Reise und Abenteuer

Mit Fahrrad und Boot durch Torontos Cottage Country

Mikroabenteurer Alastair Humphreys lernt gemeinsam mit einem Freund Kanadas größte Stadt und die unberührte Natur direkt vor ihren Toren kennen. Freitag, 27 Oktober

Von Alastair Humphreys

Egal ob Bus, Zug oder das Auto genommen werden – innerhalb einer Stunde geht’s aus einer Stadt mitten in die Natur. Auch in der Nähe von Weltmetropolen existieren Orte, wo ihr keiner Menschenseele begegnet, wo ihr euch in Wäldern verlauft, allein seid und neue Dinge sehen könnt. Mit anderen Worten: Etwas außerhalb der Großstadt werdet ihr zum Entdecker und Forscher, trotz des Lebens im 21. Jahrhundert mit Google-Karten und ohne Überraschungen.

Seit ich erwachsen bin, habe ich mein Leben damit verbracht, die wilden Orte dieser Welt zu erforschen. Ich bin durch das überbevölkerte, bunte Indien gereist und im Oman durch die Rub-al-Chali-Wüste gelaufen. Ich bin über den Atlantik gerudert und auf meinem Fahrrad um die Welt gefahren. Aber in den letzten Jahren hat sich der Fokus meiner Reisen verschoben. Ich hole mir meine Abenteuer näher an der Heimat. Ich versuche, den Leuten zu zeigen, dass ein Microadventure – eine kurze, einfache Auszeit – immer noch ein Abenteuer ist und wirklich viel Spaß machen kann.

Wie viele Abenteuer erlebt werden können, wie wild und überraschend die Welt ist, hängt größtenteils davon ab, wie ihr sie entdecken möchtet. Abenteuer entstehen eher durch die persönliche Einstellung als durch die Frage, wie lange ihr unterwegs seid oder ob ihr auf die andere Seite des Planeten geflogen seid. Wer ein abenteuerliches Leben führen möchte, muss im Grunde kaum mehr tun, als sich dafür zu entscheiden.

ERSTE EINDRÜCKE

Nach der Ankunft am blitzsauberen und unkomplizierten internationalen Flughafen von Toronto setze mich in ein Taxi, um einen Freitagabend in der viertgrößten Stadt Nordamerikas zu verbringen. Ich will etwas finden, das ein bisschen anders ist.

Wenn ich in einer Stadt ankomme, will ich als erstes sofort mein Gepäck loswerden (hier in Toronto im Drake Hotel) und wieder hinaus, um die fremden Straßen zu erkunden: joggend, auf dem Fahrrad oder einfach draufloslaufend.

Toronto an einem Freitagabend Ende September: Die Luft ist wärmer, als ich erwartet hatte. Die Sonne geht golden unter, während die Büroangestellten auf die Straßen strömen. Viele sind mit ihren Freunden auf dem Weg in Bars und Restaurants. Ein junger Hipster steht regungslos unter einer Straßenlaterne. Er wartet nervös im Lichtkegel auf seine Verabredung, während die Menschenmenge um ihn herum wogt und ihm ausweicht. In der Luft liegt eine knisternde Energie, Gesprächsblasen, in denen Freunde sich treffen und Pläne schmieden. Es ist belebt, aber nicht überfüllt; fröhlich, aber nicht zu laut oder lärmend.

Ich bin aus England hierhergereist, um mit meinem Freund und Filmemacher Tem Doran vier Tage in Toronto und Muskoka zu verbringen, einer idyllischen Region nördlich der Stadt. Tem und ich schlendern die Queen Street in Toronto hinunter. Ich fühlte mich ein wenig durcheinander, wie immer, wenn ich mich plötzlich auf einem anderen Kontinent wiederfinde. Eine verquere Art von Jetlag.

