Geschichte und Kultur

Der Fall Tutanchamun

3.300 Jahre nach dem Tod des faszinierendsten aller Pharaonen rollen Forscher die Ermittlungen wieder auf – und bringen Licht ins Dunkel seiner Familienverhältnisse. Eine Geschichte über Inzest, Macht und den Untergang einer Dynastie.

Von Zahi Hawass

Zusammenfassung: Tutanchamun - 3300 Jahre nach dem Tod des faszinierendsten aller Pharaonen rollen Forscher die Ermittlungen wieder auf – und bringen Licht ins Dunkel seiner Familienverhältnisse. Eine Geschichte über Inzest, Macht und den Untergang einer Dynastie .

Mumien beflügeln unsere Phantasie und berühren unser Herz. Auch sie waren einst Menschen, die lebten und liebten – so wie wir. Wir sollten diese Toten ehren und in Frieden ruhen lassen.

Wäre da nicht die wissenschaftliche Neugier: Um die Mumien der Pharaonen gibt es Rätsel, die wir nur lösen können, wenn wir sie genau untersuchen. Computertomografien von Tutanchamun aus dem Jahr 2005 zeigen, dass er nicht durch einen Schlag auf den Kopf starb, wie viele bis dahin glaubten. Unserer Analyse zufolge entstand das Loch in seinem Hinterkopf bei der Mumifizierung. Die Untersuchung ergab auch, dass Tutanchamun mit nur 19 Jahren starb – vielleicht schon bald nachdem er sich das linke Bein gebrochen hatte. Jetzt haben wir seine Mumie noch präziser erforscht. Das Ergebnis: spektakuläre neue Erkenntnisse über sein Leben und seinen Tod.

Für mich ist die Geschichte von Tutanchamun wie ein Theaterstück, an dessen Ende noch geschrieben wird. Der erste Akt des Dramas beginnt um 1390 v. Chr., mehrere Jahrzehnte vor Tutanchamuns Geburt, als der große Pharao Amenophis III. den ägyptischen Thron besteigt. Dieser König der 18. Dynastie, dessen Reich sich über 1900 Kilometer vom Euphrat im Norden bis zum vierten Nilkatarakt im Süden erstreckt, ist unvorstellbar wohlhabend. Mit seiner Königin Teje regiert er 38 Jahre lang; er verehrt die Götter seiner Ahnen, vor allem Amun. Ägyptens ausländische Besitzungen bringen dem Reich Wohlstand und Prosperität.

Geht es im ersten Akt um Tradition und Stabilität, handelt der zweite Akt von Revolte. Als Amenophis III. stirbt, folgt ihm sein zweiter Sohn nach: Amenophis IV., ein exzentrischer Visionär, der sich von Amun und den anderen offiziellen Göttern abwendet und stattdessen eine einzige Gottheit anbetet – Aton, die Sonnenscheibe. Im fünften Jahr seiner Regentschaft ändert er seinen Namen in Echnaton („der Aton dient“). Er erhebt sich selbst in den Status einer lebenden Gottheit, gibt das traditionelle religi.se Zentrum in Theben auf und lässt 290 Kilometer nördlich – wo heute Amarna liegt – eine große Kultstadt erbauen.

Hier lebt er mit seiner Hauptgemahlin, der schönen Nofretete. Gemeinsam dienen sie Aton als Hohepriester. Amun wird aus dem staatlichen Pantheon verbannt, Aton ist alleiniger Gott.

Ein bahnbrechender neuer Naturalismus prägt die Kunst dieser Epoche: Der Pharao lässt sich nicht mit idealisierten Gesichtszügen und jugendlich muskulösem Körper darstellen wie die Pharaonen vor ihm, sondern seltsam unmännlich mit Hängebauch, wulstigen Lippen und länglichem Gesicht.

