Drusen, heilige Berge und biblische Täler: der Fernwanderweg Yam le Yam in Israel

Wer auf Israels Fernwanderweg Yam le Yam zwischen Mittelmeer und dem See Genezareth unterwegs ist, macht eine Zeitreise in biblische Täler, auf heilige Berge, zu Relikten der Kreuzzüge – und in abgelegene Drusendörfer.

Von Emma Thomson
Veröffentlicht am 17. Dez. 2020, 15:48 MEZ
Wanderweg Yam le Yam beginnt am Meer

Der Wanderweg Yam le Yam beginnt in der Nähe eines phönizischen Fischerdorfs am Rand des Nationalparks Achziv. Bis heute ist der Ort bei Fischern beliebt.

Bild Layue/ stock.adobe.com

„Ohne Schweiß keine Liebe.” Nach so einer mächtigen Aussage von jemandem, den ich gerade kennengelernt habe, erwarte ich mindestens einen sinnlichen Blick. Aber nichts dergleichen. Der bärtige Daniel Gino schaut nur sehnsuchtsvoll auf die sanfte Hügellandschaft von Israels Obergaliläa. Ich kann es ihm nicht verdenken. Die vor uns liegenden Wälder werden von Schakalen und Wildschweinen regiert und sind das Gegenteil der trockenen Wüste des Südens. Mitten durch die grüne Landschaft verläuft der 75 Kilometer lange Fernwanderweg Yam le Yam („Meer zu Meer“), von der Mittelmeerküste bis zum See Genezareth etwas weiter südlich. Langsam wird die Route durch die Täler von Ober- und Untergaliläa auch international bekannt.

Pilgerreise in die Natur

Halach, hebräisch für gehen, hat viele Bedeutungen: wachsen und sich vorwärtsbewegen, fließen oder ausgegossen werden (dazu später mehr) sowie Hand in Hand mit Gott gehen. Daniel – mein Führer und ehemaliger Parkwächter – und ich haben uns zu einer viertägigen Pilgerreise der etwas anderen Art getroffen. Anders als die meisten Wallfahrer in Israel – jährlich immerhin eine Million – wollen wir nicht nach Jersualem, sondern in die Natur. Händchenhalten werden wir dabei wohl kaum.

Am Abend meiner Ankunft geht ein Drittel des durchschnittlichen Jahresniederschlags zu Boden. Flüsse schwellen an und wahre Fluten auf den Straßen reißen parkende Autos mit sich. Es regnet nicht nur in Strömen, sondern in biblischen Ausmaßen.Aber schon am nächsten Morgen ist der Himmel blau und wolkenlos. „Schlechte Nachrichten“, sagt Daniel mürrisch, „ein Großteil der Strecke steht unter Wasser.“ Er führt mich auf die andere Straßenseite, und zusammen schauen wir auf einen schilfigen Teich: „Hier fängt eigentlich der Wanderweg an.“ Also geht es zurück zum Strand, wo schon ein paar Angler am aufgewühlten Meer stehen. Daniel zaubert Campingkocher und Filter aus seinem Rucksack und macht uns Kaffee. „Es gibt eine Tradition, nach der man Wasser aus dem Mittelmeer mit auf die Wanderung nimmt und am Ende in den See Genezareth gießt“, erzählt er. Ich trinke meine Wasserflasche aus und hüpfe über löchrige Felsen zum Meer. Die Wellen schlagen mit voller Wucht ans Ufer. Als ich meine Flasche im Brandungsschaum fülle, werde ich vom eiskalten Wasser voll erwischt. Wir trinken unseren Kaffee bis zum Bodensatz aus und fahren flussaufwärts. Mein schwer erkämpftes Mittelmeerwasser klemmt dabei sicher hinter dem Sitz unseres Fahrers Meir.

Die magischen Gesichter der Erde in 43 Fotos

Am Bach Kziv, der zum Fluss angeschwollenen ist, treffen wir unter den goldenen Blättern eines Ahorns Shai Koren. Er arbeitet für die Parkbehörde und ist Bezirksleiter der Region Obergaliläa. Der Großteil des Wanderwegs verläuft durch Naturschutzgebiete und Nationalparks, die er kennt wie seine Westentasche. „Schon seit den Fünfzigerjahren zieht es Wanderer auf den Yam le Yam, aber erst vor zehn Jahren wurde er offiziell zum Wanderweg. Wir wollen, dass die Menschen wieder campen. Die Sterne am Nachthimmel sind viel schöner als 5-Sterne-Hotels!“ Die Nachmittagssonne wärmt die riesigen Steinblöcke der alten Festung Montfort, aus deren Rissen Gänseblümchen sprießen. In einen der Felsbrocken hat jemand ein einfaches Kreuzritterkreuz gemeißelt.

