Geschichte und Kultur

Wie und wann kamen die ersten Menschen nach Amerika?

Die Geschichte der Besiedlung Amerikas ist komplex und vielfältig – und steckt noch immer voller Geheimnisse. Mittwoch, 13 Juni

Von Simon Worrall

Wie gelangten die ersten Menschen nach Nordamerika? Zu Fuß über die Beringstraße? Mit dem Boot den „Kelp Highway“ entlang? Am Nordpol über den Atlantik? Und wann erreichten sie den bis dato menschenleeren Kontinent? Vor 10.000 Jahren? Vor 40.000? Oder sind sie schon immer dort gewesen, wie es die Navajo und andere amerikanische Ureinwohner glauben? In seinem neuen Buch „Atlas of a Lost World“ (dt. Atlas einer verlorenen Welt) hat sich der Autor Craig Childs darangemacht, diese verschiedenen Theorien zu testen. Trotz der Bemühungen von Archäologen und modernster Technik bleiben allerdings weiterhin viele Geheimnisse offen.

Von seinem Zuhause in Colorado aus erklärte er, warum amerikanische Ureinwohner die Vorstellung ablehnen, dass ihre Vorfahren von woanders kamen, welche Rolle ein Archäologe mit dem Spitznamen „Dr. Poop“ spielt und warum Vielfalt der Schlüssel zum Erfolg ist.

Kommen wir gleich auf den Punkt: Wann kamen die ersten Menschen nach Nordamerika?

Die ältesten Ankömmlinge werden immer älter und älter, weil wir im Laufe der Zeit immer mehr Belege finden. Aktuell können wir mit Sicherheit sagen, dass es die Menschen vor 15.000 Jahren bis auf die andere Seite Amerikas geschafft hatten. Das bedeutet aber, dass sie sich bis dahin schon gut etabliert hatten. Außerdem gibt es genügend Belege, die darauf schließen lassen, dass sie schon vor 20.000 Jahren weit verbreitet waren. Einige Hinweise deuten sogar auf eine menschliche Anwesenheit vor 30.000 oder gar 40.000 Jahren hin, aber je weiter man zurückgeht, desto dünner wird die Beweislage. Es scheint kein einzelnes Ankunftsdatum zu geben. Zweifelsfrei gab es einen Menschen, der als Erster seinen Fuß auf amerikanischen Boden setzte, aber das ist deutlich länger her als 20.000 Jahre.

Der gesicherte Zeitpunkt vor 15.000 Jahren basiert auf Stätten mit Feuerstellen, verbrannten Knochen und bearbeiteten Steinen, aus denen Schaber, Hämmer und Speerspitzen gemacht wurden. Geht man noch weiter zurück, findet man Mammuts, die auf eine Art und Weise aufgebrochen worden, die charakteristisch für Menschen ist. Dann sieht man sich langsam der Frage gegenüber, was tatsächlich als Anzeichen einer menschlichen Präsenz gilt und was nur ein zertrampelter Mammutknochen ist, der zufällig so aussieht, als wäre er von einem Menschen mit einem Stein aufgeschlagen worden.

Genauso umstritten ist die Frage, wie die Menschen dort ankamen. Geben Sie uns einen kurzen Überblick.

[Lacht] Der einfache Weg wäre der zu Fuß. Es gibt seit langem die Theorie der Beringlandbrücke, weil das da oben in der Arktis die deutlichste Verbindung zwischen Asien und Nordamerika ist. Sie erscheint nur, wenn das Eis gefroren ist und der Meeresspiegel sinkt. Das ist der einzige Ort, an dem man von einer Seite zur anderen laufen könnte.

