Reise und Abenteuer

Der Kluane-Nationalpark im Yukon: Am höchsten Punkt Kanadas

Im Kluane-Nationalpark gibt es viel zu entdecken – Kanadas höchste Gipfel, größte Eisfelder und die genetisch vielfältigste Grizzlypopulation.Thursday, November 9, 2017

Von Robert Reid
Ein Flugzeug überfliegt den Kluane-Nationalpark in Kanada.

Ich muss etwas gestehen: Ich habe Angst vor Bären.

Das ist kein dramatischer Aufmacher für einen Artikel über die großartigen Landschaften des Yukon. Ich habe Angst. Insbesondere, wenn ich mutterseelenallein wandere. Ich weiß, dass ich mich möglichst laut verhalten soll, um schlummernde Grizzlys vorzuwarnen, aber ich stamme aus Oklahoma, und meine Existenz in die Welt hinauszuschreien, kommt mir so… aufdringlich vor. Und so sitze ich nun recht jämmerlich hier in meinem Auto auf einem Campingplatz. Vor mir befindet sich der Ausgangspunkt eines geschotterten Wanderwegs, der einen flachen, von Bäumen gesäumten, knapp zwei Kilometer langen Spaziergang mit malerischen Ausblicken auf Yukons Berge verspricht. Durch die Windschutzscheibe kann ich zwei Rentner erkennen, die es sich in Gartenstühlen bequem gemacht haben und Bier trinken. Im Schatten hüpft ein schwarzes Eichhörnchen umher. Ich habe das Gefühl, dass es sich über mein Zögern lustig macht.

Soll ich gehen? Das frage ich mich ernsthaft.

Der Kluane-Nationalpark besteht fast nur aus Eis. Über 2.000 Gletscher – einige davon einen Kilometer dick – gibt es hier. Etwa vier Prozent von ihnen wachsen durch basales Gleiten. Hierbei bildet sich Wasser zwischen Gestein und Eis, das es dem Gletscher ermöglicht, sich über einen Kilometer weit pro Monat zu bewegen. Andere Gletscher verschwinden. Während der vergangenen 50 Jahre hat Yukon aufgrund des Klimawandels 22 Prozent seiner Gletscher verloren. Kanadas höchster Gipfel, Mount Logan (5.959 Meter), befindet sich ebenfalls hier, ist jedoch nicht von der Straße aus zu sehen. Tatsächlich ist nur ein winziger Teil des Nationalparks über Straßen zugänglich.

Um den Kluane in vollem Umfang zu erleben, muss gewandert oder geflogen werden.

Ich beginne beim Fliegen.

Wildblumen säumen den Lauf des Quill Creek im Kluane-Nationalpark.

Zwischen Mai und September werden ein- bis zweistündige Rundflüge in Starrflüglern und Hubschraubern über die Gletscherzungen angeboten, die bis tief in die Berge hineinführen. Zumindest, wenn das Wetter es erlaubt. Normalerweise werden an einem von fünf Tagen Flüge aufgrund starker Winde gestrichen. Aber während der letzten drei Tage hat nichts abheben können.

„Heute haben wir Glück“, meint Jim Trail, mein Pilot von Kluane Glacier Air Tours. Der junge Australier hat das Fliegen von Kindesbeinen an im Outback von Queensland gelernt. Er bringt ein junges Paar aus Montréal, eine Frau mittleren Alters aus Ontario und mich in den Park, wo wir dem Alsek River bis zum Lowell-Gletscher folgen, der sich immerzu in Bewegung befindet.

„Wird ein bisschen holprig, wenn der Wind durchpfeift“, höre ich Jim durch die Kopfhörer an Bord der Cessna 207. Er fliegt seit sechs Jahren und hat schon ein paar hundert Flüge über dem Yukon absolviert, die für ihn vergleichbar mit denen im Outback sind. „Es ist manchmal ein bisschen knifflig.“

Glücklicherweise wird es heute nicht allzu „knifflig“. Wir folgen ruhig dem Flusstal zwischen den Bergen. Jim weist uns auf die weißen Punkte auf der Gebirgswand hin: Dall-Schafe. Der Kluane hat die weltweit größte Bestandsdichte dieser Tiere mit den eingedrehten Hörnern. Schnell erreichen wir die Gletscherzungen. Unten haben sie die Farbe von hellbraunem Kaffeeschaum, durchzogen von den Ausformungen strahlendblauer Seen in kleinen Spalten.

