Geschichte und Kultur

Die Frau, die den Irak erfand

Der Krieg ist in den Irak zurückgekehrt, die Terrorgruppe ISiS (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) erobert Städte im Norden des Landes. Seit seiner Gründung 1921 wurde der Irak immer wieder von Krisen und Kriegen erschüttert.

Von Caroline Alexander
Bilder Von Universität Newcastle, Gertrude Bell Archiv
Die Frau, die den Irak erfand

Der Krieg ist in den Irak zurückgekehrt, die Terrorgruppe ISiS (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) erobert Städte im Norden des Landes. Seit seiner Gründung 1921 wurde der Irak immer wieder von Krisen und Kriegen erschüttert. Heute steht das Land kurz vor der Spaltung. Religiöse und kulturelle Differenzen haben tiefe Gräben zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen entstehen lassen. Schon Gertrude Bell, die maßgeblich an der Gründung des Irak beteiligt war, sah sich mit der Aufgabe konfrontiert, den Vielvölker-Staat zu einen.

Sonntag, der 21. Dezember 1913. Zunächst sahen wir nur Rauch und Herden. Sicher waren dies Araber aus dem Gebirge ... später galoppierte ein Reiter auf uns zu, er feuerte Schüsse ab... Ein anderer griff das Schwert meines Begleiters Mohammed und stieß nach ihm und mir.»Die kleine Reisegruppe war im Dezember 1913 von Damaskus aufgebrochen, um Richtung Südwesten durch die Wüste zu ziehen. Ihr Ziel war die legendäre Siedlung Hail, Sitz eines der beiden mächtigen Clans, die sich zu jener Zeit um die Herrschaft über die Arabische Halbinsel stritten. Erst eine Handvoll Europäer hatten Hail zuvor besucht. Und nun war die Engländerin Gertrude Bell mit einer eigenen Expedition auf dem Weg.

Nachts lauschte die wagemutige Fremde am Lagerfeuer den Erzählungen der Wüstenbewohner. Viele Details flossen später in ihre Tagebücher und Briefe ein, die sie auf ihren Reisen durch den Nahen Osten schrieb. Sie enthielten nicht nur die üblichen Beschreibungen von Landschaften, Menschen und erlebten Abenteuern, sondern auch genaue Aufzeichnungen darüber, auf welchen Routen die Wüstenbewohner reisten, mit wem sie Bündnisse eingingen oder im Streit lagen und welche Konflikte, Intrigen und Machtverschiebungen es in den einflussreichen Stämmen und unter den Scheichs gab. Ein typischer Tagebucheintrag: «Es gibt Gerüchte, dass die Regierung des Osmanischen Reichs Ibn Rashid Waffen zum Geschenk gemacht hat.»

Die furchtlose Miss Bell, so schien es, war nicht nur eine bekannte Reisende, Autorin, Arabienkennerin, Fotografin und Archäologin. Sie war auch – wie man später Akten der britischen Regierung entnehmen konnte – «jahrelang Ange- stellte der Geheimdienstabteilung der Admiralität.» Sie war eng mit Lawrence von Arabien befreundet und beriet arabische Könige. Ihr Kontaktnetz reichte von den Zelten der Beduinen bis ins Innerste des britischen Staatsapparats. Lange war sie unschlüssig, was sie mit ihren Begabungen anfangen sollte. Aber schließlich nahm sie jene Herausforderung an, die ihr Bild für die Nachwelt prägen sollte: Sie wurde zur zentralen Akteurin bei einem ambitionierten politischen Unterfangen Englands: bei der Gründung des Staates Irak.

Die Frau, die den Irak erfand

Gertrude Margaret Lowthian Bell kam am 14. Juli 1868 im englischen Durham zur Welt. Sie entstammte einer Familie von immensem Wohlstand und außerordentlicher Bildung. Ihr Vater, Hugh Bell, hatte in Frankreich und Deutschland studiert und war dann in das familieneigene Unternehmen Bell Brothers Ironworks eingetreten. Gertrudes Stiefmutter (ihre Mutter war gestorben, als sie drei Jahre alt war) Florence Olliffe war Musikerin und erfolgreiche Dramatikerin. Gertrude las schon als Kind gerne Bücher. Sie wuchs auf mit Verwandten und Freunden, die literarische und wissenschaftliche Interessen verfolgten, in der Welt herumgekommen waren und oft im Staatsdienst arbeiteten. Noch nicht 20 Jahre alt, absolvierte sie als erste Frau ihr Studium der Neueren Geschichte an der Universität Oxford mit Auszeichnung. Sie sprach fließend Französisch, Deutsch und Italienisch und lernte Persisch, Türkisch und vor allem Arabisch, das sie schließlich wie eine zweite Muttersprache beherrschte.

