Tiere

Kann Trophäenjagd helfen, Arten zu erhalten?

Wider die Wunder der Natur: Nicht nur in Afrika streiten Jäger und Biologen um eine Ethik des Tötens. Donnerstag, 9. November 2017

Von Michael Paterniti
Bilder Von David Chancellor
Diese 13-jährige US-Amerikanerin hat gerade einen Buntbock in Ostkap in Südafrika erlegt. Das Fell und die Hörner wird sie mit nach Hause nehmen.

Aufgeklärte Jäger haben sich schon seit Charles Darwins Zeiten als Naturkundler und Umweltschützer betrachtet. Sie fühlen sich der Bewahrung der Tierpopulationen und dem Schutz der Wildnis in ihren Jagdgebieten verpflichtet. Heute scheinen Jagd und Naturschutz untrennbar verknüpft: Jährlich fließen allein in den USA Hunderte Millionen Dollar ins Wildmanagement und andere Maßnahmen – aus Steuern, die Jäger zahlen. Und wer zu Hause eine Kühltruhe voll Wildbret hat, wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass es viel artgerechter sei, das Abendessen selbst zu erlegen, als plastikverpacktes Fleisch aus Massentierhaltung zu kaufen.

Doch gerade, wenn es um die Trophäenjagd auf die „Big Five“ geht – Elefant, Löwe, Leopard, Nashorn und Kaffernbüffel –, stellen sich viele Fragen. Darf man aus Spaß und zum Sport Tiere töten, die ohnehin schon gefährdet sind? Biologen schätzen, dass die Schutzgebiete Afrikas zwischen 1970 und 2005 bis zu 60 Prozent aller großen Säugetiere verloren haben, und die Populationen schrumpfen weiter. Dazu haben vor allem der Eingriff des Menschen in die Natur, veränderte Klimabedingungen und die weitverbreitete kriminelle Wilderei beigetragen. Streng geregelte und teure Jagd dagegen sei eine nachhaltige Art des Schutzes von Spezies und Habitat, argumentieren Jäger.

Aus der Ferne verkörpert Afrika unsere tiefsten Sehnsüchte nach ungezähmter Wildnis: reiche Savannen und dramatische Klüfte, unermessliche Wüsten und donnernde Flüsse, scheinbar endlose Weiten, wie von der Zeit und den Menschen vergessen. Und doch gibt es hier kein Zipfelchen Erde mehr, auf das nicht jemand Anspruch erhebt, der es besitzen, nutzen oder jemand anderem abringen will. Die Tiere, die durch die Lande ziehen, sind zur Ware geworden, zum Teil der Konsumgesellschaft: Ihr Überleben ist jetzt abhängig von Angebot und Nachfrage, Laune und Berechnung des Menschen. Die Trophäenjagd – das Töten von Großwild für Hörner oder Stoßzähne, eine Haut oder einen ausgestopften Tierkörper – ist zu einer milliardenschweren profitorientierten Industrie geworden. Die Wildtiere sind das Rohöl Afrikas: eine heiß begehrte, aber endliche Ressource. 

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Viele Länder in Subsahara-Afrika haben Regeln für die Trophäenjagd, verbunden mit mehr oder weniger Transparenz und Kontrolle. Sie legen jährliche Kontingente fest, die besonders gefährdete Populationen schützen sollen. In Südafrika ist zum Beispiel die Jagd auf Leoparden nicht mehr gestattet, in Kenia ist die Trophäenjagd seit 1977 ganz verboten. In Botswana, einem vergleichsweise an Wildtieren reichen Land, trat 2014 in den von der Regierung kontrollierten Jagdgebieten vorübergehend ein Verbot in Kraft. Nur leider reicht eine Vorschrift auf dem Papier allein meist nicht: Kenia hat seit den 70er-Jahren nach Schätzungen von Experten 60 bis 80 Prozent seiner Wildtiere verloren.

„Einst schien Afrika einen schier unerschöpflichen Vorrat an Wildnis zu haben“, sagt der amerikanische Löwenbiologe Craig Packer, der seit über 40 Jahren auf dem Kontinent lebt und arbeitet. Doch die Lebensräume schwinden, werden umgewandelt in Felder und Weiden, die die Einheimischen ernähren sollen. Laut Experten sind die Tiere von der steigenden Landnutzung noch stärker bedroht als durch Wilderei.

Und so verschwinden auch die Löwen, befürchtet Packer – nach Berichten der Weltnaturschutzunion IUCN allein in fünf tansanischen Populationen von 1993 bis 2014 um zwei Drittel. „Deshalb sollte niemand die Tiere als Sport töten, außer er bringt stichfeste Beweise, dass sich das positiv auf den Schutz des Löwen auswirkt.“

Ähnlich argumentieren Biologen auch gegen die Jagd auf Elefanten, deren Zahl in den letzten Jahren stark zurückgegangen ist. Die Nachfrage vor allem in Asien nach dem Horn der Nashörner, Elfenbein und Löwenknochen hat eine wahre Wildereiplage ausgelöst. An manchen Orten wiederum entwickeln sich die Populationen trotz Trophäenjagd gut.

