmalereien und Ölgemälde in Auftrag.

Sie schreiben: „Dieses Buch dreht sich um die Punkte, an denen sich Kunst und Wissenschaft, kulturelle Mythen und kollektive Fantasie kreuzen.“ Können Sie diese Aspekte für uns aufschlüsseln?

Paläokunst ist interessant, weil sich darin Kunst und Wissenschaft kreuzen. Die Künstler dieses Genres sahen sich die Fossilbeweise an und rekonstruierten die prähistorische Welt basierend auf diesen wissenschaftlichen Beweisen. Oft gab es aber nur wenige fossile Beweise, daher gab es viel Spielraum für die künstlerische Freiheit, um die Lücken mit Fantasie, Mythen und den eigenen Ängsten zu füllen. Das allererste Bild prähistorischer Reptilien ist eine chaotische Kampfszene voller Karnivoren, in der praktisch jedes Tier gerade ein andres jagt oder selbst gefressen wird. Das hat sich auch auf unser zeitgenössisches Verständnis davon übertragen, wie prähistorische Tiere aussahen und sich verhielten.

In den frühen Tagen der Paläontologie brachten die Künstler nicht nur ihre eigenen Vorlieben und ästhetischen Präferenzen in das Genre ein, sondern auch umfassendere kulturelle Sehnsüchte und Ängste. Ein Dinosaurier, der in Sowjetrussland gemalt wurde, unterscheidet sich deutlich von einem, der während Amerikas Gilded Age oder im besetzten Frankreich gemalt wurde. Auf vielerlei Arten dienten die Fossilien als Tabula rasa, auf die Künstler viele andere Narrative projizieren konnten.

Wie reagierte die Öffentlichkeit auf diese ersten Bilder? Ich denke da an die Ausstellung von Benjamin Waterhouse Hawkins im Crystal Palace in England.

Vor der Arbeit von Benjamin Waterhouse Hawkins erschienen die meisten Bilder von Dinosauriern und der prähistorischen Vergangenheit in teuren wissenschaftlichen Publikationen oder in Büchern, die sich die meisten Leute nicht leisten konnten oder generell nicht lesen wollten.

Als 1854 der Crystal Palace ausgebaut wurde, bat man Hawkins – einen naturkundlichen Zeichner –, lebensgroße Modelle prähistorischer Reptilien herzustellen. Das waren nicht nur die ersten dreidimensionalen Rekonstruktionen prähistorischer Tiere, sie waren auch noch in Originalgröße. Das hatte einen gewaltigen Effekt auf die Fantasie der Öffentlichkeit.

Diese Skulpturen, die man heute noch bestaunen kann, eröffneten großen Zuschauermassen das damals sehr bedrohliche Konzept des Aussterbens. Heute sind wir so an die Konzepte des

Aussterbens und des Klimawandels gewohnt, dass es schwer ist, sich in jemanden hineinzuversetzen, der davon ausgeht, dass alle Tiere am selben Tag von Gott geschaffen wurden. Die Menschen glaubten, dass es alle so erschaffenen Tiere noch immer gab und dass es sie ewig geben würde.

Wenn sich die Leute diese Skulpturen heute ansehen, kommentieren sie oft ihr merkwürdiges Erscheinungsbild. Sie sehen überhaupt nicht wie die Dinosaurier aus, die wir heute kennen und lieben. Sie wirken seltsam säugetierähnlich. Der Grund dafür ist, dass sie Waffen in einem ideologischen Kreuzzug gegen die Evolution waren. Der wissenschaftliche Berater des Künstlers war Richard Owen, ein brillanter Anatom, der heutzutage leider am bekanntesten dafür ist, die Evolutionstheorie abgelehnt zu haben. Für ihn wurden die Darstellungen zu einem Massenspektakel, durch das er der Öffentlichkeit seine Ansichten zur Evolution aufzwingen konnte. Um der Theorie etwas entgegenzusetzen, dass die Tiere sich mit der Zeit weiterentwickelten, mussten die Dinosaurier höher entwickelt als heutige Reptilien aussehen. Also drängte er Hawkins, diese großen, schuppigen Nashörner zu entwerfen.

