Geschichte und Kultur

Das Abenteuer von Qumran

Vor rund sechzig Jahren wurden in elf Höhlen in Qumran die ältesten bekannten Bibeltexte entdeckt. Claus-Hunno Hunzinger gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die den Sensationsfund in Jerusalem untersuchen durften. Dienstag, 11 Dezember

Von Andrea Henke

Denken Sie noch an Ihre Zeit in Qumran und Jerusalem?

Oh ja, das war die spannendste Phase meines Lebens. Zwei Jahre konnte ich im Heiligen Land in Jerusalem leben und mit arabischen Ausgrabungen und jüdischen Texten zu tun haben. Dabei hatte meine Reise mit Qumran erst einmal nichts zu tun.

Warum reisten Sie ursprünglich nach Palästina?

Ich war einer von drei Stipendiaten, die an einem Lehrkurs im Deutschen Palästina-Institut teilnehmen sollten, der einmal im Jahr stattfand. Alttestamentler konnten so drei Monate das Heilige Land kennenlernen. Gleichzeitig mit dem Angebot für das Stipendium kam noch ein weiterer Brief vom Palästina-Institut: Sie wollten mich nach Jerusalem schicken, damit ich an den Texten von Qumran mitarbeite. Der Ton war sehr höflich: Sehr geehrter Herr Professor, wären Sie geneigt... (lacht herzlich)

Und Sie haben sofort zugestimmt?

Ja! Obwohl ich zu der Zeit noch keinen akademischen Grad hatte. Allerdings hatte ich schon als Student zu Qumran gearbeitet und eine Stelle in den Texten entdeckt, die eine alte Streitfrage in der Auslegung des Neuen Testamentes endgültig regelte. Damals waren die Texte zum größten Teil noch gar nicht veröffentlicht. Manchmal wurden Fotos eines kleinen Fragments in Zeitschriften gedruckt. An dem wenigen, was schon veröffentlicht war und an den Fotos der oft spiegelverkehrt abgebildeten Fragmente haben wir dann fleißig gearbeitet. Meine Doktorarbeit habe ich über das orthodoxe, das offizielle Judentum und Qumran als Sondererscheinung geschrieben, beides mit Bezug auf das Neue Testament. Zwei Jahre später wurde die Dissertation zugleich als meine Habilitationsschrift anerkannt.

Es war eine turbulente Zeit im Nahen Osten – im Oktober 1956 brach die Suezkrise aus.

Ich habe zwei bewegte Jahre in Jerusalem verbracht: Oktober 1954 bis 55 und Oktober 1956 bis 57. Die Suezkrise begann drei Wochen nach meiner zweiten Ankunft und die Schriften wurden daraufhin für mehrere Monate in die jordanische Hauptstadt Amman in Sicherheit gebracht. Ich blieb als einziger vom Team in Jerusalem. Nach Rückkehr der Handschriften hatte ich erst einmal lange mit ihrer Reinigung zu tun, weil sie in Amman feucht in einem Safe gelagert worden waren. Ich konnte die inzwischen weithin verschimmelten Fragmente nur sehr mühsam mit einem feinen Pinsel retten, bevor ich meine eigentliche Arbeit fortführte. Es war ein Wahnsinn. Wir hatten ja keine vollständigen Handschriften vor uns, sondern nur Bruchstücke.

Stimmt es, dass einige Fragmente gezielt von Beduinen zerrissen wurden, um durch eine höhere Stückzahl einen größeren Gewinn beim Verkauf der Schriftrollen zu erzielen?

Das ist sehr vereinzelt bei Schriften aus Höhle 1 vorgekommen, später hat man das nicht mehr beobachtet.

Auf den Bruchstücken standen mitunter nur zwei Buchstaben.

Ja. Ich habe einen Gebetstext aus Höhle 4 rekonstruiert, der aus 300 kleinen Stücken bestand. Aus Papyrus: ganz fein und brüchig, aber doch einigermaßen stabil. Diese von mir sehr geliebte Handschrift mit Abend- und Morgengebeten für jeden Tag des Monats hatte nicht einen einzigen vollständigen Satz.

Wie groß kann man sich das alles vorstellen?

Ich habe eine DIN A4-Seite genommen und die Fragmente völlig unsortiert nebeneinander gelegt. Alle 300 Stücke passten genau drauf. Die Durchschnittsgröße lag unter zwei Quadratzentimetern – das ist kleiner als eine kleine Briefmarke.

Welchen Anteil am Gesamttext hatten diese 300 Fragmente?

Ich habe ausgerechnet, dass etwa 12,5 Prozent des Textes erhalten sind. Es gibt nicht nur keinen einzigen ganzen Satz, auch die Hälfte der Wörter ist unvollständig. Ich hatte beispielsweise ein Fragment, auf dem zwei Buchstaben zu lesen waren: Aleph Lamed – A L. Nun hat die antike hebräische Schrift keine Vokale, die muss man ergänzen. Man kann lesen „AL“, das heißt „nicht“, oder „EL“, das heißt „zu etwas hin“. Oder „EEL“, mit einem langen E, das heißt „Gott“.  Aber was nützt uns ein Fragment, auf dem nichts weiter steht als das Wort Gott.

Haben Sie herausgefunden, wo es hingehört?

