Bauboom in der Steinzeit: neues Wissen um Stonehenge

Nicht nur Stonehenge: Neue Entdeckungen offenbaren eine Ära der Jungsteinzeit, in der Menschen mit beeindruckendem Eifer monumentale Bauten schufen.

Von Roff Smith
bilder von Reuben Wu, Alice Zoo
Veröffentlicht am 27. Juli 2022, 23:57 MESZ
Stonehenge

Stonehenge ist eines der berühmtesten Monumente der Welt und wird seit vielen Jahrhunderten erforscht. Doch neue Technologien, so der Archäologe Vince Gaffney, „verändern unser Verständnis alter Landschaften – sogar das von Stonehenge, einem Ort, den wir gut zu kennen glaubten“.

Foto von Reuben Wu, Alice Zoo

Es muss etwas besonderes in der Luft gelegen haben, vor etwa 4500 Jahren, in den letzten Tagen der Jungsteinzeit im Süden Britanniens. Was immer es gewesen sein mag – religiöser Eifer, Tollkühnheit, ein Gefühl des Wandels –, es zog die Bewohner in seinen Bann, ja versetzte sie in einen Rausch. Binnen einer erstaunlich kurzen Zeitspanne – vielleicht sogar in nur einem Jahrhundert – errichteten Menschen ohne Metallwerkzeuge und ohne Pferdestärken viele der riesigen Steinkreise, kolossalen Holzpalisaden und großen Steinalleen Großbritanniens. Dafür beraubten sie die Wälder ihrer größten Bäume und bewegten Millionen Tonnen Erde.

„Es war eine regelrechte Manie, die das Land erfasste, eine Besessenheit, die sie dazu trieb, immer größer, immer mehr, immer besser und immer komplexer zu bauen“, meint Susan Greaney, Archäologin bei der gemeinnützigen Organisation English Heritage. Das berühmteste Relikt dieses Baubooms ist Stonehenge, die Ansammlung stehender Steine oder Menhire, die Millionen Besucher in die englische Salisbury-Ebene lockt. Seit Jahrhunderten fasziniert das uralte Megalithmonument alle, die es gesehen haben. Es gibt und gab Rätsel auf, auch dem mittelalterlichen Historiker Heinrich von Huntingdon. In einem Schriftstück aus der Zeit um 1130 n. Chr. – der ersten bekannten Erwähnung von Stonehenge in gedruckter Form – erklärte er es zu einem der Wunder Englands, von dem niemand wisse, wie es gebaut worden sei oder warum.

In den neunhundert Jahren, die seither verstrichen sind, wurde der nach der Sonne ausgerichtete Steinkreis Römern, Druiden, Wikingern, Sachsen und sogar Merlin zugeschrieben, dem Hofzauberer des sagenhaften Königs Artus. Die Wahrheit ist unergründlich, denn erbaut wurde das Monument von einem untergegangenen Volk, das keine Schriftsprache, keine Geschichten oder Legenden hinterließ, sondern lediglich verstreute Knochen, Scherben, Stein- und Geweihwerkzeuge – und eine Reihe ebenso mysteriöser Monumente, von denen einige Stonehenge an Größe und Erhabenheit womöglich sogar übertrafen.

Woodhenge wurde 1925 anhand von Luftaufnahmen eines Weizenfeldes entdeckt und bestand aus sechs konzentrischen Ringen hoch aufragender Pfosten, deren Standorte heute durch Betonpoller markiert sind. Wie das nahe gelegene Stonehenge war die Anlage auf den Mittsommer-Sonnenaufgang ausgerichtet.

Foto von Reuben Wu, Alice Zoo

Stonehenge: Produkt einer Migrationswelle

Eines der beeindruckendsten Bauwerke, heute als Mount Pleasant Superhenge bekannt, wurde auf einer grasbewachsenen Anhöhe mit Blick auf die Flüsse Frome und Winterborne errichtet. Ein Heer von Arbeitern hob mit Spitzhacken aus Geweihen und Schaufeln aus Rinderknochen einen riesigen ringförmigen, umwallten Graben aus, das Henge, das mit einem Umfang von 1,2 Kilometern mehr als dreimal so groß ist wie der Graben und Erdwall von Stonehenge. Innerhalb des riesigen Erdwerks errichteten die Erbauer einen Kreis aus hoch aufragenden Eichenholzpfosten, einige rund zwei Meter dick und mehr als 15 Tonnen schwer.

„Wir alle kennen Stonehenge“, sagt Greaney. „Schließlich ist es aus Stein erbaut und hat überdauert. Wie aber sahen diese Holzkonstruktionen aus? Sie waren gewaltig und dürften die Landschaft jahrhundertelang dominiert haben.“ Seit dem 17. Jahrhundert untersuchen Altertumsforscher und Archäologen Englands prähistorische Henges, Erdhügel und Steinkreise. Doch erst in den letzten Jahren erkannte man, dass viele dieser Bauwerke etwa zur gleichen Zeit und offenbar in großer Eile errichtet wurden. „Man ging immer davon aus, dass diese riesigen Monumente unabhängig voneinander und im Verlauf mehrerer Jahrhunderte entstanden“, erklärt Susan Greaney. Jetzt hat eine Fülle moderner Technologien neue Fenster in die Vergangenheit aufgestoßen. Sie ermöglichen es Archäologen, einen neuen, ungeahnten Blick auf die Welt der Steinzeit-Monumente im Süden Großbritanniens und ihrer Erbauer zu werfen.

