Tiere

Schimpanse oder Mensch: Wessen Bett ist „sauberer“?

Zum ersten Mal haben Wissenschaftler die Mikroben in menschlichen Schlafstätten mit denen von Schimpansen verglichen. Die Ergebnisse sind überraschend.Donnerstag, 17. Mai 2018

Von Jason Bittel
Ein Schimpanse liegt im Bundesstaat Cross River in Nigeria entspannt in seinem Bett.

„Könnt ihr nicht eure dreckigen Pfoten von meinem Körper nehmen, ihr blöden Affen!“

Das Zitat von Charlton Heston aus dem Klassiker Planet der Affen von 1968 unterstreicht die Sichtweise vieler Menschen auf unsere engsten Säugetierverwandten sehr deutlich.

Dreckig.

Aber eine neue Studie, die am 15. Mai 2018 im Wissenschaftsmagazin Royal Society Open Science veröffentlich wurde, könnte uns dazu anhalten, diesen schlechten Ruf zu hinterfragen.

Durch die Analyse von Proben aus verlassenen Schimpansennestern im Issa Valley in Tansania fanden Wissenschaftler heraus, dass nur 3,5 Prozent der vorhandenen Bakterien von der Haut, dem Speichel oder den Exkrementen der Schimpansen stammten. In einer früheren Studie wurden in North Carolina die Betten von Menschen untersucht und hier lag das Ergebnis bei stolzen 35 Prozent.

Auch Parasiten wie Zecken oder Flöhe fand man in den Schimpansenbetten nur selten.

„Wir müssen unsere Sichtweise auf den Begriff ‚sauber‘ in unserer Umwelt neu überdenken“, sagt Megan Thoemmes, Leiterin der Studie und Doktorandin an der North Carolina State University.

WILLKOMMEN IM DSCHUNGEL

Doch bevor nun jeder seine Laken verbrennt und sich Betten aus Blättern baut, sollte man noch einige Dinge wissen.

Schimpansen bauen sich jeden Abend ein neues Nest und achten auch peinlich genau darauf, sich über den Rand des Nestes zu lehnen, wenn sie Kot und Urin absetzen.

Das erklärt unter anderem, warum ihre Schlafplätze geringere Konzentrationen der Bakterien aufweisen, die ihren Körpern anhaften, wie die Laken, in denen wir Menschen ein Drittel unseres Lebens verbringen.

Die Ergebnisse der Studie überraschten die Forscher dennoch.

Im Kongo benutzen Wissenschaftler im Goualougo-Dreieck eine ferngesteuerte Kamera, um die Lebensweise der Schimpansen zu beobachten, ohne ihr Verhalten zu beeinflussen.

„Wir gingen davon aus, dass wir eine Menge Ektoparasiten und viel Fäkalbakterien finden würden. Etliche Untersuchungen haben bereits die Ausbreitung von Fäkalbakterien im Fell von Schimpansen nachgewiesen“, sagt Thoemmes.

Hierbei ist zu beachten, dass sich die Studie nur mit den verschiedenen Bakterienarten  beschäftigt, die gefunden wurden, nicht mit der generellen Menge von Mikroben, sagt Jonathan Eisen. Er forscht im Fachbereich evolutionäre Mikrobiologie an der University of California in Davis und war nicht an der Studie beteiligt.

„Ich denke, es ist eine Definitionssache, aber für mich bedeutet ‚schmutziger‘ einfach ‚mehr Zeug‘“, meint Eisen.

Außerdem „ist die Vorstellung zwar vielleicht eklig, aber in den eigenen Mikroben zu sitzen ist nicht unbedingt schädlich für die Gesundheit“, erklärt Eisen. „Die Mikroben von anderen, nachdem sie dieses Individuum durchwandert haben, sind schon eher ein Problem.“

„Aus gesundheitlicher Sicht wäre es also am ekligsten, in Betten zu schlafen, die schon viele andere Menschen vorher benutzt haben.“

GESUNDE BAKTERIEN

Seit fast einem Jahrzehnt arbeitet Eisen an dem Projekt microBEnet oder Microbiology of the Built Environment (dt.: Mikrobiologie der bebauten Umgebung). Dieses Programm geht der Frage auf den Grund, wie die Veränderung vom Leben im Freien zum Leben in geschlossenen Räumen den Menschen und unsere Interaktion mit den Mikroben in unserer Umgebung beeinflusst.

Andere Studien fanden beispielsweise Zusammenhänge zwischen der Entwicklung von Autoimmunerkrankungen und Allergien beim Menschen mit dem Umstand, dass wir im Boden lebenden Bakterien weniger ausgesetzt sind, sagt Studienleiterin Thoemmes.

„Diese Verbindung zu verlieren hat negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden“, meint sie.

Frühere Studien untersuchten bereits Proben aus von Menschen geschaffenen Umgebungen, in denen Tiere lebten. Dazu gehörten Tierheime, Aquarien und Zoos. Bislang hat jedoch niemand menschliche Umgebung – unsere Betten – mit der Umgebung eines Wildtieres – den Schimpansennestern – verglichen.

Die neue Studie liefert leider nicht alle Daten, die Eisen gerne hätte. Dazu zählen zum Beispiel Proben von den Schimpansen, die diese Nester tatsächlich benutzt haben. Dennoch bezeichnet er die Arbeit als „wirklich neuartig“.

„Sie versuchen aufzubrechen, was wie in von Menschen geschaffenen Umgebungen sehen“, sagt er. „Das ist so cool.“

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