Quokkas: Selfie-Stars im Porträt

Das lächelnde Beuteltier hat eine bewegte Geschichte hinter sich und gilt noch immer als gefährdet.Mittwoch, 11. Juli 2018

Von Jennifer S. Holland

Noch vor wenigen Jahren hatten viele Australier noch nie von Quokkas gehört. Mittlerweile zählen die kleinen Kängurus mit dem ewigen Lächeln vermutlich zu den beliebtesten Tieren des Landes.

Ihren neu gewonnenen Ruhm haben sie vor allem dem Instagram-Trend der Quokka-Selfies zu verdanken, bei dem sich User zusammen mit den zutraulichen – und äußerst fotogenen – Tieren ablichten.

Was es über die possierlichen Beuteltiere zu erfahren gibt, welche Gefahren ihnen drohen und wie man sich in ihrer Gegenwart verhalten sollte, haben wir im Folgenden zusammengefasst.

GESELLIGKEIT IM RATTENNEST

Die kleinen Tiere leben vor allem in der dichten Vegetation und den Sümpfen auf den Inseln vor der Küste von Western Australia. Die größten Bestände gibt es auf Rottnest Island und Bald Island. Mitunter sind sie aber auch in den Eukalyptuswäldern und an den Flussufern des Festlandes anzutreffen.

Die geselligen Pflanzenfresser leben in Familiengruppen, ernähren sich von Kräutern, Gräsern und Blättern, speichern in ihren Schwänzen Fett und untertunneln die Vegetation. Außerdem hüpfen sie wie ihre größeren und bekannteren Känguru-Verwandten aus der Gattung Macropus.

Rottnest Island ist der einzige Ort, an dem noch ein wirklich großer Bestand der Art vorhanden ist: Dort leben etwa 12.000 der 14.000 wildlebenden Exemplare. Früher waren sie vermutlich über ein weitaus größeres Gebiet verbreitet, aber aufgrund der Bejagung und des Verlusts von Lebensraum gelten sie mittlerweile als gefährdet.

Rottnest bedeutet “Rattennest” und wurde von einem holländischen Kapitän so benannt. Er beobachtete die Quokkas im frühen 18. Jahrhundert und beschrieb sie als „eine Art Ratte von der Größe einer gemeinen Ratte“.

SELFIE JA, ANFASSEN NEIN

Die Exemplare auf Rottnest Island scheinen nichts dagegen zu haben, für ein Bild mit ein paar quietschenden Touristen zu posieren. Die kleine Insel wird jedes Jahr von mehr als 500.000 Menschen besucht.

Da überrascht es nicht, dass sich auch die Quokkas an die menschlichen Gäste angepasst haben. Sie hüpfen munter durch die Straßen und vergehen sich auf der Suche nach leckeren Häppchen geschickt an Müllcontainern.

Der Beuteltierexperte Yegor Malaschichev, ein Zoologe der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, findet nichts Schlimmes daran, mit den Quokkas Fotos zu machen. Er warnt allerdings, sie nicht anzufassen, weil das illegal ist.

Was ihm zufolge aber noch viel wichtiger ist: Man sollte die Tiere nicht füttern.

Quokkas würden beispielsweise nur zu bereitwillig am Sandwich eines Touristen knabbern. Das Brot „bleibt jedoch zwischen ihren Zähnen stecken, was eine Infektion zur Folge haben kann“, sagt Malaschichev, der von National Geographic gefördert wurde.

Er fände es schrecklich, “das vorzeitige Ableben eines dieser freundlichen und gefährdeten Tiere zu verursachen”.

Auch die Biologin Sue Miller von der University of Western Australia bestätigt, dass das Füttern der Tiere eine schlechte Idee. Sie hat selbst mehrere Jahre mit den Quokkas gearbeitet, die „weich wie ein Kätzchen“ sind.

„Die Leute füttern sie mit Pommes, Brot oder Früchten. Die Tiere werden den Menschen gegenüber zutraulicher, was zu Problemen führen kann. Tiere, die weiter weg [von der Touristenaktivität] leben, würden vermutlich einfach weghüpfen, wenn man sich ihnen nähert.“

Außerdem besteht immer das Risiko, dass man gebissen wird, schließlich sind und bleiben es wilde Tiere.

Tatsächlich werden auf Rottnest Island jedes Jahr Dutzende Menschen gebissen, zumeist kleine Kinder. Die Verletzungen sind aber nicht schwer und kommen wahrscheinlich versehentlich zustande, wenn die Tiere versuchen, sich Leckereien aus den kleinen Händen zu schnappen.

QUOKKAS IN GEFAHR

Die Quokka-Fülle auf Rottnest Island ist dem Justizsystem zu verdanken: In den späten 1830ern wurde die Insel zu einer Strafkolonie für Aborigines deklariert. Das sorgte dafür, dass fast niemand sonst dorthin ging – was dem natürlichen Lebensraum der Tiere sehr zugute kam.

Die Quokkas auf dem Festland hatten nicht so viel Glück.

Die Veränderung und Zerstörung ihres Lebensraums seit der Kolonisierung sowie die Jagd auf das “Ungeziefer” haben den Bestand stark dezimiert.

Auch die Einführung von Füchsen in den 1930ern war für die Quokkas alles andere als ein Vorteil. Miller zufolge sind die größten Bedrohungen für die heutigen Bestände die Jagd durch Füchse und Hauskatzen, Rodung und das Risiko von Waldbränden und Krankheiten.

Auch andere australische Tiere litten unter den Veränderungen der letzten Jahrhunderte. Australische Säugetiere machen ein Drittel aller Tierarten aus, die in der Moderne ausgestorben sind. Insgesamt 16 Beuteltierarten und –unterarten des Kontinents gelten als verloren.

Auch wenn es den Quokkas im Vergleich noch gut ergangen ist, benötigen sie Hilfe. Artenschützer sind bereits dabei, Maßnahmen zu ergreifen, um zumindest die derzeitigen Bestandszahlen stabil zu halten und ihr Verbreitungsgebiet zu erhalten. Dazu sollen vor allem Raubtierbestände kontrolliert und das Management ihrer Wald- und Insellebensräume optimiert werden.

Auf dem Quokka-Paradies Rottnest können Touristen sich positiv einbringen, indem sie keine Grenzen überschreiten – die Tiere also nicht anfassen und nicht füttern.

Wenn alles gut geht, werden die fotogenen Kängurus noch viele Jahre lang in die Kameras lächeln.

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