Wer erbaute die Pyramiden?

Auf einem sandbedeckten Hügel außerhalb von Kairo sucht sich der Ägyptologe Zahi Hawass einen Weg zwischen kleinen, aus Lehm und Stein errichteten Grabstätten. Einige sind wie Bienenkörbe geformt, andere sind rechteckige, in den Fels gehauene Strukturen.

Auf einem sandbedeckten Hügel außerhalb von Kairo sucht sich der Ägyptologe Zahi Hawass einen Weg zwischen kleinen, aus Lehm und Stein errichteten Grabstätten. Einige sind wie Bienenkörbe geformt, andere sind rechteckige, in den Fels gehauene Strukturen.

Manche Gräber sind aus Kalksteinblöcken gebaut und mit Hieroglyphen geschmückt, andere kaum mehr als kleine Erdhaufen, übersät mit Granit- und Kalksteinbrocken. Neben einer dieser bescheidenen Grabstätten bleiben Hawass und seine Ausgrabungshelfer stehen. Dies ist Grab 53. Vorsichtig beginnen die Männer, oberhalb der Grabkammer (mastaba) den Sand abzutragen. "Schon seit Jahren beschäftigt mich die Frage, wer diese Grabstätten eigentlich gebaut hat", erzählt Hawass und setzt sich auf einen Felsblock. "Wenn ich die Pyramiden betrachte, denke ich oft an die Arbeiter, die hier beschäftigt waren. Wer waren die Männer und Frauen hinter diesem gewaltigen Unternehmen? Wo liegen sie begraben? Dank dieser Gräber haben wir einige Anhaltspunkte."

Im Gegensatz zu früheren Vermutungen - und den Informationen in manchen Reiseführern - sind die Pyramiden nach Ansicht von Hawass nicht von Sklaven oder Fremdarbeitern erbaut worden. "Die Vorstellung, dass es Sklaven waren, stammt von Herodot ", erklärt der Archäologe. Dieser griechische Historiker und Forschungsreisende besuchte Ägypten um 450 v. Chr., etwa 2000 Jahre nach der Errichtung der Pyramiden. Die Leute erzählten ihm offenbar, dass 100000 Menschen dazu gezwungen worden waren, am Bau der großen Cheops-Pyramide mitzuarbeiten. Neue Erkenntnisse legen eine andere Erklärung nahe. 1990 entdeckte Hawass diesen Friedhof. In der Nähe grub der Archäologe Mark Lehner eine alte, offensichtlich für die Arbeiter bestimmte Siedlung aus.

Beide Forscher bestätigen, was Ägyptologen bereits vermutet hatten: dass Herodot falsch informiert war - und gewöhnliche Menschen die Erbauer der Pyramiden waren. Einige waren zwangsverpflichtet und arbeiteten in turnusmäßigem Wechsel, andere waren dauerhaft beschäftigt. Hawass und Lehner nehmen an, dass nur 20000 bis 30000 Menschen an diesem enormen Unternehmen beteiligt waren. Für die drei Pyramiden und die angrenzenden Bauten verarbeiteten sie fünf Millionen Kubikmeter Stein.

"Die Pyramidenarbeiter bauten nicht nur das Grabmal ihres Königs", sagt Hawass, als ich die offensichtliche Sorgfalt erwähne, mit der sie zu Werke gingen, "sondern sie erbauten Ägypten. Dies hier war das Projekt einer ganzen Nation, jeder nahm daran teil. Und natürlich waren auch die Menschen, die wir in diesen Gräbern finden, ein Teil dieses Projekts."

(NG, Heft 11 / 2001)

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