Reise und Abenteuer

5 Gründe, warum man Ho-Chi-Minh-Stadt gerade jetzt besuchen sollte

Ein Insider erkundet die moderne vietnamesische Stadt. Donnerstag, 9 November

Von Clay Dillow

Tritt man durch den Vordereingang des Caravelle Hotels im Zentrum von Ho-Chi-Minh-Stadt, fühlt man sich für einen Moment so, als würde man zur selben Zeit an zwei sehr unterschiedlichen Orten existieren. Man spürt noch die Sauberkeit der marmornen Hotellobby hinter sich, die Hintergrundmusik, die von den Fahrstühlen herüberweht, den kühlen Hauch der Klimaanlage im Nacken. Derweil ist die dicke, laue Luft auf der anderen Seite der Schwelle schwer von Geräuschen und Gerüchen, ein chaotisches Gemisch aus Abgasen, Motorrollern und Essen – immerfort Essen.

Trotz ihrer offiziellen Namensänderung ist die Metropolstadt Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden Vietnams weithin noch immer als Saigon bekannt – unter dem Namen, den sie vor dem Ende des Vietnamkrieges hatte, bevor sie 1975 von nordvietnamesischen Truppen eingenommen wurde. In den vier Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung Vietnams – und besonders in der letzten Dekade – haben eine rasante Wirtschaftsentwicklung und ein Bauboom das Gesicht der Stadt drastisch verändert, wenn auch nicht ihren Charakter.

Der Kontrast zwischen alt und neu wird umso deutlicher, wenn die Stadt verschwommen an einem vorbeizieht, während man auf einer Yamaha sitzt. Verkäufer schieben langsam Fahrräder neben sich her, die mit Blumen, Obst und Backwaren beladen sind, vorbei an Schaufensterfronten von Salvatore Ferragamo und Starbucks. Männer lungern auf geparkten Motorräder rum, wischen halbherzig über ihre Smartphones, überschattet von den Bürotürmen, die die Skyline der Stadt bevölkern. Bars auf Dächern, Pools, Restaurants und Nachtclubs säumen den Himmel. Einige von ihnen, wie die U.S.-Botschaft, dienten während der letzten Stunden des Krieges als Evakuierungszentren für Militärhubschrauber.

Das Motorrad wird von Fred Wissink gefahren, einem kanadischen Auswanderer und Fotografen, der Ho-Chi-Minh-Stadt nun seit fast zehn Jahren sein Zuhause nennt. Er hat eingewilligt, mir die Stadt auf die Art zu zeigen, auf die man sie sehen sollte: von einem Motorrad aus, das sich seinen Weg mit beachtlicher Geschwindigkeit durch die berüchtigten Kreisverkehre und engen Gassen der Stadt bahnt. Bei einem Cà phê sữa đá – einem klassischen vietnamesischen Eiskaffee, der mit Kondensmilch gesüßt wird – legen Wissink und ich eine Pause im Old Compass Café ein und schmieden einen Plan.

KOFFEIN TANKEN

Das Old Compass Café bietet Besuchern eine gelassene Umgebung in einem sonst eher chaotischen Stadtzentrum. Es gibt qualitativ hochwertige, europäische und vietnamesische Kaffeegetränke und ein kleines Menü mit ausgezeichneten vietnamesischen Leckerbissen, Bier und Wein.

Das Au Parc ist ein Restaurant mit Küche aus dem Mittelmeerraum und dem Mittleren Osten – und ein regelmäßiger Treffpunkt für Auswanderer und Reisende. Seine beneidenswerte Lage am Park des Wiedervereinigungspalastes macht es zu einem attraktiven Aussichtspunkt. Hier kann man in Ruhe seinen Morgenkaffee genießen, während die Stadt langsam erwacht.

Außerhalb des Zentrums, im Bezirk 3, serviert das 79-jährige Cheo Leo Cafe im Familienbetrieb noch immer Cà phê vợt oder „Strumpfkaffee“. Er wird auf die alte Methode gebraut, bei der der Kaffee durch einen langen, sockenartigen Filter in traditionelle Tongefäße geseiht wird, bevor man ihn serviert.

