Tiere

Das springende Problem

Kaum ein Land ist so eng mit einem Tier verknüpft wie Australien mit dem Känguru. Doch die Nation ist gespalten. Die einen halten die Beuteltiere inzwischen für eine Plage und wollen ihren Bestand dezimieren, die anderen sie genau davor beschützen. Freitag, 25 Januar

Von Jeremy Berlin
Bilder Von Stefano Unterthiner

Eine Kängurumutter und ihr Junges hüpfen über die Hauptstraße und knabbern an einem Grasbüschel. Und das direkt neben einer Tanksäule. Der Abend ist kühl in White Cliffs, einem Städtchen rund tausend Kilometer nordwestlich von Sydney.

„Mitten im Ort habe ich bisher nie welche gesehen“, sagt der Ökologe George Wilson, der sich seit 50 Jahren mit Kängurus beschäftigt. „Vielleicht hält sie ja jemand als Haustiere.“ Touristen zeigen mit dem Finger auf die Tiere, Kinder johlen. Als die Sonne untergeht, verlassen die roos – kurz für kangaroos – den Ort. In einer Bar trinkt kurz darauf ein junger Mann sein Bier aus. Er steigt in einen weißen Truck, an dessen Rückseite Haken befestigt sind, und fährt davon. Sein Auftrag für diese Nacht: möglichst viele Kängurus zu töten.

An sich sind die Australier stolz auf ihre Kängurus. Die roos spielen die Hauptrolle in Filmen, Fernsehserien und Kinderbüchern. Ihr Bild ziert Geldscheine, Flugzeuge und Sportkleidung. Das Tier mit den großen Füßen, dem dicken Schwanz und den aufgestellten Ohren steht für Australien selbst. Wohl kein Land und kein Tier der Welt sind so eng miteinander verknüpft.

Doch viele halten es auch für eine Plage. Nach offiziellen Zahlen hat Australien doppelt so viele Kängurus wie Einwohner. Viehzüchter mit Landbesitz, sogenannte graziers, klagen, die geschätzt 50 Millionen Kängurus im Land würden jede Menge Schäden auf den Feldern anrichten. Die Versicherungsbranche beschwert sich, bei gut 80 Prozent der mehr als 20000 Wildunfälle im Jahr handele es sich um Zusammenstöße mit Kängurus. Und im dünn besiedelten Landesinneren verfestigt sich die Meinung, die Kängurubestände hätten „epidemische Ausmaße“ angenommen. Die Schlussfolgerung einfach: Das Töten von Kängurus ist notwendig, um das ökologische Gleichgewicht zu erhalten.

Vier australische Bundesstaaten erlauben die Jagd mittlerweile auf Basis einer Quote. Befürworter argumentieren, das fettarme, proteinreiche Fleisch stamme von einem Tier, das umweltfreundlicher sei als Schafe und Rinder, die Treibhausgase wie Methan produzieren. John Kelly, ein ehemaliger Geschäftsführer der Kangaroo Industry Association of Australia, sagt: „Es ist klug und nachhaltig, jene Tiere zu nutzen, die an die Weidelandschaft Australiens angepasst sind. Viele Ökologen sind der Ansicht, dass dies eine besonders tiergerechte Weise ist, rotes Fleisch zu gewinnen.“

Die Gegner der Branche bilden eine lautstarke Minderheit. Tierschutzorganisationen, Prominente und eine wachsende Zahl Wissenschaftler halten die Jagd für unwürdig, unnötig und nicht nachhaltig. Die Bestandsschätzungen seien äußerst strittig, „epidemische Ausmaße“ biologisch gesehen unwahrscheinlich: Die Jungtiere wachsen langsam; die Sterblichkeit ist hoch, sodass die Kängurupopulation jährlich nur um zehn bis 15 Prozent wachsen könne. Und selbst das nur unter optimalen Bedingungen.

Das Känguru – ein Schädling? Eine Ressource? Das springende Beuteltier, so scheint es, hat Australien in zwei Lager gespalten.

Im sonnenverbrannten Outback wird fruchtbarer Boden schnell zu Staub. Die Wasserversorgung deckt nie die Nachfrage. Auf dem zweittrockensten Kontinent der Erde waren Ackerbau und Viehzucht schon immer eine Herausforderung, doch der Klimawandel verschärft Hitzewellen und Dürren.

Der Viehzüchter Leon Zanker lebt mit der ständigen Sorge der Überweidung. Und die Kängurus verschärfen das Problem. Wenn Dürre herrsche, könne er Futter, Wasser und den Viehbestand eigenständig managen. Nur mit den Kängurus auf seinem Land sei das nicht möglich, denn die gehörten dem Staat. „Wenn ich meine Rinder und Schafe verhungern lasse, lande ich im Gefängnis“, schimpft Zanker. „Aber wenn die Kängurus mein Land herunterwirtschaften, kann ich nur zusehen.“

Zwar können die Farmerlizenzierten Jägern erlauben, Gruppen von Kängurus, sogenannte Mobs, auf ihrem Land zu schießen. Doch bisher wird nur ein Teil der jährlichen Quote genutzt. 2017 durften etwa 7,2 Millionen Kängurus geschossen werden, getötet wurden jedoch weniger als 1,5 Millionen Tiere.

