Geschichte und Kultur

Das Leben im Gefangenenlager der Guantanamo Bay

Eine Fotografin dokumentiert den starken Kontrast zwischen dem Leben der Gefangenen und der Soldaten. Mittwoch, 22 November

Von Nina Strochlic
Bilder Von Debi Cornwall

„Guantánamo ist die beste Stationierung, die ein Soldat haben kann“, erfuhr Debi Cornwall von einer Militäreskorte auf ihrer ersten Reise zu dem berüchtigten Gefangenenlager.

Cornwall, eine Fotografin aus New York, war gerade an der kubanischen Küste aus einem Flugzeug gestiegen und hatte ein Dutzend Formulare mit Regeln zum Fotografieren in Guantánamo Bay unterschrieben. In dem Lager werden noch immer 41 Männer aufgrund des Verdachts auf terroristische Aktivitäten festgehalten. Nur einem von ihnen konnte ein Verbrechen nachgewiesen werden.

Die Regeln untersagten es Cornwall, Gesichter, Überwachungsapparate, Schlösser und bestimmte Abschnitte der Küste zu fotografieren. Am Ende jedes Tages nahmen die Wachen die Speicherkarte ihrer Kamera und löschten alle Fotos, die diesen Vorgaben nicht entsprachen.

Während ihrer drei Besuche 2014 und 2015 sah sie nur ein einziges Mal einige Insassen – von der anderen Seite eines Einwegspiegels aus. Sie musste ihren Kamerasensor abkleben, damit dieser nicht zu sehen war, während sie in einen Gemeinschaftsraum blickte, in dem die Gefangenen zu Mittag aßen.

Für viele Amerikaner ist das Gefangenenlager nur eine vage Erinnerung an den Krieg gegen den Terror, die nur in Wahljahren wieder an die Oberfläche kommt. Aber Cornwall, die in den USA zwölf Jahre lang vor Gericht gegen Fehlurteile von ehemaligen Gefangenen gekämpft hat, findet, dass man Guantánamo nicht einfach vergessen darf.

„Während wir die Ereignisse vom 11. September weiter betrauern, können wir uns da auch ansehen, was danach geschah?“, fragt Cornwall. „Nach 16 Jahren werden im Ausland noch immer 41 Männer ohne eine Anklage oder einen Prozess gefangen gehalten. Sie werden in unserem Namen festgehalten.“ Die nüchternen Aufnahmen aus ihrem neuen Buch „Welcome to Camp America“ werden aktuell in New York City ausgestellt.

Für ihr Projekt flog Cornwall zunächst nach Algerien, um den ehemaligen Insassen Djamel Ameziane zu besuchen, der dort nun in Freiheit lebt. Sie brachte ihm Malutensilien und im Gegenzug half er ihr dabei, Treffen mit anderen ehemaligen Gefangenen in neun Ländern zu organisieren.

Die Männer, denen sie begegnete, kämpften damit, ihr Leben wiederaufzubauen: Sie hatten keine Arbeit, hatten sich von ihren Familien entfremdet und waren von den Erinnerungen an ihre Erlebnisse geplagt.

„Das wirkt wie unsere Verantwortung“, sagt sie. „Unsere Arbeit ist selbst dann noch nicht getan, wenn unschuldige Männer freigesprochen und freigelassen werden.“

Die Geschichten der ehemaligen Gefangenen stellte sie den Bildern der Freizeitbereiche und -aktivitäten des Militärpersonals in Guantánamo gegenüber. In ihrem Buch finden sich zudem redigierte Dokumente und Zeugenaussagen über das, was hinter verschlossenen Türen vor sich ging.

Sie fing auch die „spaßige“ Seite des Lagers ein, wie sie es nannte: der militärische Golfplatz, eine Bowlingbahn und einen Pool sowie die Kaffeebecher, T-Shirts und Souvenirs mit dem Schriftzug „Guantánamo Bay“.

Das Buch soll keine Anklageschrift gegen die amerikanischen Truppen sein. „Es geht nicht so sehr darum, mit dem Finger zu zeigen, sondern darum, welche Gemeinsamkeiten wir mit jenen haben, die andere Ansichten vertreten oder einen anderen Glauben haben – jenen, vor denen wir Angst haben."

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