Geschichte und Kultur

Das Vermächtnis der Pharaoninnen

In Zeiten potenzieller Unruhe sorgen ägyptische Königinnen und Regentinnen für Stabilität im Reich. Dienstag, 18. Dezember 2018

Von Simon Worrall
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Bisher ist noch nie eine Frau in das höchste Amt der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden. Aber vor 3.000 Jahren war es im Alten Ägypten gar nicht so ungewöhnlich, dass Frauen herrschten. Einige von ihnen, wie Kleopatra und Nofretete, erlangten sogar uneingeschränkte Macht. Wie Kara Cooney in ihrem neuen Buch „When Women Ruled the World“ erklärt, waren diese Frauen jedoch schlussendlich nur Platzhalter für den nächsten Mann, der den Thron des Pharaos bestieg.

Bei einem Gespräch mit der Autorin in Los Angeles erklärte sie, warum Hatschepsut so „perfekt“ war, warum Kleopatras Familie die Sopranos wie fromme Lämmer aussehen lässt und welche symbolische Bedeutung die mächtigen Frauen Ägyptens für ihre – und unsere – Gesellschaft hatten.

Beginnen wir mit einer der letzten, aber zweifelsfrei berühmtesten ägyptischen Königin: Kleopatra. Sie schreiben: „Sie kombinierte eine brillante Art zu führen mit einem produktiven Mutterleib.“ Erzählen Sie uns von der Dynastie der Ptolemäer und wie Kleopatra diese beiden Qualitäten für ihre Herrschaft nutzte.

Als Ptolemäer aufzuwachsen, war sicher eine Erfahrung, die einen traumatisiert hat. Jeder Sohn und jede Tochter der Ptolemäer hatte ein eigenes Gefolge, eigene finanzielle Mittel, eigene Quellen der Macht, aber auch einen Anteil an der gemeinsamen Macht [der Familie] – und all das in einem sehr exklusiven System von Geschwistern.

Die sich gegenseitig umbrachten ...

Das Vermächtnis der Pharaoninnen

Ja, sie brachten sich gegenseitig regelmäßig und völlig ungestraft um. Meine Lieblingsgeschichte der Ptolemäer ist die von Kleopatra II., die mit ihrem Bruder verheiratet war. Es kam zu einem großen Streit und der Bruder wurde ermordet. Dann heiratete sie einen ihrer anderen Brüder. Ihre Tochter, Kleopatra III., stürzte ihre Mutter schließlich und heiratete ihren Onkel, einen Bruder von Kleopatra II. Dann schickte sie ihre Mutter ins Exil. Später schickte ihr Onkel ihr [Kleopatra II.] zum Geburtstag ein Päckchen mit ihrem eigenen Sohn, der in kleine Stücke gehackt worden war. Aus politischen Gründen fanden sie dann alle wieder zueinander.

Kleopatra ist vermutlich die einzige Frau in unserer Geschichte, die ihre Fähigkeit zur Fortpflanzung wie ein Mann eingesetzt hat – nämlich, um ein Vermächtnis zu hinterlassen. Die anderen Frauen regierten entweder im Namen eines jungen Kindes oder hatten den Thron bestiegen, weil es keinen männlichen Erben gab und sie diese Lücke füllen mussten. Kleopatra nutzte ihren produktiven Mutterleib, um mit zwei römischen Kriegsherren Kinder zu zeugen. Sie hatte ein Kind mit Julius Caesar und drei Kinder mit Marcus Antonius – darunter auch noch Zwillinge – und überlebte das Ganze. Dann übertrug sie jedem Kind die Verantwortung für einen Teil ihres wachsenden Reiches im Osten, das in Konkurrenz zum westlichen Römerreich stand. Wenn Marcus Antonius nicht so furchtbar dumme Entscheidungen getroffen hätte, würden wir über sie und ihr Erbe heute vermutlich anders sprechen.

Uns wurde sie als große Schönheit überliefert, aber wir müssen annehmen, dass sie zumindest teilweise ein Produkt inzestuöser Verbindungen war. Und Inzest bringt keine hübschen Menschen hervor. Ich denke da an den riesigen Kopf von Karl II., der spezielle Kissen brauchte und kaum kauen konnte. Auch die Münzprägungen Kleopatras stellen sie nicht als große Schönheit dar. Die schriftlichen Überlieferungen, die von ihr berichten, lassen eher auf ihre Scharfsinnigkeit, ihre Redegewandtheit und ihre Intelligenz schließen. Was auch immer dafür gesorgt hat, dass diese römischen Kriegsherren sich so zu ihr hingezogen fühlten, sie hat es genutzt. Sie hat ihre persönlichen Kontakte besser genutzt als irgendeine andere Frau in meinem Buch.