Vergangenheit trifft Gegenwart

Shai zeigt auf die andere Seite der Schlucht. „1965 hat ein Jäger auf der Anhöhe dort drüben Israels letzten Anatolischen Leoparden getötet. Sein Enkel trägt heute noch die Zähne des Tiers als Halskette.“ Aufs Stichwort zucke ich zusammen – aus dem Tal unter uns dringt das urzeitliche Heulen der Schakale. Nach einer Nacht auf der Hefer Ranch gibt uns Tareq Shanan, Leiter des Naturschutzgebiets Nahal Amud, grünes Licht für diesen noch überschwemmten Teil des Wanderwegs. Tareq wohnt in Hurfeish, einem Drusenort auf einem Hügel am Yam le Yam. Die Drusen, eine Arabisch sprechende Minderheit, flohen vor rund tausend Jahren aus Ägypten. Ihre Religion ist eine Kombination aus islamischem Monotheismus, griechischer Philosophie und Elementen des Hinduismus. So glauben sie zum Beispiel an die Wiedergeburt. „Der Yam le Yam zieht sich durch ein Gebiet mit verschiedenen Religionen. Beduinen, Juden, Drusen, Tscherkessen, Christen und muslimische Araber – im Norden leben wir alle zusammen.“ Daniel hatte mir schon von Tarshiha erzählt, einem Ort mit arabischen und jüdischen Einwohnern. In einem Land voller religiöser Spannungen ist das keine Selbstverständlichkeit.

Unsere Wanderung kann beginnen. Am Parkplatz sind die Überreste einer Siedlung aus der Eisenzeit zu sehen. Daneben steht eine römische Weinpresse und etwas weiter entfernt ein ottomanisches Schafgehege. Der Weg ist von moosbedeckten Eichen gesäumt. Ab und zu ist das Rascheln eines Nagers oder das Trillern einer Amsel zu hören. Wandern ist nicht bloß Gehen. Es ist vielmehr eine meditative Wiederholung, ja beinahe etwas Intimes, das Fußsohle, Erde und Seele miteinander verbindet. Dieser Einklang ist hier besonders zu spüren. „In Israel erzählt fast jeder Stein eine Geschichte“, meint Daniel. Wir erreichen den Berg Neria. Zu unseren Füßen liegen die Täler, die Jesus auf seinen Wanderungen durchstreifte. Wir laufen ein Stück weiter und erklimmen den Har Meron, Israels höchsten Berg. Der See Genezareth, der am tiefsten gelegene Süßwassersee der Welt, glänzt in der Ferne. Von Norden schiebt sich allerdings ein dunkler Regenschleier heran. Während des Abstiegs wird der Regen immer heftiger, sodass wir aufgeben und mit dem Auto zum See Genezareth fahren. „Mein Onkel hatte einen Bauernhof da drüben am Seeufer, in der Nähe von Migdal – Maria Magdalenas Geburtsort“, erzählt Daniel.

„Zwei Jahre lang habe ich am Strand gewohnt.“ Wir halten an, und ich greife nach meiner Flasche. Sie ist nicht mehr da. „Meir, hast du meine Flasche mit dem Mittelmeerwasser gesehen?“, frage ich unseren Fahrer. Er stottert: „Die hab’ ich weggeworfen. Ich dachte, da wäre nur altes Wasser drin.“ Daniel und ich lachen. Unser Vorhaben ziehen wir trotzdem durch. Zwischen aufgestapelten Sonnenliegen gieße ich symbolisch etwas Mineralwasser in den See. Regentropfen bringen die Wasseroberfläche zum Tanzen. „Hier habe ich mal 30 Fische gefangen“, sagt Daniel leise, aber stolz. Unsere Wanderung – unser halach – ist nicht ganz nach Plan verlaufen. Zugegeben, wir sind gelaufen und es gab viel Wasser, aber Hand in Hand mit Gott? Ich weiß nicht so recht. An unserem letzten Abend saßen Daniel und ich auf dem Steg des Kibbuz-Hotels Nof Ginosar und gönnten uns ein Bier. Das tiefschwarze Wasser des Sees Genezareth brachte das hohe Schilfrohr zum Schaukeln, und dabei entstand ein besonderes Geräusch, eine Art Flüstern. In jenem Moment spürte ich eine gewisse beseelte Gegenwart, die mich mit der Bierflasche am Mund innehalten ließ. Auf einmal machte alles Sinn: Daniel war Anfang 30, hatte früher langes Haar, angelte und lebte am Ufer des Sees Genezareth … War ich vielleicht mit jemand ganz anderem gewandert?

Aus dem Englischen von Teresa Zuhl

Reisezeit, Anreise und mehr für die Zeitreise zu Fuss

Auf dem viertägigen Wanderweg Yam le Yam tauchen Wanderer zwischen Mittelmeer und See Genezareth ein in die religiöse Vielfalt und den Geschichtsreichtum von Israels Norden.

