Die tödlichen Gefahren eines Lebens ohne Toiletten

Die National Geographic-Fotografin Andrea Bruce dokumentierte die Praxis des öffentlichen Defäkierens und seiner tödlichen Folgen.

Von Mallory Benedict
Bilder Von Andrea Bruce
Ohne vernünftige Sanitäranlagen ist es schwer, an sauberes Wasser zu kommen. Die meisten Dorfbewohner beziehen ihr Wasser aus Brunnen oder Seen wie diesem, die durch das Defäkieren unter freiem Himmel kontaminiert sind.
Ohne vernünftige Sanitäranlagen ist es schwer, an sauberes Wasser zu kommen. Die meisten Dorfbewohner beziehen ihr Wasser aus Brunnen oder Seen wie diesem, die durch das Defäkieren unter freiem Himmel kontaminiert sind.
bild Andrea Bruce, National Geographic

Wenn die Fotografin Andrea Bruce irgendwo hinreist, wo sie noch nie war, orientiert sie sich an einer Reihe von Fragen, um herauszufinden, wie entwickelt ein Land ist: „Wie sehen die Straßen aus?“ und „Was wollen ihre Töchter werden, wenn sie erwachsen sind?“ Nach ihrem letzten Auftrag für das National Geographic Magazin über das weltweite Problem des öffentlichen Defäkierens hat sie eine neue Frage zu dieser Liste hinzugefügt: „Gibt es Toiletten?“

„Man kann die Prioritäten eines Landes wirklich daran erkennen, wie die Toiletten in den öffentlichen Schulen aussehen“, sagt Bruce.

Eine Geschichte über das Problem von Leuten, die ohne Toiletten ihr Geschäft verrichten, war definitiv nicht die Art von Auftrag, die sie von National Geographic erwartet hatte. Aber sie begriff sehr bald, dass dieses Problem seine ganz eigene globale Bedeutung hatte und sich sehr von ihrer bisherigen Arbeit in Konfliktzonen unterschied.

„Es ist heutzutage vermutlich eines der wichtigsten Themen der Menschheit, wenn nicht gar das wichtigste“, sagt sie.

Das öffentliche Defäkieren und ein mangelnder Zugang zu sauberem Trinkwasser sind die weltweiten Hauptgründe für die Kindersterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren. Für Frauen in Indien ist es auch einer der Hauptgründe für Vergewaltigungen: In ländlichen Gegenden gehen die Frauen früh am Morgen oder in der Nacht allein raus in die Felder, um einen abgeschiedenen Ort für ihr Geschäft zu finden.

In einer kommunalen Sanitäranlage in Safeda Basti – einem von Delhis vielen Slums – warten Frauen darauf, die einzige funktionierende Latrine benutzen zu können. Sie bedecken ihre Gesichter, um sich vor dem Gestank der Fäkalien zu schützen, die jemand dort hinterlassen, der nicht mehr warten konnte. Viele Leute meiden die Scherereien mit den kommunalen Anlagen lieber ganz und verrichten ihr Geschäft auf vermüllten Plätzen.
In einer kommunalen Sanitäranlage in Safeda Basti – einem von Delhis vielen Slums – warten Frauen darauf, die einzige funktionierende Latrine benutzen zu können. Sie bedecken ihre Gesichter, um sich vor dem Gestank der Fäkalien zu schützen, die jemand dort hinterlassen, der nicht mehr warten konnte. Viele Leute meiden die Scherereien mit den kommunalen Anlagen lieber ganz und verrichten ihr Geschäft auf vermüllten Plätzen.
bild Andrea Bruce, National Geographic

Eine Story über Kot hält ihre ganz eigenen Herausforderungen für einen Fotografen bereit. Man muss die Balance zwischen komplexen und nuancierten Bildern finden, die nicht übermäßig grotesk wirken. Bruce ging auf dieselbe Art an die Story heran, wie sie es immer tut: „Ich involviere mich sehr in das Leben der Menschen und folge ihnen einfach ... Man begreift, dass es da um eine gemeinsame menschliche Erfahrung geht. Das ist der Kernpunkt.“

Bruce reiste nach Indien, Haiti und Vietnam und schleppte eine Großformatkamera mit sich herum, um Porträts von Toiletten zu machen. Und um – wie sie sagt – „das alltägliche Leben und die Ähnlichkeiten zwischen den Menschen in dieser Situation zu zeigen“.

Jedes Land hatte mit seinen eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen und hatte verschiedene Fortschritte gemacht, was die Lösung des Problems des öffentlichen Defäkierens anging.

