Büste von Arles: Rätsel um Cäsars wahres Gesicht

Gaius Julius Cäsar ist der berühmteste aller Römer. Wir glauben sein Gesicht zu kennen. Doch können wir da so sicher sein?

Von Mary Beard
Veröffentlicht am 13. Apr. 2022, 12:11 MESZ
Der deutsche Künstler Carl Theodor von Piloty schuf 1865 ein Bild der Ermordung Cäsars im römischen ...

Der deutsche Künstler Carl Theodor von Piloty schuf 1865 ein Bild der Ermordung Cäsars im römischen Senat im Jahr 44. vor Christus. Dessen Gesicht konnte Piloty nur auf Grundlage von dürftigen archäologischen Kenntnissen malen.

Foto von Carl Theodor von Piloty

Im September 2007 tauchte ein französischer Archäologe in der Nähe des südfranzösischen Arles in der Rhône, um im Flussbett nach Überresten der Antike zu suchen. Als er einen fein gearbeiteten Marmorkopf aus dem Wasser hob, rief der Leiter des Teams in einem dieser klassischen Entdeckungsmomente: „Putain, mais c’est César“ – frei übersetzt: „Verdammt, das ist ja Cäsar“. Mit anderen Worten: Es war eine Porträtbüste des heute wohl berühmtesten aller Römer – Julius Cäsar, Eroberer Galliens, charismatischer Diktator, Opfer des Attentats an den Iden des März 44 v. Chr. Er ist – vielleicht neben Kleopatra – die Persönlichkeit der Antike, die spätere Generationen am liebsten von Angesicht zu Angesicht getroffen hätten.

Büste von Arles: Sah Cäsar ganz anders aus?

Die Suche nach dem echten Cäsar hat sich zu einem unwiderstehlichen Sport entwickelt. In den 15 Jahren seit seiner Bergung ist der Marmorkopf aus der Rhône selbst zur Berühmtheit geworden. Er war Gegenstand von Sonderausstellungen und Fernsehsendungen und zierte sogar eine französische Briefmarke. Derzeit ist er ein Highlight des Museums Arles Antique. Besucher machen Selfies mit ihm. Mögliche Vorgeschichte des Fundes: Loyale Bürger des antiken Arles hatten die Büste zu Cäsars Lebzeiten aufgestellt. Nachdem sich das politische Klima nach seiner Ermordung verändert hatte, warfen sie sie in den Fluss. Erst rund zwei Jahrtausende später wurde der Kopf aus seinem nassen Grab geborgen.

Die große Frage: Woher wissen wir eigentlich, dass es sich um Julius Cäsar handelt? Der Marmorkopf trägt keinen Namen. Warum glauben wir, dass er es ist? In Europa und den Vereinigten Staaten wurden fast 80 antike Köpfe gefunden, von denen behauptet wird, dass es sich um echte Porträts Cäsars handelt. Wie können wir beurteilen, welche davon echt sind und welche nicht? Antike Schriftsteller berichten, dass Cäsar als Ausdruck seiner Macht die römische Welt mit seinem Bildnis überflutete. Aber können wir seinen Kopf unter den schätzungsweise Hunderttausenden anderer römischer Porträts erkennen, die in den Vitrinen unserer Museen stehen?

Die vermeintliche Cäsar-Büste aus der Rhône prägte in den letzten Jahren unsere Vorstellung des berühmten Römers. Heute ist sie im französischen Arles ausgestellt.

Foto von Mcleclat / Wikimedia Commons

Cäsars Markenzeichen: Lorbeerkranz und ausgeprägter Adamsapfel

Das Problem beschäftigt Archäologen seit Jahrhunderten. Es ist umso kniffliger, als keiner der möglichen Kandidaten seinen Namen trägt. (Als Faustregel gilt: Wenn ein Marmorkopf sauber mit dem Namen Julius Cäsar beschriftet ist, ist er eine Fälschung.) Der einzig sichere überlieferte Nachweis von Cäsars Aussehen sind Silbermünzen (2), die kurz vor seiner Ermordung geprägt wurden. Sie zeigen ein charakteristisches, hageres Gesicht mit faltigem Hals und ausgeprägtem Adamsapfel, gekrönt von einem Lorbeerkranz. Das Problem der Archäologen besteht darin, die dreidimensionalen Büsten mit den winzigen Abbildungen auf den Münzen abzugleichen.

Da kommt der Kopf aus der Rhône gerade recht. Die Stadt Arles hatte eine politische Verbindung zu Cäsar (er siedelte dort Veteranen an). Der Hals der Skulptur weist die erforderlichen Falten auf, und der Adamsapfel ist deutlich genug ausgeprägt. Einige Jahrzehnte lang wird er als Antlitz Cäsars gelten und eine Vielzahl von Hochglanzbuchumschlägen zieren. Vielleicht sogar zu Recht. Aber vermutlich werden früher oder später Zweifel entstehen. Dann wird ein anderer Kopf wiederentdeckt, der den Platz im Rampenlicht einnimmt. Das wahre Bild des Julius Cäsar liegt immer etwas außerhalb unserer Reichweite. Jede Generation findet für sich einen neuen Cäsar.

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Foto von NAtional Geographic

Dieser Artikel erschien in voller Länge im NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin März 2022. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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