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Ein Aufstieg für die Geschichtsbücher

Einem nepalesischen Team gelang, was vielen unmöglich erschienen war – die Winterbesteigung des zweithöchsten Berges der Welt.

Von Freddie Wilkinson
Veröffentlicht am 27. Jan. 2022, 17:39 MEZ
Der Nepales Nirmal Purja besteigt ohne Sauerstoffflasche den K2

Einem nepalesischen Team gelang, was vielen unmöglich erschienen war – die Winterbesteigung des zweithöchsten Berges der Welt.

Foto von Mingma David Sherpa

Verschluckt von der leeren schwarzen Nacht versuchte Mingma Gyalje Sherpa, den tanzenden Kegel seiner Stirnlampe auf seine nächsten Schritte zu richten, doch die Kälte lähmte sein Denkvermögen. In seinem voluminösen Daunenanzug, mit einer weiteren Daunenjacke darunter, dazu zwei Lagen langer Unterwäsche und Flaschensauerstoff, sollte es ihm eigentlich gut gehen. Doch auf all den Gipfeln, die er bezwungen hatte, bei all den Blizzards und eisigen Stürmen, die er überstanden hatte – Temperaturen wie diese hatte er noch nie erlebt. Es war eine schneidende, außerirdische Kälte. Er konnte fühlen, wie sein Körper abschaltete. Seine linke Seite bekam die volle Wucht der Sturmböen ab. Doch es war sein rechter Fuß, der ihm wirklich Sorgen machte. Er hatte zuerst gekribbelt, dann gebrannt und war schließlich taub geworden – Vorstufe einer schweren Erfrierung. Er wusste, es war ein Zeichen dafür, dass sein Körper der Durchblutung der lebenswichtigen Organe Priorität einräumte und Extremitäten zu opfern bereit war. Und das, bevor er überhaupt die sogenannte Todeszone oberhalb von 8000 Metern erreicht hatte, wo Sauerstoffmangel zu Halluzinationen, Lungenödemen und zum Verlust des Selbsterhaltungstriebs führen kann.

Ein nepalesisches Team wagt das Unmögliche

Für die meisten erfahrenen Bergsteiger war die Vorstellung einer Winterbesteigung des K2 reiner Wahnsinn. Sechsmal war es bereits ernsthaft versucht worden, aber keine der Expeditionen war auch nur in die Nähe des Gipfels gekommen. Die Hindernisse erschienen zu zahlreich: unberechenbare Orkanböen, die innerhalb von Sekunden eine ganze Seilschaft hinwegfegen konnten; Steinschlag und Eisbrocken, die wie Geschosse herabstürzten. Dazu dünne Luft, die die Lunge quält und die Sinne verwirrt. Und diese grimmige, gnadenlose Kälte. Nicht selten führten der Druck und die Gefahren auch zu Streit und Machtkämpfen.

Mehr als 60 Bergsteiger waren in den letzten Monaten des Jahres 2020 im pakistanischen Teil des Karakorum am Fuße des K2 eingetroffen. Sie alle wollten den letzten historischen Sieg im Alpinismus für sich verbuchen. Doch für Mingma G. und seine neun Bergkameraden, allesamt Nepalesen, ging es bei der Expedition um weit mehr als nur persönlichen Ruhm. Sie wollten beweisen, dass ihre Nation, die für einige der höchsten Berge der Welt bekannt ist, etwas erreichen konnte, was viele für unmöglich hielten. Für Mingma G. schien der Gipfel des K2 zum Greifen nah. Doch um welchen Preis? Sein Vater, ebenfalls Bergführer, hatte durch Erfrierungen alle bis auf zwei Finger verloren, als er am Everest seine Handschuhe ausgezogen hatte, um einem Kunden die Schnürsenkel zu binden. Wäre der Gipfel das wert? Für Mingma G. und seine Kameraden war die Antwort einhellig ja!

Im Morgengrauen verlassen die Mitglieder des nepalesischen Teams das Basislager für den dreitägigen finalen Aufstieg.

Foto von Sandro Gromen-Hayes

Dabei wirkte die Vorstellung, epochale bergsteigerische Rekorde aufzustellen, im Jahr 2020 eher anachronistisch. Denn um die Mitte des 20. Jahrhunderts waren alle 14 Achttausender bezwungen. Den Anfang machte 1950 die nepalesische Annapurna I, gefolgt 1953 vom Everest und dem Nanga Parbat in Pakistan. Den Abschluss bildete 1964 der Shisha Pangma in Tibet. Es war ein fieberhafter Wettkampf der Nationen, und auch wenn alle Berge in Asien lagen, waren es europäische Teams, die die Mehrzahl der Rekorde für sich beanspruchten. Obwohl buchstäblich jede Expedition dieser Ära auf Sherpas, Tibeter oder Balti angewiesen war, die Ausrüstung zu den Basislagern brachten und Lasten den Berg hinaufschleppten, wurde der Beitrag dieser unverzichtbaren Partner in den Geschichtsbüchern kaum gewürdigt.