Die junge Miss Bell war eine auffällige Erscheinung, groß, schlank und athletisch, mit feinen, strengen Zügen und rotem Kraushaar. Ihre Intelligenz und ihre weitgefächerten, bisweilen exotischen Kenntnisse beeindruckten manch einen in den Kreisen, in die sie durch ihre Familie eingeführt wurde. Eine dieser Bekanntschaften sollte ihr Leben verändern: Ein Onkel, Frank Lascelles, war zum britischen Botschafter in Persien berufen worden. 1892 reiste die damals 23-jährige Gertrude dorthin, um ihn und seine Familie in dem kleinen Wüstenort Teheran zu besuchen. «Oh, die Wüste in der Umgebung von Teheran!», schrieb sie beglückt an einen Neffen: «Meilen auf Meilen, wo nichts wächst, eingekreist von kahlen, schneegekrönten Bergen ... Ich habe nicht gewusst, was eine Wüste ist, bis ich hierherkam.»

Fasziniert vom Orient, unternahm sie in den folgenden Jahren sieben Wüstenreisen. 1911 eine lange Wanderung von Syrien nach Bagdad, von dort über die Türkei wieder zurück. Danach war sie in Mesopotamien. Ihre Bücher über diese Expeditionen – „Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens“ sowie „Amurath to Amurath“ – zeigten sie als exzellente Beobachterin und brachten ihr viel Lob ein.

Über ihren historischen Wüstenritt von 1913/14 nach Hail verfasste Gertrude Bell jedoch kein Buch. Erschöpft und niedergeschlagen kehrte sie nach England zurück. Was sie neben anderen Motiven auf diese gefährliche Reise gelockt hatte, beschrieb sie in ihrem Tagebuch: «Hail ist einer der wenigen Orte, an denen man den ursprünglichen Orient in seiner seit Jahrhunderten unveränderten Lebensweise erleben kann.» Sie hatte sich aber auch, inzwischen 45, zutiefst in einen verwegenen Helden mehrerer Kriege verliebt. Major Charles Hotham Montagu Doughty-Wylie war mutig, abenteuerlustig und gebildet, aber er war auch ein verheirateter Mann, und dass er seine Frau jemals verlassen würde, stand außer Frage.

Miss Bell war zu einem legendären Ziel in der Wüste aufgebrochen. Im Grunde aber flüchtete sie vor der Tyrannei ihrer Gefühle. Während der Reise führte sie zwei Tagebücher. In einem notierte sie ihre Eindrücke, gespickt mit arabischen Begriffen, und hielt dabei zahlreiche analytische Informationen und Details fest. Das zweite war ein sprachlich anspruchsvoller Bericht für Doughty-Wylie. Doch keines der beiden zeigt ihre Emotionen, der Leser nimmt nur den professionellen Ton einer unerschütterlichen Reisenden während eines großen Abenteuers wahr. Über ihren Zusammenstoß mit den bewaffneten Stammesmitgliedern aus den Bergen notiert sie mit perfektem Understatement: «Es bestand für uns kein Risiko.»

Im Mai 1914 – nur wenige Monate vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs – kehrte sie nach England zurück. Ein Jahr später erfuhr sie bei einer Abendeinladung durch eine beiläufige Bemerkung, dass ihr Geliebter in der Schlacht von Gallipoli in den Dardanellen gefallen war. «Ihr Leben war damit vorbei», schreibt ihre Schwester Molly in ihrem Tagebuch. «Nachdem Gertrude erfahren hatte, dass ihr Liebster nicht mehr lebt, wollte sie möglichst rasch nach Serbien aufbrechen, um sich dort eine Krankheit einzufangen, die sie ums Leben bringen würde.»

Ihre engsten Familienmitglieder und Freunde unterstützten die Untröstliche dabei, den Schmerz zu überwinden. Sie selber stürzte sich mit fast fanatischer Energie in ihre Arbeit im Londoner Büro des Roten Kreuzes. Doch körperlich und emotional war sie ausgezehrt, sie wurde gebrechlich und kränklich. Die Erlösung brachte im November 1915 ein unerwartetes Schreiben des Direktors des britischen Marinegeheimdienstes. Er teilte ihr mit, dass die Admiralität sie nach Kairo schicken wolle. Die Regierung stellte für den dortigen Einsatz einen Stab von Arabienexperten zusammen. Die Türken, deren Osmanisches Reich als riesiger Riegel zwischen Europa und dem „Osten“ lag, waren auf Seiten Deutschlands in den Krieg eingetreten. Mit einem Schlag war die arabische Welt zu einem zentralen Akteur auf der politischen Landkarte geworden.