Das Ende von Echnatons Herrschaft ist eine verwirrende Szene, die sich hinter geschlossenem Vorhang abspielt. Ein König, möglicherweise auch zwei Herrscher, regieren für kurze Zeit, entweder neben Echnaton oder nach seinem Tod oder in beiden Konstellationen. Wie viele andere Ägyptologen glaube ich, dass der erste dieser „Könige“ eigentlich Nofretete ist. Als zweiter Herrscher gilt der geheimnisvolle Semenchkare, ein Mann, über den uns nur wenig bekannt ist. Sicher wissen wir hingegen, dass – als der Vorhang sich zum dritten Akt hebt – auf dem Thron ein Junge sitzt: der neunjährige Tutanchaton („lebendes Abbild des Aton“). Während der ersten beiden Jahre seiner Amtszeit verlassen er und seine Gemahlin Anchesenpaaton (eine Tochter von Echnaton und Nofretete) Amarna. Sie kehren zurück nach Theben (das administrative Zentrum ist Memphis) und lassen die Tempel in altem Glanz erstrahlen. Sie ändern ihre Namen in Tutanchamun und Anchesenamun, wenden sich von Echnatons Häresie ab und erneuern ihre Verbundenheit mit dem Amun-Kult. Dann fällt der Vorhang. Zehn Jahre nach der Thronbesteigung ist Tutanchamun tot und hinterlässt keine Nachkommen. Er wird eilig und unauffällig in einem kleinen Grab beigesetzt, das für eine Privatperson und nicht für eine königliche Bestattung vorgesehen war.

Seinen Nachfolgern gelingt es, beinahe sämtliche Spuren der Amarna-Könige – auch jene Tutanchamuns – auszulöschen. Ironie der Geschichte: Gerade der Versuch, sein Andenken zu tilgen, macht Tutanchamun unsterblich. Weniger als ein Jahrhundert nach seinem Tod ist der Ort seines Grabes in Vergessenheit geraten. Gebäude unmittelbar darüber verbergen die Stätte vor Räubern, und so bleibt sie bis zu ihrer Entdeckung im Jahr 1922 unangetastet. Aus der Grabkammer werden mehr als 5000 Artefakte geborgen. Doch die Familienbeziehungen des jungen Königs konnten durch diese archäologischen Funde bis heute nicht erhellt werden. Wer war sein Vater? Wer seine Mutter? Was wurde aus seiner Witwe Anchesenamun? Sind die beiden mumifizierten Föten in seinem Grab Tutanchamuns eigene, zu früh geborene Kinder? Oder Symbole der Reinheit, die ihn ins Jenseits begleiten sollten? Um diese Fragen zu beantworten, beschlossen wir, Tutanchamuns DNA zu analysieren; außerdem das Erbgut von zehn anderen Mumien, die wir für Mitglieder seines engeren Familienkreises hielten, sowie von fünf weiteren Mumien aus einer anderen Dynastie.

Wir richteten zwei hochmoderne gentechnische Labors zur DNA-Sequenzierung ein: eines im Ägyptischen Museum in Kairo, das andere an der Universität Kairo. Die Arbeit übernahmen die ägyptischen Wissenschaftler Somaia Ismail und Yehia Gad. Zudem fertigten wir auch Computertomografien von allen Mumien an: Diese Untersuchungen beaufsichtigten die Mediziner Ashraf Selim und Sahar Saleem von der Universität Kairo. Drei internationale Experten waren als Berater tätig: Carsten Pusch von der Eberhard Karls Universität Tübingen, Albert Zink vom „Institut für Mumien und den Iceman“ an der Europäischen Akademie in Bozen und der Radiologe Paul Gostner vom Regionalkrankenhaus Bozen.

