Burrnesha: Frauen, die als Männer leben

Ein Schwur, fortan ein Leben als Mann zu führen – für Frauen im Balkan war es jahrhundertelang der einzige Weg, einer ungewollten Heirat zu entgehen oder als Familienoberhaupt gelten zu dürfen. Über eine aussterbende Tradition.

Von Marina Weishaupt
bilder von André Josselin
Veröffentlicht am 26. Juli 2023, 08:48 MESZ
Nahaufnahme der nachdenklich dreinblickenden Burrnesha Drande Dodaj

Drande ist eine von schätzungsweise zwölf verbleibenden Burrnesha im Balkangebiet. Für die 68-jährige stand vor rund 60 Jahren der Entschluss fest: Um sich zukünftig behaupten zu können, war ihr einziger Ausweg, ihr Leben mit dem Status eines Mannes fortzuführen. Die Entscheidung kostete sie ihr Frau-Sein.

Foto von André Josselin

Als Drande beim Spielen mit einer Granate ihre Hände verliert, ist sie acht Jahre alt. Nicht nur körperlich verändert dieser Tag im Sommer 1963 alles im Leben der Albanerin. Mit der schweren Verletzung kommen große Sorgen: Wie soll sie ein Mann so attraktiv finden und heiraten? Wie soll sie je Kinder versorgen, ohne Hände? „Ich dachte: Für mich wird es niemals einen Mann auf diesem Planeten geben. Nicht jetzt und auch nicht, bis ich sterbe”, sagt sie. 

Noch am selben Tag entschließt die heute 68-jährige Drande, ein Mann zu werden. Genauer: Sie entschließt sich, fortan wie ein Mann zu leben und behandelt zu werden. Mit Männerkleidung, ohne Sex, ohne eigene Kinder – als Burrnesha, eingeschworene Jungfrau.

Burrnesha sind ein Brauchtum aus dem Balkan, der aus der Zeit gefallen ist. Er wurzelte in einer Vergangenheit, in der es in dieser Region – genau wie in den größten Teilen der Welt – keinen Platz für starke, selbstbewusste und selbstständige Frauen mit eigener Meinung gab. Über Jahrhunderte war es der einzige Weg für Frauen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, das Leben als Frau aufzugeben.

Patriarchale Vergangenheit: Frauen mussten schweigen

Zwölf Burrnesha gibt es heute noch. Drei der zwölf hat Filmemacher Lukas Tielke getroffen: Drande Dodaj, Gjystina Grishaj und Bedrie Gosturani. Sein Filmprojekt Burrnesha wurde von Fotograf Andre Josselin begleitet und ergänzt. Für die bewegenden Aufnahmen reiste das Team in den Norden Albaniens. Hier, im Herzen des Balkans, waren Schicksale wie die der drei Protagonistinnen einst verbreitet. Patriarchalen Strukturen geschuldet, waren Männer lange Zeit sehr viel besser gestellt als Frauen. 

Doch jede hat ihre eigene Geschichte. Während Drande aus Verzweiflung zur Burrnesha wurde, fasste Bedrie den Entschluss aus Überzeugung: Bereits in jungen Jahren bemerkte sie, dass sie lieber mit Jungen spielte – und dass sie als Mädchen von Grund auf anders behandelt wurde als die Männer um sie herum. Gjystina hingegen war mit 23 schon erwachsen, als sie beschloss, dass sie ihr Leben ihren Verwandten und Bekannten widmen und keine eigene Familie gründen wollte.

„In unserem Dorf sprachen Frauen nie. Nur Männer durften sprechen. Als Frauen waren wir verpflichtet, allem zuzustimmen“, sagt Gjystina. Und damit nicht genug: Gedanken und Wünsche von Frauen, die sie nicht äußern durften, wurden demzufolge weder gehört noch respektiert. So waren etwa arrangierte Verlobungen ohne Konsent lange Zeit gang und gäbe. 

