Diskriminierung von Frauen: Woher kommt das Patriarchat?

Bevor die Menschen sesshaft wurden, waren die Geschlechter weitestgehend gleichgestellt. Dann entstand die Idee vom starken Mann – doch warum? Ein Blick auf die Entwicklung der Rolle der Frau von der Altsteinzeit bis heute.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 19. Jan. 2023, 10:34 MEZ
Plato und Aristoteles stehen im Mittelpunkt während Menschen um sie herum stehen.

Platon und Aristoteles sind zwei der bekanntesten Vertreter der Philosophie. Von Frauen ist aus dieser Zeit kaum etwas überliefert. In der jüngeren Menschheitsgeschichte befinden sich Männer immer öfter in Machtpositionen der Gesellschaft. Wie konnte das passieren?

Foto von Fresko von Raffael, 1483 - 1520 / Wikicommons

Die Verbannung von Frauen aus afghanischen Universitäten, der Kampf um Freiheit in Iran oder die hohe Femizid-Rate in Deutschland: Patriarchale Strukturen ziehen sich durch fast alle Kulturen der Welt und führen in verschiedensten Bereichen der Gesellschaft zu geschlechtsbasierter Diskriminierung. Lange Zeit glaubten die Menschen, dass die Überlegenheit der Männer natürlich sei – und seit den Anfängen unserer Geschichte bestünde.

Aber die Idee, dass die Frau dem Mann untergeordnet sein soll, ist menschheitsgeschichtlich gesehen recht neu. Entstanden ist sie erst vor wenigen Jahrtausenden, als die Menschheit den Ackerbau etablierte. Wie kam es also dazu, dass Männer in der Gesellschaft so schnell so viel Macht bekamen? 

Die Erfindung der sozialen Ungleichheit

Begonnen hat alles vor etwa 12.000 Jahren, als Menschen zunächst im Fruchtbaren Halbmond am nördlichen Rand der Syrischen Wüste und dann an weiteren Orten der Welt sesshaft wurden. Zuvor lebten sie hauptsächlich in nomadischen Jäger-und Sammler-Gruppen zusammen. Diese waren weitestgehend egalitär aufgebaut. 

„Die Gruppen waren damals hochgradig flexibel, insbesondere in Zeiten der Knappheit. Männer, Frauen und Kinder taten also, was immer nötig war, um das Überleben der Gruppe zu sichern”, sagt die Historikerin Merry Wiesner-Hanks von der University of Wisconsin-Milwaukee, die seit Jahren zur Geschichte der Geschlechterrollen forscht.

Auch Kai Michel, Historiker und Co-Autor des Buches Die Wahrheit über Evain dem er gemeinsam mit dem Anthropologen Carel van Schaik die „Erfindung der sozialen Ungleichheit von Frauen und Männern” aufrollt, verweist darauf, dass die Schlechterstellung der Frauen erst mit der Neolithischen Revolution beginnt. „Jäger-Sammler-Gruppen waren extrem aufeinander angewiesen. Die Solidarität der Geschlechter war unser eigentliches Erfolgsgeheimnis“, sagt Michel. „Die Rede von Frauen als schwachem Geschlecht ist eine kulturelle Erfindung, die sich erst in den Jahrtausenden nach dem Sesshaftwerden durchsetzt.“ 

Soldaten des Reichs von Akkad in Mesopotamien im Kampf. Mit der Etablierung fester Gesellschaftsstrukturen im Zuge der Sesshaftigkeit und dem Aufkommen von Hochkulturen festigt sich auch die Existenz von Krieg und Gewalt – eine Männerdomäne.

Foto von CC BY 3.0

Schuld daran ist zunächst die neue Lebensweise, die mit der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht einhergeht. Sie führt zu einer radikalen Ernährungsumstellung und einer geringeren Mobilität der Menschen. Die Abstände der Geburten verkürzen sich dadurch massiv: „Bei den Jäger-Sammlern bekommen Frauen noch alle vier bis sechs Jahre ein Kind, während die frühen Bäuerinnen fast jährlich schwanger werden“, sagt Michel. So geraten die Frauen, die zudem stark in die Feldarbeit und das Mahlen von Mehl eingebunden sind, zunächst gesundheitlich in die Defensive. Ihre Lebenserwartung sinkt.

Zugleich besitzen die Menschen in dieser Zeit erstmals Privateigentum an Land und Vorräten: „Das muss verteidigt werden“, sagt Michel. Also bleiben die Söhne bei ihren Familien und holen Frauen aus anderen Gebieten dazu. Dort verlieren die Frauen ihre Unterstützung durch eigene Familie und Freunde. Das schwächt ihre Position weiter.  