Die Identität von vier der Mumien war bekannt. Neben jener von Tutanchamun, die sich noch in seinem Grab im Tal der Könige befand, handelte es sich um drei Mumien im Ägyptischen Museum: die von Amenophis III. sowie die von Juja und Tuja, den Eltern von Teje, der Gemahlin von Amenophis III. Unter den unbekannten Mumien war eine männliche, die in dem geheimnisvollen Grab mit der Bezeichnung KV 55 im Tal der Könige gefunden wurde. Archäologische Belege ließen vermuten, dass dies Echnaton oder Semenchkare sein könnte. Unsere Suche nach Tutanchamuns Mutter und Ehefrau konzentrierte sich auf vier unbekannte weibliche Mumien. Zwei von ihnen, die wir „Elder Lady“ („Ältere Dame“) und „Younger Lady“ („Jüngere Dame“) nannten, waren 1898 entdeckt, ausgewickelt und achtlos auf dem Boden einer Nebenkammer im Grab Amenophis’ II. (KV 35) abgelegt worden. Offenbar hatten Priester sie nach dem Ende des Neuen Reichs um 1000 v. Chr. hier versteckt.

Die beiden anderen anonymen Frauen kamen aus dem Grab KV 21 im Tal der Könige. Zudem wollten wir versuchen, auch aus den mumifizierten Föten in Tutanchamuns Grab DNA zu gewinnen – ein schwieriges Unterfangen, denn ihr Zustand war extrem schlecht. Sollte es uns aber gelingen, würden wir vielleicht die fehlenden Stücke einer Familiengeschichte ergänzen können, die sich über fünf Generationen erstreckt.

Um ausreichend Material zu erhalten, entnahmen die Genetiker jeder Mumie Gewebe an mehreren Stellen, jeweils tief aus den Knochen. Mit dieser Vorgehensweise sollte ausgeschlossen werden, dass die Proben durch fremde DANN kontaminiert sein konnten – etwa von früheren Archäologen oder von den ägyptischen Priestern, die die Mumifizierung vorgenommen hatten. Auch unsere Forscher gingen mit äußerster Vorsicht zu Werke, um die Proben nicht ihrerseits zu verunreinigen. Nachdem sie Gewebe entnommen hatten, mussten sie die DNA von unerwünschten Substanzen trennen, etwa von Salben und Harzen, die einst die Priester zur Konservierung der Leichen verwendeten.

Im Zentrum der Untersuchung stand Tutanchamun selber. Falls Entnahme und Isolierung gelängen, würde seine DNA in einer klaren flüssigen Lösung zur Analyse bereitstehen. Zu unserem Entsetzen verfärbten sich die ersten Lösungen trüb schwarz. Es kostete uns sechs Monate, um herauszufinden, wie wir die Verunreinigung vermeiden und eine zur Sequenzierung nutzbare Probe gewinnen konnten.

Nachdem wir auch den drei anderen männlichen Mumien DNA entnommen hatten – von Juja, Amenophis II. und der geheimnisvollen Mumie aus KV 55 –, begannen wir, die Identität von Tutanchamuns Vater zu klären. Inschriften aus Tutanchamuns Regierungszeit beziehen sich auf Amenophis III. als seinen Vater. Dies muss noch kein Beleg für ihre Verwandtschaft sein, denn der Begriff könnte auch als „Großvater“ oder „Vorfahr“ interpretiert werden. Zudem starb Amenophis III. nach allgemein akzeptierter Chronologie bereits etwa ein Jahrzehnt vor Tutanchamuns Geburt.

Nach Meinung vieler Wissenschaftler war Echnaton der Vater von Tutanchamun. Gestützt wird diese Annahme durch einen zerbrochenen Kalksteinblock, den man in der Nähe von Amarna fand und dessen Inschriften Tutanchaton und Anchesenpaaton als geliebte Kinder des Königs bezeichnen. Da wir wissen, dass Anchesenpaaton die Tochter Echnatons war, folgt daraus, dass Tutanchaton (später Tutanchamun) sein Sohn war. Doch nicht alle Wissenschaftler sind von dieser Lesart überzeugt ; einige meinen, Tutanchamuns Vater sei der mysteriöse Semenchkare gewesen.