Endlich Freiheit: Der Schwur zur Jungfrau 

Der einzige Weg, aus diesen patriarchalen Strukturen auszubrechen – und beispielsweise eine ungewollte Heirat zu umgehen – war der Protest in Form des Burrnesha-Schwurs. Mit Transsexualität, also einer falschen Geschlechtszuordnung bei der Geburt, hatte all dies nichts zu tun. Burrnesha wurden vielmehr im sozialen Sinne Männer. Trotzdem passten sie nicht nur ihre Verhaltensweisen, sondern auch ihr Äußeres, ihre Kleidung, ihre Stimme und ihre Haare den männlichen Standards an. Teilweise so gut, dass sämtliche Weiblichkeit von ihnen wich.

Die Vorteile, die auf das Annehmen der Männerrolle folgten, waren verhältnismäßig groß. Mann-Frauen waren fortan beinahe gleichgestellt und genossen männliche Privilegien. Sie sprachen und wurden gehört. Es war ihnen erlaubt, männlich konnotierte Arbeiten zu verrichten, Geld damit zu verdienen oder den Militärdienst anzutreten. Zudem konnten sie gegen häusliche Gewalt vorgehen und ihre Familie anstelle ihrer verstorbenen Väter oder Brüder als Oberhaupt repräsentieren. 

“Man kann sie eingeschworene Jungfrau nennen, aber sie ist eine Frau und sie bleibt eine Frau. Sie hat einen gewissen Wert, aber sie könnte niemals einen Mann ersetzen. ”

von Drande Dodaj

Kanun: Mittelalterliche Gesetze als Grundlage

Ihre Ursprünge haben die Burrnesha in mittelalterlichen, mündlich überlieferten Gesetzessammlungen aus den Balkanländern Albanien, Montenegro, Kosovo, Bosnien und Herzegowina oder Nordmazedonien. Im sogenannten Kanun oder auch dem „Gesetz der Väter“ wird von einem Leben in der Großfamilie ausgegangen. Zudem wird genauestens beschrieben, wie eine Blutrache abzulaufen hat – und wer im Todesfall des Familienoberhauptes den ältesten ersetzen muss, oder darf.

Der Kanun erlaubt es demzufolge auch, dass Frauen diese Position einnehmen – nachdem sie ihre ewige Jungfräulichkeit beschwören. In jüngeren Generationen beruhte der Schwur eher auf der persönlichen Entscheidung einer Frau. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch mussten Burrnesha auf den Segen des Dorfältesten hoffen – und hatten selbst für diese grundlegende Veränderung keine alleinige Entscheidungsfreiheit.

In manchen Fällen wurde Mädchen bereits direkt nach der Geburt die Rolle der Burrnesha und damit als männlicher Nachfolger zugeteilt. Auch dieses Vorgehen beruhte auf dem Kanun. Ansonsten spielten Frauen und ihre Rechte – wie zur damaligen Zeit auch im echten Leben – eine untergeordnete Rolle in dem Rechtskonstrukt. 

Ein Frauenbild im Wandel

Mittlerweile hat sich die gesellschaftliche Stellung der Frau in den Balkan-Ländern verändert – und die Tradition der Burrnesha steht kurz vor dem Ende: mit dem Tod der Frauen, die es noch gibt, wird die Geschichte der eingeschworenen Jungfrauen im Balkan enden. „Frauen haben viel durchgemacht – möge diese Zeit nie wiederkommen“, sagt Drande im Kurzfilm. Aber einmal geschworen, gibt es kein Zurück. „Geschworene Jungfrauen stehen zu ihrem Wort, ihrem ‘besa’ (Anm. d. Red: Eid) und es gibt nichts Wichtigeres als das.“

Ob Bedrie, Drande und Gjystina oder all ihre vielen Vorgängerinnen unter anderen Umständen nochmals dieselbe Entscheidung treffen würden, lässt sich nicht sagen. Fest steht: Mittlerweile entscheiden sich keine Frauen mehr dazu, Burrnesha zu werden. Weibliche Stärke wird heutzutage immer mehr eine Selbstverständlichkeit – auch wenn es laut dem Global Gender Gap Report 2023 noch durchschnittlich 131 Jahre dauern wird, bis Menschen weltweit unabhängig ihrer Geschlechter gleichgestellt sein werden.

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