REISEZEIT

Auf dem Yam le Yam lässt es sich am besten im Frühjahr (März/April: Durchschnittstemperatur 20 Grad) wandern. Besonders schön ist er im Mai zur Wildlilienblüte. Alternativ kommt man im Herbst (September/Oktober: Durchschnittstemperatur 25 Grad), wenn die Sommerhitze vorüber ist.

ANREISE

Easyjet und Ryanair fliegen von Berlin nach Tel Aviv, El Al von Berlin und Frankfurt (direkt), Lufthansa von Frankfurt /Main und München. Flugzeit: rund vier Stunden.

MOBIL VOR ORT

Israel ist recht kompakt. Die Fahrt von Osten nach Westen dauert nur 90 Minuten, die Nord-Süd-Durchquerung neun Stunden. Es gibt Filialen aller großen Mietwagenfirmen. Taxis sind leicht zu finden, allerdings wird Touristen oft viel zu viel berechnet. Eine Alternative sind die Scheruts (Sammeltaxis). Sie verkehren zu festen Preisen auf festgelegten Strecken.

Gut zu wissen: Einige orthodoxe Viertel schließen während des Sabbats (Freitag- bis Samstagabend).

ÜBERNACHTEN

Wildes Campen ist auf dem Yam le Yam verboten, aber es gibt viele Unterkünfte. Deren Inhaber holen ihre Gäste teils sogar vom Weg ab und bringen sie am nächsten Morgen wieder zurück. Besonders empfehlenswert ist die Hefer Ranch im Dorf Aberim. Hier gibt es 22 feste Zelte und zwei komfortable Hütten für Gäste, Gemeinschaftsduschen und Verkostungen mit süchtig machendem Ziegenkäse, den Eyal und Edna Hefer aus der Milch eigener Tiere herstellen. Gäste dürfen beim Melken helfen. Ab 75 NIS (19 Euro) p. P./Nacht. meshekhefer.com

YAM LE YAM

Route In vier Tagen legen Wanderer zwischen Akziv am Mittelmeer und dem See Genezareth 70 Kilometer zurück. Der Yam le Yam ist der grünste von Israels Wanderwegen. Auf den Spuren ottomanischer Schäfer windet er sich durch die Täler von Ober- und Untergaliläa.

Bedeutung: Seit fast 70 Jahren sind Wanderer auf dem durch ethnisch und religiös gemischte Dörfer führenden Yam le Yam unterwegs. Seit Kurzem wird er inter- national zunehmend bekannt und beworben. Für viele junge Pfadfinder ist die Wanderung während des Pessachfestes ein Initiationsritus. Geschichte am Wegesrand Der Yam le Yam bietet gute Einblicke in den Geschichtsreichtum Israels. Die Route beginnt in der Nähe eines phönizischen Fischerdorfs, wo neben Mauerresten, Scherben und Schädeln Anlagen zur Raubschneckenzucht zur Indigo-Gewinnung zu sehen sind. Unterwegs passiert man Relikte aus der Eisen- und Römerzeit sowie von den Ottomanen. Die Burg Montfort zeugt von den Kreuzzügen. Bevor sie 1271 von den Mameluken belagert wurde, war sie in französischem Besitz. An der zweitheiligsten Stätte der Drusen – die Höhle, in der der Prophet Sabalan lebte – steht heute ein moderner Schrein mit Säulengängen.

Organisierte Touren: Pomegranate Travel bietet geführte viertägige Wanderungen in kleinen Gruppen auf dem Yam le Yam an. Ab 2500 Euro p. P. einschließlich Unterkunft, Wanderführer, Transport und den meisten Mahlzeiten. Hin- und Rückflug sind nicht im Preis enthalten. pomegranate-travel.com

INFORMATION

Israelische Nationalparkbehörde: parks.org.il, Treasures of the Galilee: ozrothagalil.org.il, touristisrael.com, info.goisrael.com

CORONA-INFO

Nach dem Ende des ersten strengen Lockdowns stiegen die Infektionszahlen im Juli auf Höchstniveau. Es gibt Einschränkungen im öffentlichen Leben und eine Maskenpflicht. Seit 16. August dürfen Angehörige „Grüner Staaten“ wie Deutschland wieder einreisen. Das Robert-Koch-Institut führt Israel weiterhin als Risikogebiet.

Dieser Artikel erschien in der Herbst-Ausgabe 2020 des National Geographic TRAVELERS. Auch die aktuelle Ausgabe steckt wieder voller Reise-Inspirationen. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen!

Die 10 besten Reiseziele für LGBTQ-Familien

Für queere Reisende gibt es bei der Auswahl des Reiseziels oft einiges zu beachten. Mit dieser Liste fällt die Wahl leicht.
Wei­ter­le­sen