Reise und Abenteuer

Reisetipps eines Lebensmittelspions

Um die Jahrhundertwende herum bereiste David Fairchild die Welt auf der Suche nach neuen Lebensmitteln für Amerika. Montag, 26. März 2018

Von Daniel Stone
1902 erkrankte Fairchild in Ceylon (heute Sri Lanka) an Typhus. Er überlebte und machte diese Aufnahme eines Strandes in der Stadt Dehiwala-Mount Lavinia unweit von Colombo.

Noch im Jahr 1900 verließen die meisten Menschen kaum je ihre Heimatstadt, geschweige denn ihr Land. David Fairchild gehörte aber nicht zu den meisten Menschen.

Er war ein Lebensmittelspion für die Regierung der USA. Der Botaniker war vom US-Landwirtschaftsministerium darauf angesetzt worden, die Welt auf der Suche nach exotischen Pflanzen zu bereisen, die in seiner Heimat angebaut und verzehrt werden könnten. Von seinen Reisen brachte er Avocados, Mangos, Nektarinen, Datteln, Grünkohl und Hunderte anderer Nahrungspflanzen mit.

1889 war David Fairchild als Juniorwissenschaftler für das Landwirtschaftsministerium der USA tätig, bevor er auf der Suche nach exotischen Pflanzen die Welt bereiste.

Er besuchte Java, um die riesigen Palmen und die seltsamen Früchte der Tropen zu sehen. Er segelte nach Fidschi, damals auch als Kannibalen-Inseln bekannt, und trank das scharfe Zeremonialgetränk Kava mit den Einheimischen, die tatsächlich schon Menschenfleisch gegessen hatten. Aus Chile nahm er eine eigentümliche Frucht namens „Alligatorbirne“ mit: eine Avocado.

Sein Weg führte ihn in zahlreiche unvorstellbare Abenteuer – und mitunter auch in Gefahr. Er feilschte mit dem ägyptischen Königshaus um Pflanzen und schmeichelte bayrischen Hopfenpflanzern, um den besten Hopfen der Welt nach Amerika zu bringen. Er begegnete dem Tod, überlebte Krankheiten und wurde wegen Spionage verhaftet. Insgesamt bereiste er mehr als 50 Länder, allesamt per Schiff.

Was können wir aus seinen Reisen lernen? Mehr, als man vielleicht vermutet. Und die meisten Tipps können uns auch heutzutage noch ein paar unvergessliche Erlebnisse bescheren.

FRAGEN, FRAGEN, FRAGEN

Fairchild kam nicht einfach in einem fremden Land an und hoffte dann, dass er zufällig über das stolpern würde, was er suchte. Er stellte jedem, den er finden konnte, alle Fragen, die ihm einfielen. Was ist die beste Frucht des Landes? Wie baut man sie an? Mit wem sollte ich als nächstes sprechen? Wer auf der Suche nach einem charmanten Restaurant jenseits der Touristenpfade oder nach einem Geheimtipp der Einheimischen ist, sollte sich nicht auf seinen Touristenführer in Buchform verlassen, sondern die Einheimischen befragen. Fairchild versuchte oft, sich in der Muttersprache des jeweiligen Landes zu verständigen, und bedankte sich bei den Leuten stets für ihren Rat.

BITTE, DANKE

Manchmal war Fairchild ein Spion. Aber meistens war er eher ein Diplomat. Er suchte immer nach Wegen, um sich für einen angenehmen Aufenthalt oder eine leckere Mahlzeit zu revanchieren. Er verfasste Dankesschreiben oder hinterließ großzügige Geschenke – einmal ließ er beispielsweise eine Metallplakette für den besten Hopfenpflanzer Bayerns anfertigen, die dieser sich an die Tür hängen konnte. Als er Japan besuchte, veranlasste er den Transport von einigen Kirschbäumen nach Washington, D.C. Nach seiner Rückkehr arrangierte er ein Geschenk für seine japanischen Freunde: blühende Hartriegel, eine in Amerika heimische Art.

1901 versuchte Fairchild, in Bayern den besten Hopfen der Welt zu ergattern. Er schmeichelte dem Wirt, den er „Herr Wirth“ nannte, indem er dieses Porträt von ihm machte.

SCHRIFTLICH HÄLT BESSER

Fairchild schrieb jedes Detail auf: Mit wem er sprach, welche neuen Gerichte er probierte und so weiter. Er hatte immer ein Notizbuch dabei und nahm sich Zeit, seine Erlebnisse zu dokumentieren. So konnte er sich auch später ins Gedächtnis rufen, was er gelernt hatte und welche Empfehlungen ihm gegeben wurden. Auf Reisen überwältigen einen die ganzen neuen Eindrücke mitunter. Wenn man sie aufschreibt, kann man sich auch später noch daran zurückerinnern, was man gedacht und gefühlt hat – das hält besondere Erlebnisse umso länger lebendig. Außerdem kann man in vielen Jahren allein oder mit eventuellen Nachfahren die Abenteuer einer großen Reise wiederentdecken.

BRIEFE NACH HAUS

Keine E-Mails, keine Textnachrichten, sondern Briefe. Fairchild verbrachte so manchen Nachmittag damit, Briefe an seine Familie und Freunde in die Heimat zu schicken und ihnen von seinen Reisen zu berichten. Das half ihm beim Denken, wie er sagte, und dabei, über eine neue Erfahrung zu reflektieren, indem er sie jemandem schildern konnte, der nicht dabei gewesen ist. Einmal schrieb er auf einem Schiff auf dem Indischen Ozean an seine Mutter in Kansas, dass er eine wirklich tolle Zeit hatte und bisher noch keine gewaltsamen Vorfälle erlebt hat. Einen Moment, nachdem er den Brief fertig geschrieben und versiegelt hatte, stürzten unter großem Geschrei zwei Männer in seine Kabine, die miteinander rangen und den ganzen Boden vollbluteten. Nachdem man die Männer wieder herausgeschleift hatte, öffnete Fairchild den Brief und fügte ein „P.S.“ hinzu.

NICHT AUFGEBEN

Flug verpasst? Na wenn es weiter nichts ist ... Auf einer seiner ersten Reisen fuhr Fairchild mit dem Zug von Washington, D.C., nach San Francisco, um dort ein Schiff zu erwischen. Er verpasste es. Dann nahm er einen anderen Zug nach New Orleans und verpasste dort ebenfalls ein Schiff. Schließlich kehrte er nach New York zurück – nicht weit vom Startpunkt seiner Reise entfernt – und erwischte dort ein Dampfschiff. Ein anderes Mal verbrachte er eine Woche in Quarantäne auf einem Schiff im Persischen Golf und ernährte sich nur von Zwiebeln. An Bord des Schiffes hatte es einen Typhusausbruch gegeben und er stand unter Verdacht, ebenfalls erkrankt zu sein. Reisen war schon immer mit Unannehmlichkeiten verbunden, damals wie heute. Wer einen Weg findet, über Rückschläge hinwegzusehen und sich weiter „voranzukämpfen“, wie sich Fairchild ausdrückte, kann auch stressige Situationen als eigenes kleines Abenteuer betrachten.

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