Auf der anderen Seite des Atlantiks war die Paläokunst Gegenstand eines Phänomens namens „Bone Wars“ (dt. Knochenkriege). Erzählen Sie uns, was da passiert ist und wie sich die amerikanische Vorstellung der Vorgeschichte von der europäischen unterschied.

Die Bone Wars waren diese faszinierende Periode im 19. Jahrhundert, als amerikanische Paläontologen gen Westen preschten, um neue Arten zu entdecken. Das Feld wurde von zwei Wissenschaftlern dominiert – Othniel Charles Marsh und Edward Drinker Cope –, für die die Wissenschaft fast schon zu einer Fußnote in ihrem Wettstreit verkam. Sie sprengten mitunter große Fossilstücke auseinander, die sie sonst nicht von der Grabungsstätte hätten wegtransportieren können – nur, damit sie nicht in die Hände eines Konkurrenten fielen.

Die US-Paläontologie des 19. Jahrhunderts zeichnete sich durch einen rücksichtslosen, unstillbaren Hunger aus. Während dieser Zeit entdeckte man viele der Arten, die heute am bekanntesten sind, darunter der T. rex und Brontosaurier. Es war diese Atmosphäre des Wettstreits und der übergroßen Egos, die sich da im großen Stil abspielte, die die frühen Werke der amerikanischen Paläokunst beeinflusste.

Für viele Amerikaner waren die Dinosaurier auch auf seltsame Weise mit dem Schmerz über das Verschwinden des Wilden Westens verknüpft. Ein Historiker argumentierte, dass Dinosaurier – ebenso wie Cowboys – groß, stark und beeindruckend waren. Aber sie waren auch ausgestorben und deshalb machtlos. Diese Kombination aus Stärke und Obsoleszenz machte sie so attraktiv.

Das Gemälde „Hornes and Carnivorous Dinosaurs“ (dt. Gehörnte und fleischfressende Dinosaurier) des Amerikaners Charles R. Knight bezeichnen Sie als „das einflussreichste Werk der Paläokunst überhaupt, dessen Echo noch immer in Gemälden, Animationen und Filmen nachhallt“. Erzählen Sie uns von dem Gemälde und seinem Erbe.

Ich ermuntere jeden, das Field Museum of Natural History in Chicago zu besuchen und es sich selbst anzusehen. Es ist ein riesiges, etwa 7,5 Meter breites Ölgemälde auf Leinwand, welches das Blickfeld komplett ausfüllt. Darin greift ein T. rex einen Triceratops an. Die beiden begegnen sich auf dem Schlachtfeld der Kreidezeit, ähnlich wie Hector und Achilles oder andere berühmte Feinde.

Dieses Aufeinandertreffen, das an Duellsituationen im Western erinnert, fand bei vielen anderen Künstlern Anklang, besonders bei Animatoren im frühen 20. Jahrhundert – darunter die Stop-Motion-Animatoren Willis O’Brien und Ray Harryhausen. Der T. rex in „King Kong und die weiße Frau“, der ebenso wie das Gemälde 1933 erschien, basiert stark auf dem T. rex von Charles Knight, genau wie viele andere Dinosaurier in Stop-Motion-Animationen. In „Fantasia“ gibt es eine komplette Animationssequenz, die auf dem Gemälde basiert, auch wenn es in dem Fall ein T. rex ist, der gegen einen Stegosaurus kämpft. Aber was will man machen?

Ich war überrascht davon, dass Paläokunst ihren Höhepunkt unter dem Sowjetregime erlebte. Warum war die sowjetische Gesellschaft so fasziniert von der Vorgeschichte und Dinosauriern?

Viele dieser russischen Arbeiten wurden noch nie professionell fotografiert. Sie sind so faszinierend, weil sie die stalinistische Kultur der monumentalen Verzierungen widerspiegeln. Einige der Werke, die man im Buch sehen kann, gibt es so sonst nirgends auf der Welt. 30 Meter hohe Mosaike, die länger als U-Bahn-Wagen sind.

