Jahr des Vogels

Sumpfammern singen seit 1.000 Jahren dasselbe Lied

Forscher betrachten die Fähigkeit der Sumpfammern, ihren Gesang perfekt weiterzugeben, als ein Beispiel für eine kulturelle Tradition. Montag, 25 Juni

Von Annie Roth

Jeden Sommer tönen die melodischen Gesänge Tausender Sumpfammern durch die Feuchtgebiete Nordamerikas. Diese kleinen brauen Vögel kennen zwar nur ein paar Lieder – aber die kennen sie dafür umso besser: Einer neuen Studie zufolge haben sie ihr musikalisches Repertoire seit über 1.000 Jahren nicht mehr verändert.

Wissenschaftler haben Belege dafür gefunden, dass die Sumpfammer (Melospiza georgiana) wahrscheinlich seit einem Jahrtausend dasselbe Lied singt. Die Jungtiere imitieren den Gesang der ausgewachsenen Vögel so akkurat, dass er innerhalb der Art über all die Zeit hinweg wohl unverändert blieb. Die Ergebnisse der Wissenschaftler legen daher den Schluss nahe, dass die Sumpfammern ihre kulturellen Traditionen ebenso effizient wie Menschen weitergeben, wenn nicht gar noch effizienter. Die Studie des Teams erschien im Fachmagazin „Nature Communications“.

„Wir konnten zeigen, dass Sumpfammern nur sehr selten Fehler machen, wenn sie ihre Gesänge erlernen. Außerdem lernen sie ihre Lieder nicht zufällig, sondern wählen eher die Lieder, die häufiger gesungen werden“, sagt Robert Lachlan, ein Biologe der Queen Mary University of London und der Hauptautor der Studie.

Genau wie menschliche Kinder lernen auch junge Sumpfammern zu kommunizieren, indem sie die Erwachsenen in ihrem Umfeld nachahmen. Und genau wie Kinder, die zunächst nur die bekanntesten Pop-Hits lernen, merken sich die Jungvögel nicht jeden Gesang, den sie hören. Stattdessen lernen sie jene Gesänge, die sie am meisten hören – eine Lernstrategie, die auch als „conformity bias“ (übersetzt etwa ein Hang oder eine Tendenz zur Anpassung; nicht zu verwechseln mit dem „confirmation bias“, dem Bestätigungsfehler) bezeichnet wird und bis vor Kurzem ausschließlich als menschliche Verhaltensweise galt.

Zwischen 2008 und 2009 nahmen Lachlan und seine Kollegen die melodischen Rufe von 615 männlichen Sumpfammern auf, die im Nordwesten der USA leben. Mit einer akustischen Analysesoftware brachen die Forscher jedes Lied auf eine Ansammlung von Noten oder „Silben“ herunter und untersuchten, in welchem Maße sich die einzelnen Kompositionen voneinander unterschieden.

Die Analyse offenbarte, dass nur zwei Prozent der männlichen Sumpfammern vom musikalischen Status Quo abwichen.

Durch die Kombination aus dem „conformity bias“ und ihrer Fähigkeit, die Gesänge der erwachsenen Vögel so akkurat nachzuahmen, können Sumpfammern Lachlan zufolge Traditionen schaffen, die über Jahrhunderte hinweg unverändert überdauern.

„Mit diesen zwei Zutaten landet man bei Traditionen, die sehr beständig sind. Die Gesänge, die man heutzutage in den Sümpfen Nordamerikas hört, könnten dort gut und gerne schon vor 1.000 Jahren erklangen sein“, sagt Lachlan. (Zu hören ist der typische Gesang der Sumpfammer beispielsweise auf der englischen Wikipedia-Seite.)

Die aktuelle Studie ist eine der ersten, die sich mit der Langlebigkeit der Liedtraditionen innerhalb einer Vogelart beschäftigt. Die Ergebnisse liefern den Wissenschaftlern eine Ausgangsbasis, um den Einfluss zu messen, den der Verlust von Lebensraum auf die kulturelle Evolution von Singvögeln hat.

„Das ist wirklich spannend“, sagt Andrew Farnsworth, ein Ornithologe der Cornell University. „Es ist wirklich wichtig, diese Herangehensweise und diese Ergebnisse als Ausgangswert zu haben, um damit die im Wandel befindliche Realität [der Vögel] zu vergleichen, die von der Fragmentierung und dem Verlust ihres Lebensraums geprägt ist.“

Durch von Menschenhand gebaute Barrieren wie Städte, Straßen und Plantagen, die in den Lebensraum einer Art eindringen, kann eine einheitliche Population in eine Reihe isolierter Gruppen zerfallen, die kaum miteinander interagieren. Studien haben gezeigt, dass diese Art der Zersplitterung die kulturelle Überlieferung zwischen Singvogelpopulationen hemmen kann.

Farnsworth hofft, dass in Zukunft noch mehr Forschung in diesem Bereich betrieben wird. „Das Konzept der Weitergabe kultureller Traditionen ist offensichtlich etwas, das wir als Menschen wertschätzen. Das Potenzial dafür auch in anderen Organismen zu sehen, ist ziemlich cool.“

 

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