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Kommen wir zu einer anderen legendären Königin. Sie schreiben: „Nofretete ist, mehr noch als jede andere ägyptische Königin, das Sinnbild wahrhafter, erfolgreicher weiblicher Macht.“ Stellen Sie uns diese außergewöhnliche Frau vor und erklären Sie, wie sie Ägypten in einem kritischen Moment seiner Geschichte rettete.

Im Vergleich zu den anderen Frauen ist es relativ schwierig, über Nofretete zu sprechen, da die Ägyptologen sie erst jetzt als das entdecken, was sie eigentlich war, nämlich eine Herrscherin ihres Volkes. Bisher haben wir hauptsächlich über ihre Schönheit gesprochen, die anhand der Büste im Neuen Museum in Berlin ersichtlich wird. Aber als sie zu einer politischen Führungsfigur aufstieg, änderte sie ihre Identität. Sie gab sich einen neuen Namen und wurde nicht länger auf so feminine Weise dargestellt.

Wenn ich sage, dass Nofretete die erfolgreichste unserer weiblichen Herrscher war, meine ich damit, dass sie das Chaos beseitigte, welches ihre männlichen Vorgänger angerichtet hatten. Sie hat ihre weibliche, emotionale Seite genutzt, um das zu erreichen. Sie hatte kein Interesse daran, ihre eigenen Ambitionen in den Vordergrund zu rücken. Sie hat nicht einmal auf eine Art und Weise einen Machtanspruch erhoben, dass Historiker ganz konkret sagen könnten, wie sie herrschte. Sie hat all die Beweise für ihre Machtergreifung verborgen.

Unter Ägyptologen wird noch immer heftig darüber diskutiert, ob sie überhaupt eine Mitregentin war, geschweige denn ein Alleinherrscher. Wenn dem so war, musste sie ihre weibliche Identität, die von Schönheit und verführerischen Reizen geprägt war, auslöschen. Das spricht Bände darüber, was politische Macht ausmacht – und was sie mit Frauen macht.

Warum glauben Sie, dass die alten Ägypter mächtige Herrscherinnen nicht nur akzeptierten, sondern sie sogar willkommen hießen, während die USA eher noch eine Aversion gegen mächtige weibliche Staatsoberhäupter zu haben scheinen?

Die USA sind da keine Ausnahme. Ein Großteil der Welt zeigt einen gewissen Widerwillen gegen mächtige weibliche Oberhäupter. Ich würde auch jedem davon abraten, sich als aufgeklärter zu betrachten, nur weil sein Land schon mal ein weibliches Staatsoberhaupt hatte. Die Orte, an denen Frauen gewählt wurden, sind parlamentarische Systeme ohne Direktwahl. Man wählt seine parlamentarischen Vertreter und die wählen dann das Staatsoberhaupt. Das sieht man zum Beispiel in Großbritannien oder Indien, aber auch andernorts.

Inwiefern waren die alten Ägypter da anders?

Erstens: Mein Buch ist eine Tragödie. [Lacht] Ich bin ja nicht hier, um revisionistische Geschichte zu schreiben. Ich erzähle die Dinge so, wie ich sie sehe. Diese Frauen im Alten Ägypten dienten einem Patriarchat in einem Kontext der sozialen Ungleichheit. Sie sprangen ein, um ihre Männer, Brüder oder Söhne zu unterstützen. Der Grund für die vielen weiblichen Herrscher Ägyptens war jedes Mals aufs Neue, dass Ägypten sehr risikoscheu war und um jeden Preis dafür sorgen wollte, dass die göttliche Dynastie eines Pharaos andauerte. Die Ägypter wussten, dass Frauen anders regierten, dass sie keine Kriegsherren oder Vergewaltiger waren und einen nicht mitten in der Nacht erwürgten. Nicht, dass sie nicht fähig wären zu morden. Aber auch heute begehen Frauen weniger Gewaltverbrechen, und wir sollten davon ausgehen, dass das in der Antike genauso war.

Galerie: Tutanchamun, Nofretete und ein verzweigter Stammbau

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Eine Ihrer liebsten ägyptischen Königinnen ist eindeutig Hatschepsut. Warum bewundern Sie gerade diese Frau?