Die Paläokunst der Sowjetunion ist auch deshalb so interessant, weil ihre Künstler mehr künstlerische Freiheit genossen als die offiziellen Künstler der damaligen Zeit. Als Schaffer der schönen Künste unterlag man damals der Zensur und war genötigt, didaktische Bilder glücklicher Stahlarbeiter und Dorfbewohner zu malen. Paläokünstler hingegen, die im angesehenen Feld der Wissenschaft arbeiteten, waren weniger eingeschränkt.

Man findet riesige Wandgemälde von Astronauten oder aus anderen wissenschaftlichen Bereichen, also ist Paläokunst da keine Ausnahme. Es ist eine der vielen Disziplinen, die unter dem atheistischen Sowjetregime ein neues Maß an Berühmtheit und Unterstützung erlangten.

Die meisten Künstler, die diese Arbeiten geschaffen haben, sind längst in Vergessenheit geraten, und ihre Gemälde wurden in staubige Lagerräume verbannt. Warum ist das so? Und warum ist es wichtig, dass wir uns an die erinnern?

Es ist wichtig, sich an die wissenschaftlich veralteten Werke der Paläokunst zu erinnern und sie erneut zu untersuchen, weil sie uns so viel erzählen können. Sie zeigen uns nicht nur, wie die Wissenschaftler eine bestimmte Spezies zu einer bestimmten Zeit gesehen haben, sondern sagen uns auch etwas über den Kontext, in dem sie entstanden. Wie viele Formen der Illustration und visuellen Kultur, die nicht zu den schönen Künsten zählen, wurde auch Paläokunst vernachlässigt. Mittlerweile gibt es aber Forscher, die sie in einem neuen Licht betrachten und untersuchen, anstatt sie abzuschreiben.

Leider ist Paläokunst auf eine Art und Weise angreifbar, wie andere naturkundliche Illustrationen es nicht sind, weil die Bilder durch neue Fossilfunde immer wieder veralten. Alle älteren Werke der Paläokunst stellen die Dinosaurier zum Beispiel mit Schwänzen dar, die über den Boden schleifen. Nachdem man durch versteinerte Spuren herausgefunden hat, dass Dinosaurier ihre Schwänze hochhielten, vermutlich für mehr Gleichgewicht, war plötzlich jede Illustration und jedes Gemälde inkorrekt, das einen Dinosaurier mit herabhängendem Schwanz zeigte.

In den Händen eines Museumsdirektors, der im Lager ein wenig Platz schaffen möchte, sind diese Kunstwerke gefährdet. Einige der Werke, die ich im Laufe meiner Forschung gesehen habe, existierten nur noch, weil Museumsangestellte sie heimlich aus dem Müllcontainer gefischt haben, obwohl sie die Anweisung hatten, sie zu vernichten. Wenn dieses Buch irgendwas bewirken kann, dann hoffe ich, dass es mehr Aufmerksamkeit und mehr Respekt für diese Bilder wecken kann, die immer noch wertvolle Aufzeichnungen sind, auch wenn sie wissenschaftlich nicht mehr korrekt sind.

Ely Kish, eine amerikanische Künstlerin, die nach Kanada ausgewandert ist, ist dafür ein gutes Beispiel. Sie arbeitete hauptsächlich während der Siebziger, als sich Wissenschaftler erstmals des Klimawandels bewusstwurden. Das zeigt sich auch in ihren Arbeiten. Sie schuf zahlreiche apokalyptische Szenen von Dinosauriern, die sich durch von Dürre geplagte Landschaften schlugen, in der Dinosaurierkadaver unter explodierenden Sonnen lagen.

Innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft genoss sie eine gewisse Anerkennung. Trotz meines Interesses an dem Thema hatte ich aber noch nie von Ely Kish gehört, bevor ich mit der Recherche für das Projekt anfing. Und das, obwohl sie ein großes Wandgemälde im Smithsonian Museum gestaltet und eine Reihe beliebter Wissenschaftsbücher illustriert hatte. Wie auch andere Arbeiten der Paläokunst sind ihre Gemälde ein Objektiv, durch das wir betrachten können, wie die Menschheit ihre eigene Lebensdauer auf dem Planeten bewertet - und unsere Überlebenschance.

Das Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

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