Bells Bücher und Berichte über ihre Reisen waren im Laufe der Jahre in den inneren Zirkeln der Macht herumgereicht worden. Man hielt sie für eine ideale Kandidatin für das „Arabische Büro“. Doch die Unbestimmtheit ihres Auftrags lässt einen aufhorchen: Hatte ihre besorgte Familie insgeheim an hochgestellte Bekannte appelliert, Gertrude eine Rettungsleine zuzuwerfen, um sie abermals in den Orient zu ziehen?

Für die Briten war die „arabische Frage“ von außerordentlicher Bedeutung: Welche Interessen und Absichten hegten die vielen arabischen Scheichs und Stämme in der osmanischen Provinz Arabien? Würden sie bereit sein, für ihre türkischen Herren in den Kampf zu ziehen? Oder würden sie sich nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft auflehnen und sich auf die Seite der Alliierten schlagen? Könnte eine britische Zusage, einen arabischen Staat zu schaffen, als Anreiz ausreichen, um einen solchen Seitenwechsel auszulösen? Mit solchen Fragen sollten sich die Engländerin und ihre Kollegen im hastig geschaffenen Arabischen Büro befassen.

Zwischen den palmenbestandenen Innenhöfen und den Marmortreppen des glanzvollen Savoy-Hotels, in dem das Büro Räume bezog, traf sich Major Bell, wie sie sich nun nennen durfte, mit Militärs, die überrascht auf ihre Anwesenheit reagierten, sowie mit Bekannten aus früheren Tagen. Mark Sykes war einer von denen, die sich gleich zu Beginn für die Einrichtung des Arabischen Büros ausgesprochen hatten – ein weit gereister Mann mit ähnlichem Profil wie Gertrude Bell. Die beiden waren sich in Jerusalem begegnet, wo sie um den gleichen Posten konkurrierten, was einen Streit provoziert hatte. Damals charakterisierte Sykes seiner Frau gegenüber die Rivalin so scharfzüngig wie ungerecht: Sie sei «ein dummer schwatzhafter Windbeutel, eine dünkelhafte, schwärmerische, flachbrüstige Mannfrau, ein durch die Welt ziehender, hüftwackelnder, plappernder Arsch!»

Ein anderer Kollege wurde ihr ein verlässlicher Verbündeter: Thomas Edward Lawrence. Ihm war sie schon 1911 in Anatolien begegnet, wo er damals die Ruinen der Hethiterstadt Karkemisch ausgrub. Und sie nannte den 23-Jährigen, den die Welt bald als Lawrence von Arabien kennenlernen sollte, noch liebevoll «kleiner Schelm» und «geliebter Junge». Zudem waren die beiden überzeugt, dass die Araber bereit sein würden, gegen die Türkenherrschaft zu revoltieren und sich mit den Alliierten, insbesondere mit Großbritannien, zu verbünden.

«Ich bin recht glücklich», schrieb sie bald nach ihrer Ankunft an ihre Mutter. «Von 8.15 Uhr bis 9 Uhr nehme ich Arabischunterricht. Dann gehe ich hinauf in mein Büro und befasse mich mit den Stämmen.» Das hieß nichts anderes, als zu versuchen, das verzweigte Geflecht der Abstammungen der arabischen Stämme, ihrer Konflikte, Bündnisse und politischen Neigungen zu entwirren. Zu diesem Zweck fertigte sie Landkarten an, auf denen sie Routen durch die Wüste, Eisenbahnlinien, Pässe übers Gebirge, Brunnen und andere strategische Informationen einzeichnete, die sie auf ihren Reisen gesammelt hatte. Dieses umfangreiche Wissen anerkennend, fällt die britische Regierung alsbald die schicksalhafte Entscheidung, sie von Kairo an einen Brennpunkt der Front im Osten zu versetzen: in die osmanische Provinz Mesopotamien, den heutigen Irak.