Der Einfluss von Krieg und Konflikt

Durch die steigende Geburtenrate erhöht sich zudem die Bevölkerungsdichte. Konflikte um Land, Vorräte und den Zugang zu Wasser häufen sich. Das Neolithikum – die Zeit der ersten Bauern – ist die Zeit, in der erstmals richtige Kriege ausbrechen. In ihrem Buch Gender in History: Global Perspectives beschreibt Wiesner-Hanks, dass diese Form der Gewalt, die während der Neolithischen Revolution entsteht, die Welt zusätzlich zu einer Männerwelt formt: „Kriege und andere Formen der organisierten Gewalt verliehen Männern Macht. Der Kampf wurde als das Nonplusultra der individuellen sowie  der kollektiven Männlichkeit wahrgenommen.“

Weiblichkeit ist im Umkehrschluss gesellschaftlich immer weniger wert. „Die Sieger von Konflikten wurden in Bildern und mündlichen Überlieferungen und später in der Schrift als männlich und viril dargestellt, die Verlierer als unmännlich, weiblich und schwach“, so die Historikerin. Dabei sind nicht nur Frauen von der Unterdrückung betroffen, sondern gleichzeitig auch Männer, die in diesem System nicht dominieren. 

„An die Stelle der einstmals egalitären und solidarischen Gruppen treten anonyme und streng hierarchische Gesellschaften“, sagt Kai Michel. Für die Eliten der frühen Staaten bilden Krieg und Ausbeutung dabei die Grundlage der Macht. Laut Michel leiden darunter besonders Frauen, die zusätzlich immer mehr aus der öffentlichen Sphäre verdrängt werden – aber auch die Männer der unteren Gesellschaftsschichten. Der Grundstein des Patriarchats ist gelegt. 

Römisches Mosaik aus dem 1. Jahrhundert n. Chr.: die Platonische Akademie. Obwohl es in den meisten Zeitaltern auch wohlhabende Frauen gab, die Zugang zu Bildung hatten, waren Bildung und das Studium der Wissenschaften bis ins 20. Jahrhundert überwiegend Männern vorbehalten.

Foto von Wikicommons

Die Legitimierung der Unterdrückung

Doch wie festigen sich auf der Grundlage dieser Entwicklungen die patriarchalen Strukturen, die bis heute in unserer Gesellschaft vorhanden sind? Laut Michel und van Schaik dringt männliche Dominanz schleichend in immer mehr Kulturbereiche vor – ein Zustand, der den Menschen erklärungsbedürftig erscheint. So passiert in den darauffolgenden Jahrtausenden vor allem Eines: Man sucht nach Erklärungen für das Ungleichgewicht der Geschlechter – und zwar genau innerhalb der Diskurse, die bereits von mächtigen Männern dominiert werden. In der Religion, der Philosophie und den Naturwissenschaften.

Diese Entwicklung findet sich in verschiedenen Formen in allen sogenannten Hochkulturen des Altertums wieder. „Beispielsweise taucht im alten Griechenland, wo wir es schon früh mit philosophischen und proto-naturwissenschaftlichen Begründungsmechanismen zu tun haben, die Idee auf, Frauen seien von Natur aus das schwache Geschlecht, sie seien eigentlich nichts als minderwertige Männer“, so Michel. Philosophen wie Aristoteles errichten viele ihrer Ideen auf diesem Gedanken und schließen Frauen so vor allem von politischen Entscheidungen aus. 

Dasselbe passiert im Alten Rom, und auch im Alten Ägypten findet man solche Überzeugungen. Laut Wiesner-Hanks steht in der Anweisung von Ankhsheshonq, einer 2.500 Jahre alten altägyptischen Schrift: „Eine Frau zu unterrichten ist wie einen Sandsack in der Hand zu halten, dessen Seiten aufgerissen sind.” 

Diese Diskurse bedingen sich mit der Zeit selbst: Frauen werden aus Machtpositionen und Bildungseinrichtungen ausgeschlossen und dadurch wiederum als weniger wert wahrgenommen, wodurch der verwehrte Zugang wiederum gerechtfertigt erscheint – ein Teufelskreis, der sich bis ins 20. Jahrhundert zieht. Zwar gibt es in der Geschichte auch immer wieder Philosophinnen und gelehrte Frauen, allerdings sind diese meist Ausnahmen von der Regel – und stammen oftmals aus wohlhabenden Familien oder Kreisen, die der Wissenschaft ohnehin schon nahestehen.

