Geschichte und Kultur

„Wunder“ im modernen Ägypten

Von blutenden Bäumen bis zu Orten mit mystischen Heilkräften ist der Mystizismus in Ägypten ein Teil des alltäglichen Lebens. Dienstag, 14 November

Von Alexandra Genova
Bilder Von David Degner

Die unerklärliche, undefinierbare Natur von „Wundern“ reizt die menschliche Neugier seit Jahrtausenden. „Blutende“ Bäume, weinende Gemälde, sich teilende Meere – was sonst könnte diese und andere Phänomene erklären, wenn nicht göttliche Intervention? Diese nebulösen Ereignisse scheinen sich für viele Menschen heutzutage nur noch auf verstaubte Bücher zu beschränken – aber in Ägypten passieren sie auf den Straßen, in den Häusern, in der Natur. Sie sind ein Teil des täglichen Lebens.

Der amerikanische Fotograf David Degner dokumentiert die „modernen Wunder“ Ägyptens seit sieben Jahren. Was sein Interesse geweckt – und aufrechterhalten – hat, ist die scheinbare Regelmäßigkeit, mit der diese unerklärlichen Ereignisse auftreten. Man spricht nicht nur im Freundeskreis darüber, sondern kann oft auch in der Presse davon lesen.

„Das Verständnis der Ägypter von Wundern unterscheidet sich völlig von dem, mit dem ich aufgewachsen bin“, sagt Degner. „Ich komme aus Georgia. Ich bin auf eine christliche Schule gegangen und wurde unter Christen großgezogen. Wunder schienen mir immer etwas Abstraktes, Historisches zu sein, das eher auf der anderen Seite der Welt passierte und nicht jeden Tag.“

Religion ist in der ägyptischen Kultur tief verwurzelt, und fast jeder ist Christ oder Moslem. Vor diesem Hintergrund sind „wundersame“ Ereignisse in Aberglauben, festen Überzeugungen oder in Folklore verankert – je nachdem, wen man dazu befragt.

„Ich habe einen sehr klugen Anthropologen-Freund, der an keinen speziellen Gott glaubt, aber einen Glücksstein mit sich herumträgt“, sagt Degner. „Ein anderer Freund von mir [Nour al-Dein Zaki] ist ein sehr gebildeter Geologe. Er weiß, wie Steine entstehen, und trotzdem glaubt er, dass Gottes Wirken in diesen Steinen ist. Jene Steine, die seltene, scheinbar unerklärliche Ausformungen haben, bezeichnet Zaki als ‚ayats‘, was ‚ein Zeichen Gottes‘ bedeutet.“

Degner hat Erfahrung im Bereich des Fotojournalismus und ist es gewohnt, nach dem wahren Kern hinter einer Geschichte zu suchen. Seine Reise von den ersten Gerüchten eines Wunders bis zu dessen Manifestation führte ihn von kleinen Dörfern bis in die verschlungenen Straßen großer Städte, von kargen Wüsten bis in die Berge. Er ging sorgfältig jedem Hinweis nach, auf den er stieß, auch wenn ihn das oft in eine Sackgasse führte.

Einige Wunder, die Degner fand, waren eher bildlicher Natur: Bäume, aus denen freitags und montags „Blut“ tropft, Kamele mit dem Zeichen Gottes auf den Rippen oder Fußabdrücke, die vom Propheten Mohammed stammen sollen, waren einfach abzubilden.

Andere, wie die übernatürlichen Djinns aus der arabischen Folklore und islamischen Lehren, stellten eine größere Herausforderung dar. Manche vergleichen diese kindhaften Wesen mit Feuer: Sie können zerstörerisch sein, aber auch zum Guten genutzt werden, wenn sie gebändigt werden. Also stellte Degner ihr zerstörerisches Wesen dar, indem er einen brennenden Acker fotografierte.

Was er wirklich festhalten wollte – und er wusste, dass er das nicht können würde –, war der Raum, in dem sich die materielle und die immaterielle Welt berühren. Diese „dritte Dimension“, ein Nexus aus spirituellen und physischen Teilchen, die zusammenstoßen und Chaos verursachen, liegt jenseits dessen, was man mit dem bloßen Auge erkennen kann. Aber genau das ist das berauschende Mysterium, welches Menschen dazu treibt, zu glauben.

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