Tiere

„Es sollte Orte des kulturellen Erbes auch für Schimpansen geben“

Wissenschaftler unter der Leitung des Ökologen und Evolutionsbiologen Hjalmar Kühl haben festgestellt, dass die Verhaltensvielfalt der Schimpansen durch menschlichen Einfluss massiv verarmt. Thursday, May 23

Von Andrea Henke
Schimpanse im Taï-Nationalpark in der Elfenbeinküste beim Nüsseknacken.

Herr Kühl, Sie haben untersucht, ob sich die kulturelle Vielfalt der Schimpansen verringert, je stärker der Mensch in ihren Lebensraum eingreift und sind zu erschreckenden Ergebnissen gekommen. Was versteht man bei Schimpansen überhaupt unter Kultur?

Eine bestimmte Verhaltensweise, die unabhängig von lokalen Gegebenheiten gezeigt wird. Wenn wir uns eine Population von Schimpansen anschauen, finden wir spezielle Gegebenheiten wie eine Nahrungsquelle, die bei diesen Schimpansen im Zusammenhang mit einem besonderen Verhalten steht. Das können Nüsse sein, die mit einem Stein geknackt werden. Gleichzeitig finden wir bei einer anderen Population die gleiche Nahrungsquelle, das Verhalten wird jedoch nicht gezeigt. Jede Population hat ein unterschiedliches Repertoire – selbst unmittelbar benachbarte Gruppen, bei denen es vielleicht sogar einen Austausch von weiblichen Individuen gibt. Ein kulturelles Verhalten ist also nicht ausschließlich als Anpassung an die Umwelt zu verstehen. Man könnte es als eine lokale Tradition ansehen: Ein Verhalten wird von einer Generation zur nächsten weiter gegeben.

Das heißt, das Rad wird nicht immer neu erfunden?

Es wäre kein kulturelles Verhalten, wenn wir ein Individuum sähen, das etwas unabhängig von den Umweltgegebenheiten erfindet. Das soziale Lernen, die Übermittlung des Wissens von einer Generation zur nächsten, sind dabei essenziell. Bekannte Beispiele sind das Nüsseknacken oder Angeln nach Termiten.

Wie sind Sie bei Ihrer Studie vorgegangen?

Wir mussten erst einmal feststellen: Welche Verhaltensweisen zeigt eine bestimmte Population und welche davon sind kulturell begründet? Üblicherweise würde man die Tiere über mindestens fünf Jahre an sich gewöhnen, und bis zur Fertigstellung der Studie vergingen Jahrzehnte. Wir haben stattdessen die Beschreibungen anderer Wissenschaftler einbezogen und uns auf moderne Technik in Form von Kamerafallen verlassen. Man kennt aus Zentralafrika zum Beispiel schon Populationen, die Honig mit Einzelwerkzeugen oder einem ganzen Set an Werkzeugen extrahieren. Bei neuen Populationen konnten wir nun nach genau diesem Verhalten suchen. Gleichzeitig haben wir pro Schimpansengruppe etwa 30 Kamerafallen aufgebaut, einen großen Teil davon sehr systematisch mit einer Kamera pro Quadratkilometer. Hinzu kamen Kamerafallen dort, wo wir etwas Auffälliges entdeckt hatten. Die Arbeit in den Gebieten der Schimpansen ist logistisch extrem aufwendig. Wir wollten uns möglichst viele Gruppen anschauen.

Was haben Sie an Auffälligkeiten entdeckt?

Man findet niedergetrampelte Vegetation, einen Stock, der in einem Baum oder einem Termitenhaufen steckt, oder einen ganzen Haufen Stöcke an einem Bachufer. Wenn man sich auskennt, sieht man, dass die Stöcke manipuliert wurden. Die Enden sind manchmal durch Draufhauen oder Bearbeiten mit den Zähnen ausgefranst und zu Bürsten umgearbeitet, mit denen die Schimpansen besser Honig oder Wasser aus einem Baum holen können. Mit Hilfe der Kameras konnten wir dann sehen, wie die Schimpansen entweder schon mit einem Werkzeug ankamen oder erst Stöcke bearbeiteten und dann damit nach Nahrung angelten. Die Verhaltensvielfalt bei den Schimpansen ist so groß, dass man auch immer wieder Unerwartetes vorfindet.

Welchen Anteil haben die von Ihnen untersuchten 144 Populationen an der Gesamtheit der Schimpansen?

Wenn man alle von uns festgestellten Unterschiede hochrechnet, müsste es Tausende von Kulturen geben, die aus einem ganz bestimmtes Repertoire an Verhaltensweisen bestehen. Aber die Bestände gehen stark zurück. 

Wie viele Tiere zählen etwa zu einer Population?

Die Gruppengröße ist sehr unterschiedlich: Die kleinsten bekannten Gruppen hatten zehn bis zwölf Individuen, die größte über 200, die meisten Gruppen zählten zwischen 25 und 60 Tiere.

