„Die Malerei Leonardo da Vincis ist weiblich“

500 Jahre nach seinem Tod beleuchtet die Kunsthistorikerin Kia Vahland eine bisher erstaunlich wenig beachtete Seite des großen Künstlers. Dienstag, 17. September 2019

Die „Anbetung der Könige“ zeigt in der Mitte eines vielköpfigen Figurentheaters eine schöne, in sich ruhende Maria. Da Vinci stellte dieses 1481 in Auftrag gegebene Gemälde nie fertig, sondern veränderte es immer wieder.
Die „Anbetung der Könige“ zeigt in der Mitte eines vielköpfigen Figurentheaters eine schöne, in sich ruhende Maria. Da Vinci stellte dieses 1481 in Auftrag gegebene Gemälde nie fertig, sondern veränderte es immer wieder.
bild Paolo Woods und Gabriele Galimberti

Frau Vahland, Sie haben ein Buch über „Leonardo da Vinci und die Frauen“ geschrieben. Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Während meiner Promotion über Bildnisse schöner Frauen der Renaissance fiel mir auf, wie grundlegend Leonardos Einfluss auf das Frauenbild in der Kunst war, wie er plötzlich und sehr früh die Frau im Bild mit dem Mann vor dem Rahmen ins Gespräch bringt, sie in eine Beziehung zueinander setzt. Das greifen viele andere wie Tizian oder Raffael dann auf. Doch obwohl Leonardo am liebsten Frauen malte, wurde das nie im größeren Rahmen systematisch untersucht. Ich habe dann viele Quellen gelesen, seine eigenen Notizen, Briefe seiner Zeitgenossen, Steuerunterlagen, und es bestätigte sich: Wer Leonardo verstehen will, muss sich mit seinem Verhältnis zum Weiblichen beschäftigen.

Was ist das Besondere an seinen Frauenbildnissen?

Sie brechen mit allem, was es bis zu dem Zeitpunkt in der Porträtmalerei gab und begründen vieles, was uns heute selbstverständlich scheint. Mit da Vinci gibt es erstmals einen innigen Dialog zwischen Bildfigur und Betrachter, entwickelt sich eine Intimität zwischen beiden. Seine Frauen wenden ihren Blick dem Betrachter zu und zeigen Emotionen – bis zu da Vinci war das undenkbar. Gerade die Florentiner Frauenbildnisse waren meist Brautbildnisse, auf denen die Frauen keusch zur Seite gucken mussten. Ihre Körper wurden reich mit Schmuck behängt, aber ihre Gesichter erscheinen oft schablonenhaft. Dagegen ist da Vincis Bildnis der Ginevra de‘ Benci das erste psychologische Porträt der italienischen Kunstgeschichte. Er malt sie dem Betrachter zugewandt und in einfacher Kleidung, obwohl sie einer der reichsten Familien der Stadt entstammt.  Er verweigert sich den Statussymbolen und betont die inneren Werte dieser Frau.

Wer ist diese Frau, die er so neu zeigt?

Sie hat Gedichte geschrieben – und zwar zwei Generationen vor Vittoria Colonna, die bislang als erste bekannte publizierte italienische Dichterin galt. Ginevra de‘ Benci hatte keine weiblichen Vorbilder in der Dichtung, sie musste ihre eigene Sprache finden. Und ausgerechnet diese Frau, die so sehr auf einer eigenen Stimme besteht, die malt Leonardo da Vinci. Nicht mehr mit dem keuschen Blick zur Seite, nein, sie reagiert und wendet sich dem Betrachter zu, schaut aber zugleich in sich hinein.

Ginevra de Benci ist nicht die einzige Frau, die da Vinci porträtiert. Abgesehen von wenigen uns bekannten Ausnahmen zeigen seine Gemälde ausschließlich Frauen – Könige, Päpste und Fürsten fehlen völlig. Männer scheinen ihn weniger interessiert zu haben, obwohl er selbst vermutlich homosexuell war. Wie erklären Sie das?

Seine Malerei ist weiblich. Es geht ihm aber nicht nur darum, schöne Frauen zu malen, er will auch seinen großen Respekt vor der Natur zu zeigen. Die Frau kann Leben geben, genau wie die Natur. Beide bilden eine Einheit für ihn. Im Kern handelt all sein Schaffen davon, die Natur darzustellen und zu verstehen. Seine Erkenntnisse aus den vielen unterschiedlichen Disziplinen, mit denen er sich beschäftigt hat, fließen sämtlich in seine Malerei ein. Durch ihn wird die Malerei zum Leitmedium seiner Epoche.

Malt da Vinci die Ginevra de‘ Benci wie auch die berühmte Mona Lisa und weitere seiner Frauenfiguren vor einer phantastischen Landschaft, um die Verwandtschaft der Frauen mit der Natur zu betonen?

