Historische Hörbriefe: Sprachnachrichten sind über 100 Jahre alt

Nachrichten zum Anhören sind keine Erfindung von Whatsapp. In der Geschichte nutzten die Menschen diverse Medien, um die eigene Stimme festzuhalten – und zu versenden.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 9. Juni 2022, 09:01 MESZ
Phonograph mit drei Wachswalzen.

Edisons Phonographenwalze ist wohl das erste Gerät auf dem je eine Sprachnachricht aufgenommen und abgespielt wurde.

Foto von Khaled El-Adawi / Adobe

Der erste Mensch, der seine eigene Stimme aufnahm und auch wieder abspielte, war Thomas Edison. 1877 gelang es ihm auf seiner eigenen Erfindung, dem Phonographen, das Wort „hallo“ und einen Vers des Liedes „Mary had a little lamb“ aufzunehmen – und sich seine eigene Stimme anschließend auch anzuhören. 

Von der dieser ersten Aufzeichnung Edisons entwickelte sich die Idee der Stimmaufzeichnung über die Jahre rasant weiter – von der Wachswalze über die Schallplatte bis zur Kassette. Obwohl wir diese Art der Tonträger heute vor allem mit Musik oder Hörspielen in Zusammenhang bringen, wurden sie im Laufe des 20. Jahrhunderts auch als Medium für das Versenden von Hörbriefen verwendet: Die Sprachnachricht war geboren. 

In einem neuen Forschungsprojekt namens SONIME – Sonic Memories Audio Letters in Times of Migration and Mobility (dt. Audiobriefe in Zeiten von Migration und Mobilität) – analysieren Katrin Abromeit von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und die Zeithistorikerin Eva Hallama solche Sprachnachrichten aus vergangenen Zeiten – und untersuchen, welche Bedeutung sie für die Menschen hatten.

“Die frühen ersten Hörbriefe wurden auf Wachswalze aufgenommen und auch per Post verschickt. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte man dafür sogar eigene Verpackungen entwickelt.”

von Eva Hallama
Eva Hallama

Entwicklung der Sprachnachricht

Zehn Jahre nachdem er zum ersten Mal seine eigene Stimme abspielte, stellte Edison 1887 den sogenannten Wachswalzen-Phonographen vor. Dieses Gerät nahm die Nachrichten der Sprechenden mithilfe der von Chichester Alexander Bell und Charles Sumner Tainter entwickelten Phonographenwalze auf. Die Aufnahme lief über einen Trichter, der die Schallschwingungen der Stimme über eine Membran weiterleitete. Eine an der Membran angebrachte Stichel gravierte die Schwingungen dann als flache und tiefe Rillen in die Wachswalze. Eine auf diese Weise aufgenommene Nachricht versandte Edison im Jahr 1888 an seine Vertreter: Die wohl erste Sprachnachricht weltweit.

Ungefähr zeitgleich entwickelte der deutsch-amerikanische Erfinder Emil Berliner das Grammophon, das nicht mit Wachswalzen, sondern mit sogenannten Schellackplatten arbeitete – die Vorgänger des Schallplattenspielers und der bis heute genutzten (Vinyl-) Schallplatte.

Sowohl Wachswalzen als auch Schallplatten wurden von den Menschen schon früh dazu genutzt, Nachrichten aufzunehmen. Sie entwickelten sich schnell zum gängigen Kommunikationsmittel. „Die frühen ersten Hörbriefe wurden auf Wachswalze aufgenommen und auch per Post verschickt. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte man dafür sogar eigene Verpackungen entwickelt“, sagt Hallama. 

In den 1970ern schließlich etablierte sich die Kassette als beliebtestes – und kostengünstigstes – Medium. Das Aufnehmen und Versenden von Sprachnachrichten war nun noch mehr Menschen zugänglich.

Die Stimme als Erinnerungsspeicher

Das Interesse am Versenden des gesprochenen statt des geschriebenen Wortes zieht sich also schon seit dem späten 19. Jahrhundert durch die Geschichte. Im Rahmen ihres Forschungsprojektes sammeln Abromeit und Hallama deshalb nun genau solche Nachrichten, also Hörbriefe aus den Jahren 1900 bis 1990, um sie anschließend wissenschaftlich zu untersuchen. „Es soll eine repräsentative Sammlung von Hörbriefen werden – und gleichzeitig eine repräsentative Sammlung von Tonträgern“, so Abromeit.

Im Projekt soll es dann neben der individuellen Bedeutung der Aufnahmen auch darum gehen, diese in einen kulturgeschichtlichen Kontext zu bringen. Denn laut Hallama und Abromeit sind diese Sprachnachrichten aus vergangenen Zeiten als Erinnerungsspeicher von unschätzbarem Wert. Sicher auch, weil die Frequenz der Nachrichten damals weitaus geringer war als in der heutigen Zeit.

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