KANADAS TRENDHAUPTSTADT

Toronto ist cool, daran gibt’s keinen Zweifel. Ich war schon sehr lange nicht mehr in so einer trendigen Stadt. Das ist mein erster Eindruck, als wir uns Richtung Downtown bewegen. Ich sehe einen massigen Mann, dessen grauer Bart die Hälfte seiner Brust bedeckt. Er trippelt zusammen mit einem plüschigen, weißen Pudel die Straße entlang. Eine junge Frau wird von ihrer riesigen Deutschen Dogge vorwärtsgezerrt. Modisch gekleidete Jungs mit ironischen Bärten flitzen auf Singlespeed Bikes an uns vorüber. Sie schlängeln sich durch den Feierabendverkehr, passieren Taxis und weichen den rot-weißen Straßenbahnen aus, die an uns vorbeisurren und -rattern und dabei mit ihren urigen Glocken bimmeln. Das Knistern der Oberleitungen der Bahnen klingt für mich fremd und charmant zugleich.

In Toronto lässt sich Vielfalt spüren, noch mehr als in London. Ich bin nicht überrascht, als ich später (von Google) erfahre, dass sie oft als abwechslungsreichste und bunteste Stadt der Welt empfunden wird. Die Straßen sind voller junger, in jeder erdenklichen Moderichtung gekleideter Leute. Das kulinarische Angebot der Restaurants umspannt den kompletten Globus und ist so vielfältig wie in keiner anderen Stadt, die ich je besucht habe. Es ist möglich, den gleichen Avocado-Toast wie in Shoreditch, Sydney oder San Francisco zu bekommen. Ebenso eine chilenische Empanada, ein jamaikanisches Roti oder indische Samosa in winzigen Imbissen. Im Prinzip dreimal das gleiche Gericht und ein Beispiel für die konvergente Entwicklung verschiedenster Ecken der Welt. Diese Imbisse geben einem das Gefühl, sich tatsächlich im jeweiligen Land zu befinden. Außerdem gibt es natürlich auch die berühmten Vertreter der heimischen Küche wie Poutine. Das ist eine meiner heimlichen Leidenschaften, die ich jedes Mal auslebe, wenn ich Kanada besuche. Für alle Unwissenden: Poutine ist ein unspektakulär aussehendes, aber sehr leckeres Gericht aus Pommes Frites mit Käsebruch und Bratensoße. Ich bin wirklich enttäuscht als ich erfahre, dass wir die Weltmeisterschaft im Poutine-Essen um nur einen Tag verpasst haben.

Es ist schon dunkel, als wir durch Chinatown spazieren. Die Neonreklamen spiegeln sich auf den noch regennassen Straßen. Das Viertel könnte mit seinen chinesischen Supermärkten, vietnamesischen Phở Cafés und hell erleuchteten Handyshops jede beliebige Stadt in Ostasien repräsentieren. Es herrscht reges Treiben und ein munteres Durcheinander von Sprachen.

Wir biegen links ab und gelangen nach Kensington Market, ein ruhigeres, multikulturelles Viertel und eine historische Sehenswürdigkeit. An zahlreichen Wänden prangen farbenfrohe Graffitis und überall bereiten sich Hippie-Bars auf den Wochenendansturm vor. Wir entdecken ein altes Auto, das zum Garten umgebaut und ein Kanu, das ebenfalls bepflanzt wurde. Diese spezielle Atmosphäre ist überall zu spüren. Der Taco-Laden ist gut besucht und in den Pubs wird den Gästen Livemusik geboten. Diese genießen ihr Bier zum Wochenausklang und schielen dabei mit einem Auge auf das im Fernsehen laufende Baseballspiel. Toronto Blue Jays gegen die Boston Red Socks. Ein wichtiges Spiel, das wirklich überall läuft – in jedem gemütlichen, alten Pub, in jeder glitzernden, hippen Bar und im philippinischen Schnellimbiss.

TORONTO AUF ZWEI RÄDERN

Ich mag Städte, die auf dem Reißbrett entstanden sind. Sie fühlen sich völlig anders an als die historischen Städte Europas und der Alten Welt. Sie ermöglichen einem schnell eine gute Orientierung und das Zurechtfinden funktioniert problemlos. Wir melden uns beim städtischen Fahrradverleihsystem an, einer Beförderungsart, die erfreulicherweise in immer mehr Städten angeboten wird. Die Räder sind die gleichen wie in London, aber in Toronto gibt es keinerlei Probleme, eine Verleihstation zu finden. Nie sind alle Plätze belegt oder vollkommen leer. Es funktioniert, einfach und effektiv.

