Tiere

Sechs Fakten über Haie

Eingebautes Kraftwerk, Zähne am Fließband, sechster Sinn – Haie sind hochkomplexe Bewohner der Weltmeere. Donnerstag, 17 Mai

Von Andrea Henke

1. Mackie Messer

„Ein Gebiss wie ein Haifisch“, sagt man, wenn in Ausnahmefällen bei Kindern hinter den Milchzähnen schon die bleibenden Zähne stehen und eine zweite Reihe bilden. Haizähne sind, je nach Art, sogar in bis zu acht Reihen angeordnet. Anders als beim Menschen und allen Säugetieren ist die Zahnwurzel des Hais nicht im Kieferknorpel eingebettet, sondern mit Bindegewebsfasern in der Haut verankert. Jedes Mal, wenn ein Hai einen Zahn verliert, wandert ein Zahn aus der nächsten Reihe über das „Fließband“ der Haut nach vorn und ersetzt den verlorenen. Bis zu 30 000 Zähne können Haie so, je nach Art, im Laufe ihres Lebens nutzen.

In Form und Funktion der Zähne gibt es abhängig von der Ernährungsweise große Unterschiede: Haie, die hauptsächlich Robben und andere Säugetiere jagen, haben scharfe, gezackte Zähne, um Fleischstücke herauszureißen. Haie, die Fisch fressen, haben spitze lange Zähne um ihre glitschige Beute besser festhalten zu können. Haie, die ihre Nahrung am Boden suchen und sich überwiegend von Krebstieren ernähren, haben dicke, plattenähnliche Zähne mit denen sie die harten Schalen ihrer Beute gut knacken können. Sanfte Giganten wie der Walhai oder der Riesenhai haben viele winzige eher nutzlose Zähne, da sie sich von Plankton ernähren, das sie durch die Kiemen filtern.

2. Der sechste Sinn

Haie haben ein sechstes Sinnesorgan, mit dem sie ihre Beute anhand elektromagnetischer Felder aufspüren können und das vermutlich auch als eine Art Kompass dient.

Die so genannten Lorenzinischen Ampullen bestehen aus Hunderten Poren in der Haut rund um die Schnauze und den Kopf des Hais, die sich zu gallertgefüllten winzigen Kanälen öffnen und in kleinen Ampullen münden. In diesen Hohlräumen befinden sich Elektrorezeptoren, die elektrische Reize über Nervenbahnen ans Gehirn weiterleiten. Jedes Lebewesen erzeugt durch seine Muskelaktivität und elektrochemische Körperreaktionen bioelektrische Felder, die es wie ein niederfrequentes Summen oder eine Aura umgeben. Diese Felder sind sehr schwach und können nur auf kürzeste Distanz wahrgenommen werden. Haie nutzen ihr hochsensibles Sinnesorgan, um anhand der elektrischen Felder im Sand vergrabene Plattfische aufzuspüren oder vorbeischwimmende Beute aus der Lauerstellung heraus zu orten.

3. Unterwasser-Kraftwerk

Bei den meisten Haiarten geht die vom Stoffwechsel erzeugte Wärme über Kiemen und Haut verloren. Anders bei den Makrelenhaien (Lamnidae), zu denen auch der Weiße Hai gehört. Sie besitzen ein spezielles Arterien- und Venensystem, das einen Wärmeaustausch zwischen warmen Blut aus den Schwimmmuskeln und kaltem sauerstoffreichen Blut aus den Kiemen ermöglicht. Ein Teil der besonders gut durchbluteten roten Muskulatur liegt im Körperinneren, dadurch geht wenig Wärme über die Haut verloren. Weiße Haie können auf diese Weise eine konstante Körpertemperatur von 26 Grad halten, das bringt ihnen enorme Vorteile: Ihr Lebensraum ist nicht auf die Tropen begrenzt, die stetig warmen Muskeln erlauben ihnen, auch lange Strecken bei hoher Geschwindigkeit in kühleren Gewässern zu schwimmen. Auch die Verdauung und Aufnahme von Nährstoffen sind durch die höhere Körpertemperatur beschleunigt. Gehirn und Netzhaut werden von warmen Blut umspült, deshalb kann der Weiße Hai besser sehen und ist konstant hellwach – sämtlich Trümpfe bei der Jagd nach Beute.

