Geschichte und Kultur

Die Enkel von Sitting Bull

Einst gehörte die Prärie den Sioux. Dann kamen die Weißen. Nach einem Jahrhundert historischer Ungerechtigkeiten leben die Indianer in einem Sumpf von Armut und Drogen. Doch sie geben nicht auf – und kämpfen um ihre Traditionen.

Von Alexandra Fuller
Die Enkel von Sitting Bull

Historische Gräuel sind symbolisch oft an einen Ort gebunden, dessen Name das Trauma eines ganzen Volkes heraufbeschwört: Auschwitz, Robben Island, Nanjing. Für die Oglala-Sioux im Indianerreservat Pine Ridge in South Dakota ist ein Hügel nahe dem Fluss Wounded Knee Creek ein solcher Ort.

Unter dieser malerischen, mit einigen Bäumen bestandenen Erhebung befindet sich ein Massengrab mit mindestens 145 Stammesmitgliedern der Sioux-Indianer. An einem Wintertag Ende 1890 wurden sie von amerikanischen Soldaten erschossen. Unter den Toten, die man später im Schnee barg, waren auch viele Frauen und Kinder. Das Massaker brach den Widerstand der Sioux gegen die Weißen – und markiert das Ende der bewaffneten Konflikte zwischen den Vereinigten Staaten und den Indianern. An Orten wie diesem kann man sich vorstellen, dass gewisse Energien – ungeheuerliche Gewalttaten und grenzenlose Liebe – für immer in der Atmosphäre schweben.

Wie Michael Her Many Horses vom Stamm der Oglala den Ort des Massakers beschreibt:

Alex White Plume, ein 60-jähriger Indianer vom Unterstamm der Oglala-Lakota-Sioux, lebt inmitten seiner Großfamilie auf einer 800 Hektar großen Ranch in der Nähe des Wounded Knee Creek im Pine-Ridge-Reservat. Sein Land ist unsagbar schön, von den sanften, salbeibewachsenen Hügeln bis zu den Bächen, gesprenkelt mit spätsommerlich gefärbtem Laub. Von bestimmten Stellen aus sieht man die Badlands, lauter sonnengebleichte Bergspitzen und blank gescheuerte Felsnadeln. Blickt man in eine andere Richtung, erkennt man die finsteren Black Hills von South Dakota, die heiligen Berge der Sioux, einer Krone gleich am Horizont.

An einem feuchtheißen Tag Anfang August sitzt White Plume in der mit Fliegengittern abgeschirmten Außenküche, die er gerade für seine Frau gebaut hat. «Bei diesem letzten schrecklichen Massaker wurde die ganze Nation der Sioux verwundet, und seitdem leiden wir darunter», sagt er. Drei seiner Verwandten starben am Wounded Knee.

In der Mitte des Ranchgebiets liegt eine flache Hochebene. Dort, erzählt Alex White Plume, sollen einige der historischen Geistertänze statt- gefunden haben, die dem Massaker am Wounded Knee vorausgegangen sind. Die Teilnehmer an diesen spirituellen Zeremonien tanzten sich in Trance, um mit ihren Toten Verbindung aufzunehmen. Beschwörungen sollten die alten Zeiten zurückbringen, das Volk der Indianer vereinen und zu einem glücklichen, friedlichen Leben führen. Von den amerikanischen Soldaten wurden die Geistertänze mit Argwohn betrachtet. Sie verstanden sie als politischen Protest gegen die Unterdrückung durch die Weißen, welche die Indianer der Präriegebiete erst in Reservate gedrängt hatten und das Gebiet dann halbierten. Dennoch hielten Sioux-Anführer wie der berühmte Sitting Bull daran fest.

Das Jahr 1890 brachte mit einer schlimmen Dürre mehr als den üblichen Mangel in die geschrumpften Reservate im Westen der USA. Die verzweifelten Sioux trafen sich immer häufiger und baten ihre Geister und Ahnen um Rat und Anleitung. Am 15. Dezember 1890 nahmen Polizisten den Häuptling Sitting Bull fest – um den „Messiaswahn“ der Zeremonien zu stoppen. Die Verhaftung endete als Blutbad. Sitting Bull, sieben seiner Anhänger und sechs Polizisten wurden getötet. Aus Furcht vor Repressalien flohen viele Indianer in die Badlands, darunter auch der Anführer Big Foot mit seinen Leuten. Er suchte Zuflucht bei Red Cloud im Pine-Ridge-Reservat.

