„Frau, Leben, Freiheit”: Die Proteste in Iran und ihre Geschichte

Zum wiederholten Mal lehnen sich die Menschen in Iran gegen das Regime auf. Über unterdrückte Frauenrechte in der Islamischen Republik und den Widerstand der Bevölkerung.

Mutige Frauen verbrennen auf den Straßen ihre Kopftücher – und führen die Proteste mit an. Kreative wie @lilpersianmama setzen diese Szenen in Illustrationen um. Auf Twitter und Instagram werden sie millionenfach geteilt.

Illustriert von Lil Persian Mama
Von Taymas Matboo
Veröffentlicht am 17. Okt. 2022, 13:00 MESZ

Es sind Proteste von enormem Ausmaß: Seit dem 19. September 2022 gehen die Menschen in Iran auf die Straße und erheben unter Einsatz ihres Lebens ihre Stimmen gegen ein unterdrückerisches Regime. Sie rufen: „Nieder mit der Diktatur.” Und sie rufen: „Jin, Jîyan, Azadî“, auf Deutsch „Frau, Leben, Freiheit“. Die feministische Parole in kurdischer Sprache steht für das derzeitige Auflehnen der Bevölkerung gegen die Regierung wie keine andere. 

Neu ist sie nicht: Seit Jahrzehnten wird sie von der kurdisch-feministischen Bewegung in Iran und in anderen kurdischen Gebieten verwendet. Doch nie zuvor wurde ihr in Iran eine so breite Unterstützung zuteil, unabhängig von Geschlecht, Ethnie, Alter und Schicht. 

Ursprung der Proteste  

Auslöser der landesweiten Massendemonstrationen in Iran ist der Tod der 22-jährigen iranischen Kurdin Jîna Mahsa Amini (Emînî). Sie fiel in Polizeigewahrsam ins Koma, wenige Stunden nachdem sie in Teheran von der sogenannten Sittenpolizei festgenommen worden war. Ihr Kopftuch habe ihr Haar nicht vorschriftsmäßig bedeckt, so der Vorwurf. Amini starb drei Tage nach ihrer Festnahme. 

Seitdem werden die Proteste immer größer und heftiger. Vor allem die junge Generation lehnt sich gegen das Regime auf und startet Aktionen auf den Straßen und im Netz. Frauen und auch Männer im Land schneiden sich die Haare ab, international tun es ihnen Menschen gleich, als Zeichen der Solidarität. Auch das Ablegen des Kopftuches in der Öffentlichkeit ist zum Symbol des Widerstandes geworden, denn in Iran ist es eine Straftat. Der Hijab-Zwang steht für ein vom Staat kontrolliertes Leben.

Auch in Europa gehen Menschen zum Zeichen der Solidarität auf die Straße, viele mit ausgedruckten Illustrationen aus dem Netz oder Bildern von Jîna Mahsa Amini. Ihr Tod war Auslöser der Proteste in Iran.

Foto von Artin Bakhan via Unsplash

Die Menschen in Iran werden vor allem im öffentlichen Raum, aber auch im Privaten streng überwacht – grundlegende Menschenrechte von Frauen wie Männern werden in der Islamischen Republik nach Angaben von Organisationen wie Amnesty International systematisch verletzt. Presse- und Meinungsfreiheit sind stark eingeschränkt, es besteht kein Recht auf faire Gerichtsverfahren. Auch ganz alltägliche Dinge wie ein Besuch im Fußballstadion oder Fahrradfahren in der Öffentlichkeit sind für Frauen verboten. Tanzen ist untersagt, auch Männern. Kontrollen, Razzien und Festnahmen sind gängige Mittel, um die Menschen in Iran unter Druck zu setzen. 

Die Geschichte der Kleiderordnung in Iran seit der Islamischen Revolution 

Die strengen Kleidervorschriften sorgten in den letzten Monaten vermehrt für Proteste aus der Gesellschaft. Die Auslegung der Verschleierungsordnung variierte in den vergangenen Jahrzehnten, je nach amtierendem Staatspräsident und gesellschaftlicher Stimmungslage. Nach der Islamischen Revolution von 1979 konnte die von der Regierung geforderte Zwangsverschleierung zunächst nicht durchgesetzt werden: Am Weltfrauentag versammelten sich 1979 spontan zehntausende Frauen in Teheran zu einer drei Tage andauernden feministischen Demonstration gegen die Verschleierungspflicht. 

Doch rund zwei Jahre nach der Islamischen Revolution wurden Frauenrechte sukzessive durch den Staat beschnitten, auch grundlegende wie das Erb-, Ehe-, Scheidungs- oder Reiserecht. In diesem Zuge wurde auch die Kleiderordnung strenger: Das gesamte Haar war mit einem Hijab – beispielsweise einem Kopftuch – zu verdecken, über der weiten Oberbekleidung und der vorgeschriebenen Hose musste ein Ganzkörperschleier, der Tschador, oder ein Mantel getragen werden. Schuhe durften ausschließlich flach und unauffällig sein. Gedeckte Farben waren vorgegeben, bevorzugt schwarz. Make-up oder Nagellack waren nicht erlaubt. So waren weibliche Personen ab einem Alter von neun Jahren in den Achtzigerjahren im gesamten öffentlichen Raum nur noch verschleiert anzutreffen, in der Schule bereits ab der ersten Klasse. 