Anfang März 1916 trifft Gertrude Bell in Basra ein. Ihre Reisemöglichkeiten in Mesopotamien wurden vom militärischen Geschick der Briten diktiert. Deren Streitkräfte hatten zu Beginn des Krieges die Kontrolle über die Provinz Basra übernommen und waren von dort nach Norden vorgerückt. Nach katastrophalen Rückschlägen besetzten sie schließlich am 11. März 1917 Bagdad. «Unsere Armeen kommen nicht als Eroberer oder Feinde in eure Städte und Länder, sondern als Befreier», waren die Worte von Generalleutnant Sir Stanley Maude.

In Bagdad herrschte Chaos und Euphorie. Die Verwaltung hatte überwiegend aus Türken bestanden, die nun die Flucht ergriffen und wesentliche Dokumente mitgenommen oder zerstört hatten. Es kam zu vielen Plünderungen, und die türkischen Truppen sprengten vor ihrem Abmarsch wichtige Gebäude in die Luft. Auch die meisten Lehrer waren Türken, die nun flohen. In der Stadt fehlten Lebensmittel, verlässliche Kommunikationsmöglichkeiten und ärztliche Versorgung. So sahen sich die Briten mit der Aufgabe konfrontiert, in einer Region, deren Verwalter nach 400 Jahren imperialer Herrschaft abgezogen waren, wieder Grundzüge einer Ordnung herzustellen.

«Es ist, als wenn eine neue Welt entsteht», schrieb Gertrude Bell ihrem Vater. Die Atmosphäre in Bagdad «ist so emotional, dass man mehr von den Menschen mitbekommt, als es je wieder möglich sein wird ... Ich möchte alles sehr sorgfältig beobachten, damit es mir möglich sein wird, wie ich hoffe, einmal entscheidenden Einfluss auf die endgültigen Regelungen im Land nehmen zu können».

Major Bell war warmherzig empfangen worden. Ein Scheich, mit dessen Vater sie bei früheren Reisen im selben Zeltlager kampiert hatte, kam vom anderen Ufer des Euphrat herüber und brachte ihr ein Pferd als Geschenk. Weitere Bekannte suchten sie auf, um sie willkommen zu heißen. Ein britischer Provinzverwalter hat Jahre später einmal beobachtet, wie sie bei einer gesellschaftlichen Einladung Eindruck machte: «Sie war – wie immer – wunderschön gekleidet und hatte die Aura einer Königin. Alle erhoben sich, dann schritt sie durch den Raum, gab jedem der Araber die Hand. Sie wusste nicht nur, wie jeder der Anwesenden hieß – es waren 40 oder 50 Leute im Raum –, sondern sie hatte auch für jeden ein paar passende Worte parat.»

Sie hatte sich in einem kleinen, von Rosen umgebenen Bungalow in einem Dattelpalmengarten niedergelassen. Ihr damaliger Tagesablauf war beispielhaft für den Rest ihres Lebens. Sie stand früh auf, ritt am Ufer des Tigris aus und saß schon vor neun Uhr am Schreibtisch. Oft arbeitete sie bis in den Abend. «Ich habe ... nun alle Stämme im Norden und Nordosten von uns alphabetisch in Tabellen aufgelistet, und das in vielfachen Kopien für uns und all die Generäle», schrieb sie ihren Eltern. Stets wollte sie ihre Kenntnisse erweitern, deswegen musste ihr jeder Scheich, der in ihr Büro kam, Rede und Antwort stehen. So bekam sie «Informationen über seinen Stamm aus erster Hand».

Nach dem Ende des Krieges begannen die wahren Herausforderungen. Mit dem Sieg der Alliierten hatte das Osmanische Reich aufgehört zu existieren. Schon lange davor hatten Frankreich und Großbritannien zwei unvereinbare Versprechen über die Aufteilung des Territoriums des zerfallenden Staates abgegeben. Zum einen hatten die Briten Feisal ibn Hussein, einem der Söhne des mächtigen Scherifen von Mekka und Anführer des Clans der Haschemiten, versprochen, ein panarabisches Königreich zu unterstützen – als Dank dafür, dass er mit seinem Vater eine Revolte der Wüstenstämme gegen die Türken angeführt hatte (jenen Aufstand, der noch heute gern als das Werk des Lawrence von Arabien gesehen wird).

Die Frau, die den Irak erfand

Zum anderen hatten Frankreich und Großbritannien eine Übereinkunft geschlossen, das ehemalige Reich in fünf „historische und ethnische Provinzen“ aufzuteilen – Syrien, Palästina, Türkei, Mesopotamien und die Arabische Halbinsel –, die jeweils einer britischen oder französischen „Einflusssphäre“ zuzurechnen seien. Das geheime „Sykes-Picot-Abkommen“ war nach den beiden führenden Diplomaten bei seiner Aushandlung benannt (es war jener Mark Sykes, der seine Landsmännin so bissig charakterisiert hatte). Und es war ganz offensichtlich ein Bruch des Faisal gegebenen Versprechens – somit ein Verrat an allen arabischen Aufständischen.