Kurz darauf sehen wir gigantische Eisberge mit bläulichen Spitzen, die auf einem größeren See treiben. „Von denen war vor ein paar Tagen noch nichts zu sehen“, sagt Jim.

Dall-Schafe versammeln sich auf einem schneebedeckten Gebirgskamm.

Dimensionen und Maßstäbe sind hier oben schwer einzuschätzen. „Hier ist er sieben Kilometer breit“, bemerkt Jim beiläufig mit Bezug auf den Lowell-Gletscher, der sich nach oben zu recken scheint, als wollte er den Himmel berühren. Ich bin sprachlos. Ich hatte auf einen Kilometer getippt, maximal zwei.

Ich mache mich auch zu Fuß auf in den Kluane. Irgendwann wage ich mich schließlich auf diesem Campingplatz aus meinem Auto heraus, um eine kurze Wanderung in das Sumpfgebiet zu unternehmen, das sich noch innerhalb der Dorfgrenzen von Haines Junction befindet. Hier treffe ich nach kurzer Zeit auf Doug. Doug stammt aus Victoria und macht ein paar Wochen Camping- und Wanderurlaub im Yukon. Wir setzen unseren Weg gemeinsam fort.

„Ich will schon irgendwie gern Bären sehen“, sagt er. „Aber dann vielleicht lieber doch nicht.“

Seine Gesellschaft beruhigt mich ein wenig. Ebenso wie das Bärenabwehrspray, das sich in der Außentasche meines Rucksacks befindet. Schon bald finden wir Bärenkot, den ich mithilfe der Google-Bildersuche als solchen identifiziere.

Am nächsten Morgen fahre ich eine Stunde Richtung Norden zum 400 Quadratkilometer großen Kluane Lake. Der Herbst hat im Yukon Einzug gehalten und so verzögert sich meine Ankunft, da ich Pausen einlege, um die Aussicht zu bewundern. Als ich den Christmas Creek schon überquert habe, wende ich noch einmal kurz. Inmitten roter Sommerzypressen, goldenen Pappellaubes, lindgrüner Kiefern und rostfarbener und grauer, zerklüfteter Bergwände spaziere ich ein bisschen an dem gluckernden Wasser entlang.

Dort, nur ein kleines Stück weiter nördlich, befindet sich der riesige, graue Kluane Lake, wo Gletscherabrieb sich in Form von Staubteufeln in den Wind erhebt. Das Wasser dieses Sees floss einmal bis zum 230 Kilometer entfernten Pazifik. Doch vor einigen Jahrhunderten schnitt ihm der Kaskawulsh-Gletscher den Zugang ab, sodass der See die Richtung änderte – und nun einen beinahe 3.200 Kilometer langen Umweg durch das nordwestliche Flusssystem vom Yukon nimmt.

Eisfelder ziehen sich durch die Berge des Kluane-Nationalparks

Der Strand ist menschenleer. Ich laufe über den kieseligen Sand und nehme eine Handvoll kleiner Steine auf, die mir durch die Finger gleiten und sie sauber zurücklassen. Auf der gegenüberliegenden Uferseite im Nordwesten türmt sich der Sheep Mountain auf. Ich habe noch vor, dort eine Wanderung in die Taiga zu machen. Ich mache einen Abstecher zu dem kleinen Besucherzentrum des Nationalparks, um mich danach zu erkundigen.

„Wir mussten den Wanderweg vor zwei Wochen schließen, weil ein Grizzlyjunges und seine Mama da waren“, teilt mir der Ranger mit. „Das ist eine wahre Bärenautobahn.“

Will ich das wirklich tun?