Ich habe einige Zeit auf einer Insel verbracht, die ein Überbleibsel dieser Landbrücke zwischen der Küste Sibiriens und Alaska ist. Da kann man sich dann schon vorstellen rüberzulaufen. Aber wenn man auf der anderen Seite ankommt, hat man 13 Millionen Quadratkilometer Eis vor sich. Da fängt man dann an, sich die Küstenmigration anzusehen. Während der Eiszeit fuhren die Menschen schon die Küsten von Japan, Kamtschatka und Korea in Booten auf und ab, und es gibt eindeutige Beweise dafür, dass sie Orte erreichten, an die man nur mit Booten gelangen kann.

Es macht durchaus Sinn, weiter der Küste zu folgen. Die Landbrücke hat eine Küste, die einen nach Alaska und dann über British Columbia nach Washington und Oregon bringen würde. Das ist der praktikablere Weg nach Nordamerika, weil es der sogenannte „Kelp Highway“ ist, eine biologisch reichhaltigere Region, die sich entlang der gesamten Küste erstreckt. Während der Eiszeit reichte die Küste durchgängig von Sumatra bis zur Spitze Südamerikas. Aber diese Küste liegt mittlerweile unter Wasser, sodass die Belege für Boote und Menschen, die der Küste folgten, deutlich dünner gesät sind als an Land.

Auch die Vorstellung einer Atlantiküberquerung hat sich etwas etabliert. Erzählen Sie uns von der Clovis-Kultur und warum ihre Steinwerkzeuge auf eine europäische Abstammung hinweisen könnten.

Darum gibt es seit einiger Zeit eine große Debatte. Vor etwa 13.500 Jahren stellten Menschen charakteristische Werkzeuge her, die man in ganz Amerika finden kann, sogenannte Clovis-Spitzen. Das war eine neue Art von Waffe: fein gearbeitete, relativ flache Speersitzen, die nicht dicker als ein Briefumschlag waren. Dafür waren einzigartige Fertigkeiten nötig und deshalb stechen sie unter den archäologischen Zeugnissen hervor.

Irgendwas passierte, ein kultureller Wandel oder eine Ankunft. Lange Zeit galten sie als die ersten Bewohner [Amerikas]. Mittlerweile betrachten wir das eher als die mittlere Ankunft im Eiszeitalter. Woher diese Waffen kamen, war für Archäologen auch eine sehr wichtige Frage. Viele haben versucht, sie zur Beringlandbrücke zurückzuverfolgen, aber es gibt dafür einfach nicht genügend Beweise. Andere haben versucht, sie zu einer atlantischen Ankunft paläolithischer Europäer vor etwa 20.000 Jahren zurückzuverfolgen.

Die Waffen, die an der Ostküste der Vereinigten Staaten gefunden wurden, sind in mancher Hinsicht identisch zu denen aus dem steinzeitlichen Spanien und Südfrankreich während des Solutréen. Es scheint also so, dass Menschen den Atlantik überquerten, entlang des Packeises mit Fellbooten gejagt haben –dabei dem Eisgang folgten –  und schließlich im heutigen Maryland und Virginia ankamen.

Viele amerikanische Ureinwohner lehnen die Vorstellung ab, dass ihre Vorfahren von irgendwo anders eingewandert sind. Erzählen Sie uns von den Geschichten der Navajo über die ersten Menschen.

Darin kamen die ersten Menschen aus dem Boden. Das sind Geschichten über den Ursprung der Menschheit und Schöpfungsgeschichten, die es in ganz Amerika gibt. Die einheimischen Stämme haben ganz klare Geschichten darüber, wie sie hierher gelangt sind, sie kamen aus Höhlen oder unterirdischen Quellen.

Der Gedanke, dass sie von irgendwo anders kommen, könnte ihre Auffassung davon gefährden, dass sie ein vorrangiges Anrecht auf Land haben. Aber offensichtlich haben sie das trotzdem, weil diese Geschichten deutlich älter sind als andere Ankömmlinge. Wenn ich mir diese Geschichten über die Ankunft [in Amerika] ansehe, denke ich mir: Ja, sie kommen aus dem Boden, weil ihre Geschichte so tief geht. Das ist keine wissenschaftliche Sicht auf die Welt, aber es verschafft uns einen Einblick darin, was bedeutet, schon so lange an einem Ort zu sein.

