Reise und Abenteuer

„Der Everest hat so viel mehr zu bieten als die Seile, den Müll und die Leichen.“

Der Bergsteiger Cory Richards beklagt den mangelnden Respekt für den höchsten Gipfel der Erde und plant, ihn auf bislang unbetretenen Pfaden zu erklimmen. Dienstag, 9 April

Von Andrew Bisharat

Cory Richards sitzt in einem bequemen Polstersessel in seinem Büro in Boulder, Colorado. Eines seiner Beine hängt lässig über einer Armlehne, als ein drei Monate alter Welpe namens Rupert auf seinen Schoß springt.

„Wie würden Sie lieber sterben?“, fragt er, während er den Hund streichelt. „Wenn Sie bei einem Free-Solo-Aufstieg auf den El Cap runterfallen oder auf dem Everest?“

Es ist eine rhetorische Frage, die Richards so formuliert hat, weil er damit ein Thema ansprechen will, das ihn schon lange stört: dass der Mount Everest – mit seinem Ruf als Trophäengipfel für reiche Leute, die Sherpas und andere Arbeiter dafür bezahlen, all die Mühen und Risiken eines solchen Aufstiegs zu schultern – unter professionellen Kletterern nicht den nötigen Respekt bekommt.

„Wenn Sie beim Free Solo auf dem El Cap runterfallen, ist in zwei, drei Sekunden alles vorbei“, sagt er. „Aber wenn Sie auf dem Everest in Schwierigkeiten geraten, wird Ihr Tod wahrscheinlich ein sehr langer, schleppender und unheimlicher Prozess sein. Erst fangen Sie an, sich zutiefst unwohl zu fühlen, was ein Zeichen dafür ist, dass Ihr Gehirn anschwellt. Sie werden sich übergeben. Und Sie werden langsam begreifen, in was für einer ernsten Lage Sie sich befinden. Ihnen wird klar, dass Sie nicht wieder runterklettern können. Dann werden Sie entweder langsam wahnsinnig oder ersticken an der Flüssigkeit in Ihrer Lunge.“

Seine blassblauen Augen stechen unter seinem wirren, hellblonden Haar hervor – selbigem Haarschopf widmete er den Hashtag #HairByEverest, als er 2016 seinen gemeinsamen Aufstieg zum Gipfel mit Adrian Ballinger via Snapchat festhielt.

„Ich wüsste, was davon mir lieber wäre“, sagte er und streichelt den Kopf des müden Hundes.

In diesem Jahr wollen Richards und Esteban „Topo“ Mena – ein Bergsteiger aus Ecuador – etwas versuchen, das seit einem Jahrzehnt nicht mehr gelungen ist: Sie wollen den Gipfel des Everest auf einer neuen Route erreichen.

„Haben Sie Angst, dass Sie dieses Jahr sterben könnten?“, frage ich.

„Immer“, antwortet er. „Aber ich habe vor jedem Aufstieg Angst. Ich werde dann abergläubisch und versuche selbst, es nicht zu beschreien. Aber immerhin: Ich bin ja noch nicht gestorben. Ich denke schon, dass wir das schaffen werden. Ich glaube, dass wir das gut überstehen werden.“

Richards und Mena trafen sich 2016 auf dem Everest und danach noch mal 2017. Während sie im vorgeschobenen Basislager saßen, blickten sie oft zu einem auffälligen Couloir an der Nordostwand und fragten sich, ob dort ein Weg hinaufführt.

„Das ist eine der offensichtlichsten Routen auf dem Everest, die noch offen sind“, sagt Richards, während er an seinem Computer ein Foto ansieht. „Für mich gibt es nichts Cooleres, als auf dem Everest eine neue Route zu klettern. Ich freue mich so sehr darauf, dass ich’s kaum erwarten kann.“

Insgesamt gibt es auf dem Everest um die 20 Routen und Variationen derselben. Mehr als 99 Prozent der über 5.000 Menschen, die bisher den Everest bestiegen haben, taten dies über zwei dieser etwa 20 Routen, die zum Gipfel führen. Diese Bergsteiger gehen entweder von Nepal aus über den Südostgrat oder von Tibet bzw. China über den Nordgrat.

Die Todesrate für die Besteigung des Everest liegt laut Alan Arnette, der den Berg selbst bestiegen hat, mittlerweile nur noch bei 3,5 Prozent. Diese beeindruckend niedrige Zahl lässt sich größtenteils auf die Anbringung fest installierter Seite entlang der zwei Normalrouten zurückführen, aber auch auf die Verwendung von Sauerstoffgeräten, um die schädliche Wirkung in den größeren Höhenlagen des Berges abzumildern.

