Tiere

Diese Vögel produzieren ihr eigenes Zitrus-Parfum

Neue Forschungen haben ergeben, dass die attraktivsten Schopfalken große Federhauben haben und nach Zitrone riechen.Dienstag, 29. Mai 2018

Von Benji Jones
Zwei Schopfalken.

Auf den zerklüfteten Shumagin Islands in Alaska wagt kein Obstbaum Fuß zu fassen – dennoch ist die Luft vom frischen Duft von Zitronen und Mandarinen erfüllt.

Die Quelle des Geruchs: eine Kolonie liebeskranker Schopfalken. Die Männchen produzieren den Zitrusduft, um Weibchen anzulocken. Wie eine neue Studie in Behavioral Ecology offenbart, spielen dabei vor allem die Intensität des Geruchs und die Größe ihrer Federhaube eine Rolle.

Forscher wussten schon seit Längerem, dass männliche Alken mit größeren Federhauben auf Weibchen attraktiver wirken. Im Gegensatz zu kunstvollen Balztänzen oder Gesängen benötigt das Wachstum dieser Zierfedern aber recht wenig Energie und wäre damit kein sehr verlässlicher Indikator für die Fitness der Männchen.

Aus diesem Grund vermuteten die Wissenschaftler, dass es noch einen anderen Faktor geben müsste, der die Männchen für Weibchen attraktiv macht. 

Womöglich war dieser Faktor ihr Geruch, wie der Studienleiter Hector Douglas mutmaßte, ein unabhängiger Meeresbiologe. „Der Zitronenduft ist unglaublich intensiv“, sagt er. „Sie sind die am stärksten riechenden Vögel, die mir bekannt sind.“”

Als er 2002 mit der Forschung begann, galt die Vorstellung, dass Vögel einen Geruchssinn haben, noch als radikal – ganz zu schweigen davon, dass ihr Parfum als ein Indikator für Fitness dienen könnte. Also testete er seine Hypothese.

UNWIDERSTEHLICHER DUFT

In jenem Sommer fing Douglas auf den Shumagin Islands Dutzende Schopfalken und steckte sie einzeln in eine spezielle Kammer, um ihre Geruchsintensität zu messen. 

Ein Strom aus gereinigter Luft zog an dem Vogel vorbei und nahm flüchtige Moleküle mit sich, die das Zitrusaroma produzierten. Im Anschluss wurde die Luft gefiltert und analysiert. Diese organischen Verbindungen namens Aldehyde finden sich in den Schalen von Zitrusfrüchten und in zahlreichen Parfums, zum Beispiel in Chanel N0. 5.

Bevor er die Vögel wieder freiließ, maß Douglas ihre Fitness noch mit Hilfe des Hormons Corticosteron, das als Reaktion auf Stress produziert wird – das Vogeläquivalent zur Cortisol. Je schneller die Vögel das Hormon produzierten, desto besser ihre körperliche Verfassung. 

Nachdem er die Ergebnisse zurück auf dem Festland überprüft hatte, ergab sich ein interessantes Muster, wie er sagte: Die Vögel mit größeren Federhauben produzierten eine größere Menge des Zitrusparfums, was vermuten ließ, dass der Duft auf die Weibchen anziehend wirkt. „Irgendetwas ist im Laufe der Evolution passiert, das die Produktion dieser Chemikalien favorisierte“, so Douglas.

Aber nicht nur das: Die stärker duftenden Alken produzierten auch schneller Corticosteron, was darauf hinwies, dass ihre Fähigkeit zur Duftproduktion mit ihrer körperlichen Verfassung und damit ihrer Fitness zusammenhängt.

„Diese Vögel halten sich teils viele hundert Meter vom Meer entfernt auf und müssen Adlern und Wanderfalken entgehen, um zu ihrem Nest zu gelangen“, sagt Douglas, der seine Forschungsergebnisse in diesem Jahr schließlich veröffentlicht hat.

Die erhöhte Fitness hat größere und erfolgreichere Gelege zur Folge, sagt Douglas, hat diese Theorie allerdings noch nicht untersucht.

DIE MAGIE DER DÜFTE

Therésa Jones, eine Biologin der Universität von Melbourne, die an der Studie nicht beteiligt war, vergleicht die Duftproduktion der Männchen mit einem „Statussymbol“.

„Das ist spannend, weil diese Produktion etwas kostet“, sagt sie. Damit wäre sie dem Energieaufwand für Balzrituale nicht unähnlich.

„Es ist extravagant, ein Parfum zu produzieren“, stimmt Douglas zu. „Die Individuen, die diesen Duft abgeben, sagen: Ich kann das, obwohl ich dafür einen Teil meiner Stoffwechselenergie aufwenden muss.“

Aber der magische Duft betört nicht nur die Weibchen – er trägt auch zur Gesundheit der Männchen bei.

Der Geruch, der über die Federn am Hals der Männchen abgesondert wird, kann blutsaugende Parasiten wie Läuse, Mücken und Zecken lähmen oder verlangsamen. Und auf den Shumagin Islands ist das durchaus von Vorteil: Douglas hat innerhalb einer Stunde bis zu zehn Zecken sein Hosenbein hochkrabbeln sehen.

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