Wir rasen die King Street hinunter, weichen Straßenbahnen aus und reiten Block um Block auf einer grünen Welle. Glänzende Hochhäuser erheben sich über uns und erschaffen eine von Menschenhand erbaute Schlucht aus Glas. Sie erinnern mich daran, dass dies hier eine der größten Metropolen des Kontinents und Kanadas wirtschaftliches Zentrum ist, trotz der Atmosphäre von Ruhe und Ordnung, die sie ausstrahlt.

Tem und ich machen uns auf den Weg in eine Dachterrassen-Bar, um die Aussicht zu genießen. Flüsse aus roten und weißen Lichtern ziehen sich durch die Hauptschlagadern der Stadt. Downtown, im Finanzviertel, strahlen beleuchtete Wolkenkratzer in voller Pracht. Es ist eine eindrucksvolle, typisch nordamerikanische Skyline und ein netter Ort, um sich ein kaltes Bier zu gönnen.

Über allem erhebt sich der berühmte CN Tower als Wahrzeichen von Torontos Skyline. Fest mit der Stadt vereint wie die Türme von Pisa oder Paris, ist der CN Tower mit seinem halben Kilometer Höhe ein beeindruckender Anblick. In seiner Entstehungszeit war es ein überaus ambitioniertes Projekt (er wurde 1976 fertiggestellt). Kein Wunder also, dass er jedes Jahr zwei Millionen Besucher anzieht. Nur wenige Bauten und Symbole tragen ihre Bezeichnung als Wahrzeichen zu Recht, doch der CN Tower ist untrennbar mit Toronto verbunden.

Ebenso wie vieles, das uns erwartet, als wir diese Stadt verlassen – wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise.

AUF NACH MUSKOKA

Nördlich von Toronto liegt eine Gegend, die inoffiziell als Cottage Country bekannt ist. Tem und ich verlassen Toronto, um uns dort umzusehen. Wir sind beide noch nie zuvor dort gewesen. Ich fordere Menschen auf, aus ihrer Alltagsroutine und ihren Städten auszubrechen und Orte zu finden, an denen Wi-Fi und Supermärkte durch sternenklaren Himmel und der mitgebrachten Verpflegung im eigenen Rucksack ersetzt werden.

In einer Welt, in der wir es fertigbringen, uns beim Überqueren von Kontinenten zu langweilen, finde ich es immer wieder erstaunlich, wie schwer es Menschen fällt, die Zivilisation hinter sich zu lassen, und sei es auch nur für ein Wochenende. Einfach spontan hinauszugehen und etwas anderes zu erleben. Also versuche ich jedes Mal, wenn ich heutzutage eine Stadt besuche, mich aus ihrem Sog zu lösen, wenn auch nur für eine kurze Weile.

Und so fahren wir gen Norden in einem dieser Mietwagen von der Größe eines mittleren Hauses. Von diesen sind Europäer immer schwer beeindruckt, doch sie scheinen einfach für Kanadas breite Highways gemacht worden zu sein. Wir essen Äpfel der Sorte McIntosh, die wir uns an einem Obststand mitgenommen hatten, und unterhalten uns angeregt darüber, was wir wohl alles entdecken werden und wie leicht es uns gefallen war, die Straßen der Stadt hinter uns zu lassen.

Mit Cottage Country wird der Bereich außerhalb Torontos bezeichnet, wo sich viele Sommer- und Ferienhäuser um die Ufer der Seen verteilten. Es ist noch keine Wildnis, aber auch kein Stadtgebiet und das macht einen Teil seines Charmes aus. Wir fahren durch eine flache, zahme Landschaft mit Farmen, hölzernen Feldscheunen, kleinen Dörfern und Wald.

Als ich Kanada zum ersten Mal besuchte, googelte ich: „Wie viele Bäume gibt es in Kanada?“ Dass selbst Google die Antwort darauf nicht kannte, bestätigte, was ich sah: Es gibt eine ungeheuer große Anzahl. Ich stamme aus Großbritannien, wo wir schon vor Jahrhunderten unsere Wälder dezimiert haben. Hier in Kanada bin ich immer wieder beeindruckt und auch irgendwie beruhigt vom Anblick von Kilometer um Kilometer von Bäumen.

