Tiere

Die Bären kommen

Lange galt er in vielen Landstrichen als ausgestorben – jetzt erobert der Braunbär Europa zurück. Und die EU reagiert: mit dem internationalen Großprojekt „BearConnect“. Donnerstag, 14. Juni 2018

Von Marlene Göring

Forscher in den EU-Ländern sammeln Daten darüber, wie die zehn Braunbärenpopulationen Europas leben; spezialisierte Forschungsinstitute werten sie aus. In Deutschland wird das Team von Niko Balkenhol an der Georg-August-Universität Göttingen analysieren, wie sich die Bären ausbreiten – und wie Klimawandel und menschlicher Einfluss bestimmen, wohin sie sich in Zukunft bewegen. Schon jetzt hat der Bär die Wissenschaftler etwas gelehrt: die eigenen Grenzen zu überwinden.

In den Ländern Europas wächst die Zahl der Bären. Wieso erst jetzt ein Projekt, das die Populationen als Ganzes untersucht?

Tiere kennen keine Grenzen. Aber Europa musste nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erst zusammenwachsen, akademische Beziehungen mussten entstehen. Forscher fürchten sich davor, dass ihre Daten missbraucht oder fehlinterpretiert werden. Und es ist schon schwer genug, die eigene Forschung zu finanzieren und zu veröffentlichen. Zum Glück arbeiten in Europa Bärenexperten schon lange gut zusammen. Das hat Vertrauen aufgebaut – und das Projekt möglich gemacht.

Ihre Aufgabe ist es, mit Computermodellen zu analysieren, wie sich die Bären ausbreiten. Welche Faktoren betrachten Sie?

Wir werden die Regionen vergleichen, in denen Bären leben: die Topographie, den Grad des menschlichen Einflusses, Verkehrsaufkommen, Viehwirtschaft und anderes. Wir wollen verstehen, wo Bären erfolgreich leben und sich reproduzieren.

Welche Daten nutzen sie dafür?

Bewegungsdaten von Individuen, die mit einem Sendehalsband ausgestattet sind. Und genetische Daten, von Haaren, Speichel oder Kot. So können wir einzelne Bären identifizieren und genau untersuchen, wo es Konnektivität und genetischen Austausch zwischen den Subpopulationen gibt.

Wieso ist das wichtig?

Braunbären in Europa leben in unterschiedlichen Populationen, etwa die skandinavisch-kyrillische, die pyrenäisch-kantabrische, die im Trentino und auf dem Balkan. Über die Alpen könnten sie alle miteinander verbunden sein – aber nur theoretisch, denn dazwischen liegen viele Barrieren. Für manche Populationen ist mangelnde Konnektivität ein Problem, wenn es nicht genügend Genaustausch gibt, um die Population zu erhalten. Wir verbinden also Landschafts- und genetische Daten.

Wie sieht so eine Analyse aus?

Das kann ich Ihnen zeigen. Balkenhol öffnet ein Bild auf seinem Computer: eine Karte des Verbreitungsgebietes der kantabrischen Bären. Westlich zeigt sich ein großer dunkler Fleck, östlich ein kleinerer. Dazwischen verlaufen dickere und dünnere Verbindungen in einer Farbskala von hellgelb über grün bis dunkelblau. Je dunkler die Farbe, desto stärker der genetische Austausch.

Was sehen wir hier?

In Kantabrien gibt es eine westliche und eine östliche Subpopulation, zwischen denen eine vielbefahrene Straße verläuft. Nach dem Habitat-Modell, das die Beschaffenheit der Landschaft berücksichtigt, sollten die Bären die Straße genau in der Mitte des Gebiets kreuzen. Mit dem genetischen Modell konnten wir dagegen beweisen: Sie suchen sich eher im Norden und Süden einen Weg über die Straße. Kamerafallen haben das bestätigt. Die genetische Methode war also viel näher an der Realität. Betrachtet man allein die Landschaft, kann alles logisch erscheinen: Ok, hier ist ein kleiner Radweg und hier eine Schnellstraße, also wählt der Bär wohl den Radweg. Aber es kann weitere Faktoren geben. Landschaftsgenetik betrachtet beides und kann zeigen: Wie verbreitet sich die Population als Ganzes, wie eng sind die Subpopulationen miteinander verbunden?

Damit haben Sie den Status Quo. Wie kommen Sie zu Prognosen?

Im letzten Teil des Projekts verbinden wir die Erkenntnisse aus der Landschaftsgenetik mit Modellen, wie sich das Land wandeln wird. Denn die Landschaft verändert sich: durch Klimawandel, höhere Temperaturen, mehr Landwirtschaft, neue Straßen oder Abwanderung in die Städte. Wenn wir wissen, wo es heute Konnektivität gibt, können wir herausfinden, wo in Zukunft Konflikte wahrscheinlich sind, wo Bären etwa Viehherden zu nahe kommen. Aber auch, wo ihre bisherigen Verbindungsrouten gefährdet werden. Dann kann man Maßnahmen ergreifen.

Welche können das sein?

Etwa eine Grünbrücke über die Autobahn: Es macht keinen Sinn, die einfach irgendwo aufzustellen. Sie nützt dort, wo die Tiere sowieso entlang kommen. Das rettet nicht nur Bären, sondern vielleicht auch Menschenleben.

Wären mehr Schutzgebiete eine Lösung?

Das ist eine große Debatte in der Tierschutz-Community. In Nordamerika wird genau das gemacht: Dort gibt es riesige Nationalparks. Außerhalb davon sind besonders große Raubtiere nicht immer gern gesehen. Viele halten solch eine Trennung zwischen Wildnis und menschenbewohnten Gebieten für das perfekte System. Andererseits hat vor ein paar Jahren eine Studie gezeigt: Wir haben in Europa jetzt schon fast so viele Wölfe und Bären wie Nordamerika. Die Forscher folgern daraus: Wir können mit großen Raubtieren auch ohne großflächige Naturschutzgebiete koexistieren. Ich denke, wir haben sogar keine andere Wahl: Zumindest in Mitteleuropa haben wir schlicht nicht so viel Platz übrig. Allerdings müssen wir lernen, Raubtiere zu tolerieren.

Wo Bären auftauchen, lösen sie Konflikte aus. Wieso sollten wir es ihnen noch einfach machen?

Ich denke, wir haben eine ethische Verantwortung für sie. Der Mensch ist die einflussreichste Art auf dem Planeten. Es ist Ok zu sagen: Wir wollen oder können Bären nicht überall zulassen. Aber die großen Raubtiere gehören zu den Arten, die am meisten unter uns gelitten haben. Vielleicht ist es an der Zeit, das wieder gutzumachen.

Niko Balkenhol bei winterlichen Feldarbeiten für seine wildbiologische Forschung.

Eine Reportage über die Rückkehr der Bären finden Sie auch in Ausgabe 6/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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