Was besiegelte den Untergang der Hethiter?

Im 12. Jahrhundert v. Chr. verschwand das Volk der Hethiter plötzlich von der Bildfläche. Um die Hintergründe ranken sich zahlreiche Theorien. Nun hat ein Forschungsteam einen wichtigen Faktor aufgedeckt: eine schwere Dürre, die die Region plagte.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 15. Feb. 2023, 09:45 MEZ
Zwei Sphinxfiguren rahmen den Eingang in der Mauer, die einst Ḫattuša umgab.

Das Sphinxtor ist eines von fünf Toren, die Teil der Befestigungsanlage Ḫattušas waren. In der Hauptstadt des hethitischen Reiches hatten die jeweiligen Könige ihre Residenz.

Foto von marista / Adobe Stock

Im 2. Jahrtausend v. Chr regierte im antiken Anatolien ein Volk, dessen Reich ebenso einflussreich wie kurzlebig war: die Hethiter. Ihr Imperium umfasste große Teile der heutigen Türkei, Syriens und des Libanons. Für fast 500 Jahre galten die Hethiter als eine der einflussreichsten Mächte der antiken Welt. Um etwa 1200 v. Chr. jedoch wurde Ḫattuša, Hauptstadt und Regierungssitz des hethitischen Reiches, zerstört und die zentrale hethitische Verwaltung aufgegeben. 

Lange war unklar, was diesen plötzlichen Niedergang verursacht hat. Gängige Theorien handeln von feindlichen Armeen oder innerpolitischen Spannungen – doch archäologische Befunde aus der Zeit deuten darauf hin, dass die königliche Verwaltung die Stadt mit Sack und Pack verließ, bevor sie niedergebrannt wurde. Gaben die Hethiter ihr Reich also freiwillig auf?

Licht ins Dunkel bringt nun womöglich ein interdisziplinäres Forschungsteam aus den USA. In ihrer Studie, die in dem Fachmagazin Nature veröffentlicht wurde, konnten sie eine dreijährige Dürre nachweisen, die mit dem Untergang der Hethiter zusammenfiel. Diese könnte das Ende Hethiter besiegelt haben: Die Ernte wurde knapp, Vorräte schwanden – in einer Zeit, in der die Region ohnehin schon von großen politischen und ökonomischen Veränderungen gekennzeichnet war.

Das Löwentor vor Ḫattuša. 

Foto von iza_miszczak / Adobe Stock

Spuren im Holz antiker Wacholderbäume 

Der Einfluss von klimatischen Veränderungen auf den Niedergang antiker Zivilisationen wird schon länger untersucht. Bekannt ist bereits, dass vor etwa 3.200 Jahren eine Trockenperiode begann, die den Ländern des östlichen Mittelmeerraumes zusetzte – und somit auch den Zivilisationen, die dort herrschten, darunter die Hethiter.

Um die klimatischen Veränderungen dieser Zeit noch konkreter bestimmen zu können, widmete sich das Team um Sturt Manning, Archäologe von der Cornell University in den USA und Hauptautor der Studie, ganz besonderen Zeitzeugen: Wacholderbäumen aus der Region und Zeit, in der die Hethiter regierten. 

Sie untersuchten die Überreste der Bäume, die zuvor bei archäologischen Grabungen in der Region entdeckt worden waren. Die Klimadaten aus dem Holz zeigen: Kurz vor ihrem Fall mussten die Hethiter eine Dürre außerordentlichen Ausmaßes überstehen. „Die Breite der Jahresringe deutet darauf hin, dass etwas wirklich Ungewöhnliches vor sich ging“, sagt Manning. „Der Baum kämpfte um sein Überleben.“ Eine zusätzliche Isotopenanalyse habe diese Annahme noch untermauert. Die Dürrejahre könne man so recht genau auf die Jahre zwischen 1198 und 1196 v. Chr. datieren.

Untergang durch Dürre in der Bronzezeit

Wurden die Hethiter also nach fast fünf Jahrhunderten als eine der Supermächte der antiken Welt letztendlich von der Natur bezwungen? Die Studienautoren sind sich sicher, dass die Dürre zumindest einen erheblichen Teil dazu beigetragen haben könnte. „Zwei oder drei Jahre lang anhaltende, wirklich extreme Ereignisse wie diese können selbst gut organisierte, widerstandsfähige Gesellschaften aus dem Gleichgewicht bringen“, sagt Manning. Gepaart mit einem langsamen Kollaps von Handelsrouten, einer ohnehin schon lang anhaltenden Trockenperiode und politischen Spannungen könnte die Dürre letztendlich das Fass zum Überlaufen gebracht haben. 

Das würde auch die relativ abrupt erscheinende Aufgabe der Hauptstadt Ḫattuša erklären. Laut den Aufzeichnungen des letzten hethitischen Königs, Šuppiluliuma II., der den Thron um 1207 v. Chr. bestieg, gewannen die Hethiter bis ins späte 13. Jahrhundert v. Chr. noch mehrere Kämpfe außerhalb des eigenen Gebiets. Nur wenige Jahre später brachen die Aufzeichnungen dann ab und Ḫattuša wurde verlassen. 

Dass klimatische Veränderungen viele der großen Zivilisationen der Antike in die Knie zwangen, sollte laut Manning auch der modernen Welt zu denken geben. „Wir nähern uns vielleicht unserer eigenen Belastungsgrenze“, so der Archäologe. Ähnlich wie die Hethiter könnten auch wir an einen Punkt gelangen, „an dem unsere Anpassungsfähigkeit nicht mehr ausreicht, um den Anforderungen gerecht zu werden.“

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