Als wir die DNA der Mumien isoliert hatten, konnten wir die Y-Chromosomen von Tutanchamun, Amenophis III. und der Mumie aus KV 55 vergleichen, um festzustellen, ob sie tatsächlich aus einer Familie stammen: Verwandte Männer weisen dasselbe DNA-Muster auf ihrem Y-Chromosom auf, da dieser Teil des männlichen Genoms direkt vom Vater vererbt wird. Doch um ihre genaue Verwandtschaftsbeziehung zu klären, war eine kompliziertere Form der Gen-Analyse notwendig.

Auf den Chromosomen in unserem Genom kennen wir spezifische Regionen, in denen sich die Muster der DNA-Basen – Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin, meist abgekürzt mit A, T, G und C – von einer Person zur anderen beträchtlich unterscheiden. Die Abfolge der DNA-Basen bildet unseren genetischen Code. Während eine Person in ihren Erbanlagen beispielsweise eine Basensequenz in zehnfacher Wiederholung aufweisen kann, könnte ein anderer, nicht verwandter Mensch dieselbe Sequenz in 15-facher Wiederholung haben, ein dritter in 20-facher und so fort. Eine Übereinstimmung von zehn der variablen Regionen reicht dem FBI aus, um festzustellen, ob die DNA an einem Tatort mit der eines Verdächtigen übereinstimmt. Familienmitglieder, die vor 3300 Jahren getrennt wurden, miteinander in Verbindung zu bringen, erfordert nicht so viel Präzision bei der DNA-Analyse wie die Aufklärung eines Verbrechens. Durch den Vergleich von nur acht der variablen Regionen war unser Team imstande, mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit feststellen zu können, dass Amenophis III. der Vater der Person aus dem Grab KV 55 war – und diese Mumie wiederum der Vater von Tutanchamun. Jetzt wussten wir zwar, dass wir den Leichnam von Tutanchamuns Vater vor uns hatten, aber wir wussten noch immer nicht sicher, wer er war. Unsere Hauptverdächtigen waren Echnaton und Semenchkare. Die meisten forensischen Analysen hatten ergeben, dass der Leichnam aus KV 55 der eines Mannes von nicht mehr als 25 Jahren war – zu jung, um Echnaton zu sein, der anscheinend vor Beginn seiner 17-jährigen Herrschaft bereits zwei Töchter gezeugt hatte. Viele Wissenschaftler vermuteten daher, dass es sich bei der Mumie um den mysteriösen Pharao Semenchkare handelte.

Um bei der Lösung dieses Rätsels zu helfen, konnte jetzt eine neue Zeugin untersucht werden: „Elder Lady“ (KV 35 EL). Sie ist mit ihrem rötlichen, über die Schultern fallenden Haar sogar als Mumie noch bezaubernd. Schon früher war ein Abgleich zwischen einer Strähne dieses Haars mit einer Locke aus Tutanchamuns Grab vorgenommen worden. Diese Locke fand sich in ineinander geschachtelten Miniatursärgen mit dem Namen der Königin Teje, der Gemahlin von Amenophis III. – und Mutter von Echnaton. Durch den Vergleich der DNA der „Elder Lady“ mit jener von Tejes Eltern Juja und Tuja konnten wir zeigen, dass die „Elder Lady“ tatsächlich Teje ist. Und ihre Genproben würden jetzt den Beweis erbringen, ob die Mumie aus KV 55 tatsächlich ihr Sohn war.

Zu unserer großen Freude bestätigte der DNA-Vergleich die Verwandtschaft. Weitere Computertomografien der Mumie aus KV 55 enthüllten eine altersbedingte Verkrümmung der Wirbelsäule sowie Arthrose in Knien und Beinen. Es stellte sich heraus, dass der Mann eher rund 40 und nicht nur etwa 25 Jahre alt geworden war wie ursprünglich angenommen. Damit war die Frage der Altersdiskrepanz gelöst, und wir konnten schließen, dass die Mumie aus KV 55 – Sohn von Amenophis III. und Teje sowie Vater von Tutanchamun – mit großer Wahrscheinlichkeit Echnaton ist. (Da wir so wenig über Semenchkare wissen, kann man ihn jedoch nicht völlig ausschließen.)