Zwei Wochen später, am Morgen des 28. Dezember 1890, stießen Soldaten auf Big Foot und seine Anhänger und eskortierten sie zum Wounded Knee Creek. Am nächsten Morgen versuchte die Kavallerie, die Indianer zu entwaffnen. Was an jenem frostkalten Tag dann passierte, ist nicht ganz klar. Es heißt, ein Medizinmann, Yellow Bird, habe zu tanzen angefangen und dabei Erde in die Luft geworfen. Daraufhin soll es zu einem Handgemenge gekommen sein, ein Schuss fiel, die Armee eröffnete das Feuer, und als sich der Rauch verzogen hatte, waren Big Foot und mindestens 145 seiner Leute tot, darunter 44 Frauen und 18 Kinder. Berichten zufolge wurden auch 25 amerikanische Soldaten getötet, einige durch Kugeln der eigenen Seite.

«Sie haben es mit Vernichtung versucht, sie haben es mit Assimilation versucht», sagt White Plume. «Sie haben uns unsere Pferde weggenommen. Sie haben unsere Sprache verboten und unsere Zeremonien. Unsere heiligen Anführer mussten für fast ein Jahrhundert in den Untergrund gehen.» Erst 1978 verabschiedete der Kongress den American Indian Religious Freedom Act, ein Gesetz, das jeden Eingriff in die Ausübung spiritueller indianischer Zeremonien unter Strafe stellt.

Die Folgen der Repressionen wirken bis heute nach: Nur jeder fünfte Bewohner des Pine-Ridge-Reservats hat Arbeit, jeder zweite lebt unter der Armutsgrenze. Viele der Oglala-Sioux sind alkoholabhängig.

Oglala-Indianerin Terryl Blue-White Eyes über die Alkoholproblematik im Reservat und wer daran verdient:

«Trotz allem haben unsere Zeremonien überdauert, unsere Sprache ist noch lebendig», sagt White Plume. Er zündet sich eine seiner selbst gedrehten Zigaretten an und blinzelt durch das Rauchgekräusel. «Wissen Sie, was mich davor gerettet hat, ein Mörder zu werden? Meine Sprache. Ich kann in meiner Sprache einfach nicht hasserfüllt sein. Eine so schöne, sanfte Sprache. Sie ist so friedlich.» Dann beginnt White Plume auf Lakota zu sprechen, und es ist nicht zu leugnen, wie sanft die Worte klingen.

Und doch leistete White Plume auch Widerstand: Überall in seinem Garten sprießen Hanfpflanzen. «Ich sage zu den Leuten: Raucht, so viel ihr wollt, aber besonders high werdet ihr davon nicht», erzählt er. Die Pflanzen sind Überbleibsel einer Plantage mit Cannabis sativa, Nutzhanf mit niedrigem Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC), dessen Fasern für Seile oder Segeltuch verwendet werden. Die Familie von White Plume legte sie im Jahr 2000 an – und brach so ein Verbot, das seit 1970 gilt.

«Die Menschen in Pine Ridge haben souveränen Status als eine unabhängige Nation», sagt White Plume. «Das bedeutet für mich, ich darf auf diesem Land meinen Lebensunterhalt verdienen, wie ich will.» Trotz strikter Warnungen, dass die Unabhängigkeit der Oglala-Sioux beschränkt sei und nicht das Recht einschließe, Bundesgesetze zu verletzen, bepflanzten die White Plumes einen halben Hektar mit Nutzhanf. Die Samen sammelten sie von wild wachsenden Pflanzen im rez, wie sie ihr Reservat nennen. Einige Tage vor der geplanten Ernte, im August 2000, rückte die Bundespolizei mit Hubschraubern und Geländewagen an und machte dem Hanfanbau ein Ende. Die Pflanzen verwilderten. «Es war ein Experiment in Kapitalismus und ein Test unserer Unabhängigkeit, aber offenbar will die amerikanische Regierung nicht zugeben, dass wir weder das eine noch das andere haben sollen», sagt White Plume. Dann lacht er wie ein Mann, der weiß, dass er sich von Enttäuschungen nicht unterkriegen lässt.