Ein Blick auf die restlichen Routen des Mount Everest offenbart jedoch ein gänzlich anderes Bild: Nur etwa 265 Bergsteiger haben je versucht, den Berg jenseits der Normalrouten zu erklimmen. Arnettes Berechnungen zufolge, die auf Daten aus der Himalaya-Datenbank basieren, kam es dabei zu schätzungsweise 80 Todesfällen, was zu einer Todesrate von 30 Prozent führt. Mit anderen Worten: Wer sich bei seinem Aufstieg von den etablierten Standardrouten entfernt, hat eine zehnmal höhere Chance, sein Abenteuer nicht zu überleben.


Der 37-jährige Richards und der 31-jährige Mena hoffen, einen knapp 2.000 Meter langen Abschnitt an der Nordostwand als erste Menschen überhaupt zu erklimmen, bevor ihr Weg sie wieder auf die Normalroute am oberen Nordostgrat führt. Sie wollen das sprichwörtliche Neuland im „Alpinstil“ bezwingen, also ohne zuvor angebrachte Seile. Wenn ihnen das gelingt und sie am Ende des Abschnitts wieder auf die Normalroute stoßen, wo es bereits befestigte Seile gibt, werden sie diese auch nutzen – wenn nicht beim Aufstieg, dann mindestens beim Abstieg.

Beide werden keine Sauerstoffgeräte dabeihaben. Sowohl Mena als auch Richards haben den Everest bereits ohne zusätzlichen Sauerstoff bezwungen, Richards 2016 und Mena 2013.

„Wenn ihnen das gelingt, und zwar mehr oder minder im Alpinstil und ohne Sauerstoffgeräte“, spekuliert Dougald MacDonald, der Chefredakteur des American Alpine Journal, „wäre das sicher eine der bedeutendsten neuen Routen auf dem Everest seit vielen Jahren.“

Zuletzt etablierten koreanische Bergsteiger im Jahr 2009 eine neue Route an der Südwestwand des Everest, aber seither haben auch viele andere Menschen ähnliche Pläne geschmiedet. Tatsächlich sind Richards und Mena nicht die ersten, denen dieser Couloir an der Nordwestwand aufgefallen ist. Im Jahr 2015 erklärte ein Team, zu dem auch Raphael Slawinski, David Goettler und Daniel Bartsch gehörten, seine Absicht, eben dieser Route zu folgen. Allerdings endete ihr Unterfangen bereits, bevor es richtig beginnen konnte, als ein starkes Erdbeben Nepal erschütterte.

„Es gibt eine Menge Leute, die 13 der 14 Achttausender ohne Sauerstoffgerät bestiegen haben, das auf dem Everest – dem höchsten Berg – aber trotzdem nicht geschafft haben“, sagt Richards. „Der Umstand, dass sowohl Topo als auch ich es schon ohne [zusätzlichen] Sauerstoff auf den Everest geschafft haben, macht uns natürlich zuversichtlich. [...] Aber wir wissen alle, dass sich der Körper auch verändern kann.“

Sowohl Richards als auch Mena können auf eine Reihe beeindruckender Leistungen im Bereich des Höhenbergsteigens zurückblicken.

Im Alter von 19 Jahren wurde Mena der jüngste Mensch, der die gewaltige Südwand des Aconcagua in Argentinien gemeistert hat. Er hat den Manaslu ohne Flaschensauerstoff bestiegen und sowohl in China als auch in Kirgisistan extreme Erstbegehungen gemeistert, die in Bergsteigerkreisen ob ihres hohen Schwierigkeitsgrades gewürdigt wurden, unter anderem mit einer Nominierung für den Piolet d‘Or.

„Topo ist ein starker, technischer Kletterer mit einer Menge Erfahrung“, sagt Richards. „Und er ist einfach witzig – unbeschwert, albern und neugierig. Und er gibt sein Bestes.“

2011 bestiegen Richards, Simone Moro und Denis Urubko den 8.034 Meter hohen Gasherbrum II in Pakistan während des Winters. Damit ist Richards nach wie vor der einzige US-Amerikaner, der je einen Achttausender im Winter erklommen hat. Die Expedition kostete die drei Bergsteiger jedoch fast das Leben, da sie bei ihrem Abstieg in eine Lawine gerieten.

