Geschichte des Handschlags: Warum fassen wir so oft Fremde an?

Küsschen, Handschlag, Umarmungen: Diese Gesten erfüllen je nach Zeit und Ort unterschiedliche Funktionen und reichen bis weit in die Antike zurück.

Montag, 16. März 2020,
Von Nina Strochlic
Schon seit Jahrtausenden schütteln sich Menschen aus verschiedensten Gründen die Hände. Auf dieser Aufnahme gibt der ...
Schon seit Jahrtausenden schütteln sich Menschen aus verschiedensten Gründen die Hände. Auf dieser Aufnahme gibt der Senator Norbert F. Kennedy seinen Anhängern während eines Kampagnenauftritts die Hand.

Ein Handschlag, ein Kuss oder eine Umarmung können viel sagen. Im Laufe der Geschichte wurden solche Begrüßung genutzt, um Freundschaft zu signalisieren, einen Handel abzuschließen oder Frömmigkeit auszudrücken. Wer andere Menschen berührt, kann aber auch etwas ganz anderes mit ihnen teilen: Krankheiten.

Im Zuge der steigenden Fallzahlen von COVID-19 hat Frankreich seine Bürger dazu angehalten, auf die charakteristischen Wangenküsse zu verzichten. Weltweit nehmen es die Leute mit Humor und ersetzen solche und andere Berührungen durch Taps mit den Füßen oder Ellbogen oder durch die vulkanische Begrüßung aus „Star Trek“. Da ihre Geschichte allerdings Jahrtausende weit zurückreicht, ist es unwahrscheinlich, dass Handschläge, Umarmungen und Küsse so schnell aus unserem Repertoire verschwinden.

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Eine verbreitete Theorie zu den Ursprüngen des Handschlags besagt, dass er als eine Geste des Friedens begann. Wer die Hand eines anderen nimmt, zeigt, dass er in seiner eigenen Hand keine Waffe trägt. Durch das Schütteln wird sichergestellt, dass das Gegenüber nichts in seinem Ärmel versteckt. Solche Handschläge sind auf vielen antiken Objekten dargestellt, von Vasen über Grabsteine bis hin zu Reliefs, in denen Hochzeiten, Händel zwischen Göttern, die Verabschiedung junger Krieger in den Krieg und die Ankunft von Toten im Nachleben gezeigt werden. In der Literatur gehen diese Gesten bis auf die „Odyssee“ und die „Ilias“ zurück.

Ein Steinrelief aus dem neunten Jahrhundert vor Christus zeigt den assyrischen König Salmanassar III., der einem Babylonier die Hand schüttelt. Handschläge tauchen in Kunstwerken aus der Antike immer wieder auf.
Bild DeAgostini, Getty

Die vielseitige Verwendung des Handschlags in Freundschaft, Romantik und Business macht eine Interpretation oft schwierig. „Der Handschlag ist auch heute noch ein beliebtes Bild, weil wir ihn als komplexes und mehrdeutiges Motiv betrachten“, schreibt die Kunsthistorikerin Glenys Davis in einer Analyse der Geste in der klassischen Kunst.

In Amerika gewann der Handschlag wahrscheinlich im 18. Jahrhundert durch die Quäker an Bedeutung. In ihrem Bestreben, auf Hierarchien und sozialen Rang zu verzichten, wichen sie auf den Handschlag aus, den sie als demokratischere Begrüßung im Vergleich zur damaligen Verbeugung, zum Knicks oder zum Abnehmen des Hutes empfanden. „Stattdessen machten sie vom Handschlag Gebrauch, und zwar unabhängig vom sozialen Status, wie wir das auch heute noch tun“, schreibt der Geschichtswissenschaftler Michael Zuckerman.

Es gibt womöglich eine wissenschaftliche Erklärung für den andauernden Erfolg dieser Geste. Für eine Studie aus dem Jahr 2015 ließen Forscher hunderte von Fremden einander die Hände schütteln und filmten das Prozedere. Sie fanden heraus, dass fast ein Viertel der Teilnehmer im Anschluss an ihren Händen roch. Sie stellten daher die Theorie auf, dass Handschläge unbewusst dazu genutzt werden, chemische Signale zu entdecken und womöglich zu kommunizieren – so, wie das auch andere Tiere tun, wenn sie sich gegenseitig beschnuppern.

Begrüßungsküsse haben eine ähnlich bunte Geschichte. Sie wurden schon früh Teil christlicher Zeremonien. „In seinem Römerbrief wies Paulus die Anhänger an, sich untereinander ‚mit dem Heiligen Kuss‘ zu grüßen“, schreibt Andy Scott in seinem Buch „One Kiss or Two: In Search of the Perfect Greeting“. Im Mittelalter galt ein Kuss als Zeichen der Treue und wurde außerdem genutzt, um Geschäfte zu besiegeln.

Heutzutage nennt man einen kurzen Kuss auf die Wange in Frankreich „la bise“ – die standardmäßige Begrüßung in einem großen Teil der Welt. Das Wort selbst stammt womöglich noch aus Zeiten der Römer, die für jede Art von Kuss eine eigene Bezeichnung hatten. Die höfliche Variante nannten sie „basium“. In Paris sind zwei Küsse üblich, in der Provence sind es drei und vier im Vallée de la Loire. Wangenküsse sind aber auch in anderen Ländern wie Ägypten, auf den Philippinen und in ganz Lateinamerika üblich.

Während der Pest im 14. Jahrhundert wurden diese Küsschen vermutlich nicht mehr praktiziert. Erst 400 Jahre später, nach der Französischen Revolution, kamen sie wieder in Mode. Im Jahr 2009 gab es aufgrund der Schweinegrippe ebenfalls eine kurze Bise-Pause. Auch Ende Februar 2020 empfahl der französische Gesundheitsminister, wegen der steigenden Fälle von Coronavirus-Erkrankungen darauf zu verzichten. „Wir empfehlen die Reduzierung sozialer Körperkontakte“, sagte er. „Das schließt auch la bise ein.“

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In ihrem Buch „Don’t Look, Don’t Touch“ schreibt die Verhaltenswissenschaftlerin Val Curtis von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, dass es noch einen anderen möglichen Grund dafür gibt, warum sich Menschen mit einem Kuss oder einem Handschlag begrüßen: Sie signalisieren damit, dass sie einander genug vertrauen, um ihre Keime zu teilen. Deshalb kann diese Praxis je nach der aktuellen Situation für die öffentliche Gesundheit mal mehr und mal weniger beliebt sein.

Im Jahr 1929 schrieb eine Krankenschwester namens Leila Given einen Artikel für das „American Journal of Nursing“, in dem sie beklagte, dass „das Finger Tipping und der hohe Handschlag“ der letzten Generation mittlerweile vom Händeschütteln abgelöst wurden. Sie warnte davor, dass Hände zahlreiche Bakterien übertragen können, und zitierte frühere Studien, die belegten, dass sich Keime über das Händeschütteln verbreiten. Sie empfahl den Amerikanern, den chinesischen Brauch zu übernehmen, bei dem man sich die eigenen Hände schüttelt, wenn man einen Freund begrüßt. „Zumindest würden dann unsere Bakterien bei uns bleiben“, schrieb sie.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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