Geschichte und Kultur

Handgemalte Karte zeigt das Peking der Gegenwart und Zukunft

Der Künstler Gareth Fuller verbrachte ein Jahr damit, durch die Straßen von Peking zu streifen. Das Ergebnis ist eine handgezeichnete Karte der Stadt, wie sie heute existiert und in Zukunft aussehen könnte. Dienstag, 11. September 2018

Von Greg Miller
Dieser Ausschnitt aus Fullers Karte zeigt das Gebiet rund um die verbotene Stadt. Der Palastkomplex stammt aus dem Mittelalter und befindet sich im Zentrum Pekings. Die Gestaltung vereint in der Mitte eine sternförmige, westliche Kompassrose in der quadratischen Form eines traditionell chinesischen Kompasses.

Der britische Künstler Gareth Fuller verbrachte ein Jahr damit, zu Fuß und mit dem Fahrrad durch die Straßen und Hinterhöfe von Peking zu streifen. Dabei legte er knapp 1.300 Kilometer zurück und investierte 1.000 Arbeitsstunden in die Anfertigung dieser außergewöhnlichen Karte. Sie ist voller verspielter Details, die die chinesische Hauptstadt in ihrer heutigen Erscheinungsform einfangen. Es gibt jedoch auch Ausblicke auf ihre mögliche Zukunft.

An der oberen Kante der Karte windet sich die Chinesische Mauer entlang. Über ihr ist ein chinesisches Symbol für Langlebigkeit zu sehen. Die vertikale Symmetrie der Karte spiegelt die Nord-Süd-Achse Pekings wider, die seit dem 13. Jahrhundert als Rückgrat des Wachstums und der Entwicklung der Stadt gilt.

Die Karte ist etwa 1,20 Meter breit und 1,50 Meter hoch. In ihre Gestaltung wurden einige Wahrzeichen der Stadt eingebunden, wie zum Beispiel die konzentrisch geformten „Ringstraßen“, die von Pekings Zentrum ausgehen. Ein Großteil der räumlichen Ebenen ist jedoch verzerrt, um den Szenen Platz zu schaffen, die Fuller bei seinen Erkundungstouren inspirierten. Nach einigen Vorskizzen mit Bleistift zeichnete er die Karte überwiegend mit schwarzer Tusche. Fehler können hierbei nicht rückgängig gemacht werden, aber Fulller meint, dass er sie dazu nutzt, neue Ideen zu erschaffen. „Ein Fehler kann oft großartig sein“, sagt er.

„London Town“ aus dem Jahr 2005 ist Fullers bekanntestes Werk. Die Anfertigung der Karte dauerte zehn Jahre und sie ist voll von hintergründigen Kommentaren zur Stadtkultur und Referenzen auf Fullers persönliche Erlebnisse in und mit London. Auch „Beijing“ zeigt die Stadt Peking aus einem ganz persönlichen Blickwinkel. Diesmal ist es jedoch der Blick eines Außenstehenden, der versucht, eine fremdartige, hektische Stadt und ihre Kultur zu erfassen.

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Fuller gibt an, dass er sich absichtlich nicht vollumfassend informierte, bevor er im Jahr 2017 nach Peking zog. Er wollte die Stadt aus erster Hand erleben. „Ich bin einfach ins kalte Wasser gesprungen“, sagt er. Seine Erkundungen brachten ihn oft an Orte, die Ausländer normalerweise nicht sehen. Dazu gehören auch die belebten Ringstraßen, die die Stadt und die Hinterhöfe des Stadtzentrums umgeben. „Ich wirkte als weißer Mann, der diese hektischen Straßen in Flipflops entlangschlendert, definitiv deplatziert.“ Aber abgesehen von neugierigen Blicken „waren die Leute unglaublich nett und gastfreundlich.“

Fullers Peking-Karte zeichnet eine hoffnungsvolle, wenn auch spekulative Zukunft der Stadt. In ihr recyceln robotergesteuerte Fabriken herkömmliche Fahrzeuge zu Elektroautos, Windparks und thoriumbetriebene Atomkraftwerke erzeugen Energie. Drohnen liefern Gemüse aus, das auf terrassenförmig angelegten Plattformen am Stadtrand gezogen wurde.

Die Karte ignoriert jedoch keineswegs den aktuellen Zustand der Stadt. Einer der Flüsse führt von Verschmutzung schwarz gefärbtes Wasser; andernorts ist der Zaun einer Fabrik von Grabsteinen gesäumt. Kräne symbolisieren den Bau-Boom in Peking, der viele Menschen – insbesondere Immigranten – aus der Innenstadt vertrieben hat. Eine Ziegelmauer steht für die Schließung der nicht angemeldeten Geschäfte in den hutongs oder Hinterhöfen. Dazu mauert die Stadtpolizei einfach ihre Eingänge zu. Andere Details weisen auf die Verschmelzung von alten und neuen Traditionen hin, vom Buddhismus des Altertums bis hin zur modernen Besessenheit von Technologie und Reichtum.

Fuller erklärt, dass das Projekt ihn dafür sensibilisiert hat, wie Städte und die natürliche Welt miteinander verwoben sind. Es hat ihn jedoch auch zur Vision einer besseren Zukunft inspiriert, anstatt sein Augenmerk nur auf die Umweltverschmutzung und andere aktuelle Probleme zu richten. „Die Zukunft kann auch trostlos genug werden, ohne dass ich sie so male“, sagt Fuller. Er hofft, dass sein optimistischeres Bild der Stadt Anregungen zur Diskussion von Lösungen liefern wird. „China fühlt sich an wie ein Experiment im großen Maßstab“, meint er. „Egal, was sie tun, es ist wichtig für die Zukunft des Planeten.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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