Der Schacher um die Territorien des Osmanischen Reichs wurde 1920 beendet: Der Völkerbund übertrug Großbritannien das Mandat über Mesopotamien; die Briten sollten das Gebiet kontrollieren, es aber letztlich zur Unabhängigkeit führen. Dieses Territorium war von den Grenzen dreier ehemaliger osmanischer Provinzen umschlossen – Basra, Mosul und Bagdad –, es hatte eine Fläche von 435 000 Quadratkilometern und wurde al-Iraq, „der Irak“, genannt, nach dem alten arabischen Begriff für ein an Wassern gelegenes, fruchtbares Gebiet. Die drei Millionen Einwohner hatten wenig gemein. Es gab praktisch keinerlei Infrastruktur, was für die Briten schon in den Jahren der militärischen Eroberung und Besatzung zum Problem geworden war.

In England wurden bereits Stimmen laut – darunter die des damaligen Kriegsministers Winston Churchill –, die sich für den Abbruch des Engagements im Irak aussprachen und lediglich die Ölraffinerie bei Basra behalten wollten. Major Bell war inzwischen die Orientsekretärin des Politischen Kommissars Sir Percy Cox, der als Leiter des Politischen Büros mit der Mandatsverwaltung betraut war. Ihre Aufgabe war es, zwischen der irakischen Bevölkerung und dieser Institution zu vermitteln. Cox’ politisches Vorhaben war, die Macht rasch an einen unabhängigen, sich selber regierenden irakischen Staat zu übergeben. Nicht alle im Politischen Büro unterstützten diese Strategie, und diese Uneinigkeit sollte teure Rückschläge verursachen. Cox’ Stellvertreter und wichtigster Berater, Sir Arnold Talbot Wilson, war davon überzeugt, dass die Staatswerdung des Irak nur nach längerer, direkter britischer Herrschaft gelingen würde: «Regiert – oder zieht ab», fasste ein Historiker Wilsons Haltung zusammen.

Alle Beteiligten sahen, dass es eine gewaltige Herausforderung war, aus einem Gebiet, dessen Bewohner sich seit Tausenden von Jahren allenfalls ihrem Stamm oder einer Region verpflichtet fühlten, eine Nation zu formen. Einer von Bells Freunden, ein amerikanischer Missionar, mahnte sie: «Gertrude! ... Du brichst mit allen Lehren aus vier Jahrtausenden Geschichte, wenn du versuchst, eine Linie um den Irak herum zu ziehen und das Gebiet dann schon eine politische Einheit nennst.» Sie – wie so oft kettenrauchend auf einer Ottomane sitzend – antwortete optimistisch: «Oh, sie werden es schon einsehen!»

Die Briten meinten, dass es geschickter wäre, das tief verankerte Stammessystem für sich zu nutzen: So erlaubten sie lokalen Scheichs, ihre Machtbefugnisse und ihr Land weiterzubehalten – aber unter Aufsicht eines regionalen politischen Beamten. Verständlicherweise führte diese neue Politik nicht immer zur Zusammenarbeit mit der neuen Herrschaft.

Im Sommer 1920 revoltierten einige Stämme, die entlang dem Euphrat lebten. Dieser Aufstand kostete mehr als 6 000 Iraker und Hunderte von britischen Soldaten das Leben. «Die Türken haben nicht regiert», notierte Gertrude Bell. «Wir haben versucht zu regieren, aber wir sind gescheitert.» Sie war immer in der Lage, das Geschehen in einem größeren Zusammenhang zu sehen. In einem Brief an ihren Vater berichtete sie von einem Gespräch mit Dscha’afar Pascha, der später Verteidigungsminister werden sollte. Sie hatte ihm mit großem Ernst erklärt, «dass wir letzten Endes die vollständige Unabhängigkeit gewähren wollen. ‹Meine Dame›, antwortete er – wir sprachen auf Arabisch – ‹vollständige Unabhängigkeit wird nie gewährt, sie wird stets erobert› – womit er natürlich recht hat».

