Tiere

100 Jahre ausgestorben: Comeback einer Galapagos-Schildkröte

Seit 1906 war kein lebendes Exemplar der Fernandinha-Riesenschildkröte mehr gesehen worden. Tuesday, February 26, 2019

Von Jill Langlois
Die letzte bestätigte Sichtung einer lebenden Fernandinha-Riesenschildkröte erfolgte 1906.

Als Washington Tapia eine Fernandinha-Riesenschildkröte auf ihrer namensgebenden Galapagosinsel entdeckte, war das für ihn wie ein Oscargewinn.

„Für mich war das die bedeutendste Leistung meines ganzen Lebens, weil ich seit 30 Jahren im Schildkröten-Artenschutz tätig bin“, erzählt der Direktor der Giant Tortoise Restoration Initiative (GTRI), die von der gemeinnützigen Organisation Galápagos Conservancy ins Leben gerufen wurde.  „Das war im Grunde mein Oscar.“

Tapia und ein Team aus vier Rangern des Nationalparks Galapagos – Jeffreys Malaga, Eduardo Vilema, Roberto Ballesteros und Simon Villamar – sowie Forrest Galante (ein Biologe und TV-Host des Senders Animal Planet, der die Expedition finanzierte) waren überwältigt, als sie die weibliche Chelonoidis phantasticus fanden. Sie lebt auf Fernandina, einem aktiven Schildvulkan und der jüngsten Galapagosinsel.

Die letzte bestätigte Sichtung eines Exemplars der Art war 1906 erfolgt. Die Weltnaturschutzunion hatte die Fernandinha-Riesenschildkröte bis 2017 auf ihrer Roten Liste bedrohter Arten als „womöglich ausgestorben“ aufgeführt. Drei Jahre zuvor wurde die GTRI gegründet und schon im darauffolgenden Jahr entdeckte Malaga im Park Fäkalien der seltenen Tiere. Daraufhin wurde ihr Status zu „vom Aussterben bedroht“ geändert.

„Das war ein klarer Hinweis darauf, dass es die Schildkröten dort noch gab“, so Tapia.

Am 17. Februar 2019, einem Sonntag, machte sich das Team um 6 Uhr morgens auf die Suche nach grünen Vegetationsflecken inmitten der zahllosen erkalteten Lavaströme der Insel. Gegen Mittag entdeckten sie in einem etwa 0,8 Quadratkilometer großen Vegetationsbereich Exkremente, die womöglich von den Schildkröten stammten. Als Tapia dann ein „Schildkrötenbett“ entdeckte – eine Stelle, an welcher der Boden beiseite gescharrt worden war und deutliche Abdrücke der Pfoten und des Panzers zu sehen waren –, wusste er, dass sie ganz in der Nähe sein musste. Malaga entdeckte die Schildkröte als erster. Sie war etwa vier Kilometer entfernt und verschmolz fast mit der Vegetation. Es war ein großer Triumph für das gesamte Team.

„Das hat den Menschen Hoffnung gemacht, dass Artenschutz machbar ist – und dass sich das menschliche Verhalten ändern muss, damit er weitergehen kann“, sagte Tapia.

Die weibliche Schildkröte, die schätzungsweise 100 Jahre alt ist, wurde vom Team in eine Zuchtstation auf Santa Cruz Island in Kalifornien gebracht. Tapia hatte sich für dieses Vorgehen entschieden, weil es in ihrer Umgebung nur wenig Nahrung gab und es äußerst schwierig geworden wäre, sie auf Fernandina wiederzufinden. Schildkröten legen weite Strecken zurück, und mit einer Fläche von 642 Quadratkilometern ist die Insel zu groß, um sie effektiv abzusuchen. Ihr zerklüftetes Terrain, das durch die zahlreichen Lavaströme entstand, macht die Überquerung des Schildvulkans zudem zu einer echten Herausforderung.

Dieses Weibchen wird auf etwa 100 Jahre geschätzt. Da Riesenschildkröten bis zu 200 Jahre alt werden können, besteht die Hoffnung, dass das Exemplar zur Rettung seiner Art beitragen kann.

Aber Tapia und sein Team rechnen dennoch damit, noch mehr Exemplare zu finden. Während ihrer Suche auf Fernandina stießen sie nur etwa anderthalb Kilometer vom Fundort des Weibchens auf weitere Schildkrötenspuren im Boden. Das Team plant aktuell die nächste Expedition, die im Laufe des Jahres stattfinden soll.

Derweil werden dem Weibchen DNA-Proben entnommen und zur Yale University geschickt. Dort sollen Spezialisten für Riesenschildkröten feststellen, ob es sich tatsächlich um eine Chelonoidis phantasticus handelt. Dieser Prozess könnte sich über Monate erstrecken, aber Tapia hat keinerlei Zweifel, dass sie wirklich ein Exemplar der Art gefunden haben.

Sobald sie noch weitere der Tiere ausfindig gemacht haben, hofft er, dass sie den Bestand nachzüchten und in seinem natürlichen Lebensraum wieder auswildern können. Schildkröten können bis zu 200 Jahre alt werden – trotz seines reifen Alters hat das Weibchen also noch genug Zeit, um ihrer Art zu einem Comeback zu verhelfen.

Galerie: Von dieser Schildkrötenart existieren weltweit nur noch drei bekannte Exemplare

Galerie ansehen

Es wäre nicht der erste Fall, in dem Zuchtprogramme einer vom Aussterben bedrohten Art von Galapagos-Schildkröten geholfen haben. Die Galápagos Conservancy hat mehr als 7.000 Schildkröten in Gefangenschaft gezüchtet und im Anschluss ausgewildert – ein Unterfangen, dank dem die Tiere vor dem Aussterben gerettet wurden. Von einer Art auf der Insel Española gab es nur noch 14 Exemplare, als man mit ihrer Zucht begann. Mittlerweile tummeln sich wieder mehr als 1.000 Tiere in freier Wildbahn.

Insgesamt wurden 15 Arten von Galapagos-Schildkröten auf dem Archipel identifiziert. Zwei davon sind bereits ausgestorben, zwölf weitere sind von diesem Schicksal nach wie vor bedroht. (Eine weitere ist ebenfalls ausgestorben, wird auf offiziellen Listen aber nicht immer aufgeführt, da sie nie formal beschrieben wurde.)

Für Tapia bedeutet die Entdeckung der Fernandinha-Riesenschildkröte aber mehr als die Rückkehr einer Art.

„Die Schildkröten auf Galapagos sind die Ingenieure des Ökosystems“, erklärte er. „Sie tragen zur Samenverbreitung bei und formen das Ökosystem. Diese ökologische Rolle ist einfach sehr wichtig.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Wei­ter­le­sen