Frauen bei der Jagd: Geschlechter-Mythos endgültig widerlegt

Die Aufteilung in Männer gleich Jäger und Frauen gleich Sammlerinnen hat sich lange Zeit als Narrativ durchgesetzt. Neue Studien zeigen, dass diese strikte Rollenverteilung nicht der Realität entspricht – weder in der Vergangenheit noch heute.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 11. Juli 2023, 09:08 MESZ
Schwarz-weiß Portrait einer Inuit-Frau

 Wie in vielen anderen Zivilisationen beteiligen sich auch die Frauen der Iñupiat, indigener Ureinwohner Alaskas, seit jeher an der Jagd.

Foto von Wikimedia Commons

Lange herrschte in der Forschung eine bestimmte Theorie über prähistorische Jäger-Sammler-Gruppen vor: Männer jagten und Frauen sammelten Früchte und Nüsse und kümmerten sich um die Kindererziehung. 

Gleich mehrere Studien und Funde aus den letzten Jahren rütteln an diesem Bild. Beispielsweise zeigten 9.000 Jahre alte Gräber aus Südamerika, dass auch Frauen einzelner Jäger-und-Sammler-Gruppen mit Werkzeugen bestattet wurden – ein klares Indiz dafür, dass sie zu Lebzeiten als Jägerinnen bekannt waren. Das Studienteam stellte damals Berechnungen an, die darauf hinweisen, dass Frauen in Jäger-Sammler-Gesellschaften im späten Pleistozän und frühen Holozän, also vor etwa 12.000 Jahren, sogar zwischen 30 und 50 Prozent der prähistorischen Großwildjäger ausmachten.

Eine neue, großangelegte Studie hat nun zusätzlich eine Vielzahl moderner Jäger-Sammler-Gesellschaften untersucht und herausgefunden, wie weit verbreitet jagende Frauen heute noch sind – und schon immer waren.

Jägerinnen in modernen Jäger-Sammler-Gruppen

Für ihre Studie, die im Fachmagazin PLOS ONE erschien, hat das Forschungsteam der Seattle Pacific University Jäger-Sammler-Gruppen untersucht, die in den letzten 200 Jahren aktiv waren oder es heute noch sind. Bei 69 Gruppen konnten sie dabei Daten zum Jagdverhalten ausfindig machen, darunter schriftliche Aufzeichnungen und archäologische Funde. Deren Auswertung zeigte: In 80 Prozent der untersuchten Gruppen übernehmen auch Frauen das Jagen – zum Großteil intentional. Das heißt: Sie gehen vorsätzlich auf die Jagd und erlegen Beutetiere gezielt zum Nahrungserwerb.

Bei Gesellschaften, in denen die Jagd als wichtigster Teil der Nahrungsbeschaffung gilt, nehmen Frauen darüber hinaus sogar in 100 Prozent der Fälle aktiv an der Jagd teil. 

Doch welche Art von Beutetieren jagen Frauen? Auch darauf fanden die Forschenden eine Antwort: „Die Art des Wildes, das Frauen jagten, richtete sich nach der spezifischen Gesellschaft“, so die Forschenden. Meist sind die einzelnen Gruppen je nach Region oder Bedarf auf kleines, mittelgroßes und Großwild spezialisiert. Jagt eine Gruppe in ihrer Region beispielsweise Großwild, schließen sich auch die jagenden Frauen dieser Spezialisierung an. Es gebe Beispiele von Gruppen, in denen Frauen eher kleines Wild und Männer Großwild jagen, so die Forschenden, – dies sei aber nicht die Regel.

Auf Jagd mit Ehemann, Kind und Hund

Wenn es um die Jagdtechnik geht, unterscheiden sich die Vorlieben ebenfalls je nach Gesellschaft. Für viele der Jäger-Sammler-Gruppen konnten die Forschenden aber nachweisen, dass Frauen insgesamt flexibler bei der Jagd sind als Männer: „Sowohl bei der Wahl der Waffen als auch bei den Jagdstrategien setzen Frauen eine größere Vielfalt an Optionen ein“, so die Forschenden. Beispielsweise jagen die Frauen der Akha – einer ethnischen Gruppe aus Südostasien – mit Netzen, Speeren, Macheten und Armbrüsten. Bei den Agta – so lautet die Sammelbezeichnung für indigene Völker auf den Philippinen – sei das ähnlich: „Einige Frauen bevorzugen die Jagd nur mit Messern, manche benutzen Pfeil und Bogen, andere eine Kombination aus beidem“, heißt es in der Studie.

Bei den Hazda, einer Volksgruppe aus Tansania, begleiten Kinder die Jäger*innen in 15 Prozent aller Fälle. Auch in dieser Jäger-Sammler-Gruppe sind Frauen bei der Jagd dabei.

Foto von CC BY-SA 4.0. / Wikimedia Commons

Dabei widerlegen die Forschenden auch die Idee, dass Mutterschaft und Kinderbetreuung Frauen kategorisch vom Jagen ausschließen. „Bei 50 Prozent der untersuchten Gruppen jagen Frauen mit Kindern“, so die Forschenden. Obwohl Frauen also überproportional für die Kindererziehung zuständig seien, hielt sie diese Aufgabe  nicht vom Jagen ab. Zusätzlich gebe es Frauen, die gemeinsam mit Hunden, mit Gruppen anderer Frauen oder mit ihren Ehemännern jagen.

Gemeinsam mit vorangehenden Studien, die sich mit prähistorischen Jäger-Sammler-Gruppen beschäftigt haben, zeichnet sich also deutlich ab: Die rigide Arbeitsteilung nach Geschlecht, die Jäger-und-Sammler-Gruppen lange zugeschrieben wurde, entspricht nicht der Realität. Das aufzudecken, so die Forschenden, sei vor allem wichtig, um auch heute zu verstehen, dass Geschlechterrollen flexibel sind. 

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