Richards Erfolg auf dem Gasherbrum II erwies sich als zweischneidiges Schwert. Er markierte den Startpunkt seiner Karriere als Abenteuer-Storyteller und National Geographic-Fotograf und brachte ihm Anerkennung und Sponsoren für seine Kletterexpeditionen ein. Allerdings beflügelte er auch seine ohnehin schon hoch gesteckten Ambitionen, während er gleichzeitig mit dem Trauma seiner Nahtoderfahrung rang.

2012 schloss sich Richards einer National Geographic-Expedition auf den Everest an. Obwohl er den Berg noch nicht mal über die Normalrouten bestiegen hatte, wollte er beim zweiten Aufstieg über den Westgrat dabei sein. Die Route wurde 1963 von einem amerikanischen Team etabliert und die Expedition sollte zum 50-jährigen Jubiläum dieser Leistung stattfinden. Richards bekam auf dem Berg eine Panikattacke und musste evakuiert werden.

„Das hatte mit meinen Angstzuständen zu tun, aber ich glaube mittlerweile immer mehr, dass mein Körper mir damit signalisiert hat, dass ich nicht bereit war und dort nicht hingehörte“, sagt Richards. „Ich war [2012] viel arroganter. Der Mensch, der jetzt zum Everest zurückkehrt, ist sieben Jahre älter und hat viel mehr Erfahrung. Da schwingt weniger Arroganz mit, aber seltsamerweise auch weniger Druck. Gleichzeitig will ich es aber umso mehr schaffen.“

Richards hat mittlerweile keine Sponsoren mehr. Er und Mena finanzieren ihre 88.000 Dollar teure Expedition selbst. Richards, der früher ein Alkoholproblem hatte, ist mittlerweile nüchtern und hat das letzte Jahr größtenteils damit verbracht, für sein kommendes Abenteuer zu trainieren. An vielen Tagen legte er zwischen 2.400 und 3.600 vertikale Höhenmeter zurück und begann dann schrittweise, diese Tage aneinanderzureihen.

„Mittlerweile agiere ich mehr wie ein professioneller Sportler als damals, als ich tatsächlich ein professioneller Sportler war“, so Richards. „Ohne jegliche finanzielle Unterstützung bin ich heute mehr ein Bergsteiger denn je. Und ich bin so fit wie nie.“

Kontroverse vorprogrammiert

Sollten Richards und Mena mit ihrem Unterfangen Erfolg haben, wird es unter Bergsteigern zweifelsfrei Debatten darüber geben, ob ihre Route tatsächlich als eigene, neue Route gelten kann oder eher eine Variation einer bestehenden Route ist.

Wahrscheinlich wird auch darüber diskutiert werden, ob die Nutzung fest installierter Seile jeden Anspruch auf eine Besteigung des Everest im „Alpinstil“ zunichtemacht.

„Ich spreche diese ganzen ethischen Sachen vorbeugend an“, sagt Richards. „Ich weiß, dass die aufkommen werden.“

Richards hingegen hasst solche Diskussionen. „Ich finde die ethischen Debatten rund um das Bergsteigen insgesamt langweilig“, sagt er. „Wen interessiert das? Wir werden das tun, womit wir am besten auf den Berg kommen und dabei Spaß haben.“

Richards und Menas geplante Route verläuft östlich (links vom Bergsteiger) von der Normalroute am Nordostgrat des Berges.

Auf Fotos scheint dieser Couloir direkt zu einem berüchtigten Abschnitt am Nordostgrat zu führen, den Three Pinnacles. Diese Formation in etwa 8.000 Metern Höhe gilt als eines der schwierigsten Kletterprobleme auf dem Everest. Viele Aufstiegsversuche endeten dort, einige davon tödlich. Die bekannten britischen Alpinisten Peter Boardman und Joe Tasker starben dort 1982.

Richards hofft, dass er und Mena die Three Pinnacles umgehen und stattdessen über Schieferbänder bis zu jenem Punkt am Nordostgrat klettern können, an dem sie wieder auf die Normalroute treffen.

„Wenn wir aus irgendeinem Grund keine neue Route klettern sollten“, sagt Richards, „werden wir uns genauso darüber freuen, etwas zu wiederholen, das bisher erst einmal geschafft wurde. Das stört uns nicht. Wir wollen einfach nur jenseits der Normalrouten bergsteigen. Der Everest ist einfach so ein toller Ort. Er hat so viel mehr zu bieten als die Seile, den Müll und die Leichen. Und ich wünsche mir einfach von Herzen, dass die Menschen das erkennen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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