Enttäuschungen kennen die Sioux zur Genüge. Immer wieder wurden in der Vergangenheit Verträge zwischen der amerikanischen Regierung und dem Indianerstamm geschlossen – und wieder gebrochen. So zum Beispiel der Vertrag über die Black Hills, für die Oglala das Zentrum ihrer spirituellen Welt. Der Fort-Laramie-Vertrag von 1868 garantierte den Sioux den Besitz der Berge, doch als man 1874 dort Gold fand, kamen Goldsucher in Massen, und die amerikanische Regierung beschlagnahmte das Land. Die Sioux erkannten die Rechtmäßigkeit der Besitznahme nicht an und kämpften mehr als ein Jahrhundert dagegen. Am 30. Juni 1980 bestätigte der U.S. Supreme Court im Fall United States vs. Sioux Nation of Indians eine Entschädigungssumme von 106 Millionen Dollar – für den Wert des Landes im Jahr 1877 sowie Zinsen für 103 Jahre. Die Sioux lehnten ab. Für sie sind die Black Hills unverkäuflich.

White Plume unterbricht seine seltsam unaufgeregte Darstellung der historischen Ungerechtigkeiten, lange genug, um sich eine Zigarette zu drehen. Dann schaut er auf und fragt, ob ich noch Zeit und ein bisschen Benzin im Tank habe.

Gelebte Tradition – Sehen Sie hier die Oglala Nation Pow Wow:

http://www.youtube.com/embed/on9bnvuOLtE

Ich sage, ich habe beides. Wir fahren hinaus auf sein prächtiges Land. An einem von kanadischen Schwarzpappeln gesäumten Bach suchen wir uns einen schattigen Platz. Und dann höre ich White Plume überrascht ausrufen – «Aha!» –, als grüße er jemanden, den er verehrt und kennt. Er hat den Baum für seine Sonnentanz-Zeremonie gefunden.

Bei jeder Zeremonie tanzen, meditieren und beten viele eingeladene Teilnehmer. Sie reinigen sich in Schwitzhütten und fasten tagelang. Männer werden ausgewählt, die als spirituell stark genug gelten, um den symbolischen Akt des gemeinschaftlichen Selbstopfers durchzustehen. An einem Seil wird ein knöcherner Pflock befestigt und den Auserwählten durch die Haut gebohrt. Mit dem anderen Ende des Seils werden sie an die Äste der rituell gefällten Schwarzpappeln gebunden, die mit Bändern verziert aufgestellt wurden. Dann müssen sich die Männer losreißen, wobei ihre Haut zerfetzt wird.

Als White Plume 1974 in die US-Army eintrat, erinnert er sich, gab es im ganzen Reservat nur drei Sonnentänze. «Jetzt sind es Dutzende», sagt er. Er selbst führt die Sonnentänze seiner Großfamilie noch immer auf traditionelle Art durch: «Es ist wunderschön, so spirituell.»

Es sagt eine Menge über Alex White Plume, dass eine nicht gerade vorbildliche, doch ansteckend optimistische Frau namens Olowan Thunder Hawk Martinez in ihm einen Lehrer sieht. In ihrem Leben hat die heute 38-Jährige schon so manchen Fehltritt begangen. Aber Martinez, eine selbst ernannte Jugendbetreuerin, die kein Blatt vor den Mund nimmt, besitzt auch einen unerschütterlichen Geist. «Soll ich die betrunkene Indianerin in der Ecke spielen?» Wie ihr Mentor hat sie die verwirrende Angewohnheit zu lachen, wenn sie es besonders ernst meint. «So war ich. Hab ich alles hinter mir. Aber ich hab Schluss damit gemacht.»

Martinez erzählt vom Suizid eines 15-jährigen Mädchens Anfang des Sommers. Der Leichnam von Dusti Rose Jumping Eagle lag Anfang Juli 2011 in einem Tipi in der Stadt Pine Ridge, aufgebahrt in einem offenen Sarg, in lebloser Schönheit. Der um ihren Hals drapierte Schal verhüllte die Art ihres Selbstmords.

«Ich weiß, warum eine Menge junger Mädchen im rez versuchen, sich das Leben zu nehmen», sagt Martinez. «Wir sind alle ständig in Gefahr, uns selbst zu verlieren, unsere Identität. Für jeden Einzelnen von uns ist es ein täglicher Kampf, ganz Lakota zu sein. Und manchmal verlieren wir den Kampf. Dann lassen die Männer ihr Minderwertigkeitsgefühl an den Frauen aus. Und die Frauen lassen ihr Minderwertigkeitsgefühl an sich selbst aus. Und alle lassen ihr Minderwertigkeitsgefühl an den Kindern aus.»

