Geschichte und Kultur

Riesige Felsbildkunst in Südamerika zum ersten Mal gescannt

Archäologen wollen mit dem umfangreichen Bilderkatalog mehr über das Leben der Ureinwohner vor der europäischen Kolonisierung erfahren.Thursday, January 11

Von Sarah Gibbens
Eine Luftaufnahme der Petroglyphen auf dem Cerro Pintado mit einer Bildüberlagerung zur Verdeutlichung der Gravuren.

„Die Mythen der Ureinwohner verweisen direkt auf die Stromschnellen als Wohnstätte des Sonnengottes“, sagt Philip Riris, ein Archäologe des University College of London. „Andere Mythen besagen, dass der Weltenbaum (dem alle Tiere und Pflanzen entstammen) umfiel und seine Krone in den Orinoco stürzte, wo er die Stromschnellen erschuf.“

Er bezieht sich auf die Raudales de Atures, die zu den größten Stromschnellen des Orinoco gehören, der durch das westliche Venezuela fließt. An einem Ort im Fluss, an dem Boote nicht mehr fahren können, befinden sich fünf Inseln, auf denen sich einige der größten und anschaulichsten Felskunstwerke der Welt befinden.

Das Terrain der Region macht sie zu einem natürlichen Knotenpunkt für menschliche Aktivität, und Archäologen glauben, dass das auch vor 2.000 Jahren schon so war.

In seiner Studie über die Felsbildkunst, die er vor Kurzem in „Antiquity“ veröffentlichte, betonte Riris, dass die Stromschnellen eine „ethnische, linguistische und kulturelle Konvergenzzone“ waren.

Eine Luftaufnahme des östlichen Panels auf Picure mit einer Bildüberlagerung der größten Gravuren. Norden liegt am unteren Rand des Bildes.

Die Felsbildkunst zeigt eine Reihe von Motiven, die in ähnlichem Stil in den Felsen geritzt wurden. Für die Archäologen deutet das darauf hin, dass die Region einst ein geschäftiger Umschlagplatz für eine Reihe verschiedener Menschengruppen war. Riris und ein Archäologenteam des University College of London erstellten die bisher detaillierteste und umfangreichste Katalogisierung der Felsbildkunst. Sie hoffen, dass sie mit Hilfe ihrer Aufzeichnungen einen umfangreicheren Blick auf die vielfältigen Kulturen der Ureinwohner vor der Ankunft der Europäer werfen können.

HIGHTECH-WERKZEUGE

Um diese Bilder zu erhalten, verwendete Riris Drohnen mit Luftbildphotogrammetrie-Kameras. Die Hightech-Kameras nutzten Fotografie, um dreidimensionale Darstellungen ihrer Motive zu erzeugen.

Riris zufolge waren die Drohnen das beste Werkzeug dafür, da die schiere Größe einiger Kunstwerke es erschwerte, sie vom Boden aus richtig zu sehen.

„Während ich die Steingravuren der weniger bekannten Stätten gereinigt habe, bemerkte ich in manchen Fällen gar nicht, dass ich eine einzige, riesige Petroglyphe reinigte“, merkt er an.

Die größte bekannte Einzelzeichnung ist die einer gehörnten Schlange. Von einem Ende bis zum anderen misst sie 30 Meter. Ein anderes Panel mit einer Sammlung von Kunstwerken ist um die 300 Quadratmeter groß. Die Archäologen entdeckten, dass es mindestens 93 Gravuren enthält, von denen einige mehrere Meter groß sind.

Laut Riris sind Darstellungen von Tieren und Menschen in den Atures-Stromschnellen verbreitet.

KONZEPTKUNST

Ein häufiges Motiv scheint einen Flötenspieler darzustellen, der von anderen Menschen umgeben ist. Das könnte auf ein Thema der saisonalen Erneuerung hindeuten. Vor der Regenzeit der Region wird der Orinoco deutlich flacher und lässt so einen Teil der Felsbildkunst zum Vorschein treten, der sonst unter dem Wasserspiegel liegt. Diese Schwankungen waren für die Archäologen hilfreich, hatten vor Tausenden von Jahren womöglich aber auch eine rituelle Bedeutung.

Ein weiteres Motiv, das oft auftaucht, wird von den Archäologen als „c-scroll“ (dt. C-Schnörkel) bezeichnet und besteht aus zwei entgegengesetzten Spiralen. Dieses Symbol wurde bereits an anderen Orten von der Karibik bis zum mittleren Amazonasgebiet dokumentiert.

Frühere Forschungen haben vermutet, dass die Spiralen für die männliche Potenz und Fruchtbarkeit stehen. Riris zufolge ist es aber schwer, die genaue Bedeutung der Abbildung in Venezuela zu bestimmen, da Symbole in verschiedenen Regionen oft auch verschiedene Bedeutungen annehmen.

In jedem Fall sei noch mehr Forschung nötig, um herauszufinden, welche Motive und Gravuren von welchen Stämmen der Ureinwohner gestaltet wurden. Aber er hofft, eines Tages vielleicht ein vollständiges Bild des Lebens in der Region zu erhalten, bevor die Europäer mit ihrer Kolonisierung begannen.

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