Die Verhaltensvielfalt der Schimpansen hat sich an Orten mit dem stärksten menschlichen Einfluss um 88 Prozent reduziert. Wie erklären Sie das?

Das ist ein schockierendes Ergebnis über alle Verhaltensweisen hinweg, die wir uns angeschaut haben. Wie das zu erklären ist? Man kann es sich analog zum Menschen vorstellen. Mehr Menschen bedeuten mehr Kapazität. Jeder hat unterschiedliche Anlagen und Lebenserfahrungen. Die Fähigkeit, Informationen zu speichern, schrumpft mit verringerter Populationsgröße. Kleinere menschliche Populationen weisen kleinere Repertoires an kulturellen Eigenschaften auf. Wir vermuten Ähnliches bei Schimpansen.

Ein zweiter Grund ist die Fragmentierung durch Waldrodungen oder den Straßenbau. Solche Eingriffe in die Natur verhindern den Austausch zwischen einzelnen Gruppen. Gleichzeitig sind bestimmte Ressourcen plötzlich nicht mehr verfügbar.

Schimpansen im Taï-Nationalpark beim Verständigen mit anderen Schimpansen in ihrer Nähe.

Ist Wilderei auch ein Grund für den Rückgang der kulturellen Vielfalt?

Wir nehmen an, dass bestimmte auffällige Verhaltensweisen wie lautes Nussknacken oder das Werfen mit Steinen gemieden werden,  um nicht entdeckt zu werden.Wir hatten ein Beispiel in Liberia an der Grenze zur Elfenbeinküste. Auf der Seite der Elfenbeinküste ist ein Nationalpark, in dem Nüsse geknackt werden; auf der Seite von Liberia fanden wir zwar Nussbäume mit Nüssen und auch alte Nussknackstellen, aber dort haben die Schimpansen offenbar keine Nüsse mehr geknackt.

Woran lag das?

Es waren massenhaft Menschen im Wald. Es gab Jäger, Fallen und degradierte Vegetation. Inzwischen ist auf der liberianischen Seite auch ein Nationalpark eingerichtet.

Der Klimawandel spielt vielleicht auch eine Rolle. Zwar ist der Regenwald immer noch relativ feucht, wenn es trockener wird. Dennoch sieht man, dass die Wälder sich verändern. Im Taï-Nationalpark in der Elfenbeinküste fällt jetzt ein halber Meter weniger Niederschlag im Jahr als noch vor  30 Jahren; das beeinflusst den Zeitpunkt, an dem Bäume Blüten und Früchte tragen und auch die Menge.

Welche Auswirkungen hat das auf die Schimpansen?

Es gibt eine Studie, die gezeigt hat, dass Klimaschwankungen einen Einfluss auf die Häufigkeit des Nussknackens haben. Das kann bei anderen Früchten genauso sein.

Jane Goodall hat schon Anfang der siebziger Jahre von Kultur bei Schimpansen gesprochen, der Begriff hat sich aber erst in den letzten 20 Jahren in der Wissenschaft etabliert. War das ein großer Sprung in der Forschung, und kommt man jetzt schneller voran?

Die Entdeckung der Kultur bei Schimpansen war ein großer Sprung. Diese Ansicht  wird aber bis heute nicht von allen Menschen geteilt. Nach wie vor wird von Einigen die Sichtweise vertreten, dass der Mensch getrennt von allen anderen Lebewesen zu betrachten ist. Das sehen wir als Biologen völlig anders. Bei uns ist Konsens, dass es eine tierische Kultur gibt. Sehr spannend ist aktuell die Frage nach sich entwickelnder Kultur. Der Mensch entwickelt Dinge immer weiter. Tun Schimpansen das auch? Man könnte auch fragen: Wie geht es bei den Schimpansen weiter, und in welchen evolutionären Schritten?

Wie können wir die kulturelle Vielfalt beim Artenschutz besser berücksichtigen?

Der allererste Schritt ist die Akzeptanz. Es muss anerkannt werden, dass kulturelle Vielfalt ein wichtiges Element im Artenschutz ist. Es geht um den Erhalt der Schimpansen in ihrer Gesamtheit. Mit all ihren kulturellen Verhaltensweisen, die sich über viele Generationen in Interaktion mit der Umwelt entwickelt haben, und all ihrem evolutionären Potential.

Der Ökologe und Evolutionsbiologe Hjalmar Kühl forscht in der Abteilung für Primatologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Wie macht man das?

Man braucht eine klare Dokumentation, wo welche Population mit welchem Verhalten vorkommt. Kann man dann Prioritäten setzen? Das ist eine ethische Frage: Ist Nussknacken genauso wichtig wie Termitenangeln, oder ist Algenfischen wichtiger als Steinewerfen?

Wenn man erkennt, dass die übermäßige Nutzung einer Ressource durch den Menschen zum Problem für den Schimpansen wird, sollte man einschreiten. Ein Bach wird verschmutzt, die Algen können nicht mehr gegessen werden – hier muss dann der Mensch sein Verhalten ändern. Es sollte Orte des kulturellen Erbes auch für Schimpansen geben.

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