Lockerungen in den Neunzigerjahren

In den Neunzigerjahren gab es unter den beiden Präsidenten, den Klerikern Ali Akbar Rafsandschani (1989-1997) und vor allem Mohammad Chatami (1997-2005), nach Jahren der Repression in einigen Bereichen wie der Kleiderordnung Lockerungen. Aufwendig gestylte Haarsträhnen schauten unter dem Kopftuch hervor, die Farben der Kleidung wurden bunter und die Mäntel kürzer.

Das Erscheinungsbild der Frauen auf den Straßen Irans veränderte sich auch über die letzten zwei Jahrzehnte: Der Hijab rutschte immer weiter nach hinten auf die Schulter, der Lippenstift wurde greller, die Kleidung enger und noch kürzer. Jedoch waren nach wie vor Kontrollen und auch Strafen bei willkürlicher Auslegung der Kleiderordnung üblich.

Friedliche Protestaktionen, brutales Durchgreifen der Regierung 

Das Ablegen des Hijabs in der Öffentlichkeit als Protestaktion ist spätestens seit 2014 in Iran bekannt. Mit der Kampagne „My Stealthy Freedom” – mein heimlicher Moment von Freiheit – wurde Frauen eine Plattform geboten, ihren kurzen Augenblick gelebter Selbstbestimmung sichtbar für die ganze Welt ins Netz zu stellen. Ab 2017 startete mit „White Wednesday“ eine weitere Kampagne: Jeden Mittwoch waren Iranerinnen aufgerufen, als Zeichen ihrer Solidarität in der Öffentlichkeit entweder ein weißes Kopftuch zu tragen oder die Verschleierung ganz abzulegen. 

Eine der symbolträchtigsten Protestaktionen war die der damals 31-jährigen Vida Movahed, die sich im Dezember 2017 unverschleiert mit offenen Haaren in der stark frequentierten Teheraner Enghelab-Straße (Straße der Revolution) auf einen Stromkasten stellte. Schweigend und mit einem Stock in der Hand, an dem ein weißes Kopftuch hing. Vida Movaheds Bild verbreitete sich im Netz und stellte den Anfang einer nie dagewesenen feministischen Protestwelle dar.

Ein anderes Beispiel für friedlichen Protest ist die Aktion der Frauenrechtsaktivistinnen Yasaman Aryani und ihrer Mutter Monireh Arabshahi, die 2019 gemeinsam mit Mojgan Keshavarz anlässlich des Weltfrauentages in einem U-Bahn-Waggon unverschleiert Blumen an Passagierinnen verteilten. Alle drei Frauen wurden festgenommen und zu langen Haftstrafen verurteilt. 

Die aktuellen Proteste

Die Proteste der vergangenen Wochen beziehen sich auch auf das aggressive Vorgehen der „Sittenpolizei” gegenüber Frauen, das sich in den letzten Monaten verstärkt hat. Laut der Menschenrechtsorganisation HRANA befanden sich zwischen dem Frühlingsanfang und Mitte Juli 2022 1.700 Frauen allein in der Provinz Kermanschah aufgrund der nicht korrekten Einhaltung der Hijabpflicht in Polizeigewahrsam.

Bereits im Juli schlossen sich zahlreiche Frauen einer Online-Kampagne mit dem Hashtag „No2Hijab“ an – eine Antwort auf den neu eingeführten Gedenk- und Ehrentag des Hijab und der Keuschheit der Islamischen Republik. Als Ausdruck ihres Widerstands posteten Iranerinnen unter dem Hashtag Fotos und Videos von sich ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit.

Die Sozialen Medien sind ein wichtiger Bestandteil der aktuellen Protestbewegung – auch wenn das Internet seit Wochen gedrosselt ist. Da die iranischen Medien staatlicher Kontrolle unterliegen, findet keine unabhängige Berichterstattung statt. Vor wenigen Tagen gab es während der Hauptnachrichten einen Hackerangriff auf das iranische Staatsfernsehen mit einem Aufruf zum Protest. 

Wie gefährlich es sein kann, kreativ tätig zu werden, zeigt eine der bisher erfolgreichsten Online-Protestaktionen aus dem Iran: das Lied des Sängers Shervin Hajipour „Baraye“ („Baraye Azadi”, „für die Freiheit”). Es ist zur Hymne der Protestbewegung geworden und wird auf Demonstrationen weltweit gespielt. Zwei Tage nach der Online-Veröffentlichung wurde der 25-jährige Sänger inhaftiert. Hajipour kam mittlerweile auf Kaution frei und hat sich von seinem Lied distanziert, vermutlich unter Folter und massiven Drohungen.

Im Netz wird der Widerstand auch in Form einer beeindruckenden Zahl von Illustrationen sichtbar, die ab Ende September mit dem Beginn der Proteste entstanden sind. Viele dieser Arbeiten kommen, trotz widrigster Umstände und unter Lebensgefahr, direkt aus Iran. „In dieser Situation ist es die Aufgabe der Kunst, zu den Menschen zu sprechen. Diese Sprache kann effektiver sein als Worte”, schreibt eine junge iranische Künstlerin. „Es ist an der Zeit, unsere Worte, unsere Forderungen herauszuschreien, und wir brauchen die Unterstützung der Welt, damit unsere Stimme laut wird.” 

Galerie: Mit Bildern gegen das Regime

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