Jeder spricht hier über Bären. Die Einheimischen machen sich kaum Sorgen wegen ihnen, nehmen Vorsichtsmaßnahmen aber sehr ernst. Der Mann, der mir das Abwehrspray verkauft hat, meinte: „Ohne Spray unterwegs zu sein, fühlt sich komisch an – ich schaue dann die ganze Zeit über meine Schulter.“

Ich wähle den Sheep-Creek-Wanderweg, weil er gut besucht ist. Ein Dutzend Autos steht auf dem Parkplatz am Beginn des Pfads, zunächst bin ich aber allein. Durch den wunderschönen Tag beflügelt fühle ich mich wohl. Ich mache mich regelmäßig bemerkbar, während ich langsam vorangehe. Niemand sagte mir, wie ich mich bemerkbar machen soll. Ich rufe „Hepp!“, huste manchmal, klatsche in die Hände und einmal singe ich die Anfangszeilen von „We are the world“.

Der Slims River entspringt im Kaskawulsh-Gletscher im Kluane-Nationalpark.

Und ich sehe keinen einzigen Bären.

Das, was ich aber sehe, ist atemberaubend. Ich wandere über Kiefernnadeln, vorbei an dürren Kiefern und beerentragenden Büschen. Ich kann zur kahlen Rückseite des Sheep Mountain aufsehen und dort einige Dall-Schafe ausmachen, die sich über die Bergfläche bewegen. Nach einer Stunde erreiche ich eine Lichtung, auf der ich mich niederlasse, um mein Mittagessen einzunehmen und dabei zurück auf einen gewundenen Bach zu schauen. Ich verfolge seinen Lauf Richtung Slims River, wo Gletscherabrieb von Wind aufgewirbelt wird, der über den Kaskawulsh-Gletscher fegt.

Als ich am Nachmittag zurück in Haines Junction bin, fragt mich die Rezeptionistin meines Hotels nach meinem Tag. Ich erzähle ihr von den Herbstfarben und der Schönheit und der Einsamkeit – und auch, dass ich froh bin, keine Bären gesehen zu haben.

„Das ist mal eine schöne Abwechslung“, antwortet sie prompt. „Einige Leute werden zu richtigen Machos und wollen um jeden Preis welche sehen.“

Es ist vollkommen okay für mich, kein Macho zu sein.

Planung der Reise

Unterkunft: Haines Junction liegt knapp 200 Kilometer von Whitehorse entfernt und ist der Dreh- und Angelpunkt des Kluane-Nationalparks. Es gibt ein paar einfache Hotels und Restaurants, aber (noch) nichts Luxuriöses. Viele Besucher campen in Zelten oder Wohnwagen. Es empfiehlt sich eine frühzeitige Zimmerreservierung im Raven, dem besten Hotel im Ort.

Sehenswürdigkeiten: Mit etwa 200 Dollar (circa 170 Euro) ist die Gletschertour im Kluane-Nationalpark wohl die teuerste Unternehmung. Sie kann bei verschiedenen Anbietern gebucht werden. Ich bin mit Kluane Glacier Air Tours von Haines Junction aus geflogen. Rocking Star Adventures fliegt von Burwash Landing aus, das eine Stunde nördlich von Haines Junction liegt.

Im hervorragenden Besucherzentrum des Kluane-Nationalparks in Haines Junction können Ausstellungen und ein Film über den Park und die Geschichte der First Nations angesehen werden. Die Ranger bieten am Informationsschalter kostenlose Wanderkarten an und klären über die Parkregeln auf. Es gibt 15 Hauptwanderrouten, deren Dauer zwischen einer halben Stunde und einer Woche variiert. Am Kluane Lake befindet sich außerdem ein kleineres Besucherzentrum (und sonst nichts, auch keine Verpflegungsmöglichkeit oder Tankstelle).

Das beliebte Village Bakery & Deli in Haines Junction bietet leckere Fertigsandwiches, Backwaren und Espresso an. Außerdem gibt es dort Bärenabwehrspray für 38 Dollar (etwa 32 Euro), wobei das Pfand von 19 Dollar (etwa 16 Euro) bei Nichtbenutzung zurückerstattet wird.

 

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