In ihrem Buch Die Wahrheit über Eva erklären Carel van Schaik und Kai Michel, wie sich patriarchale Strukturen in allen Bereichen der Gesellschaft einnisten konnten. Ein wichtiger Aspekt: der Sündenfall.

Foto von Rowohlt

Der Sündenfall und die Patrix

Neben dem Ausschluss der Frauen aus dem öffentlichen Leben durch Wissenschaft und Philosophie beeinflusst im Westen auch ein zweiter Legitimationsversuch die Stellung der Frauen nachhaltig: der Mythos des Sündenfalls in der Bibel. Er besagt, dass Eva im Garten Eden nicht auf Gottes Wort gehört hatte – so mussten die Frauen den Männern fortan zur Strafe Untertan sein. „Eine perfekte Legitimation“, so Michel. Das Christentum habe für die patriarchalen Strukturen der westlichen Welt eine entscheidende Rolle gespielt. Ähnliche Prozesse seien aber rund um den Globus zu betrachten gewesen. „Die Religion hat das Patriarchat nicht erfunden, ihm aber den göttlichen Segen erteilt“, sagt Carel van Schaik.

Diese Narrative prägt letztendlich die gesamte christliche Welt. „Das verschmolz alles zu einem System, in dem Religion, Philosophie und Wissenschaft die männliche Dominanz bejubelten“, so Michel. In ihrem Buch bezeichnen er und van Schaik das kulturelle System, das Frauen von Natur oder von Gottes Wegen aus als schlechtere und schwachere Wesen definiert, auch als patriarchale Matrix, kurz: Patrix. „Die Patrix wird von Regeln dominiert, die Frauen systematisch benachteiligen. Das erleichtert auch die Ausbeutung von und die Gewalt gegen Frauen“, so van Schaik. Simone de Beauvoir benennt dieses Phänomen bereits in den 1940er-Jahren: Frauen sind in der Männerwelt nur „das zweite Geschlecht“.

Folgen haben diese Entwicklungen bis heute, auch für die Wissenschaft. Darunter die Idee der strikten, geschlechtsspezifischen Rollen der Jäger und Sammler sowie der Hierarchie, die damals zwischen männlichen Jägern und weiblichen Sammlerinnen angeblich herrschte. Laut Wiesner-Hanks projizierten britische Anthropologen im 19. Jahrhundert ihre eigene Lebensrealität auf unsere steinzeitlichen Vorfahren und überspitzten einerseits die strikte Geschlechtertrennung bei der Jagd und andererseits die Wichtigkeit der Jagd an sich. 

„Diese Anschauungen stimmten mit ihren eigenen Vorstellungen der viktorianischen Mittelklasse von angemessenem geschlechtsspezifischem Verhalten überein“, so die Historikerin. „Männer sollten draußen in der Welt sein, Frauen zu Hause, wo sie ,Zufluchtsorte in der herzlosen Welt‘ schaffen sollten.“ Diese Idee verklärte lange Zeit das Verständnis unserer Vorfahren und wird erst langsam durch neue Funde und die Neubewertungen alter Erkenntnisse aufgearbeitet.

Langsames Aufbrechen der Strukturen

Die Früchte dieser patriarchalen Ideen gedeihen in Europa noch lange Zeit: Erst seit etwa 150 Jahren können Frauen sich in Universitäten einschreiben. Erst im frühen 20. Jahrhundert bekommen sie in vielen europäischen Ländern das Wahlrecht. Die katholische Kirche, die seit ihrem Aufkommen eine große Rolle bei der Unterdrückung der Frau spielt, lässt bis heute keine Frauen in hohe Positionen.

Und dennoch: Die Zeiten haben sich geändert. „Die patriarchale Matrix hat in der westlichen Welt ihre ideologischen Stützen verloren“, sagt Michel. „Heute wissen wir, dass die männliche Dominanz weder von einem Gott gewollt noch in der Natur begründet ist. Es handelt sich um eine kulturelle Verirrung – und Kultur können wir verändern.“ 

Deshalb sei die immer fundiertere Kenntnis der Menschheitsgeschichte so wichtig, sagt auch Wiesner-Hanks. „Männliche Kooperation und Wettbewerb in organisierter Gewalt wurden früher als die wichtigsten Triebkräfte der menschlichen Evolution angesehen.“ Heute wisse man: Gerade die Kooperation unter den Geschlechtern, darunter beispielsweise die gemeinsame Kindererziehung in der Steinzeit, heben Menschen von ihrer direkten Primatenverwandtschaft ab. 

Michel und van Schaik bringen es so auf den Punkt: „99 Prozent der Menschheitsgeschichte war Gleichberechtigung auch für Männer kein Problem. Warum sollte das heute anders sein?“

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