Ein Onkel missbrauchte Martinez, als sie sechs war, und dann noch einmal, als sie zehn war. «Danach hat er mich mit Worten erniedrigt. Er hat mir gesagt, ich sei nichts wert. Ich fühlte einen tiefen Schmerz, den nichts und niemand aus meinem Inneren entfernen konnte.» Kurz nach der zweiten Vergewaltigung fand sich Martinez allein in der Küche ihrer Mutter. «Ich erinnere mich, wie ich auf die Arbeitsplatte schaute und ein Messer sah. Und plötzlich schien das Messer der einzige Weg, allen Schmerz aus mir herauszuschneiden. Also hab ich es genommen und angefangen, mein Handgelenk zu ritzen.»

Während Martinez an ihrem Küchentisch sitzt und erzählt, hört man ein Grollen am Himmel. Gewitterwolken brauen sich zusammen – die Lakota-Sioux nennen sie wakinyan, Donnerwesen. «Als ich das sechste Mal zum Schneiden ansetzte, hat der Fußboden unter mir gerumpelt», sagt sie. «Die wakinyan haben zu mir gesprochen. Sie sagten, ich muss leben. Da hab ich das Messer fallen lassen.»

Wir sitzen schweigend in der schwülen, von sirrenden Fliegen erfüllten Stille. Dann zündet sie ein Salbeibündel an, und abwechselnd lassen wir uns den reinigenden Rauch ums Haar wehen. Draußen macht jemand Radau. Obwohl Geld immer knapp ist und Martinez drei eigene Kinder hat (sie sind 19, 11 und 5), hängt oft eine Schar von Jugendlichen bei ihr herum, die Mitglieder ihrer Jugendgruppe. Heute ist keine Ausnahme. Einige Jungen im Teenager-Alter rennen im Kreis um ihren feuchten, überwucherten Garten und beschießen sich zum Spaß mit Luftgewehren. Einer wird am Hintern getroffen und jammert. Martinez lacht und steht auf. «Oh, meine jungen Krieger», sagt sie. «Jetzt lasst uns mal rausfinden, wer hier wem was getan hat.»

Martinez wuchs in den siebziger und frühen achtziger Jahren im rez auf. «Das waren verrückte Zeiten», sagt sie. Schwer bewaffnete Menschen schlichen nachts herum, Häuser in entlegeneren Städten wurden nach Einbruch der Dunkelheit beschossen, es gab Dutzende Tote. «Was damals passiert ist, war für die Leute, die dabei waren, wie ein Krieg.»

Im Februar 1973 besetzten 200 Mitglieder des American Indian Movement (AIM), einer proindianischen Bewegung, den Schauplatz des Massakers am Wounded Knee, um gegen die gebrochenen Staatsverträge und die korrupte Stammesführung zu protestieren. Auch die noch jungen Eltern von Martinez waren dabei. Im Gegenzug bildete die Stammesregierung ihre eigene Bürgerwehr – und stellte sich gemeinsam mit Soldaten der Nationalgarde und FBI-Agenten gegen die Aktivisten. Nach 71 Tagen waren 130.000 Schüsse abgefeuert, 1.200 Menschen verhaftet – und die Besetzung beendet.

An einem Nachmittag spreche ich mit Martinez in der Nähe ihres Hauses auf dem Friedhof von Wounded Knee über diese Geschehnisse. «Ich bin eine direkte Folge dieser Revolution», sagt sie. Wir haben uns im Schatten eines Baums niedergelassen, der auch das Grab ihres Vaters beschirmt. Angelo „Angel“ Martinez starb 1974 bei einem Autounfall, da war Martinez noch ein Baby. «Genau hier», sagt Martinez und bohrt ihren Finger in die Erde. «Hier ist die Idee von mir geboren.»

Betrachtet man die Besetzung von 1973 realistisch, hat sie ihre Ziele nicht erreicht. Doch die Aktivisten von damals haben etwas deutlich klargemacht: Für die Ureinwohner ist der Widerstand gegen Kolonisierung und Assimilierung etwas, dem sie mit Stolz ihr Leben widmen. «Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir die Grenzen um das rez dicht machen, die Indianer sollen drinnen bleiben und die Weißen draußen», sagt Martinez: «Dann ist endlich Ruhe. Schluss mit Cowboys und Indianern.»

Der Kampf gegen die Staatsmacht war schon immer Teil des Lebens von Olowan Thunder Hawk Martinez, und so erscheint es natürlich, dass sie radikale Ansichten hat. Ihre eigene Mutter bereitete sie auf das Gefängnis vor. «Ich bin mit Marihuana-Geld aufgewachsen», sagt Martinez. «Damit hat meine Mutter für uns gesorgt und ihre Arbeit im Widerstand finanziert. Sie hat uns immer erzählt, ‹Denkt daran, wenn sie kommen, um euch zu holen, Kopf hoch und Mund zu.›» Noch heute, behauptet Martinez, könne sie jeden verdeckten Ermittler sofort erkennen: «Ich wittere ein Schwein hundert Meilen gegen den Wind.»