Ebenso entscheidend wie die Aufgabe, die Stämme zu befrieden und die weit auseinanderklaffenden Interessen der Bevölkerung in den Städten und auf dem Land auszubalancieren, war der Ausgleich zwischen den beiden wichtigsten und zerstrittenen religiösen Glaubensrichtungen des Irak – den Sunniten und den Schiiten.

«Ich bezweifle keinen Augenblick, dass die letzte Befehlsgewalt in den Händen der Sunniten liegen muss, obwohl sie in der Minderheit sind», schrieb Bell. «Andernfalls haben wir einen von den Mudschtahi (schiitischen Geistlichen) geführten theokratischen Staat, und der wäre wahrlich des Teufels.» Auch die osmanischen Herrscher waren Sunniten und hatten Sunniten in der Verwaltung beschäftigt. «Die Schiiten», hielt sie fest, «haben sich unter den Türken nie an der Verwaltung beteiligt, folgerichtig gibt es unter ihnen niemand, der auch nur die schattenhafteste Vorstellung von öffentlichen Angelegenheiten hätte.»

Die überwiegend von Kurden bewohnte Provinz Mosul im Norden sollte ursprünglich unter französische Kontrolle gestellt werden. Doch dann wurde sie den Briten zugeschlagen – wegen des dort erhofften Öls und weil sich damit ein Gleichgewicht der Religionsgruppen herstellen ließ. Die Zugehörigkeit der mehrheitlich sunnitischen Kurden zum Irak würde eine zahlenmäßige Balance der beiden Richtungen, also mehr Stabilität, herbeiführen, so hoffte man. Als Gertrude Bell zum ersten Mal nach Mesopotamien geschickt wurde, hatte man sie vor der Reaktion ihrer Vorgesetzten gewarnt: «Ihre Anwesenheit wird dort auf Ablehnung stoßen, weil Sie eine Frau sind.» Doch in Bagdad waren ihre Beziehungen zu ihrem Vorgesetzten Sir Percy Cox hervorragend – nur dass dieser nun für zwei Jahre die Stadt verließ und Arnold Wilson an seine Stelle trat.

Zwischen Wilson und Bell lagen sowohl ideologisch wie auch vom Temperament her Welten. Wilson störte sich besonders an ihrer freigebigen Gastfreundschaft. «Ich habe begonnen, in meinem Garten wöchentlich Partys für junge Nationalisten zu geben», schrieb sie ihrem Vater. «Ich habe viele schöne alte Bagdader Laternen, die ich im Garten aufgehängt habe – es sieht sehr hübsch aus.» Delikaterweise waren die «jungen Nationalisten» bisweilen hitzköpfige junge Leute, die die britische Herrschaft ablehnten.

Zumindest verliehen diese ungezwungenen Empfänge dem Politischen Büro ein menschliches Gesicht. Die skeptischen Nationalisten erlebten dabei eine Engländerin, die fließend ihre eigene Sprache beherrschte, die über Hintergründe und kleinste Details ihrer Politik Bescheid wusste und die weiter im Land herumgekommen war als die meisten von ihnen. Und diese Frau war äußerst respektvoll gegenüber ihrem Gastland – vor allem aber konnte sie zuhören. Es schien keine bessere Vertreterin der britischen Sache zu geben. Gleichzeitig erhielt sie auf diese Weise wichtige Informationen, die für ihre Berichte und Bulletins von großem Wert waren. Stets wusste sie genau Bescheid über die unterschiedlichsten Fragen – von den derzeitigen Absichten der Türken über die jeweiligen Eigenheiten der lokalen Stämme bis hin zu den besonderen schiitischen Traditionen.

Die Frau, die den Irak erfand

Dennoch war Wilson höchst verärgert über Bells «Einmischung» durch solche quasioffiziellen Veranstaltungen. Genauso besorgt reagierte er auf ihre charakteristische Offenheit gegenüber Gesprächspartnern. Einmal gestand sie ihrem Vater: «Unglücklicherweise habe ich einem unserer arabischen Freunde hier etwas gesagt, das ich für mich hätte behalten sollen.» Irgendwann war Wilson so erbost, dass er eine Kampagne mit dem Ziel einleitete, dass Bell nach England abberufen würde. Allein an ihre Eltern schrieb Bell Hunderte Briefe, besonders an den von ihr angebeteten Vater. Sie erlauben heute, praktisch Tag für Tag nachzuvollziehen, wie der Irak geschaffen wurde. Die Briefe sind ein Verzeichnis ihrer Treffen mit irakischen und britischen Persönlichkeiten, ihrer Ansichten und Verdächtigungen, politischer Strategien und der Motivationen einzelner Kräfte. Und sie hinterlassen den Eindruck, dass diese Frau selten außer Dienst war. Ihre Haare wurden weiß und begannen wegen der Hitze und der Anstrengungen auszufallen. Mehr als einmal flüchtete sie aus Bagdad, um sich von «nervöser Erschöpfung» zu erholen.