In dem Gebetstext gibt es eine Formel für das Gebet am Abend: „Shalom aleichem, Israel“ – „Friede über Dich, Israel“. Vorher redet Israel Gott an und preist ihn, nun wird Israel angeredet und mit Gott beschenkt. Diese Formel kam mehrfach in meinem Text vor. An einer Stelle stand nur „shalom“, und dann war das Papyrus abgebrochen. Aber ich wusste von der nächsten Zeile, da kommt ein Morgengebet. Mein Stückchen „EEL“ passte nicht rein in das „Shalom aleichem, Israel“. Dann hab ich genau hingeguckt: Das Papyrus schloss sich hinten wunderbar an und seitlich, wo „Shalom“ stand, ebenfalls. Das gehörte dahin! So steht da also: „Shalom EEL“, „Der Friede Gottes“.

Welche Bedeutung hat dieses Wort „Friede Gottes“?

Diese Wendung kommt im gesamten Alten Testament kein einziges Mal und auch in der späteren jüdischen Literatur nur selten vor, dafür sehr häufig im Neuen Testament. Sie ist damit der älteste Beleg für das Wort „Friede Gottes“! Es ist eine völlig eigenständige Schöpfung der Qumran-Gemeinde.

Sie haben einen großen Glücksfall erlebt.

Ja. Noch schwieriger wäre es gewesen, wenn die kleine Lücke vor und nach „EL“ gefehlt hätte. Man hätte nicht sagen könnte, ob das Wort mit zwei Buchstaben komplett ist. Ohne Lücke hätte es zum Beispiel auch das Ende eines Wortes sein können, z.B. Israel. Oder der Anfang: der Name Eliah beginnt mit EL... Man muss versuchen, den Zusammenhang für die eigene Übersetzung zu finden. Aber es ist immer erneut ein Wagnis.

Wie lange arbeiteten sie an den 300 Fragmenten?

Zwei Jahre. Allerdings habe ich noch gleichzeitig einen weiteren Text aus Höhle 4 bearbeitet, die „Kriegsrolle“ oder „Kriegsregel“, die nicht auf Papyrus, sondern auf Leder geschrieben war. Ich hatte vier verschiedene Fassungen der Kriegsrolle aus Höhle 4. Eine bestand aus einem gut erhaltenen Teilstück, so groß wie eine Postkarte, darauf stand ein Hymnus im Sinne eines Lobpreises Gottes.

Was konnten Sie herausfinden?

Der gleiche Text war einige Jahre zuvor in Höhle 1 gefunden worden. Aber er war nicht völlig identisch mit dem aus Höhle 4. Der Hymnus, der Gott pries, hatte zwei Strophen, die beide endeten mit „wir aber sind dein Volk.“ Das war die kurze Schlusszeile von einer Art Psalm. Aber im Text aus Höhle 1 hieß es nicht nur „wir sind dein Volk“, sondern: „Wir sind dein heiliges Volk“. An der zweiten Stelle ist es noch deutlicher: „wir aber sind der Rest deines Volkes“. Das war die Selbstbezeichnung der Qumran-Mitglieder: als Sekte, als besondere Gemeinschaft, die sich abhebt vom üblichen Volk Israel.

Diese kleinen Abweichungen waren sehr bedeutsam?

Man konnte daraus für die gesamte Qumran-Literatur schließen: Die Texte sind nicht gleichzeitig entstanden, sondern haben in Qumran eine Entwicklung durchlaufen. Der Text aus Höhle 1 stellt eine spätere Fassung dar, als der aus Höhle 4. Diese Abgrenzung zum normalen Volk Israel könnte auch bedeuten, dass einige der Handschriften nicht in Qumran entstanden sind. Zumal Anhänger Qumrans auch außerhalb der Siedlung im ganzen Land verteilt lebten.

War es nicht unüblich, dass jüdische Texte verändert wurden?

Das war sehr überraschend! Der alttestamentliche Bibeltext ist seit dem 1. Jahrhundert nach Christus weitgehend unverändert geblieben, weil der Hohe Rat einen Standardtext für die Bibel festgelegte, als Israel seine Selbstständigkeit an die Römer verlor. Das Judentum zur Zeit von Qumran war in sich mannigfaltiger als das von Schriftgelehrten und Hohem Rat geordnete „Stammjudentum“, das vom 2. Jahrhundert an vieles blockierte.

Das macht die Handschriften aus Qumran so außergewöhnlich?

In den Schriften von Qumran spürt man die Umbrüche in der Zeit zwischen dem Alten und Neuen Testament. Es ist ein sehr bedeutender Blick in die Situation des Judentums zur Zeit der Entstehung des Neuen Testaments. Da gibt es neben der entstehenden christlichen Gemeinde eine besondere jüdische Gemeinde, die sich in 200 Jahren etabliert hat. Diese Gemeinde versucht ihr Gemeindeleben entsprechend ihrem jüdischen Glauben zu gestalten, gerät aber in Konflikt zum offiziellen Judentum. Das Christentum entstand also im Rahmen jüdischer Vielfalt. Die Handschriften sind für Christen so bedeutend, weil sie auf der einen Seite die ältesten biblischen Zeugnisse enthalten – die alttestamentlichen Bücher wurden alle übernommen –, und auf der anderen Seite neu in Qumran entstandene Texte, wie meine Handschrift mit dem Abend- und Morgengebeten, die das älteste biblische Gebetsbuch ist.

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