Natürlich sah die Welt vor 15.000 Jahren deutlich anders aus. Erschaffen Sie für uns ein Bild aus den Nebeln der Zeit und erklären Sie, warum das Wollhaarmammut so wichtig war.

Die Landschaft, in die die Leute hineinliefen, sah wesentlich anders aus. Die Tiere waren viel größer. Es gab Mammuts, Schreckliche Wölfe und Säbelzahnkatzen.

Alles war sehr groß und sehr haarig und stellenweise gepanzert. In Florida und Louisiana gab es fast 140 Kilogramm schwere Gürteltiere. Wir reden also von einer sehr anderen Landschaft und einer anderen Lebensweise. Es gab aber auch viele Orte, die genauso aussahen. Andere Orte, darunter der Großteil Kanadas, waren vollständig von Eis bedeckt.

Es gibt einige Orte in Alaska, zum Beispiel Swan Point, an denen man Anzeichen für Mammutjagden sehen kann. Aber Mammuts waren vermutlich nicht ihre Hauptnahrung. Die frühen Menschen aßen Lachs, Seetang, Hirsche und Hasen. Mammutjagden hatten vermutlich eine kulturelle Bedeutung, ähnlich wie heute die Waljagden im Norden. Bei Swan Point wurde mehrere Mammuts auf einmal erlegt. Man kann sich vorstellen, dass das eine dramatische Szene gewesen ist: Lauter Menschen und Hunde, die sich versammeln und dann diesem Tier nachjagen, das vier Meter hoch und extrem gefährlich ist. Im Norden Wale zu jagen, während man in Fellbooten sitzt, ist auch ein gefährliches Unterfangen, und oft starben Menschen schon dabei. Ich kann mir vorstellen, dass dasselbe auch bei Mammutjagden geschah. Man hätte dann diese Geschichten über epische Mammutjagden, wer lebte und wer starb, und diese Geschichten wären über Jahrtausende hinweg überliefert worden.

Sie haben einen Teil der Reise über die Landbrücke auf dem Harding Icefield von Alaska sogar nachgestellt. Haben Sie sich in Fellklamotten geworfen und einen Speer getragen?

Nein, ich hatte für mich beschlossen, dass ich vermutlich gestorben wäre, wenn ich Fellsachen angezogen und einen Speer getragen hätte. [Lacht] Ich habe moderne Ausrüstung mitgenommen – Schlitten, Ski und Rucksäcke – und bin etwa 1.200 Meter hoch durch frischen Schnee bergauf gewandert. Ich habe versucht, genau zum richtigen Zeitpunkt im Jahr auf das Eisfeld zu kommen, als der Winter gerade nachließ. Als wir einmal da oben waren, haben wir die Ski angezogen, unsere Ausrüstung auf einen Schlitten gelegt und uns auf den Weg über das Eis gemacht.

Ich wollte ein Gefühl dafür bekommen, wie es sich anfühlt, mit einer Gruppe in eine öde Eislandschaft zu reisen. Ich wollte auf die Gipfel klettern, die über dem Eisfeld emporragen, und ein Gefühl für die Navigation in dieser Landschaft bekommen, die ein Überrest dessen ist, was sie im Pleistozän war. Einerseits hat mir das gezeigt, dass das die schlechteste Art [nach Amerika zu gelangen] ist. [Lacht] Die Überquerung eines gewaltigen Eisfelds ist eine absurde Vorstellung. Das heißt aber nicht, dass es nicht passiert ist. Menschen haben oft absurde Dinge getan. Als ich da draußen auf dem Eis war, dachte ich, dass hier vielleicht die verrückten Leute langkamen. Die, die vom Rand der Erde fallen wollten. Aber als wir auf dem Gebirge kletterten, das aus dem Eis ragte, verstand ich auch, wie man von Gipfel zu Gipfel reisen konnte, den kompletten Eisschild entlang, und dann im Rest von Nordamerika ankommen könnte.

