Geschichte und Kultur

„Dark Tourism“ – Selfies aus der Sperrzone

Sind Besuche an tragischen Orten moralisch verwerflich? Freitag, 15 März

Von Robert Reid

Es scheint fast so, als könnte man heutzutage kaum noch einen Monat hinter sich bringen, ohne im Internet über jemanden zu stolpern, der in ein Selfie-Fettnäpfchen getreten ist.

Touristen posten Fotos davon, wie sie in Auschwitz stolz den hochgestreckten Daumen in die Kamera halten oder lassen sich grinsend in einem rostigen Autoscooter in Pripyat ablichten – jener ukrainischen Stadt, die 1986 nach dem Atomunfall in Tschernobyl evakuiert werden musste. Auch das Berliner Holocaust-Denkmal dient in vielen Selfies als Kulisse.

Oft dauert es nicht lange, bis sich unter den Bildern, die auf Instagram & Co gepostet werden, die Kommentarspalten mit entrüsteten Äußerungen füllen. Gerade der Begriff „Dark Tourism“ (im Deutschen oft als „Schwarzer Tourismus“ übersetzt) taucht in diesem Kontext immer häufiger auf und lässt wie bei so vielen modernen Anglizismen vermuten, dass es sich um ein modernes Phänomen handelt.

Tatsächlich hat es die Menschen aber schon lange vor der Erfindung des Selfie Sticks an Orte gezogen, die von Leid und Tod geprägt sind.

In seinem Reisetagebuch „Die Arglosen im Ausland“ widmete der Autor Mark Twain der Stadt Pompeji ein ganzes Kapitel. Im Jahr 1863 strömten Touristen in Scharen auf das Schlachtfeld von Gettysburg, auf dem sich noch kaum der Qualm verzogen hatte, um das Ergebnis einer der blutigsten Schlachten des Amerikanischen Bürgerkriegs zu betrachten. Anton Tschechow hängte 1890 seine erfolgreiche Karriere als Bühnenautor an den Nagel, um der erste „Gulag-Tourist“ der Welt zu werden. Und dann gibt es natürlich noch das Taj Mahal. Das berühmte Mausoleum, das viele Selfies ziert, gilt schon seit einem halben Jahrtausend als Muss für Weltreisende.

Vom September 11 Memorial und dem Kolosseum in Rom bis zum Murambi Genocide Memorial Center in Ruanda mangelt es nicht an Touristenorten, die von „Tod, Katastrophen und dem scheinbar Makabren“ geprägt sind“, wie es das Institute for Dark Tourism Research in Großbritannien formuliert.

Obwohl das Phänomen des Dark Tourism an sich nicht neu ist, brachte es trotzdem eine Neuerung mit sich: die Art und Weise, wie bestimmte Orte und Erlebnisse vermarktet werden.

Besucher der Tunnel von Củ Chi bei Ho-Chi-Minh-Stadt werden mit dem Versprechen gelockt, eine AK-47 in dem berühmten Labyrinth des Vietcongs abfeuern zu dürfen ... gegen einen Aufpreis. Bei manchen Touren in die Golanhöhen unter israelischer Kontrolle schwingt die Hoffnung mit, dass Besucher echte Raketen in einer aktiven Kriegszone sehen könnten.

Für mich liegt das Problem weniger in der Wahl des Reiseziels und mehr in der Absicht, die hinter dieser Wahl steckt. (Ein Unterschied, der auch im Rahmen von Justin Biebers Besuch im Anne-Frank-Haus diskutiert wurde – er schrieb dort ins Gästebuch, dass er hofft, sie wäre sein Fan gewesen.)

Die erste Frage, die wir uns in diesem Sinne stellen sollten, lautet: Reisen wir an einen bestimmten Ort, um mehr über ihn zu erfahren oder um anzugeben und unsere krankhafte Neugier zu befriedigen?