Aufgrund dieser Erkenntnis scheint es unwahrscheinlich, dass eine der bekannten Ehefrauen Echnatons – Nofretete oder eine zweite Frau namens Kija – Tutanchamuns Mutter gewesen ist. Denn es gibt aus den historischen Befunden keinen Hinweis darauf, dass eine der beiden seine leibliche Schwester war. Wir wissen, wie fünf der sechs Töchter von Amenophis III. und Teje heißen, doch wir werden vermutlich niemals erfahren, welche von Echnatons Schwestern ihm ein Kind gebar. Inzest war im ägyptischen Königshaus nichts Ungewöhnliches – wahrscheinlich aber die Ursache für den frühen Tod ihres Sohnes.

Die Ergebnisse unserer DNA-Analyse, die im Februar 2010 im Journal of the American Medical Association veröffentlicht wurden, überzeugten mich davon, dass die Genetik ein starkes Instrument sein kann, um unser Verständnis der ägyptischen Geschichte zu verbessern. Vor allem wenn es mit Erkenntnissen aus archäologischen Funden kombiniert wird, wie es hier nun geschieht. Nirgends ist das deutlicher als bei unserer Suche nach der Ursache für Tutanchamuns Tod. Auf den CT-Bildern der Mumie entdeckten wir etwas zuvor Unbemerktes: Tutanchamuns linker Fuß ist missgebildet, an einem Zeh fehlt ein Knochen, weitere Knochen in einem Teil des Fußes sind durch Nekrose – wörtlich: „Tod des Gewebes“ – zerstört. Sowohl der Klumpfuß als auch die Knochenkrankheit müssen seine Gefühligkeit eingeschränkt haben. Wissenschaftler hatten bereits festgestellt, dass von den 130 Gehstöcken, die vollständig oder als Fragmente in Tutanchamuns Grab gefunden wurden, viele auch benutzt worden waren.

Einige Forscher wiesen darauf hin, dass solche Stäbe verbreitete Symbole der Macht waren und dass auch Tutanchamuns Fuß bei der Mumifizierung beschädigt worden sein könnte. Doch unsere Analyse zeigte neue Knochenbildung als Reaktion auf die Nekrose – ein Beweis für die Krankheit. Von allen Pharaonen wird nur Tutanchamun bei Aktivitäten wie dem Bogenschießen oder beim Benutzen eines Wurfholzes sitzend dargestellt: Dieser König brauchte einen Stock zum Gehen.

Tutanchamuns Knochenkrankheit beeinträchtigte ihn also nachweislich, doch sie allein wäre nicht tödlich gewesen. Um die möglichen Ursachen seines Todes genauer zu untersuchen, überprüften wir die Mumie auf genetische Spuren verschiedener ansteckender Krankheiten. Aufgrund der vorhandenen DNA mehrerer Stämme eines Parasiten namens Plasmodium falciparum konnte man schließen, dass Tutanchamun mit Malaria infiziert war.

Hat die Malaria den Pharao getötet? Vielleicht. Die Krankheit kann eine Immunreaktion im Körper auslösen sowie zu Blutungen, Krämpfen und letztlich zum Tod führen. Einige Wissenschaftler wiesen jedoch darauf hin, dass Malaria wahrscheinlich damals in der Region sehr verbreitet gewesen war und Tutanchamun eine teilweise Immunität gegen die Krankheit ausgebildet haben könnte. Andere halten die Sichelzellkrankheit für eine wahrscheinlichere Todesursache.

Tutanchamuns Gesundheit konnte jedenfalls bereits vom Moment seiner Zeugung an als gefährdet gegolten haben. Seine Mutter und sein Vater waren leibliche Geschwister. Das Ägypten der Pharaonen war nicht die einzige Gesellschaft, die den königlichen Inzest institutionalisierte, da er politisch von Interesse sein konnte. Doch es gibt auch gefährliche Auswirkungen. Bei Geschwistern ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass ihre Kinder anfällig für eine Reihe verschiedener genetischer Defekte sind.