Aber das hat mich dann auch zur Theorie der Küstenmigration gebracht, da konnte ich dann sagen: „Das macht Sinn!“ Dort hätte man sich durch eine Wasserlandschaft aus Insel und Küsten bewegt, die reich an Seetang und Fisch war, anstatt sich auf einer 3.200 Kilometer langen Reise über einen Eisschild von Flechten zu ernähren und Vögel zu fangen. [Lacht]

Einer der Experten, die Sie konsultierten, hat den wundervollen Spitznamen Dr. Poop. Erzählen Sie uns von seiner Arbeit und den „frühsten identifizierten menschlichen Kackhaufen Amerikas“, wie sie es nennen.

Das sind die Paisley-Höhlen in der Wüste im Süden Oregons. Dort hat Dr. Dennis Jenkins, aka Dr. Poop, die ältesten fossilen Exkremente von Menschen gefunden, die, glaube ich, 14.300 Jahre alt sind. Er hat mir erklärt, dass er in den Höhlen auch Kot von Amerikanischen Löwen und anderen Raubtieren gefunden hat. Meine Frage an ihn lautete: „Woher wissen Sie dann, dass das menschliche Exkremente sind und nicht Menschen, die von Amerikanischen Löwen gefressen und dann in den Höhlen ausgekackt wurden?“ Seine Antwort war, dass man in beiden Fällen wüsste, dass Menschen dort gewesen sind. Das ist eine so grundlegende menschliche Körperfunktion: Ein Mensch geht in eine Höhle, verrichtet sein Geschäft und lässt es dort liegen. Es ist eine Geschichte von Menschen, die hier ankamen und ihre Spur hinterließen.

Was ist Ihrer Meinung nach die wirkliche Geschichte der Besiedlung Nordamerikas und was hat Sie auf Ihren Reisen am meisten überrascht?

Was ich gelernt habe, ist, dass die Menschen von überall kamen. Wir stellen uns die Ankunft der ersten Menschen so vor, dass es eine Gruppe gab, die sich ihren Weg über die Landbrücke gehabt hat. Tatsächlich waren es aber mehrere Gruppen, viele verschiedene Sprachen und Technologien, die zu verschiedenen Zeiten aus verschiedenen Richtungen kamen. Das macht Sinn, weil wir Menschen uns nun mal so verhalten. Es gibt nicht nur eine Gruppe. Es ist eine komplexe Geschichte vieler Menschen mit vielen verschiedenen Geschichten.

Für mich war es eine Gelegenheit, um Landschaften zu erkunden, in die es mich normalerweise nicht verschlagen wurde – zum Beispiel eine Insel vor der Küste Sibiriens oder quer über ein Eisfeld in Alaska. Der faszinierendste Ort, an dem ich war, war ein Fluss tief im Wald südlich von Tallahassee in Florida. Dort hatte man Belege für eine menschliche Präsenz vor 14.500 Jahren gefunden hat. Einfach nur mit einem Boot in diesem Sumpf zu sein, umgeben von Alligatoren und Giftschlangen, hat mir ein Gefühl dafür vermittelt, in eine Landschaft zu kommen, die ich nicht kannte, und Tieren zu begegnen, mit denen ich nicht vertraut war. Es gab viele solcher Momente, in denen ich dachte, dass es sich wohl so anfühlen muss, wenn man an irgendeinem Ort der erste [Mensch] ist. Wenn man herausfinden muss, welche Richtung welche ist, welche Tiere man meiden muss, welche Pflanzen man essen kann oder nicht berühren sollte. Für mich war das ein neuer Anfang, eine neue Möglichkeit, meinen eigenen Kontinent wirklich kennenzulernen.

Das Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.