Das Hatvala auf der Straße Lê Thánh Tôn bietet eine von Experten ausgewählte Reihe lokaler Tee- und Kaffeesorten an, die man in einem gut eingerichteten Probierzimmer kosten kann. Im Anschluss kann man nach Wahl Kaffeebohnen und Teeblätter für den Gebrauch zu Hause kaufen. Die Angestellten können auch eine Teeverkostung mit mehreren Teesorten vorbereiten – am besten erkundigt man sich vorher nach der Verfügbarkeit.

ZU DEN MÄRKTEN

Im Zentrum des Bezirks 1 findet man den Markt Bến Thành, der zu den beliebtesten in der Hauptstadt zählt. Hier kann man nach Herzenslust vietnamesische Seide, Handarbeiten, T-Shirts, Souvenirs und Leckerbissen aus der Straßenküche shoppen. Zu Gefeilsche wird dabei ermutigt und es wird auch erwartet. Wer ein Auge für Qualität hat und angesichts eines hohen Startgebots nicht einknickt, kann recht günstig gute vietnamesische Seide erwerben.

Gegenüber vom Bến-Thành-Markt befindet sich die Straße Lê Công Kiều. Dort findet man zu beiden Seiten schmale Läden, die Porzellan, Kunstgegenstände, alte Münzen, Möbel, religiöse Figuren, Gegenstände aus der Kolonialzeit und Überbleibsel des U.S.-Militärs verkaufen. Mitunter kann es schwer sein, den Unterschied zwischen echten und gefälschten Gegenständen zu erkennen, und auch hier gelten die Regeln des Feilschens. Wer besonderes Interesse an militärischen Devotionalien hat, hat vielleicht ein paar Blocks weiter südlich auf dem Dân-Sinh-Markt mehr Glück. Dort gibt es eine Halle für Militärausrüstung, die von den französischen, amerikanischen und diversen vietnamesischen Truppen zurückgelassen wurde, die Ho-Chi-Minh-Stadt im letzten Jahrhundert besetzt hatten.

Der Bình-Tây-Markt im größten Chinatown-Bezirk der Stadt bedient hauptsächlich Einheimische. Auch, wenn er für Souvenirjäger weniger interessant ist, wird dort ein Großteil der Ware gleich in großen Mengen verkauft. Es gibt sowohl einen großen Lebensmittelmarkt voller regionaler, einzigartiger vietnamesischer und chinesischer Lebensmittel als auch einen Food-Court, der regionale Spezialitäten serviert. Am besten kommt man zum Frühstück her, genau wie die Einheimischen.

SPAZIERGANG DURCH DIE GESCHICHTE

An der nördlichen Ecke des Bezirks 1 befindet sich die 1909 erbaute Pagode des Jadekaisers – eine friedliche, taoistische Hommage an den „Gott der Himmel“ (Ngoc Hoang). Der Tempelkomplex ist mit taoistischen und buddhistischen Symbolen und Gottheiten durchsetzt, darunter auch eine von Weihrauch umwaberte Statue des Kaisers.

Das Saigon Opernhaus wurde 1987 erbaut und beherbergt das Ballett und Symphonieorchester der Stadt. Nach seinem Bau wurde es kurz als Versammlungshalle für das Unterhaus der Republik Südvietnam genutzt. Die nahegelegene Saigon Hauptpost wurde vom französischen Architekten Marie-Alfred Foulhoux entworfen (und nicht, wie oft fälschlicherweise angenommen, von Gustave Eiffel) und 1891 fertiggestellt. Sie ist vermutlich das beste Beispiel für den französischen Kolonialstil in der Stadt: hoch aufragend, mit tonnengewölbten Decken, gusseisernen Akzenten und einem wunderschön gefliesten Boden.

Die Notre-Dame-Basilika in Saigon wurde 1880 fertiggestellt und hält Sonntagmorgenmessen. An jedem anderen Morgen der Woche ist sie für Führungen geöffnet. Viele Besucher finden jedoch die Statue der Jungfrau Maria vor der Romanischen Kirche viel geheimnisvoller. 2005 rann angeblich eine Träne an ihrer Wange hinab. Das sogenannte Wunder wurde vom Vatikan jedoch nicht anerkannt.