Frauen nicht mehr in einem geschlossenen Raum zu zeigen, war Ausdruck seiner Philosophie einer Verbindung von Mikro- und Makrokosmos, von kleiner, hier weiblicher Person und dem großen Weltganzen. Da Vinci malt die Mona Lisa vor einer Landschaft mit unterschiedlichen Horizonten. Auf der einen Seite ist die Landschaft ausgestorben, auf der anderen, der rechten Seite dagegen üppig mit einem reißenden Strom. Die Mona Lisa lächelt nur mit einem Mundwinkel und zwar in Richtung der Seite der fruchtbaren Landschaft, in die andere Richtung nicht.

Mit der Mona Lisa zeigt er den Kreislauf der Natur, Geburt und Tod?

Und möglicherweise spielt er auch auf das Sterben der Welt an, wovor er unglaubliche Panik hatte. Da Vinci hatte verschiedene Ideen, wie die Welt untergehen könnte: durch Ertrinken oder Austrocknen. Er stellte sich unterirdische Wasseradern vor, die entweder versiegen würden oder im Gegenteil irgendwann die Erde unter Wasser setzen. Er war sich sicher, dass die Erde wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft untergehen würde. So zeichnete er die Sintflut und Windmassen, die ganze Ortschaften wegpusten. Bei seinen großen Frauengemälden mit den Landschaften im Hintergrund ist das anders: Da gibt es Maria, ihre Mutter Anna oder eben die Mona Lisa, die dem Sterben etwas entgegenhalten. Jede Geburt ist eine Möglichkeit zum Neuanfang.

Leonardo da Vinci schreibt, eine gemalte Figur solle »die Leidenschaft ihrer Seele« ausdrücken – dem steht der Verhaltenscodex für Frauen seiner Zeit entgegen. Wie sind seine Porträts von Zeitgenossen bewertet worden?

Die Leute haben ihn nicht ganz verstanden und teilweise auch mit Befremden betrachtet. Es gab in der Renaissance eine große Debatte, was Frauen überhaupt können: Können sie lieben? Oder sind sie nur passive Empfängerinnen der Liebe und des Samens des Mannes? Leonardo da Vinci positioniert sich ganz klar auf Seiten der Frauen und nimmt sie als eigenständige Subjekte wahr.

Während wir heute Emotionalität eher mit dem Weiblichen verbinden, oder?

Das stimmt. Aber seinerzeit war es im Gegenteil der Mann, der als emotional galt. Einer der als Schriftsteller große Gefühle entwickelt am Sujet der abweisenden Frau, wie der schon damals berühmte Petrarca. Die Frau ermöglicht es ihm erst, seine Gefühle zu entfalten. Petrarcas Liebesgedichte an Laura sind in der Renaissance das vielleicht beliebteste literarische Werk.

War Leonardo so gesehen ein Gegenspieler Petrarcas?

Mit dem Bildnis der Ginevra de‘ Benci reagiert er auf Petrarca und setzt sich kritisch mit ihm auseinander. Da Vinci zeigt Frauen idealisiert, aber als Wesen aus Fleisch und Blut. Das sieht man an der Mona Lisa: Er baut sie Schicht für Schicht auf. Mit kleinen Zinnoberkörnchen simuliert er die Blutzirkulation in der Haut, malt auch die feinsten Äderchen. Da Vincis Frauen sind nicht ätherisch überhöht wie in Petrarcas Gedichten oder Botticellis Gemälden, sondern eigensinnig, real und klug. Da Vinci trennt nicht zwischen Eros und Geist, zwischen Sittlichem und Gedanklichem, sondern kann sich beides nur zusammen vorstellen. Ich finde, das ist im ganzen Menschenbild revolutionär und begründet seine gesamte Kunst. Über Maler, die Frauen anders malen, macht er sich lustig: „Die erschrecken und verscheuchen ja mit ihren dominanten Engeln auf den Verkündigungsbildern die Maria, das geht doch nicht.“

Die Kunsthistorikerin Kia Vahland zeigt Leonardo da Vinci als Vorreiter der Emanzipation, der mit jedem Gemälde einer schönen Frau auch die Kunst erneuerte.
Die Kunsthistorikerin Kia Vahland zeigt Leonardo da Vinci als Vorreiter der Emanzipation, der mit jedem Gemälde einer schönen Frau auch die Kunst erneuerte.
bild Alessandra Schellnegger

Können uns Leonardo da Vincis Frauenbilder heute noch etwas sagen?

Wir hängen selbst an Geschlechterstereotypen und reproduzieren sie immer wieder. Leonardo zeigt: Es geht auch anders, man muss nicht zwischen dem Sinnlichen und Intellektuellen trennen, man kann auch auf Augenhöhe kommunizieren, kann etwas ganz Neues denken und erfinden. Darin liegt die Freiheit in da Vincis Kunst. Für uns kann das eine positive Utopie sein. Leonardo da Vinci passt gerade heute zu uns, nur anders, als wir immer dachten: Nicht als einsamer, genialischer Tüftler, sondern als dialogfähiger, empathischer Künstler mit hohem Respekt vor Menschen, Tieren, Pflanzen, der ganzen Natur.

Lesen Sie auch unsere Titelgeschichte "Das Genie Leonardo da Vinci" in Heft 9/2019 des National Geographic-Magazins!

Die gekürzte englischsprachige Titelgeschichte finden Sie hier.

 

 

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