Tiere

Wissenschaftler kämpfen um die Gefährdungskategorie des Geparden

Eine der gründlichsten Studien dieser Art lässt darauf schließen, dass die Großkatze dem Aussterben schon bedrohlich nah ist. Donnerstag, 14 Dezember

Von Elaina Zachos

Eine Gruppe passionierter Wissenschaftler schloss sich für die Forderung zusammen, dass die Weltnaturschutzunion den Geparden als „stark gefährdet“ einstufen soll.

Die Forscher der Big Cat Initiative von National Geographic veröffentlichten am 11. Dezember eine neue Studie in der Fachzeitschrift „PeerJ“, die aktuelle Zahlen zu den Gepardenpopulationen im Süden Afrikas enthält, dem größten verbliebenen Lebensraum der Katzen.

Aufgrund Millionen von Datensätzen aus vorherigen Beobachtungen kann das Team nun sagen, dass es in der Region mindestens 3.577 ausgewachsene Geparden gibt. Eine Pufferzone könnte ein paar Tausend weiteren Exemplaren einen Lebensraum bieten. Bei dieser Zahl handelt es sich um die größte Population von in freier Wildbahn lebenden Geparden der Welt. Es ist weniger als die Hälfte dessen, was im November 2016 als Schätzung herausgegeben wurde. Aktuell wird die Art als „gefährdet“ eingestuft.

„Auf der ganzen Welt haben Großkatzen große Verluste zu verzeichnen und werden nur schwer mit den Landschaften fertig, die mehr und mehr von Menschen dominiert werden“, sagt der Co-Autor der Studie Florian Weise. Er ist ein Mitglied der Naturschutzgruppe Claws Conservancy mit Sitz in Massachusetts.

DIE ZAHLEN IM DETAIL

Die Studie enthält zwei Schätzungen für die Gepardenpopulationen. Zuerst wurden mehr als zwei Millionen Einheiten wissenschaftlicher Daten und 20.000 Beobachtungen von Touristen zwischen 2010 und 2016 analysiert. Dabei zählten Weise und die Forscher 3.577 in freier Wildbahn lebende, ausgewachsene Tiere auf einer Fläche von 790.ooo Quadratkilometern in Namibia, Botswana, Südafrika und Simbabwe. Das sind ein paar Tausend Geparden auf einer Fläche die ungefähr der Größe Pakistans entspricht.

Außerdem identifizierten die Forscher eine Pufferzone von etwa derselben Größe. In diesem abgelegenen Landstrich könnten theoretisch weitere 3.250 Geparden leben. Insgesamt liefert die Studie eine optimistische Schätzung von ungefähr 6.800 afrikanischen Geparden. 

„Bei der niedrigeren Schätzung sind wir uns sicherer, weil sie auf den Gebieten basiert, für die wir dokumentierte Schätzungen der Geparden haben“, sagt die Co-Autorin der Studie Varsha Vijay, deren Spezialgebiet raumbezogene Analysen für die Pimm Group der Duke Universität sind.

„Bei den höheren Schätzungen gibt es eine größere Unsicherheit, weil sie von dem sehr optimistischen Szenario ausgehen, dass all die Gebiete, die wir als potenzielle Gepardenlebensräume identifiziert haben, in einer ähnlichen Dichte von Geparden besiedelt sind wie jene Gebiete, in denen die Tiere nachgewiesen wurden“, sagt Vijay.

Eine andere Studie, die letztes Jahr erschien, schätzte den Gepardenbestand in der Region auf 7.100 Tiere. 1975 wurden im Süden Afrikas noch um die 15.000 Exemplare gezählt. Die Studie aus dem Jahr 2016 und andere Naturschutzgruppen forderten, dass der Status der Geparden von „gefährdet“ auf „stark gefährdet“ hochgestuft werden soll.

„Wir wissen von 3.500 Geparden. Es könnten doppelt so viele sein, aber das können wir nicht nachweisen“, sagt Weise. „Ich bin da vielleicht der Nerd, der mit den Zahlen jongliert, aber wenn man mir nicht zuhört, werden die Beweise keine Rolle spielen.“

PROBLEM DER LANDNUTZUNG

Die Menschen haben mehr als 90 Prozent des historischen Lebensraums der Geparden verändert, der sich einst von Afrika bis nach Asien erstreckte. Heutzutage sind die Tiere hauptsächlich auf private Ländereien in sechs afrikanischen Ländern beschränkt. Im Osten Afrikas gibt es noch einen weiteren, kleineren Bestand. Insgesamt sind die Populationen rückläufig.