Eine weitere Möglichkeit ist die großflächige Umzäunung. Benachbarte Viehzüchter können sich einen staatlich subventionierten Zaun um ihre Farmen bauen. Zu guter Letzt können die Landwirte auch den nicht kommerziellen Abschuss einer bestimmten Anzahl Tiere beantragen. Doch viele beauftragen Amateurschützen ohne Akkreditierung, anders als die Jäger, die bei Unternehmen angestellt sind. Das schafft neue Probleme, etwa Tausende verstümmelte roos.

Howard Ralph und seine Frau Glenda habenvor 18 Jahren ihr Land in Braidwood, eine Autostunde von Canberra entfernt, in ein Wildreservat umgewandelt. Mit Unterstützung von freiwilligen Helfern behandelt Southern Cross Wildlife Care heute mehr als 2000 Tiere jährlich, gut die Hälfte davon Kängurus.

Sein Team und er sehen viel Grausames: Kängurus, denen man ins Gesicht geschossen hat, die mit der Axt geschlagen oder mit dem Truck überfahren wurden. Manche können wegen mehrfach gebrochener Beine nicht mehr springen. „In unserem ach so zivilisierten Land“, sagt Ralph, „geschehen Dinge, die nicht geschehen dürften. Das Traurige: Es hat meistens nichts mit der wachsenden Population zu tun. Sondern damit, dass es manchen Leuten Spaß macht oder sie es lustig finden, andere Wesen zu quälen.

In den vergangenen Jahren sind in Australien Dutzende Känguruasyle entstanden. Die meisten stecken jeden Cent in Medikamente und den laufenden Betrieb. „Ich glaube, die Haltung gegenüber Kängurus ändert sich bei den Leuten allmählich“, sagt Ralph. „Jetzt wächst das Bewusstsein dafür, dass sie Schmerzen empfinden. Dementsprechend müssen wir mit ihnen umgehen.“

Wie lassen sich die unterschiedlichen Auffassungen der Australier zu den Kängurus überhaupt unter einen Hut bringen? Ein Vorschlag zur Güte kommt vom Ökologen Wilson: Wenn Kängurus Privatbesitz wären, würden Farmer die Tiere selbst oder über regionale Organisationen schützen. Sie würden sie füttern, züchten und von Jägern eine Gebühr erheben. „Wenn man etwas erhalten will“, so Wilson, „dann muss man ihm einen Wert beimessen. Tiere, die als Plage angesehen werden, haben keinen Wert.“

Der Viehzüchter Leon Zanker befürwortet so eine Lösung. „Eine vernünftig regulierte kommerzielle Industrie, die Kängurubestände an Weide- und Wasserbedingungen anpasst, wäre für uns die beste Lösung. Aber dazu muss man auch die entsprechenden Mittel haben und die Fähigkeit, das Gleichgewicht zu erhalten.“

Eine Gruppe würde bei dieser Art der Zusammenarbeit aber mal wieder übergangen werden: die Ureinwohner Australiens. In der Traumzeit, der symbolischen Welt der Aborigines, sind Kängurus zentrale Akteure. Zur Traumzeit gehört das mythische Netz von Traumpfaden: Wege durch das Outback, die schon von den Vorfahren begangen wurden. Die Ältesten der Aborigines sagen, Kängurutötungen störten diese Pfade.

In seinem Büro an der Macquarie University in Sydney sagt Phil Duncan, Ältester der Gomeroi­-Aborigines: „Australien ist das einzige Land, das sein Wappentier bedenkenlos isst.“ Auch er ist entsetzt über den Umgang mit den Kängurus. „Das Töten“, sagt er, „hindert uns daran, die nächsten Generationen unsere Beziehung zu unserem Land zu lehren – und zu unserem verehrten Tier.“ Er würde deshalb das letzte Wort über den Umgang mit den Kängurus den ersten Bewohnern Australiens überlassen. „Wenn man Kängurus schießen will“, so Duncan, „dann sollte dies industriell geschehen und ausschließlich bei den Indigenen liegen. Wir würden es auf würdige Weise handhaben. Gebt uns die Lizenzen. Überlasst es uns.“ Bis es so weit ist, wendet sich Duncan an die Besucher seiner Heimat. „Wenn Touristen nach Australien kommen, wollen sie ein Känguru umarmen, einen Koalabären im Arm halten, einen Aborigine kennenlernen. In unserer Überlieferung sind alle drei miteinander verknüpft. Lernt diese Verbindung verstehen. Kommt her, um all das dankbar anzunehmen.“ 


Diese Reportage wurde gekürzt und bearbeitet. Lesen Sie den ganzen Artikel in Heft 2/2019 des National Geographic-Magazins. Jetzt ein Abo abschließen!

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