Sachsen-Anhalt: Das Rätsel der 9.000 Jahre alten Schamanin

Gegen Ende der Mittelsteinzeit wurde im heutigen Bad Dürrenberg eine mächtige Frau bestattet. Ihre Grabstätte gilt bis heute als eine der reichsten der deutschen Geschichte – und birgt unzählige Geheimnisse.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 26. Okt. 2022, 09:45 MESZ
Illustration der Schamanin in ihrem Grab in Sitzstellung.

Jahrtausendelang lag die Frau mit einem Kind in ihrem Arm unter der Erde. Nun wurden einige ihrer Geheimnisse gelüftet.

Foto von Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt / Karol Schauer

1934 wurden bei Kanalarbeiten in Bad Dürrenberg die Überreste zweier Menschen entdeckt: eine erwachsene Person und ein Kleinkind, das sie im Arm hielt. In den Augen der Nazis, die sich damals mit der Ausgrabung beschäftigten, war vor allem die Identität der erwachsenen Person sofort klar: Es musste ein weißer Mann sein, der hier ausgegraben wurde – ein früher Europäer. Für sie war der Fund somit ein vermeintlicher Beweis für ihre pseudowissenschaftlichen Rassentheorie. Nach 1945 geriet der Fund auch deshalb zunächst in Vergessenheit.

Doch nun wurde der archäologische Cold Case von Bad Dürrenberg wieder aufgerollt. Vorne dabei sind der Direktor des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Sachsen-Anhalt, Harald Meller, und der Historiker und Autor Kai Michel. Zusammen schrieben sie das Buch Das Rätsel der Schamanin, das am 18. Oktober bei Rowohlt erschien. 

“Es war ein ständiges Rätseln und Kombinieren. Das schönste war, dass sich am Ende alles zu einem Gesamtbild zusammenfügte.”

von Kai Michel
Autor

„Es war wie ein Ermittlungsteam, das einen Kriminalfall löst. Jedes neue Indiz wurde von allen diskutiert. Es war ein ständiges Rätseln und Kombinieren”, beschreibt Michel den Prozess, der in einem vollen Erfolg gipfelte: Die faszinierende Geschichte der 9.000 Jahre alten Person, die entgegen aller Ideen der Nazis weder männlich noch weiß war, konnte so genau erzählt werden wie nie zuvor. Auch den reichen Grabbeigaben und dem Kind, das zusammen mit der Frau im Grab gefunden wurde, ging das Team um Meller und Michel erstmals auf den Grund.

Im Fokus der Forschung stand dabei vor allem eines: Die Rolle der Schamanin in ihrer Gemeinschaft, die ihr zu ihrem Tod eines der bedeutendsten und reichsten Gräber der deutschen Geschichte errichtete. „Es ist ein faszinierender Beweis dafür, welch eine zentrale und starke Rolle Frauen in unserer Vorgeschichte spielten”, sagt Michel. Aktuell ist die Schamanin wieder im Landesmuseum Halle ausgestellt.

Beeindruckende Erkenntnisse durch Archäogenetik

Als das Doppelgrab 1934 erstmals auf dem Gelände des Kurparks in Bad Dürrenberg entdeckt wurde, grub man mehrere Knochen der Schamanin und des Kindes sowie mehrere Grabbeigaben aus – vollständig barg man die Skelette allerdings nicht. Fehlende Knochen und Gegenstände wurden schließlich bei Neugrabungen im Jahr 2019 unter der Leitung der Archäologin Susanne Friederich geborgen. In diesem Zuge beschloss man auch, die Überreste noch einmal neu zu untersuchen, um mehr vom Leben und Sterben der beiden 9.000 Jahre alten Personen zu erfahren. Zusammen mit Erkenntnissen, die bereits durch Untersuchungen in den Jahren vor 2019 gemacht wurden, ergab sich nach und nach ein klares Bild.

In ihrem Buch gehen Harald Meller und Kai Michel dem Leben der Schamanin vor 9.000 Jahren auf den Grund.

Foto von Rowohlt Verlag

Die Personen aus dem Grab in Bad Dürrenberg starben um 7.000 v. Chr., zum Todeszeitpunkt war die Schamanin 30 bis 35 Jahre alt. Begraben wurde sie in aufrechter Haltung mit dem Kind in ihren Armen. Jenes war zum Zeitpunkt seines Todes nicht einmal ein Jahr alt. Die Identität des Kindes konnte man durch die 2019 gefundenen Knochen klarer eingrenzen. Es handelte sich um einen Jungen, der allerdings nicht der Sohn der Frau war. Warum genau er mit ihr zusammen bestattet wurde, ist bis heute nicht klar. 

Und auch die vermeintlichen Erkenntnisse, die die Archäologen aus den 1930er und 1940er Jahren erlangt hatten, konnten durch die neuen Untersuchungen eindeutig widerlegt werden. Dabei halfen nicht zuletzt die erheblichen Fortschritte, die das Feld der Archäogenetik in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht hatte. Durch DNA-Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie konnte man so nicht nur herausfinden, dass die Schamanin alle klassischen Merkmale einer Zugehörigen der Jäger-und Sammlergruppen des Mesolithikums – also der Mittelsteinzeit – besaß, sondern auch, dass sie entgegen der Vorstellungen der Nazis nicht weiß war – wie die meisten frühen Homo Sapiens in Europa.

Spiritualität und Schamanismus

Zur Zeit des Mesolithikums waren weite Teile Deutschlands noch von dichtem Wald bedeckt und dünn besiedelt. In diesem Umfeld lebte auch die Frau aus dem Grab. Die Menschen lebten damals vornehmlich in Jäger- und Sammlergruppen, die hochmobil waren und selten länger an einem Ort blieben. Außerdem handelt es sich um eine Zeit, aus der es keine schriftlichen Überlieferungen gibt. 

Umso spannender ist es, dass das Grab der Schamanin offenbar auch nach ihrem Tod noch lange von Menschen in Not aufgesucht wurde. Das zeigen diverse Fundstücke am Grab, die dort Jahrhunderte später platziert wurden. Zusätzlich fand man im Grab Überreste zahlreicher Tiere – darunter Teile von Hirschgeweihen, Schildkrötenpanzern, Rehen und Wisenten. Auch diese lassen auf einen besonderen Status der Frau innerhalb der Gemeinschaft schließen. Zusätzlich sind solche Beigaben Indizien für spirituelle Expertinnen und Experten: Sie wurden ihnen als sogenannte Hilfsgeister mit ins Jenseits gegeben. „Sie muss schon zu Lebzeiten eine Legende gewesen sein”, sagt Michel. Dafür sprächen nicht nur die überreichen Grabbeigaben, sondern auch die enorm aufwendige Grabkonstruktion.

Für Michel ist die Geschichte der Schamanin deshalb vor allem eine Retrospektive. „Die Genauigkeit, mit der wir das 9.000 Jahre alte Schicksal einer Frau und eines Kindes rekonstruieren konnten, hat uns alle umgehauen", sagt er. Sie zeige, dass eine Art Religion und Spiritualität bereits in prähistorischen Kulturen existierten und wie sehr rassistische und sexistische Ideologie die archäologische Wahrheitsfindung verzerren kann.

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