„Es ist fast so, als würde man bei null anfangen“, meint Jim Leary, Dozent für Feldarchäologie an der University of York. „Von vielem, das wir als Studenten in den 1990er-Jahren gelernt haben, wissen wir heute, dass es nicht stimmt.“ Mit am verblüffendsten war die durch DNA-Analyse gewonnene Erkenntnis, dass um 4000 v. Chr. eine Massenmigration vom europäischen Festland stattgefunden haben muss. Die Welle der Neuankömmlinge, deren Abstammung Tausende von Jahren bis nach Anatolien zurückreicht, führte dazu, dass die indigenen britischen Jäger und Sammler durch Menschen abgelöst wurden, die Getreide anbauten und Viehzucht betrieben.

„Niemand hätte gedacht, dass es so abgelaufen ist“, sagt Leary. „Die Vorstellung, dass die landwirtschaftliche Revolution in Britannien durch eine große Migration ausgelöst wurde, schien allzu banal. Alle suchten nach einer differenzierteren Erklärung – einer Ausbreitung von Ideen. Nicht Menschenmassen, die in Boote steigen. Nun hat sich herausgestellt, dass es tatsächlich so trivial war.“ Einige der Migranten nutzten den kürzesten Weg an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals und überquerten die heutige Straße von Dover. Andere, die aus der Bretagne in Westfrankreich kamen, nahmen die längere und gefährlichere Überfahrt über das offene Meer nach Westbritannien und Irland auf sich. Manche dieser frühesten bretonischen Pioniere ließen sich an der zerklüfteten Küste von Pembrokeshire in Wales nieder. Möglicherweise waren es ihre Nachfahren, die etwa vierzig Generationen später die erste Version von Stonehenge errichteten.

Die Geschichte von Stonehenge beginnt im zerklüfteten Hügelland von Wales, wo Geologen den Carn Goedog und benachbarte Felsen als Ursprung der meisten Blausteine des Monuments ausgemacht haben. Warum die Erbauer die 1,8 Tonnen schweren Steine 280 Kilometer weit in die SalisburyEbene beförderten, ist ein Rätsel.

Foto von Reuben Wu, Alice Zoo

Monumentalbauten: Manischer Wurf einer untergehenden Gesellschaft?

Anfang des 25. Jahrhunderts v. Chr. müssen die Bewohner Britanniens von den technologischen Veränderungen gewusst haben, die mit der Entwicklung der Metallverarbeitung auf dem Kontinent einhergingen. Möglicherweise benutzten sie sogar schon Werkzeuge aus Kupfer, die sie durch Tauschhandel erwarben. Was den Bauboom auslöste und warum er zu Ende ging, bleibt ein Rätsel. Archäologen stellen jedoch einen zeitlichen Zusammenhang mit der aufkommenden Bronzezeit fest, die im Zuge einer weiteren Migrationswelle vom europäischen Festland nach Britannien gelangte. „Die Daten liegen extrem nahe beieinander“, sagt Susan Greaney von English Heritage. „War dieser Baurausch eine Reaktion auf die Veränderungen, die sie kommen sahen? Spürten sie, dass eine Ära zu Ende ging? Oder war es das Bauprogramm selbst, das einen Zusammenbruch der Gesellschaft oder ihres Glaubenssystems verursachte? Gab es so etwas wie eine Rebellion gegen eine Autorität, die all diese unhaltbaren Bauwerke anordnete?“

Eine andere, erschreckendere Möglichkeit ist, dass eine Pandemie eine Rolle gespielt haben könnte. Wissenschaftler haben in einem neolithischen Grab in Schweden Pestbakterien gefunden. Anfang dieses Jahres wurden sie auch in einem bronzezeitlichen Grab in Somerset nachgewiesen. Die frühe Variante scheint nicht ganz so ansteckend gewesen zu sein wie diejenige, die Europa im 14. Jahrhundert heimsuchte, aber es ist schwer zu sagen, welche Auswirkungen sie auf die Menschen der Jungsteinzeit hatte. „Möglicherweise verbreiteten die Migranten, die zu Beginn der Bronzezeit unterwegs waren, unbemerkt eine Epidemie, die ganze Bevölkerungsgruppen auslöschte und für die Zuwanderer weite Gebiete frei machte“, meint Jim Leary von der University of York.

Was auch geschehen sein mag: Binnen eines Jahrhunderts nach Fertigstellung von Stonehenge strömten erneut Siedler vom europäischen Festland herüber. Hundert Generationen später wiederholte sich die Geschichte, nur reichte die Abstammung der Zuwanderer diesmal jahrtausendeweit in die Steppengebiete Eurasiens zurück anstatt nach Anatolien. Die sogenannten Glockenbecherleute brachten neue Glaubensrichtungen mit, frische Ideen, ihre namensgebende becherförmige Keramik und metallurgische Fähigkeiten, die die Zukunft prägen sollten. Die jungsteinzeitliche Bauernkultur, die Stonehenge und zahlreiche andere Monumente errichtete, ging unter; auch ihre DNA verschwand beinahe aus dem britischen Genpool. Die Landschaft rund um Stonehenge blieb eine wichtige Begräbnisstätte, doch die Ära der Mega-Monumente war vorbei. „Der Bau von Monumenten markiert oft eine Art Höhepunkt einer Zivilisation“, erklärt Leary. „Aber ich glaube nicht, dass dies der Zenit einer Kultur war. Ich glaube, es war der manische letzte Wurf einer Gesellschaft, die weiß, dass ihre Zeit abgelaufen ist.“

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Foto von National Geographic

Dieser Artikel erschien in voller Länge im NATIONAL GEGORAPHIC Magazin, mit vielen weiteren Infos zu Stonehenge und umfangreichen Grafiken zu den einstigen Kultstätten. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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