Tutanchamuns deformierter Fuß könnte ein solcher Schwachpunkt gewesen sein. Wir vermuten, dass er auch eine kleine Spalte im Gaumen hatte – ein weiterer Erbdefekt. Vielleicht kämpfte er mit noch mehr gesundheitlichen Problemen, bis schließlich ein schwerer Malariaanfall oder ein bei einem Unfall gebrochenes Bein zu viel war für seinen Körper.

Es könnte noch ein weiterer Beleg von königlichem Inzest mit Tutanchamun bestattet worden sein. Die Daten sind zwar noch nicht vollständig, doch unsere Untersuchung legt nahe, dass einer der beiden Föten tatsächlich Tutanchamuns Tochter ist. Und auch der andere Fötus ist wahrscheinlich sein Kind. Bis jetzt konnten wir nur einen Teil der Daten für die beiden weiblichen Mumien aus KV 21 gewinnen. Eine der beiden, aus KV 21 A, könnte durchaus die Mutter der beiden Kinder und damit Tutanchamuns Gemahlin Anchesenamun sein. Wir wissen aus der Geschichte, dass sie die Tochter von Echnaton und Nofretete war und somit vermutlich die Halbschwester ihres Gatten. Eine weitere Folge der Inzucht können Kinder mit genetischen Defekten sein, die zur Frühgeburt führen.

Vielleicht endet hier das Drama – zumindest für den Moment – mit einem jungen König und seiner Königin, die vergebens versuchen, einen Erben für den ägyptischen Thron zu zeugen. Unter den vielen kostbaren Artefakten, die mit Tutanchamun begraben wurden, ist ein kleines, mit Elfenbein verziertes Kästchen, das eine Szene mit dem Königspaar zeigt. Tutanchamun stützt sich auf seinen Stock, während seine Frau ihm einen Blumenstrauß entgegenhält. In dieser und anderen Darstellungen scheinen die beiden heiter verliebt.

Wir wissen, dass nach Tutanchamuns Tod eine ägyptische Königin, vermutlich Anchesenamun, den König der Hethiter, Ägyptens Hauptfeind, bittet, ihr einen Prinzen zu schicken, der sie ehelichen solle, denn «mein Gemahl ist tot, und ich habe keinen Sohn». Der Hethiterkönig schickt einen seiner Söhne, doch der stirbt, bevor er Ägypten erreicht. Meiner Ansicht nach wurde er von Haremhab ermordet, dem Oberbefehlshaber von Tutanchamuns Heer, der dann selber den Thron bestieg. Doch auch Haremhab starb kinderlos und hinterließ den Thron einem anderen Armeebefehlshaber.

Der Name des neuen Pharao, mit dem eine weitere Dynastie begann, war Ramses I. Unter der Herrschaft seines Enkels, Ramses des Großen, stieg Ägypten zu neuen Höhen imperialer Macht auf. Mehr als jeder andere arbeitete dieser Pharao daran, alle Spuren von Echnaton, Tutanchamun und den anderen „Häretikern“ der Amarna-Zeit aus der Geschichte zu tilgen. Mit unserer Untersuchung wollen wir sie ehren und die Erinnerung an sie wach halten.

Als der aus Neuengland stammende Missionar Hiram Bingham 1820 auf Hawaii eintraf, war er bestürzt darüber, dass die Einheimischen „Götzendienst und Hulatanz“ praktizierten – und die Königsfamilie dem Inzest frönte. Doch die Inzucht, so die französische Historikerin Joanne Carando, war auf Hawaii als ausschließliches Privileg der Könige nicht nur akzeptiert, sondern sogar erwünscht“.