Als sie ein Kind war, sei nahezu die ganze rez-Gemeinde bei ihnen 
ein und aus gegangen, 
um Marihuana zu kaufen,
 erzählt sie. «Lehrer, Polizisten, Nachbarn. Ich 
habe gedacht, alle rauchen.» Mit 30 Jahren war 
Olowan Thunder Hawk 
Martinez selbst Drogen
dealerin. «Es war nur 
eine Frage der Zeit», sagt
 Martinez. «Man wird egoistisch, man wird nachlässig. Man wird erwischt.»

Sie landete im Pennington-County-Gefängnis. Wegen Beihilfe zum Drogenhandel. «Dort habe ich meine elfeinhalb Monate in der Hölle verbracht.» Sie schaut zu mir herüber. «Ich hab meine Zeit abgesessen. Kopf hoch, Mund zu. Genau, wie meine Mutter es mir gesagt hat.» Martinez sagt, das Schlechteste an ihr sei in diesem Gefängnis gestorben. «Finden Sie nicht, dass es ein guter Platz ist, um einen kolonisierten indianischen Arsch zu begraben? In einem Knast des weißen Mannes.»

Man ermutigte sie, an Entziehungsgruppen teilzunehmen, und Martinez war erstmals seit Jahrzehnten hundertprozentig klar im Kopf. «Und wenn ich dann Offenbarungen hatte, wenn ich die Geister spürte, wusste ich, dass das keine Halluzinationen waren. Ich habe angefangen, meinen Visionen zu vertrauen.» In einer fensterlosen Zelle habe sie, sagt Martinez, ihre Zukunft gesehen. «Dutzende von Tipis auf einer Wiese, junge Krieger überall, in Tarnanzügen und mit flatternden Fahnen und Zöpfen. Ich war mittendrin, und meine Kinder waren bei mir.» Martinez schließt die Augen, und einen Moment lang schwindet aller Schmerz, aller Kampf aus ihrem Gesicht.

Im Frühjahr 2011 erfüllt sich Olowan Thunder Hawk Martinez ihre Vision – zumindest zum Teil. Für ein paar Wochen borgt sie sich ein Tipi und stellt es auf dem Landstück auf, das sie von ihrer Mutter geerbt hat. Alex White Plume würde ihren Versuch gutheißen. «Alles in den Vereinigten Staaten dreht sich nur ums Geld», sagte er zu mir. «Wie sollen wir also in dieser Weise leben – in den Häusern des weißen Mannes, mit dem Pick-up des weißen Mannes, mit der Währung des weißen Mannes – und doch unsere traditionelle Kultur bewahren?»

Im Tipi wärmt Martinez weiße Bohnen über einem offenen Feuer, umgeben von ihren Kindern und einem halben Dutzend Oglala-Jugendlichen, die kommen und gehen. Wie in ihrer Vision tragen die Jugendlichen Tarnanzüge, viele haben ihr langes Haar geflochten, Bänder fliegen. Für ein paar Wochen, die ihr heilig sind, lebt Martinez nicht in einer von Schimmel befallenen staatlichen Behausung, in der sie sich Strom und Wasser kaum leisten kann. Sie ist dem Alltag entflohen.

Und vor dem Tipi, mit dem unruhigen, trüben, mit schweren Schneewolken verhangenen Frühlingshimmel der Great Plains im Rücken, zieht Martinez eine amerikanische Fahne hoch. Das Sternenfeld zeigt nach unten. Gemäß dem Gesetz der Vereinigten Staaten sollte die Flagge niemals verkehrt herum gehisst werden, es sei denn als Zeichen für eine ernste Notlage.

«Das stimmt ja fast», sagt Martinez. «Wir sind in einer ernsten Notlage, aber wir brauchen niemanden, der kommt, um die Indianer zu retten. Wenn wir unsere Bräuche ehren, wenn wir unsere Zeremonien abhalten und wenn wir auf unsere Ahnen hören, dann haben wir alles, was wir brauchen, um uns aus eigener Kraft zu heilen.» Martinez denkt nach, dann fügt sie hinzu: «Wenn die Lichter für immer ausgehen, wird mein Volk noch da sein. Wir haben unsere alten Bräuche. Wir werden bleiben.»

(NG, Heft 09 / 2012, Seite(n) 94 bis 119)

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