Reise und Abenteuer

Die letzten Höhlenmenschen von Papua-Neuguinea

Im Regenwald von Papua-Neuguinea suchten wir nach den letzten Höhlenmenschen - den Meakambut, einem der letzten nomadischen Völker in der Region Karawari, die um den Fluss Sepik leben. Ihre Botschaft an die moderne Welt hat uns verblüfft.

Von Mark Jenkins
Die letzten Höhlenmenschen von Papua-Neuguinea

Sie liegt in einer Höhle am Lagerfeuer, sterbenskrank. Ihre Arme und Beine sind nur noch knotige Gliedmaßen. Lidia Maiyu hat die Augen weit aufgerissen. Sie hus­tet, sie wird von Krämpfen geschüttelt und schreit vor Schmerzen. Lidia ist vielleicht 15. Vor drei Monaten hat sie ein Kind zur Welt ge­bracht. Es ist gestorben. Ihre Gefährten ließen die Leiche in einer Höhle zurück und zogen weiter. Pasu Aiyo, Lidias Mann, erzählt mir, dass das nichts Ungewöhnliches ist: «Wer krank ist, wird entweder wieder gesund, oder er stirbt.»

Bis auf den Schein des Lagerfeuers herrscht undurchdringliche Dunkelheit. Hier leuchten nie die Sterne, als wäre allein das zu viel der Hoffnung. Stattdessen regnet es hinter dem überhängenden Gestein in Strömen, erbar­mungslos klatscht das Wasser auf die gewaltigen Dschungelblätter. In den Bergen von Papua-Neuguinea scheint es nachts immer zu regnen. Deshalb suchen Lidia und die letzten Überlebenden ihres Volks – der Meakambut – Un­terschlupf in Höhlen. Manche dieser in hohen Felswänden versteckten Behausungen erreichen die Bewohner erst nach einer gefährlichen Lia­nenkletterei. Früher haben die natürlichen Fes­tungen die Meakambut vor Kopfjägern und Kannibalen geschützt. Heute heißen ihre Tod­feinde Malaria und Tuberkulose.

Pasu setzt sich ans Feuer. Er streicht seinen Lendenschurz aus Blättern glatt und bettet Li­dias Kopf in seinen Schoß. Sie schaut mit mat­tem Blick zu ihm auf. Mit ernster Miene bittet Pasu seinen Bruder John, uns zu fragen, ob wir nicht irgendetwas für sie tun können.

Der Zufall hat uns – ein Team von NATIONAL GEOGRAPHIC – mitten in diese verzweifelte Situation geführt. Der akute Krankheitsfall durch­kreuzt fürs Erste unseren Plan, die Meakambut, eines der letzten in Höhlen lebenden, halbnoma­dischen Völker in Papua-Neuguinea, auf ihren Wanderungen durchs Gebirge zu begleiten. Der Notfallmediziner aus unserem Team stellt fest, dass Lidia Flüssigkeit in der Lunge hat. Ihr Herz schlägt 140-mal in der Minute, ihre Körpertemperatur ist auf 40 Grad angestiegen. Er vermu­tet eine lebensbedrohliche Lungenentzündung und verabreicht Lidia eine doppelte Dosis Anti­biotika und Schmerzmittel. Wir schlagen vor, sie am Morgen aus den Bergen herauszubringen, und den Fluss hinunter bis zu einer Klinik im Dorf Amboin. Zwei ihrer Gefährten, Michael Wakinjua und sein kleiner Sohn, sind ebenfalls schwer krank.

Der Ethnograf Sebastian Haraha, der sich unserem Team angeschlossen hat, will auf dieser Reise die genaue Lage der Meakambut-Höhlen mit dem GPS bestimmen. Er möchte sie als Kulturgut registrieren lassen, um die Heimat der Meakambut vor Holzwirtschaft und Berg­bau zu schützen. Doch jetzt kann auch er nur anbieten, die Kranken zu begleiten.

Lidia ringt keuchend nach Luft. Wir flößen ihr weitere Medikamente ein und geben Pasu einen Vorrat an Tabletten mit. Er legt seine entkräftete Frau in ein bilum, ein großes Netz, und nimmt das Bündel auf den Rücken. Wie verwundete Dschungelkriegsflüchtlinge machen sie sich auf dem rutschigen Pfad an den Abstieg. Sie werden sechs Stunden brauchen, um bis zum Fluss Manbungnam zu gelangen, wo wir unseren Einbaum mit dem Außenbordmotor zurückgelassen haben. Von dort sind es noch einmal sechs Stunden bis zur Klinik. Wir haben kaum Hoffnung, dass Lidia überleben wird.

Die Meakambut wurden erst in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckt, als Australier in die wildesten Regionen des Landes vor­drangen. Als sich 1991 der slowenische Anthropologe Borut Telban in der oberen Karawari-Region nahe des Flusses Sepik aufhielt, fand er nur noch elf Meakambut, die in einfa­chen Hütten und Höhlen wohnten. Er berich­tete, dass die Männer Halsschmuck aus Kina-Muscheln und Lendenschurze aus Blättern trugen, die Frauen Grasröcke. Als Telban 2001 zurückkehrte, suchte er vergebens nach ihnen. Aber ihre Verwandten, die Awim, wussten, dass die Meakambut «irgendwo dort oben» wohn­ten. Noch vor drei Generationen lebten die Awim selber als Nomaden. Inzwischen haben sie sich am Fluss Arafundi angesiedelt, weil es dort Schulen und Kliniken gibt.