Das gilt natürlich nicht nur für Touristen. Es gibt einen Unterschied zwischen Leuten, die Touren buchen, und Leuten, die eben diese Touren ausarbeiten, durchführen und davon profitieren. 

Manche Reiseanbieter schrecken anscheinend nicht davor zurück, Fakten zu verdrehen oder zu erfinden oder gerade die blutigen Aspekte mancher Orte überspitzt darzustellen. Andere wiederum gehen sensibler mit Thematiken wie Völkermord, Terrorismus und Nuklearkatastrophen um und behandeln sie mit der angemessenen Sorgfalt und Würde. 

Wenn wir uns den erschütterndsten Beispielen dessen stellen, was Robert Burns als „des Menschen Unmenschlichkeit dem Menschen gegenüber“ bezeichnete, kann das zu einer zutiefst bewegenden Erfahrung werden. Sie kann uns Krieg, Unterdrückung und Gewalt auf eine Weise nachvollziehen lassen, die unsere eigene Empathie und unser Mitgefühl stärkt. 

Als ich über diesen Artikel nachdachte, ging ich in Gedanken oft meine denkwürdigsten Momente auf Reisen durch. Viele der Orte, die ich besucht hatte – Konzentrationslager, Schauplätze von Massakern und politischen Anschlägen, Schlachtfelder –, würden wohl als „dark“ oder morbide durchgehen.

Was mir an meinem Besuch im ehemaligen Warschauer Ghetto aus dem Zweiten Weltkrieg am meisten in Erinnerung geblieben ist, ist ein anderer Besucher: ein weißhaariger Mann, der eine Nummer auf den Arm tätowiert hatte. Als ich das bemerkte, bestätigte er meine stumme Nachfrage mit einem Nicken. Diese Erfahrung hat die Geschichte für mich real und greifbar gemacht. 

Manche Kritiker zeigen sich betrübt über die Kommerzialisierung solcher Schauplätze. Aber ich glaube, dass die gute Absicht hinter der Präsentation dieser Orte ein Katalysator für Heilung und Veränderung sein kann – ganz gleich, was für Snacks man im Café des Besucherzentrums kaufen kann.

Viele US-Amerikaner kritisierten beispielsweise Russland dafür, dass es den Millionen von Gulag-Opfern nicht gedenkt (Tatsächlich gibt es in der entlegenen Hafenstadt Magadan ein entsprechendes Monument, die Maske der Trauer. Auch da bin ich schon gewesen). Gleichzeitig eröffnete die erste richtige Gedenkstätte, die sich mit der Geschichte der Sklaverei aus Sicht der Versklavten befasst, erst 2014 (finanziert durch private Spenden). Ich denke, es ist immer eine gute Sache, ein Unrecht zu thematisieren, das in der Vergangenheit geschehen ist – auch, wenn das längst überfällig ist.

Ein weiterer besonderer Moment auf meinen Reisen ereignete sich 2014 bei einem Besuch des Tower of London. Zum Gedenken an den 100. Jahrestag des Kriegseintritts Großbritanniens im Ersten Weltkrieg füllte sich der Burggraben des Towers im Laufe des Sommers Stück für Stück mit 888.246 roten Mohnblumen – eine für jeden gefallenen britischen Militärangehörigen. Ich habe eine Stunde damit verbracht, an dem roten Fluss aus Keramikblumen entlangzulaufen. Diese physische Darstellung jedes einzelnen verlorenen Lebens war die stärkste Antikriegsbotschaft, die ich je gesehen habe. 

Natürlich ist jedes Reiseziel auf der Welt auf irgendeine Art makaber. Selbst an jenen malerischen Orten, die wir als „zum Sterben schön“ bezeichnen würden, kam es schon zu Naturkatastrophen, Gewalt und Vertreibung. Und vielleicht gehört das Wissen um die Schattenseiten eines Ortes dazu, um seine Schönheit würdigen zu können.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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