4. Die Fettleber

Weiße Haie gelten nicht als wählerisch, was ihre Nahrung angeht, man könnte also vermuten, dass sie auf ihren bis zu 4000 Kilometer langen Wanderungen oft und viel fressen. Falsch! Sie fressen vorher, bevorzugt Robben. Weiße Haie haben wenig äußeren Speck, sie speichern große Mengen Fett in ihrer Leber, um genug Energie für weite Strecken vorhalten zu können. Bis zu einem Viertel ihres Körpergewichts kann das Gewicht ihrer Leber ausmachen, sie besteht gefüllt zu etwa 90 Prozent aus reinem Fett. Haie besitzen keine Schwimmblase wie andere Fische, diese Funktion übernimmt ihre Leber, sie sorgt für Auftrieb und reduziert das Gewicht des Hais im Wasser drastisch.

5. Haidame Methusalem

Vom Dreißigjährigen Krieg bis ins Jahr 2016 – so lange lebte ein Weibchen der Grönlandhaie etwa, bevor es als Beifang in Fischernetzen verendete. Grönlandhaie zählen mit einem möglichen Alter von mindestens 300 Jahren zu den am längsten lebenden Wirbeltieren. Das ist deutlich länger als noch vor kurzem angenommen, die akkurateste Altersbestimmung erfolgte 2016 an 28 weiblichen Grönlandhaien durch Anwendung der Radiokarbon-Methode an den Augenlinsen. Deren Kern wird im Embryonalstadium gebildet und setzt sich aus kristallinen Proteinen zusammen, die sich im weiteren Leben nicht mehr verändern. Die Untersuchung des Kerns auf radioaktive Isotope lässt daher für jeden Hai eine Art Zeitstempel erkennen. Die untersuchten Grönlandhaie waren fast alle vor den Atombombentests der Fünfziger- und Sechzigerjahre geboren, als sich die Konzentration der messbaren radioaktiven 14C-Atome in der Atmosphäre stark erhöhte.

Grönlandhaie wachsen nur etwa einen Zentimeter im Jahr und erreichen Ihre Pubertät erst mit rund 150 Jahren – das liegt vermutlich an ihrem sehr langsamen Stoffwechsel und den kalten Gewässern, die sie bewohnen.

6. Jäger und Gejagter

Haie werden in einer Größenordnung vom Menschen getötet, die viele Arten vom Aussterben bedroht. Mehr als 70 Haiarten stehen bereits auf der internationalen Roten Liste der IUCN (International Union for Conservation of Nature). Millionen Haie sterben durch Fischerei, oft als bloßer Beifang durch die industrielle Langleinenfischerei auf Thunfisch und Schwertfisch. Spanien gehört neben Indien und Indonesien zu den drei weltweit größten Haifang-Nationen. Neben der berühmten Haifischflossensuppe, deren Genuss in Asien stark zurückgegangen ist, stehen auch in Deutschland Haiprodukte auf dem Speiseplan. „Schillerlocken“ werden gerne gekauft, die geräucherten Bauchlappen des gefährdeten Dornhais, der in der Nordsee und im Nordost-Atlantik längst völlig überfischt ist. Auch sein Rückenfilet wird gegessen, oft wird es als „See-Aal“ getarnt, genauso wie das Steak des Heringshais (Lamna nasus), das auch als „Kalbsfisch“, „Seestör“ oder „Karbonadenfisch“ vermarktet wird. Oft wissen Verbraucher gar nicht, was sie wirklich kaufen.

Einen weiteren Artikel über Haie finden Sie in Ausgabe 5/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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