Am Mittag des folgenden Tages kommen zwei Meakambut-Männer in unser Lager – sie sind dem Ruf des „Dschungeltelefons“ gefolgt. Als sie den 26-jährigen Joshua Meraveka aus Sullivans früherem Team wiederkennen, schüt­teln sie ihm überschwänglich die Hand. Die Brüder John und Mark Aiyo sind vielleicht Ende 20, schmächtig, sehnig, mit breiten Füßen. John, ein Anführer der Meakambut, trägt ein Basketball-Trikot der Los Angeles Lakers, einen Lendenschurz aus Blättern und ein perlenbesticktes Stirnband, das mit gelben Federn geschmückt ist. Mark hat sich mit Holzkohle und roter Tonerde Streifen ins Gesicht gemalt. In seinem Haar stecken Farnwedel, in seinem schwarzen Bart gelbe Blüten.

Sie legen ihre Bögen, Pfeile und Macheten ab, hocken sich ans Feuer und fangen an, sich aus Tabakblättern Zigaretten zu drehen. Weil Joshua bei uns ist, scheint sie unsere Anwesenheit nicht zu stören. Er erklärt, dass sie christliche Namen haben, weil einige von ihnen eine Zeitlang in Dörfern gelebt haben; einer hat eine Bibelschule besucht und die anderen nach seiner Rückkehr getauft. John und Mark gehören zu den Emba­rakal, einer von etwa vier Untergruppen der Meakambut. Die anderen drei Gruppen konnten nicht kommen, weil sie ihre Kranken in eine Kli­nik auf der anderen Seite der Berge bringen. «Zu viele Kranke», lässt John uns durch Joshua sa­gen. Die restlichen Embarakal, von denen eben­falls einige schwerkrank sind, würden, wie er sagt, am nächsten Tag zu einer Höhle mit dem Namen Ulapunguna hinuntersteigen, um sich mit uns zu treffen.

Um neun Uhr am folgenden Morgen brechen wir zur Ulapunguna-Höhle auf. Dichtes Ge­strüpp überwuchert den Pfad, doch Mark huscht wie ein Phantom darüber hinweg. Er findet mit den bloßen Füßen sicheren Halt an Wurzeln, Steinen und im Schlamm. Weil es von Blutegeln nur so wimmelt, bleibt er hin und wieder stehen und schabt sich die Würmer mit der Machete von seinen nackten Beinen.

Jede Höhle hat einen Namen und einen Besitzer. Die Ulapunguna-Höhle gehört Mark und John. Manche Behausungen umweht der Hauch einer Legende. Doch nur der Höhlenbesitzer darf sie weitererzählen. John zupft an seiner neuen Bambussehne und bedeutet mir, ihm zu folgen. Wir gehen bis zu einer Lichtung, wo John auf eine gewaltige Kalksteinwand zeigt. «Kopao», sagt er. Kopao, so heißt die heiligste Höhle der Meakambut. Sie ist ihre Schöpfungshöhle, aus der sie, wie sie glauben, hervorgegangen sind. John erzählt, dass diese Höhle ihm ebenfalls ge­hört. Er will sie mir am nächsten Tag zeigen.

Als wir zur Ulapunguna zurückkommen, ist auch der Rest der Gruppe eingetroffen. So lernen wir Lidia kennen, die am Feuer liegt und fürch­terlich hustet. Während sich die Kranken am folgenden Tag auf den langen Weg in die Klinik machen, begleite ich John und Joshua zur Kopao-Höhle. Der Pfad, der durch eine vom Regenwasser ausgespülte Rinne bergauf führt, endet abrupt vor einer senkrechten Felswand. Ohne zu zögern beginnt John, an dem glatten schwarzen Gestein hinaufzuklettern, indem er mit den Zehen Löcher ertastet. Schließlich findet er einen kleinen Baum, der waagerecht aus der Wand ragt, knotet eine Liane um den Stamm und lässt das andere Ende zu mir herunter. Nachdem wir mithilfe glitschiger Lianen noch zwei weitere Wandabschnitte überwunden ha­ben, bestehe ich darauf, ein Seil zu benutzen. Die letzte Herausforderung ist ein spiegelglatter Sims, den wir auf Zehenspitzen queren, unter uns nichts als wallenden Nebel.

Am anderen Ende des Felsbandes liegt die Kopao-Höhle. Nachdem wir uns unter einem niedrigen Überhang hindurchgeduckt haben, stoßen wir auf Totenschädel, die so aufgereiht sind, als flüsterten sie miteinander. Aus dunklen, unheimlichen Augenhöhlen im grün verfärbten Gebein starren sie uns Störenfriede an. John ist auffällig still geworden. Er schiebt die Machete in seinen Rindengürtel und drückt sich vorsich­tig an den Schädeln vorbei.