Zwischen einer Unmenge unpersönlicher Sachinformationen finden sich gelegentlich Schilderungen jener Welten, die sie im Irak bleiben ließen. Der rote Sonnenuntergang über der Wüste und den Minaretten von Nadschaf. Die Basare dort, die im Dämmerlicht «unfassbar geheimnisvoll» seien. Die Besuche bei alten Bagdader Notabeln. Die kleinen Gässchen und Innenhöfe mit «hundert Jahre alten Kuppeldecken mit persischem Stuck und bunten Glasfenstern», unter denen Orangenbäume blühten.

«Vater», schrieb sie, «du kannst gewiss verstehen, wie einen all dieser Zauber und die Faszination fesseln!» Gertrude Bell war erleichtert, als Cox im Oktober 1920 nach Bagdad zurückkehrte und die Bemühungen, eine legitime irakische Regierung zu bilden, nun etwas rascher vorangingen. Dabei half, dass daheim in London die Ungeduld wuchs: 25 Millionen Pfund (heute etwa so viel wie 700 Millionen Euro) hatte es bereits gekostet, die beiden problematischen Mandatsgebiete Großbritanniens – Palästina und den Irak – zusammenzuhalten.Die brennendste Sorge galt der Wahl einer politischen Führungsfigur für den neuen Staat. Viele Iraker wünschten sich einen einheimischen Emir, aber es herrschte Uneinigkeit, wer es sein sollte. Einige wollten die britische Verwaltung fortsetzen, einige wollten eine Republik, und manch einer wollte sogar die Türken zurückholen. Das Politische Büro hatte sich früh darauf festgelegt, einen Kandidaten außerhalb des Irak zu suchen. Bell ließ keinen Zweifel, dass sie Feisal ibn Hussein für den richtigen Mann hielt. Der Anführer des arabischen Aufstands war am Ende des Krieges mit leeren Händen zurückgeblieben: ein Wüstenkrieger mit legendärem Mut und ein traditioneller Beduinenführer, der zugleich über ein breites Wissen über die Welt des Abendlands verfügte. Als Sohn des Scherifen von Mekka und somit Abkömmling des Propheten Mohammed galt er – ein Sunnit – auch für die Schiiten als akzeptabel. Ungewöhnlich war jedoch, dass Feisal ein Fremder in dem Land sein würde, über das er herrschen sollte.

Bell setzte sich sehr für Feisal ein und nutzte dabei ihr Kontaktnetz unter britischen Beamten wie auch unter den irakischen Würdenträgern und Stammeschefs, die in einer konstituierenden Nationalversammlung vornehmlich mit der Aufgabe betraut waren, einen König zu wählen. Bei einer Konferenz in Kairo im März 1921 erklärten die Briten, dass Feisal ihr Wunschkandidat sei. Im Irak bestätigte daraufhin ein hastig anberaumtes Referendum die britische Wahl mit einer überragenden – und verdächtigen – Mehrheit von 96 Prozent.

Die Krönung Feisals zum König des Irak fand in der morgendlichen Kühle des 23. August 1921 auf dem Gelände eines alten osmanischen Palastes statt. «Feisal sah sehr würdevoll aus, aber auch höchst angespannt», berichtete Bell. «Er schaute die erste Zuschauerreihe entlang, bis er mich sah und ich ihm kaum sichtbar salutierte.»

Im Jahr 1932 wurde der Irak unabhängig, doch der britische Einfluss sollte erst etliche Jahre später schwinden. Feisal starb 1933, mit erst 48 Jahren, unerwartet auf einer Reise in die Schweiz. Sein wesentlich unerfahrener 21-jähriger Sohn Ghazi folgte ihm als Feisal II. auf den Thron. Die kurzlebige haschemitische Dynastie im Irak endete schon 1958, als Feisal II. ermordet wurde. Auf ihn folgte eine Reihe von Diktatoren – bis hin zu Saddam Hussein, der 1979 Präsident des Irak wurde. Hätte Faisal I. auch nur zehn Jahre länger gelebt, wäre die Geschichte des Nahen Ostens vermutlich anders verlaufen.