Da die Fehlertoleranz im Winter noch weitaus geringer ist, hängt ein Erfolg, ja das bloße Überleben wesentlich von der Logistik ab. Gewaltige Gipfel wie der Everest und der K2 werden kaum je in einem einzigen Anlauf erklommen. Vielmehr machen die Teams normalerweise mehrere Auf- und Abstiege, um sich zu akklimatisieren und gleichzeitig Fixseile sowie Lager anzulegen, die mit wichtigen Ausrüstungsgegenständen wie Sauerstoffflaschen, Zelten und Seilen bestückt sind. In den letzten Jahren hat sich ein sportlicherer, leichterer Stil des Alpinismus etabliert, doch der K2 im Winter verlangt eine Gruppenleistung der alten Schule: Jeder Einzelne muss mehrfach schwere Lasten über gefährliches Terrain schleppen. Teamarbeit ist hier unabdingbar.

Der Traum der Sherpas wird wahr

Am 16. Januar 2021 gegen zwei Uhr morgens brach das nepalesische Team am K2 von Lager 3 auf. Für das letzte Stück zum Gipfel setzten alle Männer Sauerstoffmasken auf. Nur der ehemalige Soldat Nirmal „Nims“ Purja hatte beschlossen, den „Berg der Berge“ ohne Sauerstoff zu besteigen – und damit eine epochale Leistung noch epochaler zu machen. Wenn er es denn schaffte. „Ich war nicht vollständig akklimatisiert. Ich hatte Frostbeulen an drei Fingern“, berichtet er.

In kleinen Grüppchen folgten die Bergsteiger der Route entlang der neu gelegten Fixseile an der Schulter. Die Mühen vom Vortag zahlten sich aus: Für die Strecke, die acht Stunden gekostet hatte, brauchten sie jetzt, in der Dunkelheit, gerade einmal drei. Doch ein heftiger Wind hatte eingesetzt. Mingma G. fühlte sich mutterseelenallein, spürte einsetzende Erfrierungen und war kurz davor, seinen Gipfelversuch abzubrechen.

Nach der erfolgreichen Winterbesteigung des K2 feiert das erste rein nepalesische Team, das einen Achttausender-Rekord aufgestellt hat, im Basislager. "Wir haben es für Nepal getan", sagt Nirmal Purja.

Foto von Sandro Gromen-Hayes

Endlich fielen die ersten Strahlen der Morgensonne auf die Schulter und wärmten die Körper der meisten Bergsteiger. Der Wind ließ nach, und trotz der nach wie vor arktischen Temperaturen wurde es ein traumhafter Tag. Vor ihnen lag die letzte große Herausforderung der Strecke, der sogenannte Flaschenhals, eine vereiste Engstelle, über der sich ein senkrechter Abbruch befindet. Sollte ein Sérac aus Gletschereis einstürzen, während sich einer von ihnen im Flaschenhals befand, würde dies für alle weiter unten wohl tödlich enden. Wie eine Mahnung lagen unterhalb des Couloirs etliche kühl­ schrankgroße Eisbrocken verstreut. Mingma Tenzi und Dawa Tenjin führten das Team durch die gefährliche Passage und montierten Seile für die Nachfolgenden. Auf ihrem Weg nach oben prasselten kleine Felsbrocken den Couloir hi­nunter und trafen gelegentlich einen Helm.

Auf dem letzten Stück zum Gipfel ging Mingma Tenzi voran, der 36­jährige Seilspe­zialist mit dem sonnigen Lächeln und dem Goldzahn. Er hätte den Gipfel leicht vor allen anderen erreichen können. Doch ein paar Meter unterhalb der Spitze blieb er stehen. Die anderen schlossen zu ihm auf. Nims hatte in der eisigen, dünnen Luft schwer zu kämpfen; jeder Schritt kostete ihn zwei bis drei Atemzüge. Die Sonne glitzerte auf dem Schnee, der den zweithöchsten Punkt der Erde bedeckte. Als alle zehn eingetrof­fen waren, hakten sie sich unter und stiegen die letzten Meter gemeinsam auf. Ganz allmählich fanden sie ihre Stimmen wieder, und dann, fast wie in einem Traum, kamen ihnen die Worte der nepalesischen Nationalhymne über die Lippen: Land des Wissens, Land des Friedens, Terai, Hügellandschaft und Himalaya, Unser unteilbares, geliebtes Mutterland Nepal.

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Foto von National Geographic

Dieser Artikel erschien in voller Länge in der Februar 2021-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC MAGAZINS. Verpasssen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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