Die Wandmalereien – rote und schwarze Schablonenbilder menschlicher Hände

John hat große Angst, dass die Geister ihn strafen werden, indem sie Lidia töten. Er will sofort loslaufen, aus den Bergen hinunter zum Fluss, und ihr hinterherpaddeln. Der Glaube an Hexerei ist in Papupa-Neuguinea weit verbrei­tet. Amnesty International zitiert Berichte, nach denen 50 Menschen, die unter dem Verdacht der Zauberei standen, im Jahr 2008 ermordet worden seien. Der britische Autor Edward Mar­riott schildert in seinem 1996 erschienenen Buch „The Lost Tribe“ („Das vergessene Volk“), wie man ihn für den Tod von vier Kindern und einer Frau verantwortlich machte, die vom Blitz erschlagen wurden, und dass er fliehen musste, um sein Leben zu retten. Sollte Lidia sterben, würde man wohl mir die Schuld geben.

Wir erklären John, dass es mehrere Tage dau­ern würde, flussabwärts zu paddeln. Außerdem erwarten wir morgen unseren motorisierten Ein­baum zurück, um ihn damit nach Amboin in die Klinik zu bringen. John ist einverstanden. Dann überrascht er uns mit dem Bekenntnis, dass seine Leute seit gestern nichts mehr zu essen hätten. Deshalb müssten sie heute Sagomehl herstellen. Die Gewinnung von Sago ist eine mühselige An­gelegenheit. Mark hackt das Fruchtfleisch aus dem Stamm einer gefällten Palme; anschließend kommt es in einen mit Wasser gefüllten Trog. Sei­ne Frau Jelin drückt es durch einen Filter aus Ko­kosnussschale und presst eine orange-weiße Paste heraus. Am späten Nachmittag haben die Em­barakal 18 Kilo gummiartigen Sago gewonnen.

Heute kämen auf jedes lebende Neugeborene zwei tote Babys. In den Bergen gebe es keine Schweine mehr, im Dschungel keine Kasuare, in den Flüssen keine Fische. Als das Feuer erlischt, vertraut John mir flüsternd etwas an. Er möchte, dass ich seine Botschaft an die Regierung von Papua-Neuguinea weiterleite.

Nachdem wir im Dorf Awim an Land gegan­gen sind, erfahren wir, dass Lidia und die ande­ren auch hier sind. Die einzige Klinik in der Gegend ist so schlecht ausgestattet, dass die Ärzte nichts für Lidia tun können. Aber sie lebt, unsere Antibiotika haben sie gerettet. Weil sie noch schwach ist, bekommt sie über Nacht eine Infusion. Als die Sonne aufgeht, kann Lidia be­reits wieder lächeln und sich, wenn auch etwas wackelig, auf den Beinen halten. Michael und seinem Sohn geht es auch schon besser.

Beim Frühstück treffe ich Sebastian Haraha wieder. Eigentlich hatte er die Meakambut-Höh­len vermessen wollen, um den Lebensraum die­ser Menschen zu schützen. Doch dann musste er Leben retten und seinen Plan aufgeben. Er sagt, die Entscheidung sei ihm leichtgefallen. Er sei in erster Linie Mensch und erst in zweiter Ethnograf. «Die Höhlen schützen? Was nützt das noch, wenn es keine Meakambut mehr gibt?», fragt er. Dass Lidia nur um Haaresbreite dem Tod entronnen ist, hat ihn erschüttert. «Die Meakambut sind kurz vor dem Aussterben. Sie erliegen Krankheiten, die sich leicht behandeln ließen. In zehn Jahren könnten sie völlig ver­schwunden sein, und ihre Kultur und Sprache wären verloren. Dabei sind sie eines der letzten Nomadenvölker in Papua-Neuguinea!»

Sebastian ist empört – und entschlossen zu handeln. «Wenn ich wieder in Port Moresby bin, marschiere ich schnurstracks ins Büro des Premierministers und unternehme etwas», sagt er. Ich nicke, dann gebe ich Wort für Wort Johns dramatische Botschaft an ihn weiter: «Wir, die Meakambut, werden das Jagen und das Umherziehen aufgeben. Wir werden nicht mehr in Berghöhlen hausen, wenn uns die Regie­rung eine Klinik und eine Schule gibt und zwei Schaufeln und zwei Äxte, damit wir uns Häuser bauen können.»

Epilog: Seit dem Besuch von NATIONAL GEOGRAPHIC haben die Meakambut noch immer keinen Zugang zu staat­lichen Einrichtungen. Aber sie wohnen zeitweise in Häusern im Lager Tembakapa, wo ihnen das Team von Nancy Sullivan Baumaterial, Wassertanks und Solarzellen zur Verfügung gestellt hat. Sie leben weiter als Jäger und Samm­ler auf ihrem angestammten Land. Lidia hat überlebt.

(Gekürzte Version! Den kompletten Artikel lesen Sie in der Februar-Ausgabe aus dem Jahr 2012 von NATIONAL GEOGRAPHIC)

(NG, Heft 02 / 2012, Seite(n) 26 bis 41)

Galerie ansehen
Wei­ter­le­sen