Exklusiv: Erste hochwertige Luftaufnahmen seltener Walart

Der Fotograf Patrick Dykstra sah zufällig eine geheimnisvolle Walart, als er in der Karibik gerade Pottwale filmte.Montag, 9. April 2018

Seltene Gervais-Zweizahnwale von oben gefilmt.
Seltene Gervais-Zweizahnwale von oben gefilmt.
Dieser mysteriöse Wal lebt so versteckt, dass er seit seiner Entdeckung im 19. Jh. nur ein paar Mal gesichtet wurde.

Gervais-Zweizahnwale gehören vermutlich zu den geheimnisvollsten Säugetieren in unseren Meeren. Was wir über sie wissen, haben wir hauptsächlich durch Untersuchungen von Kadavern erfahren, die an die Küste gespült wurden. Das erste lebende Exemplar sah man vor etwa 20 Jahren.

Am 27. Februar 2018 machte der Fotograf und Videofilmer Patrick Dykstra vermutlich die weltweit ersten Drohnen- und Luftaufnahmen von Gervais-Zweizahnwalen. Er filmte die Tiere knapp fünf Kilometer vor der Küste Dominicas in der Karibik. Dykstra und sein Team von Picture Avenue Expeditions begegneten den seltenen Zweizahnwalen zufällig, als sie für eine anstehende Produktion gerade Pottwale filmten.

Durch Autopsien von gestrandeten Gervais-Zweizahnwalen wissen wir, dass diese Tiere Kopffüßer fressen. Dykstra zufolge wurden die Wale also wahrscheinlich von den Tintenfischen angelockt, auf die die Pottwale in der Gegend gerade Jagd machten.

„Wir haben erst gedacht, dass wir Delfine entdeckt hätten“, sagt Dykstra. „[Gervais-Zweizahnwale] sind definitiv nichts, mit dem man rechnet. Es gab auf der ganzen Welt bisher weniger als zehn Sichtungen.“

Nachdem er und sein Team sich die Drohnenaufnahmen genauer angesehen hatten, erkannten sie, dass sie eine Familie aus zwei Männchen, einem Weibchen und einem Kalb gefilmt hatten. Sie zeigten ihre Aufnahmen dem polnischen Gervais-Zweizahnwal-Experten Wojtek Bachara und dem Ozeanografen Antonio Mignucci, der auch die Datenbank Caribbean Stranding Networkconservation ins Leben gerufen hat. Beide bestätigten ihre Vermutung.

„Auch, wenn es nicht viel ist, ist es ein neuer Einblick in das Leben dieser unglaublich seltenen Art“, schrieb Dykstra National Geographic per Mail.

Der Gervais-Zweizahnwal (Mesoplodon europaeus) wird auch als Europäischer Schnabelwal bezeichnet und ist oft in dem tiefen, warmen Wasser des Mittel- und Nordatlantiks zu finden. Die meisten Informationen über die Art stammen aus Autopsien und einigen wenigen Lebendsichtungen.

Die Art war bis 1840 unbekannt – in jenem Jahr wurde ein Kadaver eines Exemplars gefunden, der im Ärmelkanal trieb. Es gibt einige wackelige Handyaufnahmen der Wale, aber Dykstras Aufnahmen sind vermutlich das erste professionelle Videomaterial der Art.

GUT AUSGESTATTET

Dykstra hat nicht zum ersten Mal seltene Wale mit der Kamera erwischt. Im Oktober filmte er Blauwale – die größten Säugetiere der Welt –, die sich vermutlich gerade in einem Hitzelauf nach einer potenziellen Partnerin befanden. Aber Gervais-Zweizahnwale sind noch schwerer abzulichten, was diese exklusiven Aufnahmen so besonders macht.