In Indien, wo Bruce die meiste Zeit verbracht hat, gab es eine Art Paradox zwischen dem Handeln und der Untätigkeit der Regierung. Das Land hatte seinen Einwohnern 100 Millionen Toiletten bis 2019 versprochen. Aber das Versprechen von Toiletten sei nur ein Teil der Lösung, so Bruce. „Sie müssen die Menschen auch davon überzeugen, dass es wichtig ist, eine funktionierende Toilette zu haben, und warum“ – und sie davon überzeugen, sie zu benutzen.

Vietnam stellte sich als Erfolgsbeispiel heraus, was das Problem an sich anging, aber war eine Herausforderung, was den Zugang dazu betraf. „Die Leute sind nicht sehr aufgeschlossen und betrachten Kameras mit viel Argwohn ... Man muss also wirklich viel Zeit mit ihnen verbringen, damit sie verstehen, an was für einer Story wir arbeiten.“ Sobald die Menschen ihre Türen aber öffneten, war Bruce zufrieden mit dem, was sie sah. „Man konnte sehen, dass die Schulen alle Toiletten hatten und dass es in Vietnam nicht so oft zum öffentlichen Defäkieren kommt wie noch vor zehn Jahren.“

Die größte Herausforderung stellte für Bruce vermutlich ein Ereignis in Haiti dar. Dort teilen sich Gruppen von Haitianern gemeinsam Toiletten, die ein paar Mal im Jahr von Hand ausgeleert werden müssen. Die Menschen, denen diese Aufgabe obliegt, nennt man Bayakou, aber Bruce nennt sie „die Sanitär-Superhelden von Haiti“.

Die Bayakou arbeiten nachts, wenn sie ihre Identität einfacher verbergen können und der Gestank nicht ganz so durchdringend ist.

In Port-au-Prince steht Exilien Cenat über einem Loch in einer kommunalen Toilette. Er arbeitet nachts, um dem öffentlichen Spott zu entgehen, und leert die Grube mit seinen Händen und einem Eimer. Die Fäkalien sammelt er in Säcken, die er dann in Gräben und Kanäle wirft. Spültoiletten und Abwasserkanäle wären hygienischer, aber sie sind einfach zu teuer.
In Port-au-Prince steht Exilien Cenat über einem Loch in einer kommunalen Toilette. Er arbeitet nachts, um dem öffentlichen Spott zu entgehen, und leert die Grube mit seinen Händen und einem Eimer. Die Fäkalien sammelt er in Säcken, die er dann in Gräben und Kanäle wirft. Spültoiletten und Abwasserkanäle wären hygienischer, aber sie sind einfach zu teuer.
bild Andrea Bruce

„Alle hassen sie und ihre Identität wird größtenteils vor der Öffentlichkeit geheim gehalten, da sie ein Problem repräsentieren, das die Haitianer noch nicht lösen konnten: wie man mit überlaufenden Toiletten im Hinterhof umgeht.“

Bruce brauchte drei bis vier Monate, um einen Bayakou davon zu überzeugen, sie mitzunehmen. Fünf Stunden lang fotografierte Bruce einen Mann, „der von Kopf bis Fuß in Jauche stand, und gegen Ende öffneten sich seine Augen kaum noch. Sie waren einfach zugeschwollen.“

Als sie nach Haiti kam, hatte sich Bruce mit allerlei Schutzkleidung und Utensilien ausgestattet. Aber als es daran ging, mit dem Bayakou zu arbeiten, verzichtete sie auf ihre Mitbringsel. „Dort [in Haiti] zu sitzen und mein Gesicht zu bedecken, um mich vor dem Gestank zu schützen, hätte ihnen gezeigt, dass ich ihre Arbeit nicht respektiere oder wertschätze. Ich werde das tun, was sie auch tun, und ich werde das nicht zu etwas Schamhaften machen.“

Auf den Straßen von Port-au-Prince in Haiti werden Toiletten verkauft. Die meisten Haitianer außerhalb der Hauptstadt defäkieren im Freien. In den Städten verursachen Spültoiletten oft Probleme, weil sie zu viel Wasser verbrauchen und die Fäkalien in Gruben spülen, die oft per Hand von den Bayakou ausgeleert werden müssen.
Auf den Straßen von Port-au-Prince in Haiti werden Toiletten verkauft. Die meisten Haitianer außerhalb der Hauptstadt defäkieren im Freien. In den Städten verursachen Spültoiletten oft Probleme, weil sie zu viel Wasser verbrauchen und die Fäkalien in Gruben spülen, die oft per Hand von den Bayakou ausgeleert werden müssen.
bild Andrea Bruce, National Geographic

Als sie ihre Arbeit an dem Projekt schließlich beendete, gestand sie ein, dass das Problem wohl auch deshalb noch in diesem Ausmaß bestand, weil die Leute nicht darüber nachdenken wollen. „Das ist nicht Schönes. Es ist etwas, das die Leute lieber vergessen würden, und das ist wahrscheinlich der Hauptgrund dafür, dass das auf der ganzen Welt ein Problem ist.“

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