Viele kritisierten das britische Mandat, weil es dem Irak nicht augenblicklich vollständige Autonomie gewährt hatte. Andere, weil die Briten das Ruder nicht länger in der Hand behielten. Doch letztlich hatte Feisal in seiner relativ kurzen Regierungszeit eine stabile Herrschaft ausgeübt, ein Parlament etabliert und viele Städte wiederaufgebaut. Dem Irak erschlossen sich 1927 mit der Entdeckung von Erdöl in der Nähe von Kirkuk neue Geldquellen. Der Gewinn erreichte allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg spürbaren Umfang, und erst nach der Verstaatlichung des Öls nach 1970 partizipierte auch die Bevölkerung daran.

Sir Percy Cox verließ den Irak 1923 endgültig. Mit der Abreise ihres oft duldsamen Kollegen und Mentors brachen für Gertrude Bell schwierige Zeiten an. Ihre Stimmung verdüsterte sich zusehends. «Mir ist heute Abend aufgefallen, dass ich sehr einsam wäre, hätte ich nicht so viel zu tun», schrieb sie im Mai 1917 an ihren Vater. Nun, da die Regierung im Amt war, wurde sie nicht mehr von so vielen lokalen arabischen Bittstellern bedrängt. Neue britische Beamte trafen ein, viele mit ihrer Ehefrau. Es fiel auf, dass Gertrude Bell diese Frauen mied. «Sie sind überhaupt nicht an den Geschehnissen interessiert, sprechen kein Arabisch und lernen auch keine Araber kennen», notierte sie.

Da sie nun vom politischen Alltag ausgeschlossen war, widmete sie sich wieder einer alten Leidenschaft: der Archäologie. Auf ihren langen Wüstenreisen hatte sie stets große Mühe darauf verwandt, die Ruinen früherer Reiche zu fotografieren, zu vermessen und zu beschreiben. 1922 begannen die Ausgrabungen der spektakulärsten antiken Stätten des Irak – «dank meines Insistierens», wie Bell festhielt. Sie wurde zur Ehrendirektorin für Altertümer ernannt und erteilte ausländischen Teams die Genehmigung für Ausgrabungen. Aber sie überwachte die Aufteilung der entdeckten Funde mit Adleraugen. Alles, was sie für den Irak im Land behalten wollte, wurde schließlich im Irakischen Nationalmuseum aufbewahrt – dessen Gründerin sie war. Es sollte ihr dauerhaftes Vermächtnis für den Irak werden. Das Museum überlebte alle aufeinanderfolgenden Regimes, bis es 2003 vor den entsetzten Augen der Weltöffentlichkeit im Zuge der amerikanischen Invasion geplündert wurde.

Ihre alten Freunde aus der ausländischen Gemeinde in Bagdad luden Bell weiterhin zu abendlichen Diners ein. Weniger höfliche Zeitgenossen jedoch mokierten sich hinter ihrem Rücken über sie und ihre altmodisch-britische Art. Ihr von Rosen überwachsenes Cottage wurde schon lange als «die Keuschheitshütte» verspottet. Zu diesen Missliebigkeiten kam noch, dass Bell eine intensive Zuneigung zu einem jüngeren poltischen Beamten entwickelt hatte. Als der sie freundlich, aber bestimmt abwies, zog sie sich endgültig in stoische Einsamkeit zurück, in jenes «halbe Leben», das sie so gefürchtet hatte.

Am 7. Juli 1926 schrieb Gertrude Bell ihrem Vater und berichtete von einem ausgedehnten Picknick, dass sie im Tigris geschwommen sei und in ihrem Museum gearbeitet habe. Fünf Tage später – kurz vor ihrem 58. Geburtstag – starb sie im Schlaf an einer Überdosis des Schlafmittels Dial. Ob ihre sie liebende Familie im weit entfernten England zwischen den Zeilen ihrer fröhlichen Briefe zu lesen vermocht hatte oder nicht – nur wenige, die sie in Bagdad gekannt hatten, waren überrascht.

Gertrude Bells Fotografien und Schriften wurden mit allen Details bewahrt und erlauben heute einen Blick in eine herzzerreißend ferne, verlorene Welt: «Habe ich dir je den Fluss in einer heißen Sommernacht beschrieben? ... Die Dämmerung schwindet, die Lichter der Stadt erhellen auf beiden Seiten das Ufer, während dazwischen der Fluss fließt, dunkel und glatt, voller rätselhafter Spiegelungen.»

(NG, Heft 3 / 2008, Seite(n) 138)

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