„Ich weiß sonst von niemandem, der aktuell Luftaufnahmen von Gervais-Zweizahnwalen hat“, sagt Dee Allen, die Forschungsprogrammbeauftragte für die Marine Mammal Commission mit Sitz in Maryland. „Das sind wirklich faszinierende Tiere, weil sie zu schwer zu finden sind.“

Aus der Ferne kann man Gervais-Zweizahnwale manchmal mit den 21 anderen Schnabelwalarten verwechseln. Sie unterscheiden sich jedoch durch die leichte Ausbeulung auf ihrem Kopf und ihren schmalen, ausgeprägten Rücken. Sie sind dunkelgrau bis bläulich-schwarz mit einer hellgrauen Unterseite und unregelmäßigen weißen Flecken am Bauch. Im Schnitt wiegen sie um die 1,2 Tonnen und sind zwischen 4,5 und 5 Meter lang. Man vermutet, dass sie etwa 27 Jahre alt werden können, wobei einige Untersuchungen auch auf eine Lebenserwartung von bis zu 48 Jahren hindeuten. 

Allen zufolge kann man Gervais-Zweizahnwale am besten durch die Position ihrer zwei weißen Zähne identifizieren. Ausgewachsene Männchen aus der Gattung der Zweizahnwale haben ein gut sichtbares Zahnpaar im Unterkiefer. Die beiden Zähne brechen mit dem Alter durch und sind auch bei geschlossenem Maul erkennbar, ähnlich wie bei Keilern. Eines der Männchen auf dem Video hat außerdem ein paar Narben, die laut Allen wohl von Begegnungen mit männlichen Rivalen stammen. 

„Der eigentliche Schlüssel zur Bestimmung der Art sind die Größe, Form und Position der Zähne im Unterkiefer“, erzählte Allen National Geographic in einer E-Mail, nachdem sie das Videomaterial gesichtet hatte. „Luftaufnahmen wie diese, sowohl von bemannten Flugzeugen als auch von Drohnen, können uns eine neue Perspektive auf das Leben dieser Wale geben.“

SCHWIMMER-ASSE

Wenn sie schwimmen, legen Zahnwale ihre Flossen eng an ihren Körper an. Sie sind gute Taucher und schwimmen mitunter mehrere tausend Meter tief in das kalte Dunkel des Meeres. Dort können sie ihren Atem bei einem Umgebungsdruck anhalten, der die Lunge von Menschen und vielen anderen Walarten eindrücken und ihre Sauerstoffzufuhr abschneiden würde. Diese Tauchgänge können eine Stunde oder länger andauern – und jeden Tag unternehmen die Wale auf ihrer Nahrungssuche gleich mehrere davon. 

„Sie sind nur für sehr kurze Zeit an der Oberfläche“, sagt Allen. „Sie funktionieren in dieser extremen Umgebung und schaffen es, zu überleben, was ziemlich beeindruckend ist.“

Trotz ihrer Zähigkeit könnten die Gervais-Zahnwale gefährdet sein. Einige Exemplare landeten schon versehentlich als Beifang in Fischernetzen. Außerdem könnte die Art empfindlich auf die zunehmende Lärmbelastung reagieren. Wie andere Meerestiere sind auch Gervais-Zweizahnwale durch das wärmer werdende Wasser und andere Nebeneffekte der Klimaerwärmung bedroht. 

„Sie leben in extremen Umgebungen, haben extreme Verhaltensweisen, eine extreme Morphologie, Anatomie und Physiologie und sie sind extrem faszinierende Tiere“, schrieb Allen. „Ich muss lächeln, wenn ich darüber nachdenke, dass es sie wirklich gibt. Das erinnert einen daran, dass die Natur uns wirklich demütig werden lassen kann.“

Elaina Zachos auf Twitter folgen.

Wale

1:30

Unechte Schwertwale vor Mexiko gefilmt

Diese Wale sehen auf den ersten Blick wie Orcas aus, es sind aber keine. Die Unechten Schwertwale (so heißen sie wirklich) gehören zu einer eigenen Gattung der Delfinfamilie.
Wei­ter­le­sen