Warum die Menschen anfingen, Kriege zu führen

Kriegerische Konflikte sind aus unserer Gesellschaft trotz ihrer schrecklichen Folgen nicht wegzudenken. Dabei ist Gewalt in so großem Maßstab noch recht neu. Die Anfänge liegen in der Zeit, in der der Mensch begann, Eigentum anzuhäufen.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 21. Feb. 2023, 09:16 MEZ
Gemälde der Kanonade von Valmy.

Gemälde der Kanonade von Valmy vom 20. September 1792: Krieg und Gewalt scheinen mit der Menschheitsgeschichte eng verwoben. Doch wann nahmen sie die Ausmaße an, die wir heute kennen?

Foto von Wikicommons / Horace Vernet, 1789–1868

Als der Mensch vor etwa 12.000 Jahren begann, sesshaft zu werden, änderten sich nach und nach fast alle Bereiche seines Lebens: Ackerbau und Viehzucht revolutionierten die Nahrungsbeschaffung, Gemeinden wuchsen. Das Bild der friedlichen Anfänge des menschlichen Zusammenlebens, das lange existierte, bekommt durch aktuelle Forschung allerdings Risse. Denn die Domestizierung des Menschen brachte neben KrankheitNahrungsknappheit und einer zunehmenden Schlechterstellung von Frauen auch die taktische Gewalt mit sich – und mit ihr die Kriegsführung.

Die Studie eines internationalen Forschungsteams, die in der Zeitschrift PNAS erschien, liefert Belege für die Anfänge solcher kriegerischer Auseinandersetzungen: durch die Analyse von Schädelverletzungen. Dazu untersuchten sie Überreste von Menschen, die während der Hochzeit der Etablierung der Sesshaftigkeit, also vor etwa 6.000 bis 2.000 v. Chr., lebten. Ihr Ergebnis: Vor etwa 8.000 Jahren begannen Menschen vermehrt, sich zu bekämpfen – und zwar in zuvor ungekanntem Ausmaß.

„Gewaltsame Feindseligkeiten zwischen Gruppen waren an sich keine Neuerung“, so die Forschenden. „Aber die Praxis, die Größenordnung und die Verbreitung menschlicher Gewalt erfuhren in dieser Zeit dramatische und dauerhafte Veränderungen.“ Dahinter steckte vor allem die neue Entwicklung in der Menschheitsgeschichte, Besitz anzuhäufen – und sich um diesen zu streiten.

Schädelverletzungen mit Geschichte

Für seine Untersuchungen analysierte das Forschungsteam Schädelfunde von über 2.300 Individuen, die zwischen 6.000 und 2.000 v. Chr. an 180 verschiedenen Orten im Nordwesten Europas lebten. Kopfverletzungen, die die Forschenden dabei fanden, wurden auf Waffengewalt und menschliche Einwirkung geprüft.

Anhand von Schädeln von mehr als 2.000 neolithischen Individuen konnte das Forschungsteam etliche Fälle von gewaltvollen Verletzungen identifizieren.

Foto von Fibiger et al.

Laut Linda Fibiger, Osteoarchäologin von der University of Edinburgh, ist dies einer der sichersten Wege, vergangenen Feindseligkeiten auf den Grund zu gehen. „Unsere Fähigkeiten, zwischen tödlichen Verletzungen und postmortalen Brüchen zu unterscheiden, haben sich in den letzten Jahren drastisch verbessert“, sagt sie. Auch der Unterschied zwischen zufälligen Verletzungen und solchen, die durch Waffengewalt verursacht wurden, sei inzwischen deutlich leichter zu bestimmen.

Das Ergebnis war eindeutig. „Wir sehen eine Zunahme bedeutender Gewaltereignisse, die zu massenhaften Todesfällen führen“, heißt es in der Studie. Diese fielen vor allem im frühesten Neolithikum Mitteleuropas auf, einer Zeit, aus der teilweise eines von zehn Individuen Schädelverletzungen aufweist. Unter den Waffen, die unsere neolithischen Vorfahren damals nutzten, befanden sich laut Studie beispielsweise Steinäxte, Querbeile, Pfeilspitzen, Messer aus Feuerstein, Keulen aus Holz und Stein sowie Geweihspitzen und Schleudern – ihnen stand also ein ganzes Arsenal an Waffen zur Verfügung. „Gewalt erreichte im neolithischen Europa manchmal ein Ausmaß an Feindseligkeiten, die zur völligen Zerstörung ganzer Gemeinschaften führten“, so die Forschenden. 

Gewalt aufgrund sozialer Ungleichheit 

Doch wie kam es zu diesem Gewaltanstieg im großen Stil? Auffällig ist vor allem eine Korrelation: Je sesshafter die Menschen wurden, je mehr Gemeinschaften sie bildeten, desto gewalttätiger wurden sie auch. „Die plausibelste Erklärung ist wohl, dass sich die wirtschaftliche Grundlage der Gesellschaft verändert hat“, sagt Martin Smith, Archäologe an der Bournemouth University in Poole, England, und Co-Autor der Studie. 

Mit der Sesshaftigkeit begannen die Menschen, Eigentum und Land zu besitzen – soziale Ungleichheit entstand. „Diejenigen, die weniger erfolgreich waren, scheinen zuweilen zu Raubzügen und kollektiver Gewalt als alternative Erfolgsstrategie gegriffen zu haben“, so Smith. Gewaltsame Feindseligkeiten habe es zwar schon zuvor gegeben, das Ausmaß und die Häufigkeit von Gewalttaten habe sich in dieser Zeit aber dramatisch geändert.

Während zwischenmenschliche Gewalt vermutlich schon in der Steinzeit existierte, kam während der neolithischen Revolution eine systematische Dimension zu den Konflikten hinzu. „Es ist anzunehmen, dass der Krieg als soziale Strategie an Bedeutung und Komplexität gewann und sowohl Einzelpersonen als auch Gruppen die Möglichkeit bot, sich auf Kosten anderer durchzusetzen“, so die Forschenden. Ein Muster, das bis in die aktuelle Zeit bestehen bleiben sollte.

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