Die Studie fand heraus, dass sich 18,4 Prozent des südafrikanischen Lebensraums der Geparden innerhalb von international anerkannten Schutzgebieten wie dem Kruger-Nationalpark befinden. Die meisten der Großkatzen leben in Gebieten, die für die Viehhaltung und andere Zwecke angedacht sind.

„Wir machen uns alle große Sorgen um diese kleinen Populationen außerhalb der Schutzgebiete“, sagt Laurie Marker. Sie ist die Gründerin und Leiterin des Cheetah Conservation Fund und war an der neuen Studie nicht beteiligt. „Die Mehrheit der Geparden im Süden Afrikas lebt nicht in geschützten Bereichen, was sie besonders anfällig macht.“

Die Menschen haben das Land, durch das einst die Geparden streiften, für landwirtschaftliche Zwecke und zur Viehhaltung umfunktioniert. Manchmal töten die Bauern die Großkatzen sogar, wenn sie sie als Gefahr für ihr Vieh ansehen. Geparden reißen allerdings nur selten domestizierte Tiere. Mitunter werden Geparden auch angefahren oder für ihr Fleisch gejagt.

Generell stuft die Weltnaturschutzunion eine Tierart von „gefährdet“ auf „stark gefährdet“ hoch, wenn es innerhalb von zehn Jahren oder drei Generationen (was auch immer länger ist) einen Rückgang in 50 bis 70 Prozent in der Population gibt. Wenn quantitative Analysen zeigen, dass eine Art eine 20-prozentige Chance hat, innerhalb der nächsten fünf Generationen (oder 20 Jahre) auszusterben, kann sie offiziell als „gefährdet“ kategorisiert werden.

„Das verleiht ihr auf einer internationalen Ebene deutlich mehr Schutz, weil anerkannt wird, dass der generelle Populationstrend rückläufig ist“, sagt Weise. „Das verschafft einer Art, die schon seit sehr langer Zeit als ‚gefährdet‘ eingestuft wird, einfach viel mehr Aufmerksamkeit.“

Aber selbst, wenn die Geparden neu eingestuft werden, werden die örtlichen Bauern sie weiterhin als Gefahr ansehen, sagt Marker. Weitere Schritte sind nötig, um die Populationen der Großkatzen wiederherzustellen.

BLICK NACH OSTEN

Es gibt bereits einen Präzedenzfall für das Aussterben von Geparden. Die Unterart des Asiatischen Geparden (Acinonyx jubatus venaticus) ist die am meisten vom Aussterben bedrohte Großkatze der Welt. Sie ähnelt ihren afrikanischen Cousins sehr, ist aber noch etwas schlanker und hat längere Beine.

Einst streiften Asiatische Geparden durch Indien, Pakistan, Afghanistan und Zentralasien. Heutzutage können die Tiere nur noch in geschützten Bereichen des Iran wie dem Kavir-Nationalpark und dem Touran-Nationalpark beobachtet werden.

Im August 2016 gab es weniger als 40 Asiatische Geparden in freier Wildbahn. Man glaubte sie seien schon ausgestorben, bis man entdeckte, dass sie sich in die iranischen Wüsten zurückgezogen hatten.

Das Land hat bereits Schritte unternommen, um den Bestand wieder zu vergrößern. Unter anderem gab es Artenschutzprogramme, die für mehr Beutetiere für die Geparden sorgen sollten. Der Iran hat außerdem daran gearbeitet, ein größeres Bewusstsein für die bedrohte Großkatze zu schaffen: Ein Bild der Tierart befindet sich auf den Jerseys des nationalen Fußballteams und es gab eine Kampagne mit der iranischen Schauspielerin Hedieh Tehrani.

KATALYST FÜR DEN ARTENSCHUTZ

Wenn der Schutzstatus der Geparden geändert wird, so glaubt Weise, wird es ein paar Jahre dauern, bis die Regierungen die internationalen Regelungen zum Schutz der Großkatze umsetzen. Politische Interessenvertreter werden die Ergebnisse der Studie analysieren und entscheiden, wie relevant der Schutz der Geparden für ihr jeweiliges Land ist. Es könnte fünf bis zehn Jahre dauern, bis eine neue Gesetzgebung etabliert wird.

Die neuen Daten sind deshalb ausschlaggebend, weil sie Politikern, Entscheidungsträgern und anderen Geldgebern Zahlen bieten, auf deren Basis finanzielle Mittel für den Schutz dieser Art bereitgestellt werden.

„Das macht sie zu einem Teil der Agenda“, sagt Weise. „Es ist ein Warnsignal dafür, dass es ein Problem gibt.“

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