„Ich bin nicht gegen die Jagd an sich“, sagt Packer. „Man muss ein gesundes Gleichgewicht finden.“ Die Rettung einzelner Tiere interessiere ihn nicht, entscheidend sei der Schutz von genetisch überlebensfähigen Populationen. Doch die Trophäenjagd würde nur wenig als Instrument für den Artenschutz taugen, denn die dabei erwirtschafteten Beträge seien unbedeutend. Jäger und Regierungsvertreter berufen sich dagegen auf eine (heftig umstrittene) Schätzung der Pro-Jagd-Organisation Safari Club International Foundation. Danach tragen die etwa 18.000 Trophäenjäger, die jedes Jahr nach Süd- und Ostafrika kommen, etwa 371 Millionen Euro zum Bruttoinlandsprodukt der Region bei. Die Tierrechtsorganisation Humane Society International beziffert den Betrag jedoch auf höchstens 112 Millionen Euro, etwa 0,03 Prozent des BIP. Der Direktor der tansanischen Wildschutzbehörde, Alexander Songorwa, schrieb 2013 in einem Gastbeitrag für die New York Times, dass Jäger auf einer 21-tägigen Löwensafari eine Gebühr von bis zu 8500 Euro entrichten, vor Ort mehr Geld ausgeben als reguläre Touristen und entlegenere Gebiete abseits der Touristenzentren besuchen. So hätten sie zwischen 2008 und 2011 etwa 64 Millionen Euro in die Wirtschaft des Landes gepumpt. 

Jäger bringen die ersten Weißwedelhirsche der Saison zu einem Markt in Jerome, Michigan. In Afrika kostet ein Jagdausflug Tausende von Dollar, in den USA ist es ein verbreitetes Hobby. Allein in Michigan gehen fast 600.000 Menschen auf die Jagd nach Rotwild.

Über solche Zahlen kann Biologe Packer nur lachen. Ihm zufolge wären für die insgesamt 300.000 Quadratkilometer großen Jagdgebiete in Tansania jährlich 510 Millionen Euro an Investitionen erforderlich. Mit 1,7 Milliarden Euro jährlich könnte man den Wildbestand in allen Nationalparks Afrikas erhalten, schätzt Packer. „Und die bekommt man nicht zusammen, wenn man einen Löwen für 8500 Euro abschießen lässt.“ Solche Summen müssten von internationalen Partnern kommen, zum Beispiel der Weltbank, Umweltmäzenen und NGOs.

If it pays, it stays – „Was sich auszahlt, bleibt.“ Diesen Satz hört man bei Diskussionen über den Artenschutz in Afrika immer wieder. Allzu oft müssen die Menschen mitansehen, wie ein Elefant die Ernte eines ganzen Jahres vernichtet. Andere haben erlebt, dass ein hungriger Löwe ein Kind raubt. Hier ist Wildnis kein Mythos, hier werden keine Spenden mit knuffigen Tierchen eingetrieben. Der Leopard ist ein Killer, Pavianhorden sind Zerstörer. Um sich gegen diese Feinde zu schützen, erschießen oder vergiften die Einheimischen sie, für Sentimentalität ist kein Platz. Doch inzwischen wird zunehmend umgedacht. Viele argumentieren: Wenn die Tiere vom Feind zur Einnahmequelle werden, haben auch die Einheimischen Grund, dieses Kapital zu bewahren und zu schützen.

So wie in Nyae Nyae. Man könnte die Entwicklung des Reservats vorsichtig als Erfolgsgeschichte bezeichnen. 1998 wurde Nyae Nyae das erste Schutzgebiet Namibias, das den Einheimischen selbst gehört und von ihnen in Eigenregie bewirtschaftet wird. Die San zählen die Tiere und überwachen die Jagdquoten. Das Schutzgebiet schien einst von Rindern überrannt zu werden, aber das Großwild ist zurückgekehrt: Leopard, Kudu und Gnu stehen auf dem Menü der Jäger, die Preise werden von den fünf Mitgliedern des Management-Komitees festgesetzt. Die Profite werden gemeinschaftlich aufgeteilt: Letztes Jahr wurden in Nyae Nyae jedem Erwachsenen ab dem Alter von 18 Jahren rund 60 Euro ausgezahlt. „Wir haben genug“, erklärt mir Häuptling Bobo Tsamkxao vor seinem zerfallenen Haus; seine Ehefrauen sitzen aufrecht zwischen Kindern und Unrat. 

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Der ganze Bericht steht in der Ausgabe 10/2017 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen. 

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