Geschichte und Kultur

„Ältestes Kind der Welt“ zeigt, wie unsere Vorfahren sich fortbewegten

Das 3,3 Millionen Jahre alte Fossil gibt Forschern neue Einblicke in das Leben unserer entfernten Verwandten.Thursday, July 5, 2018

Von National Geographic

Vor mehr als drei Millionen Jahren lief einer unserer entfernten Verwandten namens Australopithecus afarensis auf zwei Beinen durch die Gegend. Seine Fortbewegungsart machte ihn zu einer Schlüsselfigur in der Evolutionsgeschichte der Menschheit. Eine neue Studie über ein seltenes Fossil eines A.-afarensis-Kleinkinds lässt nun darauf schließen, dass die Füße der Art einige affenartige Merkmale beibehielten, die womöglich für das Erklimmen von Bäumen vorteilhaft waren.

Die Studie erschien in „Science Advances“ und wirft einen detaillierten Blick auf den Fuß von „Selam“, einer 3,3 Millionen Jahre alte Vertreterin von A. afarensis, die vor ihrem vierten Geburtstag starb. Das Fossil vermittelt den Wissenschaftlern ein besseres Verständnis dafür, wie sich die Füße der Art von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter veränderten. Daraus lassen sich einige Details über die Lebensweise unserer frühen Verwandten ableiten.

„Wir können verstehen, was bei den jungen Individuen im Unterschied zu den Erwachsenen so passierte und ob es eine Veränderung in der Art gab, wie sie sich fortbewegten“, erklärt der Paläoanthropologe Will Harcourt-Smith vom American Museum of Natural History. Er überprüfte die Studie vor der Veröffentlichung. „Das an sich ist schon ziemlich cool.“

A. afarensis ist vermutlich vor allem durch das 3,2 Millionen Jahre alte Fossil “Lucy” bekannt, das 1974 in Äthiopien entdeckt wurde. In den darauffolgenden Jahren entdeckten Forscher noch eine Handvoll weiterer Fossilien, die es ihnen erlaubten, einige Details über das Verhalten der Art herauszufinden.

Ein Besucher am Houston Museum of Natural Science sieht sich die Knochen von Lucy bei einer Ausstellung im Jahr 2007 an. Das 3,2 Millionen Jahre alte Fossil ist das bislang vollständigste Skelett der Art Australopithecus afarensis.

Besonders wichtig ist, dass die Hüfte und die Beine des Menschenaffen den unsrigen in großen Teilen ähneln. Es besteht daher kaum ein Zweifel daran, dass er sich auf zwei Beinen fortbewegte. Einige affenartige Merkmae des Skeletts deuten aber auf eine größere Kletterfertigkeit als bei anatomisch modernen Menschen hin. Die Finger- und Zehenknochen von A. afarensis sind leicht gebogen und hätten sich so besser zum Greifen geeignet, während die Armknochen darauf hindeuten, dass er ein kräftiger Kletterer war.

Schon seit Längerem diskutieren Forscher darüber, was diese Merkmale bedeuten könnten. Kletterte A. afarensis tatsächlich auch regelmäßig auf Bäumen umher oder handelte es sich um nur evolutionäre Überreste? Allerdings drehte sich die Debatte größtenteils um Fossilien ausgewachsener Exemplare. Die Untersuchung eines kindlichen Fossils könnte helfen, denn um bis ins fortpflanzungsfähige Alter zu überleben, muss die Kindheit überlebt werden. Daher sind die Merkmale junger Vertreter einem enormen Selektionsdruck ausgesetzt.

Der Traum einer “Baby-Lucy” wurde dann schließlich 2006 Realität, als das Team des Paläontologen Zeresenay Alemseged die Entdeckung Selams bekanntgab. Das Fossil befand sich an der Fundstelle Dikika, unweit des alten Fundorts von Lucy.

„Jedes Fossil gibt uns ein Stück unserer Geschichte. Wenn man ein Kinderskelett vorliegen hat, kann man Fragen über das Wachstum und die Entwicklung stellen – und darüber, wie das Leben eines Kindes vor drei Millionen Jahren aussah“ sagt Jeremy DeSilva. Der Paläoanthropologe vom Dartmouth College ist der Hauptautor der aktuellen Studie. „Es ist ein herausragender Fund.“

DeSilva sah Selams Überreste erstmals 2009. Ein paar Jahre beschlossen er und Alemseged, sich auf ihren Fuß zu konzentrieren.

Unsere großen Zehen sind im Gegensatz zu unseren Daumen nicht opponierbar, sondern parallel zu unseren anderen Zehen, wodurch wir effektiver laufen können. Der große Zeh von A. afarensis war ähnlich ausgerichtet, aber sein Zehengelenk war gebogener als das unsrige. Einfach gesagt konnte A. afarensis seine großen Zehen besser von Seite zu Seite wackeln als wir.

Das Gelenk von Selams großem Zeh ist sogar noch gebogener als bei Erwachsenen derselben Art. Das lässt vermuten, dass sie mit ihren Füßen besonders gut greifen konnte. DeSilva sieht das als Anzeichen dafür, dass junge Vertreter von A. afarensis eine Notwendigkeit für Füße hatten, die besser zugreifen konnten.

Links: Der 3,32 Millionen Jahre alte Fuß des A.-afarensis-Kleinkinds aus verschiedenen Blickwinkeln. Rechts: Der Fuß des Kindes (unten) im Vergleich mit dem Fuß eines ausgewachsenen A. afarensis (oben).

Seiner Vorstellung nach haben sich Gruppen von A. afarensis tagsüber zu Fuß fortbewegt, kletterten nachts aber zum Schlafen auf Bäume, um mehr Schutz vor Raubtieren zu haben. Junge Vertreter der Art kletterten womöglich öfter auf Bäume, um sich vor Fressfeinden in Sicherheit zu bringen. Eventuell halfen ihre Füße ihnen aber auch dabei, sich besser an ihren Müttern festzuhalten, wodurch sie einfacher zu tragen waren.

Künftige Forschungen könnten dabei helfen, Debatten über die Klettertendenzen erwachsener Exemplare aufzulösen. Scans von Selams Fußknochen werden beispielsweise zeigen, wie sich ihr Gewicht auf ihre Füße verteilte. Allerdings bedeutet die geringe Anzahl der Fossilien dieser Art auch, dass einige Fragen offenbleiben werden. Um wirklich Details über die Entwicklung einer Art zu erhalten, benötigt man DeSilva zufolge Skelette aus möglichst vielen Entwicklungsstadien im Alter von zwei, vier und sechs Jahren und darüber hinaus.

„Wir sprechen da von einem Fossilbericht, der entweder nie existierte oder Hunderte Jahre in der Zukunft liegt“, sagt er. „Ich wäre schockiert, so etwas noch zu meinen Lebezeiten zu sehen.“

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