Sie hat Ägypten besser hinterlassen, als sie es vorgefunden hat! Sie hat Ägypten und ihre Dynastie auf ein solides Fundament gestellt und den nächsten König hervorgebracht, Thutmosis III. Aus ihm wurde später der Napoleon Ägyptens und er erweiterte die Grenzen des Reiches in noch nie dagewesenem Umfang. Sie hat sich die religiöse Ideologie sehr geschickt zunutze gemacht, um sich mit unantastbarer Macht auszustatten. Sie hat ihrem Volk erzählt: „Der Gott hat mich erwählt, das sind nicht meine eigenen Ambitionen, das ist nicht mein eigener Wunsch, aber mein Vater, der Gott Amun-Re, hat zu mir gesprochen und mir gesagt, dass ich das tun muss.“

Ich bin so fasziniert von Hatschepsut, weil sie alles so perfekt gemacht hat, was wirklich idealisiert wird. Erfolg ist auf gewisse Weise sehr austauschbar. Das ist etwas, das jeder für sich verbuchen oder sich einfach selbst zuschreiben kann. Man kann ihren Namen ganz einfach aus den Reliefs entfernen, die zeigen, wie sie Obelisken bauen lässt oder Expeditionen in das Goldland Punt entsendet. Stattdessen könnte wer auch immer dort seinen eigenen Namen einsetzen lassen.

Versagen ist im Gegensatz dazu nicht so abstrakt. Das geht mit Selbstmord durch Nattern oder Seegefechten einher, bei denen alles furchtbar schiefläuft. Das wird sehr individualisiert. Deshalb erinnern wir uns an Kleopatra. Shakespeare hat ein Drama über sie geschrieben. Hatschepsut hingegen müssen wir aus der Asche der Geschichte auferstehen lassen und herausfinden, warum weibliche Erfolge so leicht ignoriert werden, während weibliches Versagen so verherrlicht wird.

Sie betonen, dass die Macht dieser Frauen „eine kurzfristige Illusion“ war. Für gewöhnlich wurden sie aus den historischen Aufzeichnungen auch entfernt. Was war der Grund dafür?

Diese Frauen waren Platzhalter in einem deutlich größeren Machtsystem, das auf Maskulinität basierte. Sie waren da, um sicherzustellen, dass der nächste Mann in der Erbfolge in diesen Machtzirkel treten konnte. Es gibt einfache biologische Gründe, die uns dabei helfen zu verstehen, warum es für Frauen schwieriger war, im Zentrum dieser Macht zu stehen. Sie können ein, eventuell zwei Kinder pro Jahr haben. Ein Mann hingegen kann hunderte Kinder zeugen, und zwar ohne die hormonellen Veränderungen und die ganzen körperlichen Risiken, die damit einhergehen. Die Frau steht also in einem Moment der Krise ein, um das Patriarchat zu beschützen, wenn etwas mit der Thronfolge von Mann zu Mann nicht funktioniert. Sobald das patriarchale System wieder einspringen kann, wird die Frau entfernt. Von den sechs Frauen in meinem Buch wurden fünf als König bezeichnet. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass sie ein paar Generationen später nicht einfach wieder ausgelöscht werden, wenn es einem Mann gerade passt, sie aus der Geschichte zu entfernen und ihre Erfolge für sich zu verbuchen.

Erzählen Sie uns etwas über das Vermächtnis dieser sagenhaft reichen und mächtigen Frauen. Können wir auch heute noch etwas von ihnen lernen?

Erstens: Wenn rassistische Vorurteile uns gewissermaßen in die Wiege gelegt werden, dann könnte das auch auf Sexismus zutreffen. Ehe wir nicht anfangen, das in Worte zu fassen und darüber zu sprechen, welche Form das annehmen kann, werden wir nicht in der Lage sein, Sexismus zu überwinden.

Zweitens: Gemeinhin wird die Emotionalität der Frau als ihre größte Schwäche angesehen, ihre Fähigkeit zu weinen und das Leid anderer Menschen nachzuempfinden. Aber diese Fähigkeit könnte das einzige sein, was uns durch das 21. Jahrhundert bringt. Aufgrund dieser Emotionalität begehen Frauen weniger Gewaltverbrechen, wollen keine Kriege führen und treffen differenziertere Entscheidungen. Genau das lässt die Hand eher vor dem großen roten Knopf zurückschrecken als mit der Faust draufzuhauen. Diese Frauen regierten auf eine Art und Weise, die den Männern in ihrem Umfeld eine gewisse Sicherheit gewährte und sicherstellte, dass ihre Dynastien fortgeführt wurden.

Diese Frauen flüstern mir aus der Vergangenheit zu, dass wir etwas anders machen müssen. Was mich an ihnen am meisten fasziniert, ist ihr Beschützerinstinkt; ihre Fähigkeit zur Zusammenarbeit; ihr Interesse an feinen Nuancen; ihr Bestreben, lieber Brücken zu bauen als sie einzureißen. Es geht nicht immer nur um maskuline Aggression und Wirtschaftswachstum. Wenn wir von diesen Frauen etwas lernen, dann ist es, nicht nur kurzfristige Lösungen zu erarbeiten, sondern an unsere Zukunft zu denken – an unsere Kinder und Enkelkinder.

Das Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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