Tatsächlich tabuisierte praktisch jede Kultur in der überlieferten Geschichte die Verbindung zwischen Geschwistern oder Eltern und Kindern. Die Königsfamilie hingegen war in vielen Gesellschaften, darunter auch im Alten Ägypten, im Peru der Inka und zeitweise in Zentralafrika, Mexiko und Thailand von dem Verbot ausgenommen. Europäische Königshäuser vermieden zwar den Geschwisterinzest, doch heirateten häufig Cousins und Cousinen, darunter bei Preußens Hohenzollern, den Bourbonen in Frankreich und in britischen Königsfamilien. Auch bei den spanischen Habsburgern, die beinahe 200 Jahre regierten, wurde oft unter engen Verwandten geheiratet. Ihre Dynastie ging 1700 mit dem Tod von Carlos II. zu Ende, einem König, der gesundheitlich so schwach war, dass er erst mit vier Jahren sprechen und mit acht laufen konnte. Und offenbar konnte er auch keine Kinder zeugen.

Die physischen Probleme, mit denen Carlos und Pharao Tutanchamun – Sohn von Geschwistern – konfrontiert waren, weisen auf eine mögliche Erklärung für das beinahe universelle Inzesttabu hin: Geschwister haben durchschnittlich die Hälfte der Gene gemein, so wie es bei Eltern und Kindern der Fall ist. Die Genome von Cousins und Cousinen ersten Grades überlappen sich zu 12,5 Prozent. Die Verbindungen wischen nahen Verwandten können daher das Risiko erhöhen, dass schädliche rezessive Gene, besonders wenn sie über Generationen immer wieder kombiniert werden, bei den Kindern zusammenkommen. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit von Krankheiten.

Falls die Königsfamilien von diesen möglichen Nachteilen wussten, ignorierten sie sie. «Ein Grund dafür ist, dass Inzest sie zu etwas Besonderem macht», sagt Walter Scheidel, Professor für Altphilologie an der Stanford-Universität. Königliche Inzucht gibt es hauptsächlich in Gesellschaften, in denen Herrscher über gewaltige Macht verfügen und in denen ihnen außer den Göttern niemand ebenbürtig ist. Da Götter untereinander heiraten, sollten das auch Könige tun. Inzest hält zudem das königliche Vermögen zusammen. Die Verehelichung von Familienmitgliedern hat zur Folge, dass ein König Reichtum, Privilegien und Macht nur mit Menschen teilen muss, die bereits seine Verwandten sind.

Und die Risiken sind zwar real, doch nicht absolut. Selbst die weitgehende genetische Überlappung, die bei Nachkommen von Geschwisterehen entsteht, kann zum Beispiel mehr gesunde als kranke Kinder hervorbringen. Schließlich kann ein König oder Pharao sich gegen das Risiko seiner inzestuösen Aktivitäten Schützen, indem er auch auf andere Nachkommen setzt. Er kann, wie Josiah Ober, Altphilologe von der Stanford-Universität, anmerkt, «sich zusammentun, mit wem er will».

So gab der Inka-Herrscher Huayana Capac (1493 bis 1527) die Macht nicht nur an seinen Sohn Huáscar weiter, dessen Mutter Capacs Schwester und Gemahlin war, sondern auch an seinen Sohn Atahualpa, den er mit einer offiziellen Kurtisane zeugte. König Rama V. von Thailand (1873 bis 1910) hatte mehr als 70 Kinder – einige aus Ehen mit Halbschwestern, die meisten mit Geliebten und Nebenfrauen. Ein solcher Herrscher konnte seine Macht an viele seiner Kinder weitergeben, unabhängig vom Status der Mutter. Ein Genetiker würde sagen, er bot seinen Genen viele Wege in die Zukunft.

Das kann alles nach Berechnung aussehen. Doch manchmal ist auch einfach Zuneigung die Triebfeder dieser Bindungen. Bingham erfuhr, dass König Kamehameha III. von Hawaii selbst nach seinem Übertritt zum Christentum viele Jahre lang mit Prinzessin Nahienaena schlief – seiner Schwester. Weil sie einander geliebt hätten, sagt die Historikerin Carando.

Aus dem Englischen von David Dobbs

(NG, Heft 9 / 2010)