LÄNDLICHE ENTSPANNUNG

Tem erträgt meine Musikauswahl stoisch einige Stunden lang und dann sind wir da. Wir klettern aus dem riesigen Auto und atmen die feuchte, kühle, frische Herbstluft ein. Die Tatsache, dass ich einer Großstadt entflohen war, macht meinen ersten Schwimmausflug in einem der idyllischen Seen Muskokas umso angenehmer. Ich spüre, wie die von Stadtatmosphäre und Verkehrsstaus angesammelte Energie sich löst, als ich die Luft anhalte und so tief nach unten tauchte, wie ich kann. Ich komme keuchend und grinsend wieder an die Oberfläche. Tem springt in ein Kanu und paddelt eine Runde um die Landzunge. Als er zurückkommt, berichtet er von beneidenswerten Sommerdomizilen mit Bootshäusern, Anlegestegen und stolz gehissten kanadischen Flaggen.

Über vielen der Seegrundstücke in Muskoka liegt ein unaufdringlicher Hauch von Wohlstand. Vagabundierende Schreiberlinge wie ich werden niemals in solchen Häusern leben, aber eins der schönsten Dinge am Reisen ist die Möglichkeit, einen Abstecher in so viele verschiedene Welten zu machen. Ich werde die kommenden Tage hier genießen und in der gleichen Aussicht, der gleichen Ruhe und den gleichen Seen schwelgen wie alle anderen im Cottage Country auch.

Am Nachmittag jogge ich durch den Wald, allein mit meinen Gedanken und zwei neugierigen Rehen, die mich vom Wegrand aus beobachten, als ich sie passiere. Im Herbst zu joggen, durch Nebel und die wunderschönen Farben des Waldes, ist eine meiner Lieblingsarten, mir Appetit für ein Barbecue zu verschaffen.

Wenn schon die Autos in Nordamerika groß sind, solltet ihr erst einmal die Steaks sehen! Tem und ich grinsen und stöhnen und geben unser Bestes für Königin und Vaterland, um unsere riesigen T-Bones zu verdrücken. Wir stoßen zum Essen und auf den gemütlichen Abend mit ein paar lokal gebrauten Craft-Bieren an. Es ist eine friedliche Gegend und die Muskoka-Brauerei weiß das zu schätzen. Auf der Flasche der Sorte Detour ist zu lesen: „Das Leben ist viel interessanter, wenn ihr den weniger befahrenen Flussarm langpaddelt.“ Die Sorte Mad Tom dagegen wurde „inspiriert von Gute-Nacht-Geschichten am Lagerfeuer“. Ich stimme aus vollem Herzen zu!

Muskoka ist vielleicht für die „Cottage“-Anwesen von Millionären und Besuchern aus Hollywood bekannt, aber die Dörfer sind sehr verschlafen. Eines von ihnen, Dorset, besitzt als Hauptattraktion einen Wachturm (dessen Aussicht nett ist, wenn auch begrenzt durch den Nebel bei unserem Besuch) und den offenbar berühmten Robinson’s General Store, der früher einmal zu Kanadas bestem Verbrauchermarkt gekürt worden war. Wir lassen uns einen Roadkill-Burger mit „Roadkill-Gewürzen und Chipotle-Soße“ schmecken, ebenso wie deftige „Moosecakes“ – fluffige und überaus leckere Pancakes, garniert mit reichlich Ahornsirup – im nahegelegenen Moose Café.

Eines Tages würde ich gerne meine komplette Familie in eins der großzügigen Cottages am See hier oben in Muskoka mitnehmen. Drei Generationen, Großeltern, Tanten, Onkel und Kinder, die sich an der einfachen Schönheit eines Sees erfreuen, am Grillen und der Gelegenheit, Zeit miteinander zu verbringen. Die unglaublich schönen Herbstfarben der Wälder, das leise Platschen eines Fisches im See, die Kanus und Boote, das Schwimmen und die ruhige, entspannte Atmosphäre der Dörfer machen das Cottage Country in Muskoka zu einem beliebten und einfach zu erreichenden Ausflugsziel von Toronto aus.

 

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