REGIONALE KOST

Reisende, die sich an vietnamesischen Klassikern wie Phò übergessen haben, können sich in die abwechslungsreiche ausländische Küche der Stadt stürzen. Es gibt fast alles, von mediterranen Mezze (zum Beispiel im Beirut in der Nähe der alten Opiumraffinerie) bis zu Barbecue-Schweinerippchen im Carolina-Style (fragt danach in Jake’s American BBQ auf der Straße Pasteur).

Etwas regionalere Gerichte umfassen zum Beispiel Hủ tiếu, ein vietnamesisches Reisnudelgericht mit Schweinefleisch in einer Schweinebrühe. Das Gericht geht auf die chinesischen Siedler zurück, die sich vor langer Zeit in der Gegend ansiedelten (probiert es im Quán Hủ Tiếu Mỹ Tho Thanh Xuân, einem 40 Jahre alten Laden in einer Gasse im Zentrum von Ho-Chi-Minh-Stadt). Auch, wenn es nicht wirklich regional ist, zählt Bun Cha zu den nordvietnamesischen Favoriten. Das Gericht besteht auch gegrilltem Schweinefleisch auf Reisnudeln, serviert mit diversen Kräutern und Dips (Wissinks Lieblingsort dafür ist an der Adresse 10 Bis Lý Tự Trọng im Bezirk 1).

Phò-Liebhaber werden keine Probleme haben, eine heiße Schüssel dieser allgegenwärtigen, meisterhaft gewürzten Rindernudelsuppe zu bekommen (beliebte Lokale dafür sind Phở Quỳnh und Phở Cao Vân). Auch weniger bekannte herzhafte Gerichte wie Bò kho – eine französisch geprägte, aber sehr vietnamesische Rinderschmorbrühe – gibt es überall

HISTORISCHE DRINKS

Anfang der 1950er hat sich der Schriftsteller Graham Greene drei Jahre lang im Hotel Continental Saigon eingemietet und schrieb „Der stille Amerikaner“, eine ebenso romantische wie erschütternde Geschichte über die Kriegszeit in Saigon. Freunde der Geschichte und der Literatur zieht es noch immer in die Bar es Continental, von der aus man den bezaubernden Innenhof des Hotels betrachten kann.

Das Caravelle Hotel ganz in der Nähe beherbergte zu Kriegszeiten diverse Botschaften und Nachrichtenagenturen. So wurde es zu einem Knotenpunkt der internationalen Kommunikation und einer beliebten Bar für Journalisten. 1964 wurde es bei einem Bombenangriff beschädigt und 1975 verstaatlicht, als die Stadt fiel. Das Caravelle hat seit seiner Eröffnung 1959 viele Veränderungen durchlebt, aber die Saigon Saigon Rooftop Bar im zehnten Stock ist noch dort, wo sie schon immer gewesen ist.

Der beste Aussichtspunkt, um Ho-Chi-Minh-Stadt in altem und neuem Glanz zu betrachten, ist zweifelsfrei die Bar auf dem Dach des Rex Hotels. Die Veranda im französischen Kolonialstil ist mittlerweile auf allen Seiten von den Ergebnissen des vertikalen Baubooms der Stadt umgeben. Während des Krieges hielt das U.S.-Militär seine täglichen Pressekonferenzen in der Bar des Rex Hotels ab. Diese Treffen wurden zunehmend lauter, als sich der Graben zwischen der grauenvollen Realität des Krieges und den offiziellen Berichten des Militärs weitete. Die Journalisten gaben den Treffen den Spitznamen “The Five O’Clock Follies” (dt. Die 5-Uhr-Verrücktheiten) – ein nachmittägliches Ritual, bei dem Journalisten, Militäroffiziere, Diplomaten und Spione Cocktails schlürfen, den Sonnenuntergang ansehen und die zurückkehrenden Bomber beobachten konnten. Heutzutage gibt es hier keine Bomber mehr. Die Sonnenuntergänge sind hingegen noch immer wunderschön anzusehen, und die einzigen Five O’Clock Follies kommen in Gläsern mit Eis, einer Menge Wodka, Rum und Midori.

Clay Dillow ist ein in Brooklyn wohnhafter Journalist und Fotograf. Man kann ihm auf Twitter und Instagram folgen.

Wei­ter­le­sen